Nneka – Es gibt eine Kraft, die dich dazu antreibt, das zu tun, was du tust.

Int. Rap

Nneka hat ihr drittes Soloalbum „Soul is heavy“ veröffentlicht. Ein spirituelles, forderndes und souliges Album mit Weltformat ist das neue Werk der gebürtigen Nigerianerin geworden.

Sie machte auch bei uns halt, um über ihre Musik, die Spiritualität ihrer Musik und vieles mehr zu erzählen! Daraus entstanden ist ein sehr spannendes Gespräch mit einer der talentiertesten Künstlerinnen des momentanen Souls!

Du hast soeben dein neues Album veröffentlicht! Wie konntest du trotz den grossen Erwartungen locker bleiben?

 

Indem … indem du einfach du selbst bleibst. Es hängt auch davon ab, was für ein Team du hast. Wenn du eine Plattenfirma hast, die Druck auf dich ausübt, dann ist das was anderes, aber … Ich war von vornherein eine Künstlerin, die wusste, was sie wollte. Ich hatte mein Album, bevor ich bei der Plattenfirma war. Ich nahm alles auf und ich suchte mir die Plattenfirma. Das ist also eine ganz andere Herangehensweisen, als wenn die Plattenfirma einen Künstler findet und dann versucht, ein Image aufzubauen. Ich würde also sagen, die Herangehensweise war von Anfang an sehr unabhängig, und ich glaube, deswegen respektieren sie mich bis heute und lassen mich mein eigenes Ding machen. Ich meine, wir verhandeln schon manchmal, aber letztendlich ist das nie gegen meinen Willen.


Es sind also eher Erwartungen von außen. Aber du bist ja trotzdem in einer Welt, wo du vielleicht auch selbst mal denkst, ja, ich könnte eine Single machen, die etwas poppiger ist, die mehr im Radio gespielt wird. Denkst du so etwas nicht manchmal?

 

Nein, nein, wenn ein Song poppiger ist, dann ist der einfach ganz natürlich so entstanden. So ein Song wie „Shining Star“ ist ein ziemlicher Ohrwurm, aber das war nicht die Absicht. Der Song kommt ganz woanders her als „Ohrwurm“ oder „fröhlich“.

Im Gegensatz zu vielen wolltest du nicht Musikerin werden. Wir haben all diese Castingshows, jeder will Musiker werden. Du wolltest das gar nicht. Aber jetzt, da du seit einiger Zeit im Musikgeschäft bist, bist du froh, Musikerin zu sein, oder könntest du auch noch etwas ganz anderes machen?

 

Naja, es fühlt sich gut an, für das Talent, das man hat, Anerkennung zu bekommen. „Talent“ in Anführungszeichen. Aber sicher, ich meine, Musik ist meine Leidenschaft. Wenn es mal anfangen sollte, eine Last zu werden, dann will ich davon weggehen. Aber im Moment ist es Liebe, Leidenschaft, es macht Spaß. Und ich versuche gleichzeitig, meinen Kopf mit anderen Dingen zu beschäftigen, nicht nur Musik. Ich bin so eine Person, die nicht nur Musik ist. Ich hätte gar keine Inspiration, wenn ich nur Musik machen würde. Ich schaue mich nach anderen Dingen um, ich habe einen kreativen Kopf und erkunde gern andere Dinge. Ich lese gern, ich lerne gern, ich male gern, ich mag Biologie, den echten Kram, Wissen, Chemie, Physik, fordere mich mit Mathematik heraus, nicht nur mit Kunst.

Du bist also eine sehr disziplinierte Person. Denn du könntest ja auch einfach nur Musik rausbringen, ein Album machen und dann ein paar Shows.

 

Naja, ich habe gar nicht das Geld, um mich zu entspannen und ein Album rauszubringen, wenn ich mag. Ich bin bei einer großen Plattenfirma. Ich habe also einen Vertrag mit Leuten, die wollen, dass du irgendwann was ablieferst, was rausbringst. Man muss also ganz klar an seine Geschäftspartner denken. Ich bin keine Erykah Badu, ich bin kein Wyclef Jean, die einfach ein Album rausbringen können, wenn ihnen danach ist. So viel Geld habe ich nicht. Ich hätte es gern so, dass ich ein Album rausbringe und die Welt …

… wartet drauf.

 

Du weißt schon, so was in der Art.

Ich habe mir dein Album gerade angehört. Und natürlich gibt es da eine Entwicklung, es geht in eine andere Richtung als deine beiden ersten Alben. Aber der Kern ist derselbe. Es ist immer noch durch Botschaften gesteuert, sehr ehrlich mit vielen Emotionen. Ich habe vor kurzem eine andere Künstlerin getroffen, die mir gesagt hat, sie musste sich ein bisschen von dieser Art Musik distanzieren, weil es einfach zu viel für sie wurde, sich jeden Abend im Konzert so sehr zu öffnen. Verstehst du das? Hast du nie das Gefühl, dass es zu viel ist?

 

Natürlich, das hat man oft. Was ich für mich selbst festgestellt habe, ist, dass es nicht meins ist, es ist nicht mein Leben. Das hier ist nicht mein Leben. Alles, was ich bin, gehört nicht mir. Also habe ich akzeptiert, dass alles, was ich tue, nicht meinetwegen geschieht. Es gibt eine Kraft, die dich dazu antreibt, das zu tun, was du tust. Und wenn du feststellst, dass alles was du tust, die Anforderungen dieser Kraft erfüllt, dann wird es dir mit dem, was du tust, gut gehen. Das ist schwer. Es ist schwere Arbeit für das menschliche Fleisch. Aber der Geist ist wichtiger.

Und woher nimmst du diese Kraft?

Ich habe gesagt, es ist eine Kraft, die mich antreibt. Ich persönlich, mein Fleisch, hat keine Kraft. Nneka hat keine Kraft. Ich bin nur der Behälter. Was du hier siehst, ist nur das Äußere. All das bin nicht ich. Es ist also eine spirituelle Sache. Wenn man nicht mit Gott verbunden ist, dann ist das für mich persönlich – trotz meiner fleischlichen Gelüste und meines sündhaften menschlichen Verhaltens … Wenn man nicht mit Gott verbunden ist – nein, dann kann man es nicht schaffen. Darum nehmen Leute Drogen. Darum nehmen sie Kokain oder Crack. Ich nehme Gott.

Ist deine Musik mit dieser spirituellen Kraft verbunden?

Natürlich, alles ist verbunden, alles, auch dieses Interview.

Meine persönliche Meinung ist, dass man sich entscheiden kann, diese Verbindungen, diese Kraft zu unterbrechen.

Das kann man, aber dann entscheidest du dich, irgendwas zu sein … was auch immer. Meine Existenz gibt es ohne diese Kraft nicht.

Um zur Musik zurückzukommen, wie sieht dein persönlicher Prozess, Musik zu kreieren aus? Wahrscheinlich ist das eine ganz spirituelle Sache.

Natürlich. Alles.

Also kann ich mir vorstellen, dass du im Studio sitzt und erst betest und dann Musik machst?

Nein! Sieh mal, Spiritualität ist nicht das, was man in einem Buch liest. Spiritualität ist nicht das, was Leute schreiben, ist nicht Philosophie, nicht unbedingt Gandhi oder Buddhismus, so wie man darüber liest. Jeder hat ein Gewissen. Und so lange man ein Gewissen hat, so lange man Intuition hat, so lange man Emotionen hat, kann man eine Verbindung zu bestimmten Energien herstellen, von denen man glaubt, dass man sie nicht habe. Aber man hat sie. Es geht also darum, seine Sinne dieser Kraft zu öffnen. Und nicht nur das Physische zu sehen, sondern darüber hinaus. Während ich also Musik kreiere … natürlich inspirieren mich die Dinge, die in der Welt passieren, Korruption, Heuchelei. Mich inspiriert das Böse, das ich tue, der Hass, den ich manchmal fühle. Allein Energien, das ist Kraft. Du stellst die Kraft her, die dich letztendlich antreibt. Verstehst du? Du musst also wissen, wie du sie lenkst und abgleichst. Denn das ist Hitler passiert, er hat das irgendwie verloren. Wahrscheinlich waren sein Absichten anfangs gut. Das gleiche gilt für Gaddafi. Letztendlich wird alles fehlinterpretiert. Du bist ein menschliches Wesen, du hast beide Seiten in dir, sowohl gut als auch böse. Aber lass uns nicht zu tief in diese Verrücktheiten eintauchen. Aber wie gesagt, wenn ich Musik kreiere, ist das ganz unterschiedlich. Manchmal bin ich voll dabei. Manchmal bin ich zu kopflastig, also beschließe ich dann abzuschalten.

Und wie schaltest du deinen Kopf ab?

Man geht einfach davon weg. Ich will keine Musik produzieren, wenn mein Kopf eingeschaltet ist.

Und du hast den Knopf zum Abschalten?

Ich gehe einfach weg, ich mache nicht weiter. Ich sage einfach:“ Ich denke jetzt zu viel, das wird nichts.“ Und dann gehe ich, bis es wieder ganz natürlich läuft.

Nicht nur die Teste müssen also ganz ehrlich sein, sondern auch dein Zustand, um Musik kreieren zu können?

Ja, definitiv.

Wenn du ein Lied geschrieben hast und später nochmal darüber nachdenkst, fragst du dich dann solche Sachen wie: „Ist dieser Song wirklich gut? Kann ich den auf eine CD bringen?“ Weißt du, was ich meine? Denn Menschen sind … manchmal etwas unsicher.

Ja, Wenn ich an so einen Punkt komme, an dem ich mich frage: „Ist das gut genug?“, dann bringe ich einfach alles auf das Album. Für einen Fan ist das vielleicht langweilig. Aber dieses Album hat, wie du siehst, wieder 15 Lieder. Und ich dachte mir: „Dieses will ich nicht runter nehmen. Und wenn ich dass wegnehme, dann kommt die Einstellung, die ich darstellen wollte, nicht mehr rüber.“ Es ist also nicht einfach. Manchmal muss man einfach loslassen und nicht so viel spekulieren und verhandeln. Und die Plattenfirma hat auch ihre eigene Meinung dazu.

Ja genau. Aber du befindest dich in einem System, das durch andere Dinge angetrieben wird, als du. Diese Spannung muss also irgendwie ausbalanciert werden, denke ich mir.

Ja.

Du gehst also nicht los und sagst: Ich mache jetzt ein Album, das „Soul is heavy“ heißen wird.

Nein, nein.

Das ist genau das Gegenteil von dem, was du tust.

Ja. Die meisten Lieder wurden in den letzten drei Jahren geschrieben.

Was erhoffst du dir – legst du deine Seele offen auf den Tisch, so dass jeder daran teilhaben kann?

Weißt du, das ist so, dass ich, ja, man ist nackt, man ist vor der ganzen Welt nackt.

Das ist beängstigend, oder?

Ja. Und deswegen habe ich keine Angst davor, meine Gefühle auf der Bühne zu zeigen. Darum dage ich, es geht über das Physische hinaus. Nacktheit ist so ehrlich, und wenn mehr Menschen nackt wären – zum Beispiel Politiker – wäre diese Welt besser, als sie das zur Zeit ist. Unsere ganze Weisheit hat uns verleitet … Darum haben so viele Menschen Angst davor, sie selbst zu sein, Frauen haben Angst davor, sie selbst zu sein. Wir verhüllen unsere Seelen, unser wahres Ich mit allen möglichen Arten Baumwolle und Make-up. Aber viele Leute nehmen sich daran an Beispiel. Man wird verletzt, man wird definitiv verletzt, wenn man nackt ist, denn viele Leute wollen einem in den Rücken fallen. Sie wollen dich dazu bringen, dass du frierst, wenn du nackt bist, und dann wollen sie dich dazu bringen, dass dir viel zu heiß wird und dich mit Feuer verbrennen, wenn du nackt bist. Und dann gibt es einige, die das nicht wollen. Es geht mir also noch gut, ich kann das ausgleichen. Und ich habe Gott. Es ist also in Ordnung. Und es gibt noch viel mehr Soldaten, nicht nur mich.

Was erhoffst du dir also, wenn jemand dein Album hört, was soll mit seiner Seele geschehen?

Ich will, dass man etwas fühlt, ich will, dass man mit seinem inneren Gott Verbindung aufnimmt und liebt, den Hass, den man fühlt, durch die Musik in Liebe umwandelt,so dass er produktiov wird, zum Vorteil für das Umfeld und einen selbst. Das meinte ich, als ich darüber sprach, Energien zu steuern.

Wie ist das denn, wenn du mit anderen Künstlern zusammen Musik machst? Wir müssen erwähnen, dass Miss Dynamite und Black Thought auf deinem Album sind. Hast du sie auch gebeten, nackt zu sein?

(Lacht.) Du bist witzig.

Danke.

Schau mal, ich bin mir meiner Nacktheit nicht bewusst. Du machst sie mir jetzt bewusst, indem du darüber redest. Ich laufe nicht rum und erzähle dir, wer ich bin. Ich habe Black Thought ausgesucht, weil ich der Ansicht war, dass die Stimmung, die er mitbringt, zu dem Lied „God knows why“ pasen würde. Er ist sehr clever und als MC lässt er einfach raus, wie er sich fühlt. Ich kann mir vorstellen, dass Black Thought einfach ins Studio gegangen ist und alles ganz natürlich herauskam. Er hat nicht herum gesessen und zu weit voraus gedacht. Ich glaube, genau so ist es gewesen. Das gleiche bei Dynamite. Dynamite und ich, wir kennen uns jetzt seit 3 oder 4 Jahren, und wir haben immer mal was zusammen machen wollen. Sie ist zu meiner Show in London gekommen, und sie ist eine echte Freundin von mir aus Jamaica. Ja, wir hatten schon eine natürliche Verbindung zu einander. Und ich glaube, das zählt. Wenn du dich bei jemandem wohl fühlst. Wenn du mir jetzt sagen würdest, ich sollte mit Dr. Dre zusammen arbeiten – ich kenne Dr. Dre nicht, und ich will Dr. Dre kennen, bevor ich mir ihm zusammen arbeite. So bin ich. Das gleiche gilt für Naz. Ich muss jemanden kennenlernen, zumindest ein Gefühl für die Person entwickeln.

Damit er versteht, wie du fühlst.

Ja. Selbst wenn du Hunderttausende von Alben verkaufst und ein cooles Album machen willst – man muss zusammenpassen. Das ist wichtig.

Meine letzte Frage ist, wenn du eine alte Frau bist, vielleicht eine Großmutter, worauf willst du dann zurückblicken? Musikalisch gesehen?

So weit habe ich noch nie gedacht. Ich denke nicht so weit, ich versuche, in der Gegenwart zu leben. Es gab mal eine Zeit, da habe ich zu viel an die Zukunft gedacht und versucht, die Zukunft durch die Gegenwart zu manipulieren. Ich meine, leb doch für das Jetzt. Der Rest kommt, wenn die höhere Gewalt das so will. Ich weiß nur, dass ich wie ein kleines Kind bin. Ich weiß nichts. Ich behaupte, ich wüsste etwas, aber ich weiß nichts. Ich schreie nur und denke und bin naiv. Und wenn dich Naivität inspiriert, dann ist das cool. Schrei mit. Schreit alle mit! Liebe, Frieden, und das war’s!

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