F.R. – „Musik zu planen ist ein völlig falscher Ansatz“

DE-Rap

Da F.R. mit „Ganz normaler Wahnsinn“ bereits sein fünftes Album veröffentlicht, vergisst man gerne, dass der Neo-Berliner erst 21-jährig ist und somit in einem Alter, wo viele normalerweise vom ersten eigenen Mixtape träumen. Doch auch musikalisch gesehen konnte man sein jugendliches Alter leicht vergessen, nicht nur, weil er sich technisch schon früh nicht vor den Veteranen zu verstecken brauchte, sondern auch, weil seine Texte seht jeher enorm reflektiert und teilweise gar schwermütig daherkamen. Als ich in einem früheren Interview den damals 16-jährigen auf den fehlenden jugendlichen Leichtsinn ansprach, antwortete er, er habe tatsächlich manchmal selbst das Gefühl habe, er mache sich zu viele Gedanken. Auch sei er eher pessimistisch und könne die Dinge nicht einfach auf sich zukommen lassen. Genau das hat er aber beim neuen Album gemacht. Beflügelt von einer erfolgreichen Tour schloss er sich mit seinen Produzenten gleich wieder im Studio ein, wobei innert nur zwei Monaten „Ganz normaler Wahnsinn“ entstand, das F.R. als sein positivstes, von einer Aufbruchstimmung geprägtes, Album bezeichnet. Es ist auch sein erfolgreichstes und wohl bestes geworden. 

Der erste Song „machen!“ steht eigentlich sinnbildlich für die ganze Platte. Ihr habt einfach mal gemacht.
So kann man das sagen. Ich bin generell eher ein Kopfmensch, doch bei diesem Album war das Credo, dass ich einfach krass bock habe Musik zu machen. Ich bin nach Berlin gezogen, hatte das Studio praktisch vor der Haustüre und so hiess es einfach mal machen.

Das Album entstand innerhalb weniger Monate und du hast auch gesagt, ihr hättet wie im Rausch gearbeitet. Wenn man im Rausch ist hat man ja auch oftmals einen etwas getrübten Blick. Musstest du, nachdem die Songs aufgenommen waren, ein bisschen Zeit verstreichen lassen, um mit etwas Abstand zu reflektieren oder ist das Album als Momentaufnahme zu verstehen?
Nein, wir haben eigentlich darauf vertraut, dass das, was wir in dem Moment machen, auch cool ist. Man muss dabei auf sein enges Umfeld vertrauen können, denn ich zeige die Songs oder Demos nur sehr ungern unzähligen Leuten. Wenn meine Produzenten die Beatgees der Meinung sind, die Platte sei geil, dann bin ich auch davon überzeugt. Wir sind immer sehr kritisch mit uns selbst und jetzt sind wir auch im Nachhinein noch sehr glücklich mit dem Album. Die Songs sind aus einem Flash entstanden und das hat zur Folge, dass sowohl Soundtechnisch wie Thematisch ein klarer roter Faden drin ist. Es ist alles aus einem Guss, was uns sehr gefällt. Wir haben zwei Monate Songs gemacht, diese dann einen Monat lang ausproduziert und Musiker dazugeholt und schliesslich brauchte es noch einen Monat für Mischen und Mastern. Es war also sehr komprimiert. Es gab auch keine Ausschussware, in den zwei Monaten entstanden wirklich genau die Songs, die man nun auf dem Album hört.

Immer wieder Thema auf der Platte ist deine Entscheidung, ganz auf die Musik zu setzen und vorläufig kein Studium in Angriff zu nehmen. Er hört sich so an, als sei dir diese Entscheidung nicht ganz leicht gefallen. Was gab schlussendlich den Ausschlag?
Ich würde dies eher als einen Prozess bezeichnen. Mein letztes Album „Wer bist du?“ habe ich ja direkt nach meinem Abi gemacht und damals war ich noch viel zerrissener, deshalb ist das Album auch viel kritischer geworden. Viele meiner älteren Freunde haben mir dabei geholfen, da ich bei denen gesehen habe, dass es kein Problem ist, erst viel später mit dem Studium zu beginnen. Eigentlich sind wir hier wieder beim Thema: Einfach mal machen. Wenn es mit der Musik gerade läuft muss ich mir nicht künstlich einen Mittelweg auferlegen und zwei Dinge nur halb machen. Mit 21 Jahren muss man sich noch nicht ins Studium stürzen auch wenn einem dieser gerade Lebensweg so vermittelt wird. Im Grunde genommen hat man noch massig Zeit. Deswegen merkte ich, dass es für mich sinnvoll ist, vorläufig nur Musik zu machen, es gab aber nicht einen entscheidenden Moment, es war definitiv ein Prozess.

Ich frage dich jetzt nicht nach der Bedeutung des Albumtitels, das hast du ja schon hundertfach beantwortet…
Danke!

Eine der Bedeutungen ist sicherlich, dass du selber einen ganz normalen Wahnsinn lebst und dies schon seit einigen Jahren. Ich habe mich gefragt, ob du dir dein Leben überhaupt noch ohne diesen Wahnsinn vorstellen könntest, wenn du zum Beispiel ein geregeltes Leben als Student oder mit normalem Job hättest?
Ich könnte mir das schon noch vorstellen, denn die Schulzeit liegt noch nicht allzu weit zurück und da führte ich mehr oder weniger ein normales Leben. Klar gab es nebenbei die Auftritte und es war bestimmt turbulenter als beim einen oder anderen aber trotzdem war diese normale Komponente immer vorhanden. Jetzt ist es natürlich etwas anders und mir ist es wichtig, dass ich nicht in diesem Künstler- und Medienzirkus versinke, besonders da ich jetzt nach Berlin gezogen bin. Ich versuche meinen Horizont offen zu halten und auch immer Leute in meinem Umfeld zu haben, die mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun haben, da man sonst Gefahr läuft, völlig beschränkt zu werden. Sobald ich das Gefühl habe, mir gelinge das nicht mehr, werde ich sicherlich auch wieder etwas anderes nebenbei machen. Aber momentan geht’s noch.

Casper wird gegenwärtig dafür gelobt, die Stimmung einer Generation eingefangen zu haben. Das kann man meiner Meinung nach auch von deiner Scheibe behaupten und auch der Pressetext sagt, du habest die Gefühle einer Generation vertont. Geht man mit diesem Ziel an ein Album heran oder ist das etwas, das einfach so geschieht?
Ich finde Musik zu planen ist immer ein völlig falscher Ansatz. Deshalb bin ich auch nicht der Typ, der vor dem Album überlegt, welche Themen er rüberbringen will. Seit ich Musik mache behandle ich immer die Sachen, die mich zu der Zeit interessieren und berühren. Somit sind meine Alben immer ein Spiegel meiner selbst. Ich habe nie die Intention, damit etwas Spezielles erreichen oder etwas verändern zu wollen. Wenn die Leute meine Meinung teilen und daraus etwas ziehen können ist es natürlich das Beste, was mir passieren kann, aber das ist nicht der Urgedanke meiner Musik, die mache ich für mich selbst.

Siehst du das selber aber auch so, dass du diese Gefühle einer Generation auf den Punkt gebracht hast?
Ich finde die Aussage durchaus passend, da auch das Echo auf das Album dies bestätigt. Leute in meinem Alter, aber auch ältere oder jüngere, sagen mir, dass sie sich darin wiederfinden können und gewisse Sachen genau so sehen. Wenn ich nach der Show am Merchandise-Stand stehe und Leute zu mir sagen, sie würden sich zum Beispiel wegen dem Song „Träum weiter“ getrauen, einen bestimmten Weg einzuschlagen, ist das natürlich wahnsinnig cool für mich.

Was diese Generation sehr geprägt hat ist die technische Entwicklung, was sich bei dir auch gleich in drei Songs niederschlägt. Dabei fokussierst du dich vor allem auf die negativen Aspekte. Hast du sogar das Gefühl, es könnte zukünftig noch viel extremer werden, so dass die Leute noch vermehrter in einer virtuellen Welt leben und völlig von ihren Geräten abhängig sind?
Ich denke schon, denn die Leute haben immer früher Zugang dazu. Ich hatte mit 10 oder 11 Jahren einen Rechner und Internet, was eigentlich schon sehr früh war. Heutzutage haben viele wohl schon viel früher ihre eigenen Geräte. Bei den sozialen Netzwerken bin ich mit sehr vielen Leuten befreundet, die ich gar nicht kenne, von denen ich aber sehr viel Gossip mitbekomme. Viele davon sind jünger als ich, da sie mich aus Fan-Gründen geaddet haben und es ist schon erschreckend zu sehen, was die alles posten und wie intime Sachen die nach aussen kehren. Ich könnte, wenn ich die Zeit hätte, Tagebuch führen für 4’000 Leute, die ich gar nicht kenne, was schon ziemlich erschreckend ist. Aber man darf es auch nicht zu schwarz malen, weil es auch viele positive Aspekte hat. Gerade als Künstler erhält man dadurch die Möglichkeit, extrem nahe an den Leuten dran zu sein. Auch als Privatperson macht es viele Sachen einfacher. Es sollte sich einfach nicht so entwickeln, dass die Kommunikationsmittel immer besser aber die Kommunikationen an sich immer schlechter werden.

Irgendwann kommen dann wir vielleicht auch in ein Alter, wo wir diese Veränderungen gar nicht mehr nachvollziehen können.
Das kann gut sein und darüber könnte man spekulieren was das Zeug hält. Aber klar, das Internet wird immer wichtiger werden. Fernsehen dagegen immer irrelevanter beziehungsweise die Wege werden immer mehr zusammenführen. So dass man im Internet fernsieht und im Wohnzimmer ein Computer anstatt ein Fernseher steht. Es ist sicherlich noch viel Luft nach oben vorhanden.

Früher wurdest du oftmals als Wunderkind bezeichnet, später wurde dann oftmals deine Technik hervorgehoben. Die Technik ist natürlich bei den neuen Songs immer noch da, aber sie steht nicht im Vordergrund. Stellt „Ganz normaler Wahnsinn“ irgendwo durch auch einen Ausbruch aus der bisherigen Wahrnehmung dar?
Vielleicht, wenn auch nicht bewusst. Es war nicht mein Ziel, etwas an der Aussenwahrnehmung zu ändern aber natürlich ist es ein anderes Album, das selbstbewusster und positiver daherkommt.

Apropos Wahrnehmung: Die Platte stieg in Deutschland auf dem guten 9. Platz ein. Ich gehe nicht davon aus, dass es so krass ist wie bei Casper aber reagieren die Medien nun anders auf dich oder wirst du allgemein anders wahrgenommen?
Generell werden die Medien vermehrt auf Rap aufmerksam, weil sie merken, dass sie es nicht mehr ignorieren können beziehungsweise es falsch ist, nur eine Seite von Rap zu vermarkten. Deshalb bin ich gerade sehr froh über die Entwicklung. Viele Plattformen müssen oder wollen sich öffnen für Rap und auch für den Rap, den ich mache. Das ist eine super Entwicklung.

Hat sich denn nun aber konkret für dich vieles verändert in den paar Wochen seit du in die Top 10 gekommen bist?
Nein eigentlich nicht. Klar gibt es Schulterklopfer und alle freuen sich, aber im Moment ist mein Fokus das Tourleben und da hat man schon fast verdrängt, dass man auf Platz 9 eingestiegen ist. Es ist eine super Sache und wir haben uns wahnsinnig gefreut, am Ende des Tages ist es aber nur eine Zahl und der direkte Austausch bei Konzerten ist viel wichtiger.

Wir unterhielten uns vor ungefähr fünf Jahren als du gerade mit „Mittelweg“ am Start warst. Damals sagtest du mir, ihr wollet nichts überstürzen und euch mit jedem Album steigern. Würdest du nun rückblickend sagen, dass dies sehr gut geklappt hat und dieser Charteinstieg nun der vorläufige Höhepunkt davon ist?
Auf jeden Fall und ich bin auch sehr froh, dass es bei mir nie den plötzlichen Durchbruch gab, sondern es Schritt für Schritt ging und ich mir vieles durch meine eigene Fanbase erarbeitet habe. Der Grund für den Erfolg ist nicht ein plötzlich aufkeimender Hype, sondern eine logische Entwicklung. Ich bin damit sehr zufrieden.

Du machst eigentlich diese langsame, kontinuierliche Entwicklung durch, von der es heisst, dass sie im Musikgeschäft gar nicht mehr existiert.
Stimmt, eine solche Entwicklung wird überhaupt nicht mehr gefördert. Ich denke aber auch, diese Entwicklung wäre nicht möglich gewesen, hätte ich früh bei einem Major unterschrieben. Natürlich weiss man nicht, ob ich dann verheizt worden wäre, aber ein solcher Aufbau lässt sich auf Independent-Wegen sicherlich viel besser umsetzen.

Natürlich kommt jetzt die Frage, was denn die nächsten Schritte sind, nachdem man sich nun gut positioniert hat?
Jetzt schliesse ich erst meine Tour ab, steige aus meinem Nightliner aus und direkt in den Tourbus von Tim Bendzko ein, da ich ihn auf Tour unterstütze.

Das ist ja dann auch schon ein nächster Schritt, da du damit ein völlig neues Publikum erreichen wirst.
Absolut, davon werden mich vermutlich 90 Prozent nicht kennen und es ist eine super Möglichkeit, mich denen vorzustellen. Was dann passiert weiss ich nicht. Ob gleich ein neues Album kommt oder ich erst Urlaub mache steht in den Sternen. Für mich ist eine Tour ein Mammutprojekt und birgt so viel Arbeit in sich wie ein Album.

Generell müsste man aber versuchen, wenn man nun noch einen weiteren Schritt in der Entwicklung nehmen will, eine noch breite Masse anzusprechen.
Klar, es wird dann die Frage sein, wie man den nächsten Schritt für sich selber definiert und wie man sich seine Ziele steckt. Darüber mache ich mir aber gerade noch überhaupt keine Gedanken, da ich noch mitten in der Kampagne von diesem Album bin und es auch noch Videos geben wird. Was danach kommt, schauen wir mal.

Musikalisch unterscheidet sich die Scheibe deutlich von den Vorgängern und es ist auch sehr schwer sie irgendwie in eine Schublade zu packen. Gab es diesbezüglich von Beginn weg eine Vision oder wie hat sich dieses Klangbild entwickelt?
Das Album ist sicherlich auch ein Spiegel dessen, was die Beatgees zu der Zeit gefeiert haben. Es hat verschiedene Einflüsse, es war uns aber auch wichtig, dass es stringent ist. Zum Schluss der Produktion kam Ivan von ZPYZ dazu, der so ein bisschen die Executive Producer-Rolle eingenommen hat und den Songs auch seinen Stempel aufdrückte.

Wie erwähnt wurdest du für deine Technik und auch die Inhalte zumeist gelobt, mehr Kritik gab es jeweils für die Produktion. Gerade dein letztes Album „Wer bist du?“ wurde häufig als zu poppig und ohne Ecken und Kanten bezeichnet. Empfindest du das rückblickend selber so und ist dieser rohere Sound der neuen Scheibe irgendwodurch auch eine Antwort auf diese Kritik?
Diese Kritik haben wir auf jeden Fall wahr- und angenommen, trotzdem bin ich froh, dass mein letztes Album so ist wie es ist. Für mich war es aber eine logische Weiterentwicklung etwas progressiver an die ganze Sache heranzugehen. Wie gesagt wohne ich jetzt in Berlin und eine neue Stadt bedeutet auch immer neue Einflüsse, so dass sich auch in der Musik etwas ändern musste. Viele Elemente von „Wer bist du?“ sind aber immer noch drin, zum Beispiel beschäftigen sich weiterhin viele Songs mit Persönlichkeit und ich singe auch noch immer fast jeden Refrain.

Ich habe gehört, du würdest deine Vocals immer ganz alleine aufnehmen. Wieso das, würdest du den Engineer in den Wahnsinn treiben?
Ich glaube schon, denn ich bin wirklich ein ganz krasser Perfektionist. Die Demos der Songs nehme ich mit den Jungs auf und die finden dann jeweils die Aufnahme gut, ich mache aber noch einen zweiten Take, der für sie dann genau gleich klingt. Ich hingegen höre irgendeinen S-Laut oder einen Atmer der mir nicht gefällt. Deshalb kann ich diesen Wahn nur alleine ausleben, wenn ich mit meiner Cubase-Fernbedienung aufnehme und mir wirklich Zeit nehmen kann.

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