The Pharcyde – „Das Musikgeschäft erschöpft einen irgendwann.“

Int. Rap

Wie bei so vielen Crews der sogenannten Goldenen Ära war auch bei Pharcyde die Zeit nach den grössten Erfolgen geprägt von Trennungen, internen Streitigkeiten, mittelmässigen Crewalben, teils starken Soloausflügen und schlussendlich einer Reunion. Mit „Bizzare Ride II the Pharcyde“, welches Kanye West mal als seine Lieblings-Rap-Platte bezeichnete, und „Labcabincalifornia“, das der Welt J Dilla vorstellte, haben sich die vier Kalifornier aber längst in den Herzen der HipHop-Fans verewigt. 2008 kam es dann im Rahmen der Rock The Bells Tour zu einer Reunion des Quartetts, doch leider scheint diese nicht von langer Dauer gewesen zu sein, tauchten sie am Royal Arena doch ohne Fatlip auf. Nach ihrer Show hatten wir die Gelegenheit, mit Tre Hardson aka Slimkid3 zu sprechen, der erfreulich ehrlich Auskunft gab über seine aktuelle Situation und den Stand der Dinge bei The Pharcyde. 

Ich hatte ehrlich gesagt damit gerechnet, euch in Vollbesetzung anzutreffen. Wieso fehlt Fatlip?
Der Grund dafür ist…(überlegt). Fatlip ist unser Bruder, manchmal sind die Dinge einfach ein wenig kompliziert. Wenn immer er bereit ist, mit uns als Einheit unterwegs zu sein, können wir wieder gemeinsam spielen. Momentan liegt sein Fokus vor allem auf dem DJing. Wer sich dafür interessiert was er gerade macht, folgt ihm am besten auf Twitter. Ich habe sogar eben erst ein Album mit Fatlip für Japan aufgenommen, welches bald erscheinen sollte.

Als ihr euch 2008 für die Rock The Bells Tour wiedervereint habt, sagtet ihr, viele Leute hätten darauf gewartet, ihr machet es aber nicht für sie, sondern für euch selbst. Wie meintet ihr das genau?
Rock The Bells gab uns die Möglichkeit, wieder zusammenzukommen. Ausserdem war es auch eine finanzielle Option. Ich muss dich nicht anlügen, wir haben dort gutes Geld verdient. Es war sehr wichtig für uns, wieder miteinander in Kontakt zu kommen, auch wenn es zu Beginn etwas schwierig war. Nun bin ich einfach sehr glücklich, hier mit Imani und Romye sein zu können. Viele verstehen nicht, wie hart das Musikgeschäft ist. Es ist ein wirklicher Struggle, wenn dir das Geld fehlt. Viele eurer Lieblingsrapper scheitern nur schon beim Versuch, gewisse Dinge auf die Beine zu stellen, weil es dafür so viel Geld benötigt. Das kann einen frustrieren. Aber wir lieben die Musik und dank unserer Professionalität haben wir die Möglichkeit, weiterhin um die Welt zu reisen und zu performen.

Du sprichst das Geld an, woran vieles scheitern kann. Ihr habt ja sowohl als Gruppe wie auch als Solokünstler schon lange nichts mehr veröffentlicht. Lebt ihr nur von den Shows, oder habt ihr andere Einnahmequellen?
Ich bin auch noch als DJ unterwegs. Es gibt aber tatsächlich Zeiten, wo ich überhaupt nichts zu tun habe und mich frage, was ich nun mit meiner Zeit anfange.

Nach einer Crew-Platte frage ich gar nicht erst, sind denn aber wieder Soloprojekte geplant.?
Auf meiner Website slimkid3.com kann man sich die kostenlose EP „Baby Don’t Take The Fun“ herunterladen. Schon bald wird eine weitere Single namens „Another Day“ folgen, die sich ums Geld drehen wird. Denn egal ob du am Strugglen bist oder schon viel Kohle hast, es dreht sich doch immer alles ums Geld. Das ist bedauerlich. Ich sehe es nur schon bei mir selbst: Manchmal verdiene ich viel, doch irgendwie ist es auch ganz schnell wieder weg. Ich kann also nicht aufhören und muss ständig versuchen, noch mehr zu verdienen, da ich meine Familie versorgen muss. Ich trage Verantwortung und muss Prioritäten setzen. Es ist egal, ob die Crowd applaudiert oder buht, ich muss rausgehen und Geld verdienen. Ich rede von den einfach Dingen im Leben, nicht davon, ausgefallene Autos zu kaufen oder Frauen zu beeindrucken. Es geht nur darum, anständig leben zu können. Das ist ein Thema, das viele Leute in den USA oder überall auf der Welt betrifft, da wir durch finanzielle Veränderungen gehen aufgrund der Krisen. Wir können den grossen Unternehmen nicht mehr trauen, wobei, das konnten wir ja noch nie. Nun scheint es, als könnten wir auch unserer eigenen Regierung nicht mehr trauen. Man sieht die Probleme schon in der eigenen Familie und im Freundeskreis. Wenn jemand zum Arzt muss und Medikamente braucht, kann er sich das nicht leisten. Genau so sind Lebensmittel oder das Benzin viel zu teuer für viele Menschen. Es scheint, als wären die Leute wieder gezwungen, ihre Nahrungsmittel selber anzupflanzen und mit den Nachbarn zu teilen. Die Leute sind sehr unabhängig, wenn sie sich die Sachen leisten können, aber in einer Krise ist wieder die Community gefragt.

Versteh mich bitte nicht falsch, aber machst du mit Pharcyde, oder der Musik generell, vor allem weiter, weil du damit deine Familie ernähren kannst? Fatlip sagte auch mal in einem Interview, er wisse nicht, ob er noch Musik machen wolle. Wollt ihr noch, oder ist es einfach zu einem Job geworden?
Ich sage dir wie es ist: Das Musikgeschäft erschöpft einen irgendwann. Wir lieben es Musik zu machen! Aber das Business ist so kompliziert und sie wollen dir ständig irgendwelche beschissenen Vorschriften machen. Das macht es schwierig, deine Musik überhaupt noch rauszubringen. Es gibt immer noch viel gute Musik da draussen, aber die gerät ins Hintertreffen, weil die grossen Firmen so viel Geld in die schlechte Musik stecken und dann so tun, als sei diese populär. Aber die Fans sind eigentlich schlauer und erkennen den Bullshit und verstehen, dass die Firmen nur so tun, als sei dies jetzt populär. Aber natürlich gibt es auch viele Schafe, die einfach der Herde folgen und dadurch vieles verpassen. Man muss nach der guten Musik suchen und dann findet man auch Künstler, die etwas zu sagen haben und von denen man lernen kann. Von Artists wie Saul Williams, Immortal Technique, Pharcyde oder Fatlip kann man etwas lernen. Fatlip ist ein wahnsinnig guter Rapper und Texter, der sowohl witzige wie ernste Songs schreiben kann. Es ist einfach nur schade, dass selbst er nicht an dem Punkt ist, an dem er eigentlich sein sollte. He’s a smart motherfucker, he’s a genius, I love that guy. Ich wünschte mir einfach, wir könnten alles bereinigen. Nur leider können wir den Fans nicht immer das geben, was sie gerne hätten, aber wir versuchen trotzdem immer 100 Prozent zu geben.

Zuvor erzählte mir Immortal Technique begeistert, er habe einen Dilla Beat auf seinem Album. Ihr wart ja ziemlich die ersten, die mit ihm arbeiteten. Wie kam es damals dazu, er wohnte ja nicht gerade um die Ecke?
Es freut mich, dass du mich auf Dilla ansprichst und du findest die Antwort auf dem Flyer zum Royal Arena Festival. Q-Tip war der Hauptgrund, das wir von J Dilla erfuhren und es Songs wie „Runnin’“ oder „Drop“ überhaupt gibt. Wir arbeiteten zu dieser Zeit mit vielen Produzenten wie Djinji Brown aus New York, der sehr dope Beats hatte, aber als wir Jay Dee kennenlernten, merkten wir gleich, das seine Beats die richtigen sind.

Nach der intensiven Zusammenarbeit für „Labcabincalifornia“ habt ihr aber nie mehr mit ihm gearbeitet.
Die Industrie veränderte sich. Ich bin sicher, wir hätten wieder zusammengearbeitet, wenn wir zu dieser Zeit an einem Album gearbeitet und ein Label zur Finanzierung gehabt hätten. Es ist wichtig, jemanden zu haben, der dir als Künstler hilft. Heutzutage müssen die Künstler ihre Musik teilweise sogar kostenlos veröffentlichen. Das ist jedoch schwierig für uns, denn wir müssen unsere Familien ernähren.

Ich sah mal ein Video, in dem Questlove über die Anfänge von The Roots erzählt. Er sagte, nachdem er eure Musik gehört hatte, wusste er, dass er ein Fender Rhodes will und so kam dann Scott Storch zu The Roots. Das ist wohl nur eine von vielen Episoden, denn ihr habt zweifellos zahllose Künstler inspiriert. Wie würdest du selbst den Einfluss von The Pharcyde auf HipHop einordnen?
Das ist schwierig. Ich bin einfach nur dankbar, dass die Leute unsere Musik mögen. Als wir damals an unseren Songs arbeiteten, wollten wir eigentlich einen Sound, der mehr Hardcore ist. Aber irgendwie ist uns das nicht gelungen (lacht). Wir entschieden uns einfach, unseren Spass zu haben und wenn dies andere beeinflusst, dann bin ich sehr glücklich darüber. Ich hoffe auch, dass wir ihnen ein wenig zeigen konnten, was es heisst, frei zu sein. Das es zum Beispiel nicht verboten ist, auf einem Song zu singen, wenn man sich danach fühlt. Wir wurden inspiriert von De La Soul oder den Beastie Boys und danach kamen Leute, die von uns inspiriert wurden, so geht das immer weiter.

Interview: Fabian Merlo

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