Stress – „Wir sind am Ende eines Zyklus angekommen“

CH Rap

Der Aufstieg von Stress ist eine Erfolgsgeschichte, wie es sie in der Schweiz nur wenige gibt. Bis kurz vor der Veröffentlichung seines ersten Soloalbums ging er trotz respektablen Erfolgen mit Double Pact noch immer einer normalen Arbeit nach. Acht Jahre, fünf Alben und zahlreiche Gold- und Platinauszeichnungen später sind seine Songs längst zum schweizerischen Allgemeingut geworden. Da Rap in der Schweiz trotz vereinzelten Ausnahmen in kommerzieller Hinsicht immer noch ein Schattendasein fristet, war dies natürlich nur möglich durch eine musikalische Öffnung und deutlich radiokompatibleren Sound. Stress und sein Produzent Yvan haben definitiv die Formel entdeckt, wie man sich in die Gehörgänge der Schweizer Bevölkerung festsetzt. Von dieser Formel will sich der Lausanner nun auf seinem neusten Album „Renaissance II“ ein Stück weit entfernen. Er arbeitete mit neuen Produzenten und reicherte die musikalische Rezeptur neben den üblichen Zutaten HipHop und Pop auch mit Einflüssen aus Rock oder Disco-Funk an. Wir sprachen mit Stress über seine persönliche und musikalische Renaissance, den Erwartungsruck oder die multikulturelle Schweiz.

 

Du sagtest beim letzten Interview mit aightgenossen anlässlich der Veröffentlichung von „Des Rois, des Pions et des Fous“, du könnest mit dieser Platte eigentlich nur verlieren. Nun hat der Erfolg aber nicht abgerissen, fühlst du dich mit „Renaissance II“wieder am selben Punkt?
(überlegt) Ja. Aber ich denke, dass ich mich an diese Position gewöhnt habe. Bei den Leuten und auch bei einem selbst sind Erwartungen vorhanden und diese will man erfüllen und das bestmögliche abliefern. Deshalb arbeiten wir hart. Ich habe das Glück, Interviews geben und mich erklären zu können, damit die Leute meine Sichtweise verstehen und nachvollziehen können, wieso ich gewisse Dinge tue oder sage. Nicht zuletzt darf man nicht vergessen, dass ich einer der ersten bin, der in der Schweiz in dieser Position ist. Es gibt natürlich auch noch Leute wie Bligg, aber ich beziehe das jetzt gar nicht nur auf HipHop. Das Musikgeschäft hat eine gewisse Dimension erreicht und ich denke, dies trifft uns anders als Beispielsweise Züri West. Wir haben eine ganz andere Einstellung, die sicherlich auch vom HipHop herkommt, denn wir wollen etwas bewegen und erreichen. Ebenso haben wir einen ganz anderen Blick auf das Geschäftliche, da wir früher Vorbilder wie Jay-Z oder Diddy hatten. Man könnte es als Entrepreneur-Einstellung bezeichnen. Man will etwas erreichen und vielleicht entsteht dadurch auch ein grösserer Druck.

Du kannst dem Druck aber eigentlich eher gelassen entgegen blicken, denn deiner Meinung nach ist „Renaissance II“ dein bislang bestes Album geworden. Was macht es zum Besten?
Weisst du, das letzte Album war nicht so gut (lacht). Es war schon gut, aber trotzdem war ich schlussendlich frustriert. Wenn man unter Druck steht und Erwartungen erfüllen will, dann geht man keine Risiken mehr ein. Man wiederholt einfach die erfolgreichen Formeln. Mit etwas Abstand betrachtet wurde mir klar, dass dies bei weitem nicht unser bestes Album war. Bei „Renaissance II“ bin ich der Meinung, dass es unsere beste Platte seit Jahren ist. Es ist uns gelungen, uns selber treu zu bleiben aber auch neue Elemente hinzuzufügen. Die Leute sollten überrascht werden. Wenn man ein gewisses Level erreicht hat, ist es aber ebenso wichtig, sich selber zu überraschen. Es hat mich bei den drei Gigs, die wir vor der Veröffentlichung spielten, sehr gefreut, dass die Leute extrem positiv auf die Songs reagierten, auch wenn sie die Tracks noch nicht kannten. Dies zeigt mir, dass es die richtige Entscheidung war.

Du hast in einem älteren Interview davon gesprochen, einen typischen Stress-Sound erschaffen zu wollen. Hast du diesen nun bewusst geopfert, damit du dich nicht wiederholst?
Yvan und ich sind am Ende eines Zyklus angekommen. Yvan sagte zu mir, wir könnten unmöglich nochmals das gleiche machen und dass wir ein paar Dinge ändern müssen. Ich denke der Link vom letzten zum neuen Album ist der Song „Fuck Stress“. Der Rest des Albums zeigt eine Entwicklung, die in verschiedene Richtungen geht. Gewisse Songs haben wir auch bewusst hart gelassen, denn wenn ein Song dreckig ist, sollte man nicht versuchen, ihn glattzupolieren. Wenn man hingegen in eine völlig andere Richtung geht, muss man einfach offen sein, ohne sich zu sehr zu hinterfragen. So erhält jeder Song mehr Identität, was sehr wichtig ist.

Du wusstest also von Beginn weg, dass die Scheibe so vielseitig werden soll?
Ja, das war mir von Anfang an klar. Manchmal lässt man sich nicht genügend Zeit, da man ein Album veröffentlicht, dann Promo macht, im Anschluss daran auf Tour geht und dann soll man bereits wieder mit einer neuen Scheibe beginnen, die schon bald fertig sein muss. Dieses Mal begann ich die Arbeit an der neuen Platte in dem ich für eine Woche ein Haus in den Bergen mietete und ein komplettes Studio mit vielen Instrumenten einrichtete. Während dieser Woche machten wir täglich 15, 16 Stunden Musik nur um herauszufinden, in welche Richtung es gehen könnte. Eine Woche ist zwar nicht sehr lange, wenn man aber viele Stunden am Tag Musik macht, ohne unbedingt ein bestimmtes Ziel zu haben, hilft dies, neue Sachen zu entdecken. Als ich zurückkam sagte M.A.M. zu mir, nun sei ich eine Woche in den Bergen mit den Rock-Typen gewesen, nun solle ich eine Woche nach Genf kommen. Dort arbeitete ich dann nur mit Beatproduzenten zusammen, in dieser Zeit entstanden Tracks wie „Animal Juice“ oder „Cassao“. Man muss diese verschiedenen Bereiche unabhängig voneinander existieren lassen ohne sie in eine grosse Form pressen zu wollen.

Du sagtest, die Arbeit mit verschiedenen Produzenten habe dein Songwriting beeinflusst. Inwiefern?
Ich denke, so stimmt das nicht genau. Wir haben dieses Mal anders gearbeitet und wenn du die Credits im Booklet liest, siehst du, dass ich öfters an der Produktion beteiligt war. Wir waren ein Team, das sich aus vielen Produzenten zusammensetzte. Ein Beispiel ist der Song „Animal Life“: Ich hatte den Beat von Béatrice Kidou, einem jungen Producer aus Genf. Wir haben dann viele Sachen neu eingespielt und den Beat komplett überarbeitet. Es gibt nur einen oder zwei Songs, bei denen der Beat in seiner ursprünglichen Form auf der Platte zu hören ist. Bei vielen Songs haben wir als Team die Musik produziert und auch schon die ganzen Melodien der Songs standen fest, die Texte schrieb ich aber erst später. Ich konnte dem Label schon die komplette Platte vorspielen, ohne dass überhaupt Lyrics vorhanden waren. Die Produzenten haben das Schreiben sicherlich in bestimmter Weise beeinflusst, wichtiger war aber, dass wir genau wussten, was wir brauchten. Bei früheren Alben fehlten uns dazu wohl auch die Möglichkeiten.

Ich denke der Durschnitts-Rapper macht sich über Songwriting niemals so viele Gedanken, der schreibt einfach einen Text auf einen Beat. Denkst du, dass dich der Begriff Rapper einengt? Siehst du dich viel eher als Musiker?
Das ist mir egal. Ich sehe mich primär als Künstler, denn es geht alleine um die Ideen die du hast, sei es für ein Lied, für Klamotten oder Schuhe. Wichtig ist, dass man ein Statement hat. Ich versuche immer herauszufinden, was das Beste für den Song ist. Früher hätte ich vielleicht einfach 16 Bars gerappt, aber womöglich bringt dies dem Song gar nichts und eine Bridge oder ein gesungener Teil würden mehr Sinn machen. Das war meine Herangehensweise an die neuen Songs.

Wenn andere Künstler einen zweiten Teil eines Albums machen, schliessen sie thematisch oder musikalisch an den Vorgänger an, wie etwa Raekwon. Bei dir ist es aber eine zweite Renaissance (Wiedergeburt) und keine Fortsetzung.
Genau, der erste Teil handelte vor allem von der Schweiz, während sich dieses Album wirklich um mich dreht. Vor 18 Monaten konnte ich nicht laufen, konnte keine Gigs spielen und machte überhaupt keine Musik. Ich fragte mich, wie es weitergehen soll. Als ich die Lösung gefunden hatte, war es wie eine Wiedergeburt für mich als Mensch, denn ich musste auch einige Dinge in meinem Leben ändern. Ebenso ist es eine musikalische Neugeburt, da wir einen neuen Groove fanden. Als wir mit der Produktion mehr oder weniger fertig waren, sass ich bei meinem Grafiker und sagte zu ihm, dass ich eigentlich dieses Album „Renaissance“ hätte nennen sollen. Er meinte nur: Scheiss drauf, nenne es doch einfach „Renaissance II“.

Auch wenn es thematisch in eine andere Richtung geht ist das Cover doch wieder eine Anspielung auf die Schweiz.
Ich wollt es inhaltlich vermeiden, einen weiteren Song im Stil von „Fuck Blocher“ zu machen. Was ich über die ganze Situation denke hat sich zwar nicht verändert, wir mussten aber einen subtileren Weg finden, um ein Statement abzugeben. Es wäre nicht glaubhaft, wenn ich zum Beispiel ein „Fuck Blocher 2“ machen würde. Alle Medien würden sagen, es sei einfach immer auf demselben rumzuhacken und ich täte dies nur aus Marketinggründen. Als Künstler muss man daher andere, subtilere Wege finden. Es war mir wichtig ein Statement dazu zu machen, wie wir in der Schweiz leben und unsere Musik machen.

Zeigt denn das Cover vor allem die Schweiz, wie du sie gerne sehen möchtest und nicht unbedingt wie sie ist? Seit „Renaissance“ erschien hatten wir die Minarett- oder die Ausschaffungsinitiative, die Schweiz, die du damals beerdigt hast, existiert also zweifellos immer noch. Glaubst du, dass sich dies in absehbarer Zeit verändern könnte?
Ich glaube, die Schweiz ist ein multikulturelles Land, was aber viele Leute nicht wahrhaben wollen. Wir Ausländer gehen nicht weg, wir bleiben hier. Die Schweiz präsentiert sich immer als neutrales und furchtbar nettes Land, das alles akzeptiert. Wenn ich mir unsere Generation anschaue, dann merke ich, dass dies nicht so ist. Unsere Generation kämpft für das, was sie wollen, sie versuchen ihre Träume zu verwirklichen und sagen, was sie denken. Man kann ins 13. Jahrhundert zurückgehen und feststellen, dass die Situation mit Winkelried genau die gleiche war, deshalb haben wir dieses Bild einfach neu interpretiert aus meiner, einer multikulturellen, Sicht. Ehrlich gesagt wollte ich dieses Traditionelle auch ein wenig wegnehmen von den Rechten, die das alleine besetzen wollen. Viele Leute vom rechten Flügel verstehen nicht, dass die Leute, die hierherkommen, froh sind, hier sein zu können. Ich habe mittlerweile einen Schweizer Pass und bin stolz darauf, ein Schweizer zu sein. Sie stellen es aber immer so hin, als wollten die Einwanderer dieses Land nur ausnützen. Das ist meiner Meinung nach das Problem, sie sehen nicht, dass sie dieses Land genau so lieben wie die Leute, die hier geboren sind und sie werden hier bleiben, hier Kinder haben und diese werden genauso ein Teil unserer Gesellschaft sein. Das lächerlichste ist, dass am meisten Leute gegen die Einwanderer stimmen, wo es die tiefsten Ausländeranteile hat. Das zeigt doch die Ignoranz.

Du behandelst in deinen Songs immer wieder ernste und auch politische oder gesellschaftskritische Themen. Wenn du einen Track wie etwa „Saint Profit“ spielst, dann interessiert die Message aber eigentlich niemanden, sie wollen dazu einfach feiern und den Refrain mitsingen. Ärgert dich das?
Nein, ich denke, dass es für alles die richtige Zeit gibt. Wenn ich an ein Konzert gehe, will ich unterhalten werden und einen speziellen Abend verbringen. Ich gehe zu der Show, weil ich damit einverstanden bin, was sie auf ihren Songs erzählen. Wenn ich aber dort bin, ist es mir egal, was Jay-Z und Kanye erzählen, ich will einfach nur das Konzert geniessen und Spass haben. Man muss als Künstler erkennen, dass die Leute manchmal zu Hause sind und weinen, wenn sie die Songs hören, bei den Konzerten aber vor allem feiern wollen.

Beim letzten Album hattest du besonders auf der Deluxe-Edition viele internationale Gäste (Melanie Fiona, Sido, Diams, Soprano). Dieses Mal sind abgesehen von Andrea Martin eigentlich vor allem die üblichen Verdächtigen dabei. Hat es einen speziellen Grund, dass du auf solche internationalen Collabos verzichtest?
Wenn eine Rockgruppe ein Album macht, haben die keine verdammten Features, sondern einfach ihr Team. Genau so habe ich mein Team, was auch der Grund ist, weshalb M.A.M. und Karolyn auf mehreren Songs zu hören sind. Ich wollte im Team arbeiten und dass Andrea Martin zwei Mal auf dem Album ist, hängt damit zusammen, dass die Zusammenarbeit mit ihr so gut funktionierte. Auf einer Special-Edition funktioniert das mit den vielen Gästen, denn es ist eine Erweiterung des Albums und soll vor allem unterhalten und ist weniger konzeptionell. Bei diesem Album wollte ich aber eine Dichte und eine Basis, deshalb habe ich auch nicht viele Gäste. Mir war der Teamspirit sehr wichtig.

Beim letzten Album hattest du Soprano und Diams sicherlich auch als Gäste, weil du den Sprung nach Frankreich machen wolltest. Ich habe das Gefühl, die neue Scheibe sei wieder eher auf die Schweiz ausgerichtet. Hast du die Pläne für Frankreich wieder begraben?
Nein nicht unbedingt, aber es war nicht meine Priorität. Ich habe daran auch nicht viele Gedanken verschwendet, da ich weiss, wie hart es in Frankreich ist und damit meine ich nicht nur für mich. Man kann nur der Beste sein, wenn man einfach das macht, was man im Herzen oder im Bauch hat. Genau so sind wir an dieses Album herangegangen ohne berechnend vorzugehen. Vielleicht ist es deshalb auch besser geworden als der Vorgänger (lacht).

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