Fler – Ich schreibe, was ich denke und alle anderen müssen damit leben.

DE-Rap

Kaum ein anderer Rapper im deutschsprachigen Raum kann auf eine derartig erfolgreiche Vergangenheit blicken wie Ex-Aggro-Berlin-Rapper Fler: Zehn Alben konnte der Trendsetter bislang in den nationalen TOP-10-Albumcharts platzieren. Nach dem erfolgreichen Release des „Airmax Muzik 2“-Albums, folgte jetzt der nächste Streich: Das Release seiner Autobiografie und das gleichnamige Album „Im Bus ganz hinten“. Während seiner Promo-Tour in der Schweiz nahm sich der gebürtige Berliner Zeit für ein Gespräch. 

Im Interview mit aightgenossen.ch redet der deutsche Rapper unter anderem über die Schweiz, seine Zeit bei Aggro Berlin und den Kontakt zu seinen Fans.

Fler, jetzt bist Du wieder einmal auf Promo-Tour hier bei uns. Wie gut kennst Du eigentlich die Schweiz?

Also logistisch gesehen kenne ich die Schweiz fast gar nicht. Wenn ich keinen Begleiter hätte, welcher mir bei meiner Reise helfen würde, käme ich gar nicht zurecht. Es ist fast ein bisschen wie in New York, dort wollte ich mich immer anhand der verschiedenen Strassennamen orientieren, schlussendlich brachte ich es aber dennoch nicht fertig. Ausser in meiner Heimatstadt Berlin, brauche ich sonst überall ein Navigationsgerät. (lacht)


Obwohl die Schweiz und Deutschland Nachbarländer sind, wird vielfach ein grosser Mentalitätsunterschied festgestellt. Was ist Dir in diesem Bereich aufgefallen?

Die Schweizer sind sehr unabhängig, somit haben sie sehr viel Eigenkultur. Das ist der Grund, warum nicht viele andere Kulturen in der Schweiz stattfinden, was in Deutschland komplett anders ist. Die Deutschen sind nach den Ereignissen wie der Weltkriege oder der Wende immer noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Das führt dazu, dass alles fremde abgeblockt wird. Klar gibt es in der Schweiz auch viele konservative Menschen, aber ich schätze die Deutschen viel kleinkarierter ein. Die Schweizer sind zudem sehr professionell in ihrer der Jobausführung. Wenn ich beispielsweise an das Touch the Air-Festival denke, wo wirklich alles perfekt durch organsiert ist.

Über Twitter hast Du einmal sogar verraten, dass du in Erwägung ziehst Deinen Wohnsitz in die Schweiz zu verlegen. Ist da etwas dran?

Ja absolut! In erster Linie wegen dem Geld und der Schweizer Banken (lacht)! In der Schweiz hat es zudem viele hübsche Frauen und auch sonst sehr viele angenehme Menschen. Es ist in der Tat so, dass wenn ich auswandern würde, gäbe es für mich nur zwei mögliche Destinationen: Die Schweiz oder Amerika.

Seit Mitte des Monats ist Deine Autobiografie „Im Bus ganz hinten“ im Handel erhältlich. Wieso hast Du dieses Buch verfasst? Hatte es eventuell sogar einen therapeutischen Hintergrund?

Im Verfassungsprozess wurde es tatsächlich zu einer Art Therapie. Ich habe schliesslich alle Lebensphasen von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter noch einmal bis ins kleinste Detail aufgearbeitet. Es dreht sich ja vieles um meine Eltern zu denen ich heute keinen Kontakt mehr habe. Dennoch mache ich keinen Hehl daraus, dass es auch bei der Herausgabe dieses Buches ums Geld verdienen ging. Mir war klar, ich habe eine bewegte Geschichte hinter mir und diese Story könnten viele Menschen interessieren.

Die Veröffentlichung Deiner Autobiografie ging nicht ganz ohne Hindernisse über die Bühne. Einmal hast Du sogar gesagt, dass das Buch gar nicht auf den Markt kommt. Wieso?

Ich wollte das Buch wie meine Musik-Alben machen. Ich schreibe, was ich denke und alle anderen müssen damit leben. Meine erste Version, welche ich dem Riva-Verlag schickte, wurde dann vom Verlag selber nicht gutgeheissen. Sie sagten, das Buch müsse mit diesem Inhalt nach einer Woche wieder vom Markt genommen werden. Sie kritisierten, dass zu viele negative Kommentare und Behauptungen zu Personen im Buch seien. Mir wurde dann erklärt, dass keine Behauptungen ausgesprochen werden dürfen. Ich meinte nur, wieso Behauptungen? Ist doch so passiert, doch wir entfernten dann diese Passagen. Im ersten Augenblick war ich so frustriert, dass ich die Autobiografie nicht mehr auf den Markt bringen wollte. Schlussendlich ging ich aber den Kompromiss ein, weil ich die Chance auf die Herausgabe des Buches doch wahrnehmen wollte.

In einem Interview mit aightenossen.ch hast Du im Jahr 2005 die Beziehung zwischen den Vorgesetzten und Dir beim damaligen Vorzeigelabel Aggro Berlin so beschrieben: Wenn ich mit meinem Chef im Büro sitze und über mein nächstes Album spreche, dann gibt er mir keine Befehle! Wie denkst Du heute über die Zeit bei Aggro Berlin?

Zu dieser Aussage stehe ich heute noch. Bei Aggro Berlin wurde mir künstlerisch überhaupt nichts reingeredet. Sie wussten, dass wir unsere Sachen erfolgreich machen und aus diesem Grund konnten wir das machen, was wir wollten. Das Schlechte bei Aggro war nur, dass sie uns im Glauben liessen, wir würden bei ihnen bei unseren Produktverkäufen richtig mitverdienen. Klar am Anfang waren wir mit den Einnahmen zufrieden, denn wir hatten ja vor unserer Rapkarriere wirklich überhaupt nichts. Aber wenn man einmal denkt, wie viel sie durch uns verdient haben, dann verstehe ich nicht im Geringsten, warum sie in der Endphase von Aggro Berlin immer über uns gemeckert haben. Sie warfen uns vor, dass wir schuld daran seien, dass es nicht mehr so gut laufen würde.

Aus diesem Grund hast Du dann das Label verlassen?

Das ist richtig. Zudem hatte ich gemerkt, dass die anfängliche familiäre Atmosphäre nicht mehr vorhanden war. Die Vorgesetzten standen hinter mir, wenn es richtig gut lief, aber wenn die Plattenverkäufe nicht mehr stimmten, hatte ich von ihnen keine Unterstützung mehr so zum Beispiel nach den wenigen Verkäufen von „Fremd im eigenen Land“.

Du pflegst den Kontakt zu deinen Fans via Twitter oder Facebook. Was bedeutet das für Dich?

Mit bedeutet dieser Kontakt mit meinen Anhängern sehr viel, vor allem während Autogrammstunden oder wenn mich jemand auf der Strasse anspricht. Das weiss ich sehr zu schätzen, aber ich als Rapper weiss auch, dass man als Künstler wie eine Droge ist. Heute bist du extrem angesagt und schon morgen kann es sein, dass wieder ein anderer Interpret bei den Fans höher im Kurs steht als du. Ich habe das in meiner Karriere ein paar Mal erlebt, dass ich plötzlich für etliche Leute komplett uninteressant war und aus diesem Grund bin ich mit diesem Kontakt sehr vorsichtig. Die Fans sollen merken, dass meine Platten mit viel Herzblut gemacht werden. Alles andere steht nicht im Vordergrund.

Apropos Sozialnetzwerke: Wenn man sich die Kommentare dort anschaut, kommt da von vielen Seiten auch sehr viel Neid gegenüber Deiner Person. Liest Du die Beiträge der Fans und wenn ja, wie gehst Du damit um?

Ja, ich lese die Beiträge gelegentlich durch. Aber du musst eine Sache so sehen. Wenn du Erfolg haben willst, ist es wichtig dass die Leute von dir reden. Was sie schlussendlich über dich sagen ist zweitrangig. Wenn ein Künstler zum Beispiel nur positive Kommentare erntet ist es auch nicht gut, da er somit überhaupt nicht polarisiert. Um auf die Frage zurück zu kommen, wenn ich also Beiträge bei Facebook lese, wo ich beschimpft werde, weiss ich, dass es Menschen gibt, welche sich über meinen Erfolg aufregen. Somit treffe ich genau den Nerv, den ich treffen will.

Zwei Deiner engsten ehemaligen Wegbegleiter, Bushido und Sido, machen nach langjährigem Streit wieder zusammen ein Album. Wie denkst Du darüber?

Ich finde das klasse! Ich bin mir sicher, dass es eine hervorragende Platte der beiden gibt, da beide herausragende Musiker sind. Für mich persönlich hat aber dieses Album keine grosse Bedeutung. Den Kontakt zu Bushido habe ich wieder abgebrochen. Sie sollen das machen, da es wohl das bestmögliche momentan in ihrer Karriere ist.

Das Musikbusiness ist eine sehr schnelllebige Welt, deshalb sind Prognosen nicht einfach. Aber was denkst Du, wo stehst Du in fünf Jahren?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich möchte auf jeden Fall noch mehr erreichen. „Im Bus ganz hinten“ ist erst mein zweites Album, welches ich alleine produziert habe. Aus diesem Grund habe ich mit Sicherheit noch Luft gegen oben.

DE-Rap