Immortal Technique – „Ich rette lieber Menschenleben, als nur Musik zu machen“

Int. Rap

Es macht zweifellos Spass, den Rappern bei Flowmassakern, gut erfundenen Räubergeschichten, gepflegtem Grössenwahn oder humorvollen Punchlines zuzuhören. Doch ebenso braucht es die viel beschworene Balance. Einer der seit Jahren bestrebt ist dafür zu sorgen ist Immortal Technique. Auf seinen Alben mag der Spass etwas zu kurz kommen und auch musikalische Quantensprünge sind nicht unbedingt sein Fachgebiet, dafür werden garantiert die Themen angesprochen, welche andere Rapper gerne meiden und er spricht immer das aus, was zumindest er für die Wahrheit hält. Er mag damit manchmal etwas über das Ziel hinausschiessen, spannender und wichtiger als der nächste Jay-Z-Klon ist das aber alleweil. Obwohl er viel zu sagen hat, gibt der Rapper aus Harlem mit peruanischen Wurzeln nur selten Interviews. Wir hatten das Glück mit ihm im Rahmen des Royal Arena Festivals über seine interessanten politischen Ansichten oder seine ambitionierten Projekte ausserhalb der Musik zu sprechen. Nicht zuletzt wollten wir auch wissen, ob wir endlich wieder mit einer neuen Platte rechnen können.

Nach der Ermordung von Osama Bin Laden hast du einen sehr interessanten und ausführlichen Artikel geschrieben, der dann bei xxlmag.com veröffentlicht wurde. Du sagtest dazu, die Leute würden das wohl nicht lesen, weil es zu lange sei und sie die Wahrheit womöglich nicht hören wollen. Hast du manchmal dasselbe Gefühl bei deiner Musik? Dass die Leute sie zwar konsumieren, aber nicht wirklich zuhören?
Das ist ein guter Punkt. In jeder Organisation oder Bewegung, bei der man die Leute versucht zum Mitmachen zu bewegen, gibt es viele, die sich anfänglich dafür begeistern können, aber mit der Zeit bleiben nur diejenigen, die über genügend Durchhaltevermögen verfügen. Es sind diejenigen, die bereits sind mit dir zu strugglen und zu leiden bis zum Schluss. Ich merkte aber auch, dass zwar einige unterwegs wegfallen, dafür aber am Schluss viele hinzukommen, wenn sie den Sinn dahinter erkennen. Nach 09/11 gab es eigentlich keine Rapper, welche die Anschläge das oder den Krieg im Irak thematisierten. Als aber ich und einige andere damit begannen, sich in das Thema zu vertiefen und es zu einem Teil von Underground-HipHop machten, wurde es vielen Leuten erst bewusst, was dort eigentlich abging. Die anderen Rapper mussten sich natürlich fragen, wie sie nun dastehen, wenn wir offensichtlich kein Problem damit haben, darüber zu sprechen. Ich will niemanden angreifen, sondern sage einfach meine Meinung. Viel mehr Rapper sollten Themen aufgreifen, die sie bewegen. Vielleicht auch persönliche Sachen, wie etwa wenn ein Familienmitglied eine Krankheit hat. Wieso auch nicht, schliesslich hat man als Rapper eine Plattform!

Du schreibst in dem Artikel auch, dass sich mehr Rapper politischen oder sozialkritischen Themen annehmen sollten, sonst würden sie selbst zum Teil des Problems. Das stimmt sicherlich, aber andersrum ist es vielleicht auch besser, wenn nicht jeder mittelmässig intelligente Club-Rapper über solche Themen referiert..
Es ist keine Frage der Intelligenz, das Problem ist, dass sie nicht informiert sind. Es ist nicht so, dass sie zu dumm sind, um diese Sachen zu verstehen. Viele haben aber fälschlicherweise das Gefühl, es ginge sie nichts an, weil sie nicht verstehen, wie viele ihrer Steuergelder dafür drauf gehen. Oder dass das Geld, welches für die Ausbildung ihrer Kinder hätte gebraucht werden können, an irgendwelche Parteien oder Waffenlieferanten geflossen ist. Vielleicht auch an die Banken, die gerettet werden mussten, obwohl sie nichts anderes machen, als das Geld der Leute zu vernichten. Würden sie sich nicht von dem ganzen Rummel blenden lassen und wären sich dessen bewusst, hätten sie wohl eine bessere Zukunft vor sich.

Wie stehst du zu den Fans, welche die Beats und deinen Flow mögen, sich aber nicht sonderlich für deine Inhalte interessieren?
Das ist völlig in Ordnung und ich kann ihnen nur danken, dass sie zumindest einen Teil meiner Musik mögen. Sie werden anderen Leuten von meiner Musik erzählen und vielleicht wird jemand von diesen dann aktiv und versteht, von was ich spreche. Ich werde nicht wütend, wenn sie nicht dazu bereits sind mit mir gemeinsam mit Maschinengewehren im Schützengraben zu liegen. Ich erwarte nicht, dass die Leute sich für die Sache opfern. Sie sollen für die Revolution leben und nicht für sie sterben. Es ist schwieriger, ein verantwortungsvoller Teil der Gesellschaft zu sein, als jemand, der diese hinterfragt. Ich denke an Eltern, Brüder, Schwestern, Journalisten oder Lehrer, normale Menschen und keine Prominenten und Superstars.

Auf neue musikalische Botschaften müssen die Fans nun schon seit längerem warten, deshalb muss ich dich nach dem Stand der Dinge bei „The Middle Passage“ fragen!
Ich werde heute Abend einen neuen Song spielen, der von J Dilla produziert ist. Es war ein langer Kampf bis ich den Song endlich fertigstellen konnte. Ich habe diesen Track seit Jahren und der Text ist schon lange geschrieben, aber ich habe ihn nie aufgenommen. Kürzlich traf ich mich dann mit der Mutter von Dilla, da ich der Meinung war, es sei wichtig, zuerst mit ihr zu sprechen und von ihr das Einverständnis zu holen, was sie mir schliesslich auch gab. Big shout out to Mama Yancey, one love! Ich habe aber noch ein weiteres Projekt neben „The Middle Passage“, das rauskommen wird.

Handelt es sich dabei um „Revolutionary Vol. 3“?
Vielleicht, man kann nie wissen.

Wie ich gelesen habe, soll „The Middle Passage“ ein Konzeptalbum werden. Kannst du mir schon etwas darüber erzählen?
Es ist nicht ein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne aber es hat viele Songs mit Konzept. Man kann auch den Titel des Albums als Konzept verstehen, da er für den Transfer der Afrikaner nach Amerika und in die Karibik steht. Von der Freiheit in die Sklaverei. Wenn du independent und underground bist, bist du in der freisten Position, in der du als Künstler nur sein kannst. Man kann einfach Musik vom Herzen rausbringen, ohne sich darum kümmern zu müssen, Samples zu clearen. Man ist auch nicht in vorgegebenen Songstrukturen gefangen; ich muss keinen 3-Minuten-Song für das Radio machen, da ich dort sowieso nicht gespielt werde. Ich mache Musik der Musik wegen. So wie Jazzmusiker, die improvisieren oder Rock’n’Roller, die in einer Garage an Songs schreiben. Wir müssen auch keine Markforschung bei den Jugendlichen machen und dann einen Song über Rebellion schreiben, obwohl wir längst in teuren Schlössern in Europa wohnen. Je kommerzieller man wird, desto mehr beeinflusst ist man und ehe man sich versieht, wacht man auf und ist ein verdammter Sklave. Man kann diesen Effekt natürlich minimieren und ich sehe viele Künstler in der Industrie, denen das gelingt. Es sollte das Ziel sein, so weit als möglich von dieser Sklavenmentalität wegzukommen.

Du hast Projekte in Afghanistan und in Südamerika und du warst im Irak und in Haiti. Man kann also sagen, du lässt auf die Worte auch Taten folgen. Sind diese Projekte aber mitunter auch ein Grund dafür, dass es mit der Musik länger dauert? Hat sich vielleicht sogar dein Fokus verändert?
Du hast vollkommen Recht. Für lange Zeit habe ich mich nicht mehr ausschliesslich um die Musik gekümmert, sondern den Fokus viel mehr auf humanitäre Projekte gelegt. Ich begann mit vielen humanitären Organisationen zu arbeiten, die Soforthilfe leisten überall auf der Welt. Ich habe meine Projekte nun auch ausgedehnt und kann für mehr Kinder sorgen. Es ist schön zu sehen, wie meine Anstrengungen nun Früchte tragen. Das hat natürlich den Nebeneffekt, dass es mit der Musik etwas länger dauert, aber ich rette lieber Menschenleben, als mich ganz auf die Musik zu konzentrieren. Doch ich habe glücklicherweise sehr loyale Supporter und ich denke sie verstehen es, auch wenn sie nun sehr lange warten mussten. Eigentlich sollte ich ihnen dafür ein kostenloses Album geben. Das werde ich womöglich machen, denn ich habe so viele unveröffentlichte Songs.

Nach welchen Kriterien suchst du dir die Länder aus, in denen du deine Projekte umsetzt?
Afghanistan schien mir der schwierigste Ort, um etwas zu realisieren. Die Lage ist unsicher und es ist einer der gewalttätigsten Orte auf der Welt. Ich sah das mit eigenen Augen, als ich das Land 2009 besuchte. Mein Gedanke war: Wenn es mir dort gelingt, dann schaffe ich es auch überall sonst. Wenn ich dort ein funktionierendes Projekt auf die Beine stellen kann, ist es zudem ein Exempel für andere Leute, die immer behaupten, es wäre nicht möglich. Ach wirklich? Ich kann es und ich bin nur ein Rapper! Nun haben sie keine Entschuldigung mehr.

Du bist ja ein grosser Kritiker des Kapitalismus. Momentan schlittern wir von einer Krise in die nächste und eigentlich zeigt dies, dass diese extreme Form des Kapitalismus versagt hat. Hoffst du, dass der Kapitalismus gänzlich scheitern wird, auch wenn darunter wohl die falschen Leute leiden würden?
Ich will nicht, dass der Kapitalismus scheitert, aber er wird. Er ist mittendrin. Das Bankensystem in den USA, in Puerto Rico, in Kolumbien und mehr oder weniger überall auf der Welt ist gescheitert. Wir machen es uns nun einfach und machen die Regierung und nicht das System verantwortlich dafür. Scheitern kommunistische oder sozialistische Länder, zeigt man nie mit dem Finger auf die Regierung, sondern gibt dem System die Schuld. Der Westen ist aber selektiv mit dieser Kritik. Länder wie Schweden oder Norwegen, die teils sozialistisch sind, werden niemals so kritisiert wie Venezuela. Dabei sind diese Länder viel sozialistischer als Venezuela, so wie ich das aus eigener Erfahrung beobachten konnte. Vielleicht nicht was das politische System betrifft, aber zumindest von der Wirtschaftsstruktur her. Chavez stellt sich gerne als das Gesicht des Sozialismus dar, er folgt aber einfach dem Entwurf von Fidel Castro. Es gibt beispielsweise ein kostenloses Gesundheitssystem. Während man in anderen Länder im Spital bezahlen muss, bekommt man dort vom Staat noch Geld für das Taxi in die Klinik. Das kann man sich in den USA gar nicht vorstellen.

Was wäre denn das perfekte System für dich?
Man müsste sich das Beste aus den verschiedenen Systemen von Sozialismus bis Kapitalismus rausnehmen. Es ist schade, dass wir uns nicht mehr nach verschiedenen politischen- und wirtschaftlichen Systemen umschauen und somit verhindern, dass weiterhin behauptet wird, das gegenwärtige System sei die einzige Wahrheit.

Du hast dich auch mal die Wiedergeburt von Che Guevara genannt. Sind seine Ideen deiner Meinung nach die richtigen, obwohl er auch Leute umbrachte, um an seine Ziele zu gelangen?
(lacht) Das habe ich in einem Song 2001 gesagt. Weisst du, George Washington hat Leute ermordet und auch Franklin Roosevelt hat viel mehr Menschen umgebracht als Che Guevara. Genau so Winston Churchill oder Charles de Gaulle. Die haben vielleicht nicht selber abgedrückt, aber was ist mutiger? Viele verstehen nicht, dass in Kuba das geschah, was nach jeder Revolution geschieht: Es kam zu einer Bündelung der Macht nach der kubanischen Revolution.
So wurden alle Feinde im Land, die nicht der selben Meinung waren und mit den USA hätten kooperieren können, zerstört. Finde ich das gut? Nein! Bin ich der Meinung, unschuldige seien gestorben? Ja! Das ist eine Schande und wirft einen Schatten auf die Revolution. Bin ich der Meinung, einige Leute erhielten ihre gerechte Strafe? Vielleicht. Ich denke an korrupte Polizisten, die für das vorherige Regime Leute gefoltert und getötet haben. Ein Regime, das unglaublich korrupt war und bei dem 50 Prozent des Geldes, das dem Volk zugestanden hätte, unter dem Tisch verschwand. Ja vielleicht haben sie es verdient. Aber schau dir jede andere Revolution oder jedes andere System an und du wirst sehen, dass sie doppelt so brutal sind. Es ist einfach mit dem Finger auf Kuba zu zeigen, weil wir nicht mit ihrem politischen System einverstanden sind und sie nicht auf die USA hören. Aber ein Land wie Kolumbien wurde niemals so verurteilt, obwohl dort viel schlimmere Menschenrechtsverletzungen vor sich gehen. Nichts gegen die Einwohner von Kolumbien, ich meine damit die Regierung von Kolumbien, die eigentlich von Paramilitärs kontrolliert wird.

Du sprichst viele Sachen aus, welche manche Leute nicht hören wollen. Kannst du dir vorstellen, dass du überwacht wirst, vielleicht von der Regierung oder vom CIA aufgrund deiner revolutionären Inhalte?
Darüber mache ich mir keine Sorgen. Ich stehe nicht auf kleine Kinder oder Tiere, also können sie mir nichts anhaben. Ich bezahle meine Steuern und schreibe Rap-Texte. Vielleicht sollten sie ihr Geld besser dafür einsetzen, die Leute festzunageln, welche die Bankenkrise verursacht haben, anstatt jemanden, der versucht den Leuten zu helfen ihr Geld zu sparen und in die eigene Zukunft zu investieren.

Als du den Titel deines letzten Album „3rd World“ erklärtest, sagtest du, die Hoods in Afrika, Südamerika und Asien seien nicht mit denjenigen in den USA zu vergleichen. Ich kann mir vorstellen, dass viele Rapper, die ihre Hood gerne zum gefährlichsten Platz auf Erden hochstilisieren, das nicht gerne hören..
Ich gebe einen fick auf was sie hören wollen. Es hat sich auch keiner beschwert, denn eigentlich wissen es wohl alle. Jeder Rapper in den USA sollte begriffen haben, dass es einen grossen Unterschied gibt zwischen Brooklyn, Detroit, Chicago, L.A. und Mogadischu. Sie müssten nur 1,5 Minuten an einem solchen Ort verbringen, um den Unterschied zu erkennen.

Interview: Fabian Merlo

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