Elzhi – „Als Künstler will man die Hörer bekehren“

Int. Rap

Auch wenn J Dilla und Elzhi nie gleichzeitig Mitglied von Slum Village waren und es leider auch nur wenige Tracks der Beiden gibt, spielte der Ausnahmeproduzent eine wichtige Rolle in der Karriere von Elzhi. Auf Dilla’s „Welcome To Detroit“ hatte er seinen ersten Auftritt auf Platte nachdem er sich zuvor jahrelang im Untergrund von Detroit die Sporen abverdient hatte. Dass Elzhi schliesslich Mitglied von Slum Village wurde soll ebenfalls Dilla eingefädelt haben. Mit dessen Abgang verlor Slum Village ihr Aushängeschild, doch Neuzugang Elzhi war daraufhin ein wichtiger Faktor dafür, dass das Interesse an der Crew bestehen blieb. Die Rap-Fans staunten ab dem straighten Flow, den ausgeklügelten Metaphern und den nie voraussehbaren Reimschemen des kleingewachsenen Reimemonsters. Nach drei Alben konnte man sich Slum Village gar nicht mehr ohne ihn vorstellen. Doch es kam alles anders und bei der vierten Scheibe „Villa Manifesto“ kam es zum Eklat: Elzhi wurde von der Hälfte der Tracks gestrichen, Promotion und Videodrehs fanden ohne ihn statt. Die bewegte und oftmals auch tragische Geschichte von Slum Village ist nun definitiv zu Ende und Elzhi endgültig einzig und alleine Solokünstler. Seinen Einstand gab er mit der hochklassigen Hommage an Nas’ „Illmatic“ und nächstes Jahr soll dann sein zweites offizielles Soloalbum folgen. Wir sprachen mit dem überaus sympathischen Detroiter darüber wie es sich anfühlt, plötzlich zum Solokünstler ohne Deal zu werden, seine Pläne und Ziele, „Elmatic“, wieso man sich heutzutage nicht mehr viel Zeit für ein Album nehmen kann und über seine Heimatstadt.

Da du im Rahmen der “Elmatic Tour” unterwegs bist, lass uns zuerst über dieses Projekt sprechen. Du erwähntest die Idee bereits vor zwei, drei Jahren, ursprünglich war aber geplant, dass verschiedene Produzenten mit denselben Samples die Beats nachbauen. Wie kam es schlussendlich dazu, „Elmatic“ mit der Liveband Will Sessions einzuspielen?
Die Idee mit der Liveband kam daher, dass andere Leute ebenfalls vorhatten einen Tribut an „Illmatic“ aufzunehmen. Da es dies also bereits gab, wollte ich es anders umsetzen, nahm mit Will Sessions Kontakt auf und der Rest ist Geschichte.

Du hast sehr viele gute Kritiken für „Elmatic“ erhalten. Eines deiner Ziele war es aber auch, „Illmatic“ durch dein Projekt der jüngeren Generation vorzustellen. Denkst du, dass die Begeisterung vor allem von älteren Heads kommt, die du mit „Elmatic“ auf die „Memory Lane“ geschickt hast oder konntest du auch das jüngere Publikum abholen?
Ich bin definitiv überzeugt, auch die Kids erreicht zu haben. Gestern bei der Show in München stand ein 16-Jähriger in der ersten Reihe, der alle Lyrics auswendig konnte. Wir nahmen ihn danach sogar Backstage, weil er wirklich jedes einzelne Wort mitrappte. Ich denke schon, dass die Energie von „Elmatic“ die Leute zu „Illmatic“ geführt hat, weil sie herausfinden wollen, woher es ursprünglich kommt. Jeder der durch das Projekt inspiriert wurde ist ein Zeichen für mich, dass ich meinen Job gemacht und meinen Beitrag zu HipHop geleistet habe.

Ich habe kürzlich gelesen, Nas hätte noch keine Zeit gehabt, „Elmatic“ oder auch das Mixtape von Fashawn auszuchecken. Ist das ein wenig enttäuschend für dich, dass er sich nie die Zeit nahm, deinen Tribut anzuhören?
Nicht wirklich, denn ich ging das Projekt aus einer Fan-Perspektive an und weil ich von diesem Album inspiriert wurde zu einer Zeit, als ich selbst ein MC werden wollte. Weisst du, alle sind beschäftigt mit Tourneen und ihren eigenen Problemen im Leben, also bin ich deswegen nicht enttäuscht. Ich weiss zumindest, dass Leute aus seinem Camp das Album hörten und mein Management wissen liessen, dass sie es zu schätzen wissen. Wenn er es hören kann ist das toll, wenn nicht ist es auch okay, wichtig war mir, einen Klassiker zu huldigen.

Du warst auch früher schon Solo unterwegs aber ich denke die letzten Jahre stand Slum Village an erster Stelle. Nun bist du alleine unterwegs, ob du es willst oder nicht. Gab es gewisse Zweifel, ob „Elmatic“ das richtige Projekt ist, um dich als Solokünstler vorzustellen?
Das verrückte ist, dass ich nach der ganzen Geschichte mit Slum Village eigentlich ins Studio wollte, um mein Album fertigzustellen. Die Leute bei Facebook und Twitter hörten aber nicht auf nach „Elmatic“ zu fragen. Ich hatte es bereits über die Originalbeats aufgenommen, veröffentlichte es aber, wie erwähnt, nicht, da andere mir zuvorkamen. Da die Leute aber danach verlangten wusste ich, dass ich es nun herausgeben muss. Ich habe mir auch gar nicht überlegt, wie sich das auf meine Solokarriere auswirkt, sondern ich gab einfach den Fans, was sie wollten.

Du willst vermutlich nicht über die ganze Slum Village-Geschichte sprechen und eigentlich wurde auch ziemlich alles dazu gesagt. Wie fühlst du dich denn aber nun in der neuen Situation? Fühlt es sich an wie eine Befreiung oder sind auch gewisse Zweifel vorhanden?
Es wäre eine Lüge würde ich behaupten, ich hätte gar keine Zweifel. Die Trennung von Slum Village war auf jeden Fall eine harte Zeit. Gott sei dank kam ich aber wieder zurück auf die Beine und mache nun wieder mein Ding. Schlussendlich war es aber etwas vom Besten, was mir passieren konnte. Nun kommen Leute nach den Konzerten zu mir, die mir sagen, wie sehr ihnen die Show und die Musik gefallen haben und wie sie dadurch inspiriert werden. Dies wegen meiner eigenen Musik, die ich zudem noch ohne ein Label auf die Beine gestellt habe. Diese Feedbacks treiben mich weiter an und bringen auch den Spass zurück. Dadurch bin ich wieder motiviert und will zurück ins Studio und noch bessere Musik als zuvor kreieren.

Als Solokünstler bieten sich dir wohl auch viele neue Möglichkeiten. Ich sprach Black Milk und auch Apollo Brown in Interviews darauf an, ob sie es sich vorstellen könnten, mit dir ein komplettes Projekt auf die Beine zu stellen und natürlich wären beide sofort dabei. Sind es momentan vielleicht gar zu viele Möglichkeiten, die dir offen stehen?
Es sind tatsächlich momentan viele Möglichkeiten vorhanden, auch viele Labels, Major und Independent, haben bereits angeklopft. Zudem bin ich auch mit unterschiedlichsten Leuten im Studio. Ich habe gerade Songs mit MF Doom, Mayer Hawthorne, Joe Budden, Kendrick Lamar, Phonte und noch einigen anderen aufgenommen.

Sind dies Kollaborationen für dein kommendes Album „The Feed“?
Nein, das sind Features die ich gemacht habe. Über das Album möchte ich noch nicht zu viel sagen, da ich nicht weiss, welche Songs dann effektiv auf der Platte landen werden. Ich werde es euch wissen lassen, sobald die Scheibe dann auch unterwegs ist.

Weisst du aber mehr oder weniger schon in welche Richtung es gehen wird? Ist es vergleichbar mit deinen vorherigen Solosachen oder den Veröffentlichungen mit Slum Village?
Nein, ich will mich mit jeder Veröffentlichung steigern können. Es geht auf jeden Fall in eine ganz andere Richtung als „Elmatic“ und ich kann es kaum erwarten, bis es die Leute zu hören bekommen. Es ist sowohl textlich, wie vom Konzept und den Beats her auf einem völlig neuen Level und ich bin sehr dankbar in dieser Position zu sein, in der mir die Leute zuhören und darauf warten.

Auf deiner Website steht, dass du dich nicht mehr damit zufrieden gibst „your favorite rapper’s favorite rapper“ zu sein und dass du einen neuen Managementvertrag unterschrieben hast, um deine Karriere aufs nächste Level zu bringen. Das klingt, als würde dir der Respekt nicht mehr genügen und du nach Höherem strebst. Nach was genau?
Das nächste Level bedeutet für mich, ein von den Kritiken wie auch aus kommerzieller Sicht akzeptiertes Klassikeralbum. Das Ding ist, den Fans ist es egal, wenn Leute HipHop nicht mögen oder sie nur den kommerziellen Teil davon feiern. Als Künstler will man die Hörer aber bekehren und sie auf unsere Seite bringen. Denn je mehr Leute auf unserer Seite stehen, desto mehr HipHop hörst du im Radio oder im TV. Deshalb ist es das Ziel, einen Klassiker zu machen, der sowohl von Kritikern wie der breiten Masse anerkannt wird.

So wie ich gelesen habe, entstand dein erstes Album „The Preface“ innert weniger Wochen und auch „Elmatic“ hast du in nur 1,5 Monate aufgenommen. Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt möglich ist, einen Klassiker in solch kurzer Zeit zu erschaffen. Denkst du, dass du dir für einen Klassiker mehr Zeit nehmen musst oder ist dies einfach deine Arbeitsweise?
Wenn ich in einem Rausch bin, dann kann ich einen Song am nächsten raushauen. Da ich ein HipHop-Liebhaber bin und schon seit meinem achten Lebensjahr Reime schreibe, ist es längst in mein Fleisch und Blut übergegangen. Zudem hatte ich das Glück, mit einigen der besten Produzenten aller Zeiten wie J Dilla oder Pete Rock zu arbeiten, so dass ich genau weiss, auf was ich achten muss. Ich würde gerne mehr Zeit in ein Album investieren, aber in den heutigen Zeiten ist das nicht mehr möglich, denn die Leute wollen es sofort. Früher hatten die Künstler die Möglichkeit, zwei Jahre an einem Album zu arbeiten und dann einen richtigen Klassiker vorzulegen. Heutzutage muss man hart und auch schnell arbeiten.

Du hast gerade erwähnt, dass du bereits mit acht Jahren begonnen hast mit Rap, bis zur ersten Veröffentlichung auf Dilla’s „Welcome To Detroit“ verging dann einige Zeit. Damals ging dir dies sicherlich zu langsam, würdest du rückblickend aber sagen, dass es diese Zeit des Sporenabverdienens gebraucht hat, um dich zu dem MC zu machen, der du heute bist?
Auf jeden Fall! Wenn man HipHop ernst nimmt will man immer vorwärtskommen und jedes Jahr soll dein Jahr werden. Aber vielleicht ist es noch gar nicht deine Zeit und du musst erst noch einige Erfahrungen sammeln und an deinen Skills feilen bevor du rausgehst, denn du bist vielleicht nicht so gut, wie du es selber meinst. Ich glaube das alles aus einem Grund und zu seiner Zeit geschieht, auch Dinge, die man zu diesem Zeitpunkt als negativ betrachtet geschehen aus einem positiven Grund. Dass sich Slum Village aufgelöst haben mag auf den ersten Blick negativ erscheinen, bei genauerer Betrachtung könnte es sich aber als etwas Gutes herausstellen, sowohl für mich wie auch für T3. Manchmal ist es einfach nötig auf den richtigen Zeitpunkt zu warten.

In einem Interview sagtest du betreffend deinen Rhyme-Patterns, dass du dich nicht als Nerd aber als Wissenschaftler bezeichnen würdest. Ist der Wissenschaftler immer noch ständig im Labor und tüftelt an neuen Formeln oder war das eher so, als du deinen eigenen Style definiert hast?
Everyday all day! Selbst wenn ich das nicht beruflich machen würde, käme ich ständig mit neuen Patterns und Flows um die Ecke.

Wie kann man sich das genau vorstellen? Sitzt du einfach da und denkst über neue Reimstrukturen und Flows nach?
Weisst du, mich kann im Prinzip alles inspirieren: Ein gutes Essen, ein Film oder ein Videogame. Vielleicht gehe ich auch an ein Konzert von Coldplay oder Radiohead und werde dadurch zum Schreiben inspiriert. Oder ich schaue einfach umher und sehe etwas, dass mich auf eine Metapher bringt und schon entsteht beim Schreiben ein neues Reimschema. So läuft das bei mir und das ist schon seit meiner Jugend so. Ich kann mich erinnern, wie ich früher mit Proof, ruhe in Frieden, stundenlang am Telefon war und über verschiedene Patterns diskutiert habe. Ich komme aus der Ära als dies wichtig war und deshalb ist das in mir drin.


Du hast es sicherlich schon millionenfach erzählt, aber wie war es damals zu den Zeiten des HipHop Shop in Detroit? Da waren wirklich alle am Start oder?

Oh ja, von Eminem über Royce da 5’9“, Obie Trice, Guilty Simpson, Slum Village und so weiter. Es gab Freestyle-Sessions und manchmal auch Battles. Es war eine wirklich coole Zeit.

Das nächste Dilla-Projekt „The Rebirth Of Detroit“ soll dazu da sein, die Künstler von Detroit wieder zusammenzuführen. Vom Zusammenhalt der früheren Tage scheint also nicht mehr sehr viel übrig geblieben zu sein. Wie siehst du das, macht einfach jeder sein Ding?
Die Szene ist an und für dich schon noch vernetzt, aber es gibt verschiedene Klicken. Ich denke aber, dass trotzdem alle dasselbe Ziel verfolgen, nämlich Detroit-HipHop an die Spitze zu bringen. Bei dem Projekt hoffe ich einfach, dass es in einer korrekten Art umgesetzt wird, es nicht das diskreditiert wofür Dilla stand und es zudem seiner Familie hilft.

Abgesehen von Eminem haben die meisten Künstler in Detroit tatsächlich vor allem viel Respekt aber weniger kommerziellen Erfolg. Früher hiess es ja immer, es sei sehr schwierig es zu schaffen, da es in Detroit keine Plattenfirmen und ein nur ungenügendes Netzwerk gibt. Ist es mittlerweile einfach geworden oder hat die Industrie immer noch nicht begriffen, wie viele talentierte Künstler es in der Motor City gibt?
Es hat sich schon verändert. Als wir begannen HipHop zu machen, glaubten viele nicht, dass es in Detroit Talente gibt. Ich kann das nicht verstehen, denn wir hatten in dieser Stadt Motown, neben Soul ist Detroit auch für Techno und Rockmusik bekannt, deshalb nennt man sie auch Rock City. Die Stadt hat seit Anfangs der Neunziger eine sehr lebendige HipHop-Szene, doch das wollten viele nicht wahrhaben bis Künstler wie Dilla, Phat Kat oder auch Eminen den Weg ebneten. Dies hat die Leute förmlich dazu gezwungen, auch andere Künstler in Detroit abzuchecken. Deshalb erhalten nun Künstler wie Big Sean, Guilty Simpson oder auch ich eine Chance.

Detroit kämpft aber auch mit vielen anderen Problemen wie der Armut, Gewalt und hohen Arbeitslosenraten. Wohnst du selbst noch in der Stadt?
Ich pendle zwischen Kalifornien und Michigan. Als ich ein bisschen Geld verdient hatte und in einer finanziell besseren Situation war, zog ich nach Birmingham, Michigan, das ist rund eine halbe Stunde ausserhalb von Detroit. Es ist das Ziel, dich und deine Familie aus der Stadt zu bekommen, denn das ist kein Ort, an dem du deine Kinder aufziehen willst. Zu sagen die Stadt sei abgefuckt wäre eine Untertreibung. Wenn ich dir erzählen würde, wie schlecht es der Stadt geht und du würdest es dir dann mit eigenen Augen anschauen, wäre es noch schlimmer als ich es dir überhaupt erzählen kann.

Nichtsdestotrotz repräsentierst du Detroit, gibt es denn trotz all dieser negativen Seite auch noch etwas, dass du an der Stadt liebst?
Ich repräsentiere die Stadt, weil ich von dort komme, weil es das ist, was ich kenne, es in mir drin ist und es dort Leute gibt, die ich Liebe und als meine Familie bezeichne. Ich bin mir nicht zu gut um auch weiterhin in die Hood zu gehen und mit meinen Leuten abzuhängen. Aber dort zu leben kann ich mir nicht mehr vorstellen, ich will bessere Sachen sehen.

Interview: Fabian Merlo

Int. Rap