Oddisee – „Die Drums sprechen zu den Hörern“

Int. Rap

Oddisee mag es nicht, wenn man ihn zu den meist unterschätzten Produzenten zählt. Schliesslich könne er von der Musik leben und damit die Welt bereisen. Verglichen mit den zahlreichen Jammertanten im Rap-Biz eine erfrischende Einstellung. Ebenso kann man aber auch diejenigen verstehen, die den aus Washington D.C. stammenden und heute in Brooklyn und der Welt wohnhaften Produzenten und MC attestieren, dass er ein grösseres Publikum verdient hätte. Seit seinem allerersten Beitrag vor bald zehn Jahren auf dem Jazzy Jeff-Album „The Magnificent“ liefert er hochkarätige und vielseitige Produktionen für zahlreiche Künstler wie Little Brother, Talib Kweli, J-Live, Saigon oder Supastition ab und überzeugt auch mit spannend Instrumentalprojekten. Damit hat er sich zwar eine weltumspannende Fanbase erarbeitet, der grosse Wurf blieb ihm aber bislang verwehrt. Wir sprachen mit dem Low Budget Crew und Diamond District-Mitglied über seine musikalische Entwicklung, die Arbeit mit Musikern, das Reisen und wieso Will.I.Am beschissene Musik machen darf. Oddisee stellte sich dabei nicht nur als äusserst netter Gesprächspartner heraus, sondern auch als ein Künstler, der die Musik wie kaum ein anderer in Worte zu fassen vermag.

Als ich das Interview vorbereitete, habe ich einige ältere Sachen von dir aus dem Regal geholt, wie dein Beat auf dem Jazzy Jeff-Album oder deine Produktionen auf der „You Don’t Know The Half“ Compilation. Das waren schon sehr nice Beats, trotzdem kann man über die Jahre eine deutliche Weiterentwicklung feststellen. Wie würdest du diese beschreiben?
Ich würde es als eine sehr natürlich Entwicklung bezeichnen, als normalen Wachstum. Ich vergleiche meine Karriere gerne mit dem Design eines Autos. Jedes Jahr verändern sie die Form der Karosserie ein wenig, trotzdem erkennt man immer noch, was für eine Marke es ist. Die Veränderungen sind immer nur minim. Wenn man dann sechs Jahre später zurückschaut, sieht der Wagen zwar völlig anders aus als zu Beginn, doch man erkennt immer noch, dass es sich um dasselbe Auto handelt. So sehe ich meine musikalische Entwicklung, die jedes Jahr kleine Schritte nimmt. Vergleicht man meine heutigen Produktionen mit denjenigen, die du erwähnt hast, haben sie zwar nicht mehr viel gemeinsam, trotzdem erkennt man, dass sich dieselbe Person dahinter verbirgt, wenn man die Entwicklung über all die Jahre verfolgt hat.

Wie fühlt es sich für dich an, wenn du diese alten Sachen wieder hörst? Ich weiss zum Beispiel, dass du den Beat auf dem Jazzy Jeff-Album gar nicht sonderlich magst.
(lacht) Aha, du hast davon gehört. Man eignet sich über die Jahre so viele neue Fähigkeiten und Techniken an, dass man sich schon etwas ärgern kann, wenn man die alten Sachen hört. Man denkt dann immer: „Hier hätte ich dies machen sollen, dort würde ich es nun so machen.“ Aber es kommt auch noch eine nostalgische Komponente dazu, so dass ich die damit verbundenen Erinnerungen mehr schätze, als die Musik selbst. Der Song für Jazzy Jeff war der erste Song, der jemals offiziell erschien und für den ich bezahlt wurde, als wird er immer speziell bleiben für mich. Schlussendlich hat sich diese Scheibe über 100’000 mal verkauft und für mich war es der Start von allem.

Eine Veränderung war sicherlich auch, dass du vermehrt mit Musikern arbeitest und dies mit den Samples verbindest. Fühltest du dich eingeschränkt dabei, nur Samples zu verwenden?
Ja, denn ich hatte ständig Melodien und Ideen in meinem Kopf und fand einfach nicht mehr die passenden Samples, um diese umzusetzen. Deshalb begann ich meine Ideen mit einem Midi-Keyboard zu spielen und dann später Musiker dazuzuholen, die umsetzten, was ich einspielte. Ich mag den Live-Sound, deshalb liebe ich es Samples zu verwenden, aber ich will meine eigenen Melodien. Es bringt meine Beats musikalisch gesehen auf ein völlig neues Level. Ich schätze die dadurch entstehende Dynamik und wie die Möglichkeiten beim Arrangieren viel komplexer werden.

Hast du eine bestimmte Vorgehensweise? Basiert der Beat immer zuerst auf einem Sample und dann kommen die Musiker dazu oder behandelst du die eingespielten Instrumente teilweise auch wie Samples und setzt sie neu zusammen?
Es gibt dabei keine fixe Vorgehensweise, es kommt alles was du gesagt hast vor. Im Normalfall ist es aber so, dass ich ein Sample finde, es choppe und daraus einen Beat mache. Dann spiele ich mit Midi-Instrumenten etwas ein und erst dann hole ich die Musiker dazu. Da ich keine Noten lesen und schreiben kann, pfeife, singe oder summe ich ihnen meine Ideen vor. Wenn beispielsweise mein Bassist vorbeikommt, singe ich ihm die Bassline vor, die ich gern hätte, er weiss daraufhin welche Noten ich meine und spielt es. Ich sample das dann in mein Pro-Tools, choppe es und baue es in den Beat ein. Es ist also eine Mischung aus Instrumentierung, Sampling und Arranging in einem Prozess.

Abgesehen von Samples und Instrumenten stechen bei deinen Beats vor allem die Drums heraus, die wirklich auf jedem Song völlig anders klingen. Ich habe mal gelesen, du seiest von sudanesischer Musik beeinflusst, da diese oftmals Offbeat-Drums hat. Was inspiriert dich sonst du diesen vielseitigen Drumsets?
Ich mag Bossanova und allgemein die brasilianischen Rhythmen. Genauso die Rhythmik der westafrikanischen Musik. Ebenso inspirieren mich aber auch die Drums bei elektronischer Musik wie etwa bei Glitch-Hop. Ich mag es, wenn die Drums die Leute zum bewegen bringen. Doch am wichtigsten ist, und das bringt uns wieder zurück zum Sudan, dass die Drums sprechen wie in Afrika. Durch den Rhythmus sprechen die Drums zu den Hörern. Wenn ich eine Melodie habe, dann sagen mir die Drums, wie sie miteinander kommunizieren wollen. Es ist, als ob Kick, Snare und Hi-Hat eine Konversation hätten. Dabei warten sie immer, bis der andere ausgeredet hat und sie sprechen nicht gleichzeitig.

Versuchst du dich durch die Drums auch von anderen Produzenten abzuheben?
Es hängt sicherlich auch mit meinem Background zusammen. Ich komme aus Washington D.C. und wir haben dort unsere eigene Musik namens Go-go, die auf einer Live-Band aufbaut. Das Genre definiert sich sehr durch Drums und Percussion. In Washington ist es normal, dass man viel mehr Livemusik hört als Sounds von DJ’s. Man kann jeden Abend eine Band hören, die DJ’s spielen aber nur Freitags und Samstags. Es ist völlig normal, dass man abends durch die Stadt geht und in irgendeinem Cafe einen Drummer spielen sieht. Ich bin damit aufgewachsen und genau so wollte ich die Drums auch in meiner Musik haben.

Du sagtest mal, dass du Will.I.Am für seine Vielseitigkeit bewunderst. Deine Veröffentlichungen sind bereits äusserst vielfältig, hast du aber auch schon probiert in ganz andere Richtungen zu gehen und beispielsweise im Stile von Will.I.Am simple Popsongs oder elektronische Musik zu produzieren?
Wenn sich die Möglichkeit ergeben würde täte ich das bestimmt, denn ich liebe die Herausforderung. Die Frage ist dann aber nicht: Kann ich es und werde dafür bezahlt, sondern kann ich es und mache es auch gut.

Bei Will.I.Am dürfte dies mittlerweile nicht mehr der Ansatz sein, er macht es wohl einfach, weil er weiss, dass es sich verkauft.
Mit Sicherheit, aber meiner Meinung nach hat er das Recht dazu. Denn für viele Jahre hat er qualitative Musik mit Substanz veröffentlicht und es hat sich nicht verkauft. Er hat es immer weiter versucht, doch es hat sich nichts geändert. Als er dann einmal einen Popsong machte, verkaufte es sich plötzlich und er bekam einen Namen. Trotzdem hat er immer noch gute Musik mit Leuten wie John Legend, Justin Timberlake oder Michael Jackson gemacht. Ebenso produzierte er ein komplettes Album für Sergio Mendes oder arbeite mit Leuten wie Evidence, 50 Cent oder Gucci Mane. Meiner Meinung nach hat er den Freipass, er soll sein Geld machen.

Könntest du dir vorstellen, irgendwann an denselben Punkt zu gelangen, wenn du über Jahre gute Musik machst, die sich nur mässig verkauft?
Weisst du, eigentlich widme ich mich jetzt schon vermehrt Projekten, die Geld einbringen. Zwar nicht mit Popsongs, aber ich lizenziere viele Songs und mache Musik für Werbungen, das bringt gutes Geld. Was ich bei Leuten wie Will.I.Am nicht verstehe ist, wieso sie nicht wieder die Musik machen, die sie möchten, nachdem sie schon tonnenweise Geld verdient haben. So würde ich das zumindest machen. Wenn man reich ist bekommt man doch dadurch die Freiheit, wieder das zu machen, was man wirklich will.

Das denke ich auch immer, nur macht es leider niemand..
Ja, tatsächlich niemand. Das wäre bei mir anders, wenn ich mit Pop viel Kohle scheffeln könnte, würde ich trotzdem immer noch independent richtig gute Musik veröffentlichen.

Ich wünschte dir, dass du viele Millionen machst und dann werde ich überprüfen, ob du dein Wort hältst.
(lacht) Sollte es soweit kommen musst du mir auf die Finger schauen.

Ich habe gelesen, dass du rund die Hälfte des Jahres auf Reisen bist. Bist du so oft auf Tour oder liebst du es auch ausserhalb der Musik zu reisen?
Beides. Ich arbeite für die Mello Music Group und jedes Jahr unterschreibe ich einen neuen Vertrag bei ihnen. Wir handeln darin aus, wie viele Platten ich in diesem Jahr veröffentliche und was ich dafür verdiene. Ich erhalte aber nicht erst etwas wenn ein Album kommt, sondern das Geld wird auf 12 Monate aufgeteilt. Ich habe also einen Monatslohn. Das bedeutet für mich, dass ich überall auf der Welt arbeiten kann, solange ich meinen Laptop, meine externe HD und eine Internetverbindung habe, damit ich die Musik schicken kann, sobald sie fertig ist. Als ich das realisierte, beschloss ich, meinen Arbeitsort immer wieder zu wechseln. Mal bin ich in London, dann in Dubai oder Paris. Ich wohne bei irgendwelchen Freunden und arbeite dort an Musik. Zusätzlich schaue ich, dass ich vor Ort jeweils noch ein paar Shows buchen kann, damit ich zusätzlich zu meinem Monatslohn noch ein bisschen mehr Geld verdiene. Ich habe die totale Flexibilität und ich mag es, mich von anderen Ländern und Städten beeinflussen zu lassen. Soeben war ich vier Tage in Berlin und fünf Tage in Paris und wenn diese Tour zu Ende ist, werde ich fünf Tage in Stockholm verbringen.

Das Ziel bei deiner letzten Veröffentlichung „Rock Creek Park“ war es, dass die Leute nicht nur denken: „Auf diesen Beats würde ich gerne rappen oder singen“, sondern dass sie es als einfach als gute, instrumentale Musik schätzen. Hast du eine andere Herangehensweise an einen Beat, wenn du weisst, das niemand darauf rappt oder singt?
Definitiv! Wenn ich die Musik nur dazu erschaffe, dass die Leute zuhören, baue ich viel mehr Instrumentalsolos ein. Wenn jemand auf dem Beat rappt, sind die Arrangements viel schlichter und ich gebe ihnen in der Strophe mehr Platz für ihre Raps. Diesen Platz, der durch die fehlenden Raps frei wird, probiere ich mit Solos aufzufüllen. Natürlich ist auch der Aufbau anders, ich bin nicht gezwungen, nach 16 Bars den Chorus zu bringen. Aber sie werden wohl trotzdem darüber rappen (lacht).

Du sagtest etwas sehr spannendes über „Rock Creek Park“: Du hättest vier Monate über die Platte nachgedacht und sie schliesslich in nur zehn Tagen produziert. Ist dies deine normale Herangehensweise, dass du die Platte im Kopf entstehen lässt? Kommt es nie vor, dass du einfach einen Beat ins Blaue raus produzierst und dann irgendwann entscheidest, für was du ihn verwendest?
Nein, das gibt es nicht, denn ich arbeite immer an verschiedenen Projekten zur selben Zeit. Momentan entstehen in meinem Kopf das zweite Album von Diamond District, das Soloalbum von yU, eine EP von mir und Toine von DTMD, eine EP von Diamond District, die im Januar kommt und noch einige weitere Sachen. Ich habe mit allen schon begonnen, in meinem Kopf sind sie aber bereits fertig.

Ich kann mir das nur schwer vorstellen, weil du ja zum Beispiel gar nicht wissen kannst, ob du dann auch so ein Sample findest, wie du es dir im Kopf vorgestellt hast.
Ich gebe dir ein Beispiel: Als ich „Rock Creek Park“ plante, lief ich viel umher und es begann sich eine Geschichte in meinem Kopf zu bilden. Irgendwann wusste ich, dass ich 10 Songs machen will, die alle Emotionen abdecken, die ich in diesem Park hatte. Sei es ein Date mit einem Girl, ein BBQ, wenn wir durch den Park nach Hause gingen nach einer Party oder wenn ich dort abhing und einfach nur nachdachte. Für alle diese verschiedenen Situationen sollte es einen Song geben. In einem nächsten Schritt denke ich über die einzelnen Tracks nach. Bei einem Song will ich beispielsweise richtig grosse Streicher und harte Drums. Dann überlege ich mir, wen ich dafür samplen könnte und höre mich durch meine Platten, bis ich das passende gefunden habe. Bei einem anderen Song brauche ich eine Bassline, die richtig funky ist und an die Westocast erinnert, da ich will, dass die Leute dazu tanzen. Wiederum weiss ich, welche Platten dafür in Frage kommen und suche, bis ich das richtige gefunden habe.

Als nächstes Projekt soll mit „People Hear What They See“ deine erste richtige Soloplatte erscheinen. Wieso dauerte es so lange, bis nach so vielen Projekten endlich das erste richtige Soloalbum kommt?
Ich weiss es nicht. Womöglich ist nun einfach der richtige Zeitpunkt, denn ich habe das Gefühl, dass mir die Hörer nun auch auf Albumlänge ihre Aufmerksamkeit schenken. Ich bin etwas älter geworden und habe viele Erfahrungen machen können von Freude bis Schmerz und von Erfolg bis Scheitern. Nun habe ich genügend Dinge, über die ich sprechen kann. Am Anfang meiner Karriere hätte ich nichts zu erzählen gehabt (lacht).

Du magst es nicht, als Produzent als underrated bezeichnet zu werden, womöglich trifft dies aber auf dich als Rapper zu. Willst du mit dem Soloalbum deine Qualitäten als MC vermehrt hervorheben?
Ganz genau, das ist mir sehr wichtig. Ich begann als MC und produzierte erst später Beats. Das will ich den Leuten auf jeden Fall auf dem Album zeigen.

Du warst der erste Künstler, der bei der Mello Music Group veröffentlichte. Dieses Label scheint mir nur schon deswegen speziell, weil alle Künstler miteinander arbeiten und nicht einfach nur zufällig bei derselben Firma unter Vertrag stehen. Wie würdest du die Situation bei Mello Music beschreiben?
Es ist fantastisch ein Teil dieser Plattenfirma sein zu können, bei der es eine gute Balance zwischen dem Geschäftlichen und der Kunst gibt. Keiner dieser Faktoren überwiegt. Genauso ist das Label dazu da, verschiedene Nischen zu vereinen, die auf den ersten Blick unterschiedlich sind, aber doch viel gemeinsam haben. Wir haben viele verschiedene Künstler mit verschiedenen Sounds, aber wir ergänzen uns alle. Ich denke das macht uns so speziell.

Über das erste Diamond District-Album sagtest du, ihr wollet den freien Platz zwischen Untergrundkünstlern, die eher ins elektronische abdriften und den kommerzielleren Acts besetzen. Wollt ihr euch mit dem Nachfolger wieder ähnlich positionieren?
Die Ausrichtung ist ziemlich ähnlich wie beim ersten. Es wird aber viel musikalischer werden, wie man das von meinen letzten Veröffentlichungen kennt. Ich habe mit vielen Streichern und Bläsern von der Berklee School of Music gearbeitet. Es wird also Boom Bap aber mit massiven Streichern obendrauf. Man könnte es auch als eine Kombination aus grimey 90er Boom Bap mit klassischer Musik beschreiben.

Hast du sonst noch Projekte, auf die wir uns freuen können?
Mit Finale habe ich ein komplettes Album aufgenommen. Dann kommen wie erwähnt das Diamond District-Album und meine Soloscheibe sowie ein weiteres Instrumentalalbum. Zudem habe ich Alben für Stik Figa aus Kansas und Tranqill aus London produziert. Das wird alles 2012 erscheinen.

Interview: Fabian Merlo

Int. Rap