Atmosphere – „95 Prozent meiner Songs sind reine Fiktion“

Int. Rap

Möchte man jemandem erklären, wieso für eine erfolgreiche Musikerkarriere nicht zwingend die Unterstützung eines Majorlabels vonnöten ist, würden Atmosphere als sehr gutes Anschauungsbeispiel taugen. Seit bald 15 Jahren bringt die Truppe aus Minneapolis ihre Projekte (fast) ohne Hilfe von grossen Labels an die Kundschaft und seit 1995 führen sie erfolgreich ihre eigene Plattenfirma Rhymesayers Entertainment. Über die Jahre wurden sie so zu einer der erfolgreichsten Independent-HipHop-Gruppen, was sich zuletzt nicht nur in einer grossen Fangemeinde, sondern auch in mehr als respektablen Charterfolgen niederschlug: Ihr 2008 releastes „When Life Gives You Lemons, You Paint That Shit Gold“ erreichte Rang 5 der US-Charts und der neuste Streich „The Family Sign“ stieg auf Platz 13 ein. Auf der neusten Scheibe führen sie den bereits auf dem Vorgänger begonnen Prozess, vermehrt mit Liveinstrumentierung zu arbeiten, konsequent weiter. Die stets einzigartige Sampleauswahl von Ant wurde gar komplett durch Selbsteingespieltes ersetzt. Doch nicht nur musikalisch machten Atmosphere eine grosse Veränderung durch, auch Slug hat sich inhaltlich neu ausgerichtet. Wie genau erklärt er uns in diesem ausführlichen Gespräch, das genau so wenig Phrasendrescherei beinhaltet wie ihre Alben. Slug gewährt uns nicht nur einen spannenden Blick hinter die Entstehung der neuen Scheibe, sondern beweist auch die unter Rappern seltene Gabe, seine Kunst zu hinterfragen, Selbstkritik zu üben und zwar die Musik aber nicht sich selbst zu ernst zu nehmen.

Seit „When Life Gives You Lemons“ habt ihr euren Produktionsstil verändert und arbeitet vermehrt mit Instrumenten. Für die neue Scheibe wurden sogar zwei Musiker zu festen Bandmitgliedern ernannt. So weit ich weiss, spielt ihr aber bereits seit ungefähr zehn Jahren live mit Band. Wieso dauerte es so lange, bis ihr diesen Schritt auch im Studio gewagt habt?
Wir begannen 2006 mit Livemusikern aufzunehmen, als wir an den verschiedenen „Sad Clown“ Veröffentlichungen arbeiteten. Die Band kam bereits 2005 zusammen, doch zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Platte „You Can’t Imagine How Much Fun Were Havin“ bereits fertiggestellt. Die Band ging dann mit uns auf Tour und lernte entsprechend die Songs des Albums. So entwickelte sich das mit der Zeit, wir tourten viel zusammen und sie arbeiteten an „When Life Gives You Lemons“ mit. Zu diesem Zeitpunkt spielten sie aber vorwiegend Samples nach oder interpretierten diese neu. Das änderte sich dann bei der „To All My Friends“ EP und der aktuellen Platte „The Family Sign“, bei denen sie nicht mehr Samples nachspielten, sondern ihre eigenen Ideen einbrachten. Der Grund wieso wir die Produktionsweise änderten war wohl einfach, weil wir schauen wollten, ob wir es können. Es versteckt sich kein Statement dahinter, wir wollten es einfach ausprobieren. Ich kann dir auch nicht sagen, was als Nächstes kommen wird. Samples wurden sehr teuer über die letzten zehn Jahre, doch nun sinken die Preise wieder.

Tatsächlich, wieso denn das?
Mittlerweile benutzt fast niemand mehr Samples, so dass diejenigen, welche die Rechte an der Musik besitzen, gemerkt haben, dass sie damit kein Geld mehr verdienen und somit mit den Preisen wieder herunterkamen. Vielleicht machen wir ja deshalb wieder eine Platte mit Samples. Ich weiss wirklich noch nicht, was als Nächstes kommt. Genau so wenig kann ich begründen, wieso wir begannen mit der Band zu arbeiten. Der beste Grund den ich dir nennen kann ist wohl, dass ich mich selber aufschrecken wollte. Ich erreichte einen Punkt, wo ich nicht mehr nervös war auf der Bühne. Ich konnte sogar zu viel trinken und problemlos mein Set spielen. Irgendwann wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen kann und ich gefeuert werde, wenn ich nichts ändere und meinen Job ernster nehme.

Die Nervosität ist auch wichtig wegen dem Adrenalin.
Das auch, aber wenn es dir egal ist, was die Leute unten davon halten, was du da oben veranstaltest, dann bist du dir deiner Sache etwas zu sicher. Wenn du zu selbstsicher und eingebildet daherkommst, wirst du früher oder später ersetzt. Wenn ich zurückblicke auf meine Rap-Helden, dann sind diejenigen verschwunden, die sich nicht entwickelt haben. Sie haben sich nie selbst herausgefordert und dachten, sie könnten denselben Song immer und immer machen. Auch ich hatte das Gefühl, immer wieder denselben Song zu schreiben, deshalb sah ich die Zeit gekommen, mich und auch die Zuhörer herauszufordern. Wenn keine Herausforderung mehr da ist, kann ich auch Truckfahrer werden, denn da ist man jeden Tag gefordert.

Wie kann man sich die Entstehung der Songs genau vorstellen, da die Platte nicht einfach auf nachgespielten Samplebeats von Ant basiert?
Ich vergleiche die Rolle von Ant immer mit Quiny Jones. Er sagt beispielsweise, er wolle eine Bassline, die sich so und so anhört und gibt seinen Input. So kann man sich die Entstehung vorstellen, ich war aber während des Prozesses überhaupt nicht vor Ort, was sehr cool war. Ich wurde gerade Vater und blieb zuhause bei meiner Frau. Ant brachte mir jeden Tag die Ergebnisse ihrer Sessions, so dass ich nur im Haus war und ass, denn meine Frau war ständig am Kochen.

Du hattest also auf den musikalischen Teil keinerlei Einfluss?
Nein überhaupt nicht, beziehungsweise erst in der Postproduktion. Nachdem die Songs aufgenommen waren, gab ich meinen Input dazu. Beispielsweise bei „Something So“, dem Song für meine Kinder, schlug ich vor, dass im Laufe des Tracks doch noch Drums hinzukommen, denn anfänglich hatte er gar keine Drums. So konnte ich die Songs doch noch leicht verändern, auf die Geburt der musikalischen Ideen hatte ich aber überhaupt keinen Einfluss.

Das finde ich einigermassen erstaunlich, da es eine sehr persönliche Platte ist, du aber eigentlich gar keinen Einfluss auf den musikalischen Vibe nehmen konntest.
Das hatte ich aber nie. Ant und ich arbeiteten nie so.

Wenn sie nun aber mit Beats ankommen, die überhaupt nicht zu dem passen, was du gerade schreiben willst?
Nun, das konnte ich steuern, denn es gab sehr viele Beats, die ich nicht verwendete. Sie sassen jeden Tag acht Stunden im Studio und dabei entstanden drei bis vier Beats täglich. Darauf schrieb ich dann vielleicht zwei Songs pro Tag und wenn mir an einem Tag mal nur ein Beat gefiel, hatte ich ja immer noch welche von gestern oder letzter Woche. Ich konnte also auf eine sehr grosse Auswahl zugreifen.

Du hast die Richtung des Albums also vor allem durch dein Beat-Picking beeinflussen.
Genau, dadurch konnte ich die Richtung steuern. Auch jetzt habe ich auf meinem Laptop noch etwa 150 Beats von diesen Sessions und teilweise habe ich plötzlich eine Idee, die zu einer dieser Skizzen passt. Doch zurück zur Entstehung der Platte: Ich hatte wie gesagt keinen Einfluss auf die Entstehung der Beats, sie konnten daraufhin aber auch nicht beeinflussen, was ich dazu schrieb. Schlussendlich kamen wir dann zusammen und arbeiteten gemeinsam an den Songs und versuchten, das bestmögliche herauszuholen, in dem wir uns gegenseitig beeinflussten. Jeder von uns vier hat also Einfluss darauf, was nach der Geburt geschieht. Man kann zwar nicht beeinflussen wie das Baby aussieht, aber du kannst beeinflussen, wie es sich benimmt. Manchmal brachten sie mir zwar richtig schräge Sachen und auch sie konnten teilweise nicht verstehen, was ich da gerade geschrieben habe, aber trotzdem haben wir eine grossartige Beziehung.

Trotzdem musstet ihr bereits in eine Gruppentherapie gehen (Anm.: Ein Anspielung auf diese Promovideos).
Das war aber nicht echt.

Ist schon klar, trotzdem wirkt es nicht wie eine Parodie, es macht den Anschein, als verstecke sich dahinter mindestens ein Funke Wahrheit.
Nun, der Doktor ist tatsächlich echt. Er ist übrigens mein Schwiegervater. Es bestand also schon eine gute Beziehung zwischen ihm und der Band, da er alle schon kannte und wir konnten es problemlos filmen. Es war schon ein Ziel, dass sich die Leute im ersten Moment fragen, ob dies nun echt sei. Natürlich merken sie dann, dass es nicht so ist und fragen sich, wieso wir das machen. Es sollte unterhaltend sein aber gleichzeitig auch ein bisschen ein unbehagliches Gefühl hinterlassen.

Du hast die Musik der Platte als „Minneapolis Sound“ beschrieben. Wie meinst du das genau?
Es ist eine kalte Platte. Zudem sind alle Songs irgendwie abgeleitet von unseren Lieblingssongs. Ich denke dies macht den Sound aus Minneapolis aus, es ist zumeist von anderem abgeleitet. Atmosphere oder Brother Ali beziehen ihren Einfluss von Leuten wie Gang Starr oder KRS One und wir machen unsere eigene Version davon. Wenn man die Geschichte von Minneapolis anschaut, dann waren Künstler wie The Time oder Prince eine Ableitung dessen, was gerade in der Black Music angesagt war. Oder The Replacements bezogen ihren Einfluss von den Rolling Stones und Punk-Rock. Diese Künstler waren also allesamt von anderem beeinflusst, doch sie erschufen daraufhin selbst grossartige Musik. Ich denke der Punkt ist, dass man seine Idole beeindrucken will. Auch wenn du diese vielleicht nie trifft und ihnen nie deine Musik vorspielen kannst, willst du doch nicht nur dich selbst, sondern auch den Spirit dessen, was dich beeinflusste, beeindrucken. Ich denke diese Mentalität macht Minneapolis aus. Das kommt vermutlich daher, dass wir so weit weg sind von dort wo die Kunst- oder die Musikwelt wirklich stattfindet. Ich denke wir haben auf „The Family Sign“ die Einflüsse von Gruppen wie The Time, Prince oder gar The Replacement versucht zu kanalisieren und nicht nur Guru und KRS. Ich würde sagen, dass Prince bei der Hälfte der Songs ein riesiger Einfluss war. Das hört man den Songs wohl nicht an, aber in meinem Kopf war es so, zumindest musikalisch. Lyrisch gesehen weiss ich nicht, was zum Teufel das für eine Platte ist. Inhaltlich geht es in völlig verschiedene Richtungen. Ein Song wie „Ain’t Nobody“ hätte ich vor drei, vier Jahren niemals geschrieben. Auf jeder unserer Platten hat es einen Song, den ich etwas eigenartig finde. Wenn das auf jeder Platte der Fall ist, ist dies aber vielleicht gar nicht mehr so sonderbar. Bei diesem Album sind es aber etwa sechs Songs, die wirklich komisch geworden sind. Etwa „Just For Show“, auf dem ich so langsam rappe, was eigentlich gar nicht mein Style ist, sondern eher an EPMD erinnert. Dann beginne ich den Song auch noch mit „So Whatcha Sayin“. Oder auch der Song über meine Kids: Ich weiss, dass ich dafür bekannt bin, angreifbaren Rap zu machen, aber das ist wohl der verletzbarste Song der jemals geschrieben wurde. Der Text erinnert mich an eine Mischung aus Ghostface und Dr. Seuss, also eine Mischung aus Komplexität und simplen Reimen. Auf dem Song reime ich: „We only get to live one time but twice my life stood in some sunshine“. Was für eine abstrakte Art zu sagen, dass ich zwei Kinder habe. Das erinnert mich dann irgendwie an Ghostface, während der Reim „time“ auf „shine“ natürlich total simpel ist. Das ist irgendwie komisch für jemanden, der immer versuchte möglichst ausgefallene Mehrfachreime zu finden. Damit wollte ich andere Rapper beeindrucken, doch irgendwann war mir das egal und ich wollte auch nicht mehr der „Lyricist of the Year“ werden. Mir ging es nur noch darum, einen guten Song zu schreiben. Ich erinnere mich, wie ich während der Albumproduktion meinen Freund Aesop Rock anrief und ihm sagte, es sei eine sehr komische Platte für mich ist und ich sei mir nicht sicher, ob ich frustriert bin. Er kritisierte mich dann und meinte, ich wolle ein Songwriter sein, dabei solle ich doch einfach nur versuchen ein doper Rapper zu sein. Er hat mich also nicht verstanden. Gleichzeitig hat er aber auch recht. Was ist mit mir geschehen, dass ich plötzlich das Gefühl habe, ein Songwriter sein zu können? Eigentlich wollte ich doch immer nur ein doper Rapper sein und offensichtlich mochte Aesop meine Musik besser, als dies noch mein Ziel war.

Du sagst nun, dies sei eine komische Platte mit vielen schrägen Songs geworden, während der Pressetext von der persönlichsten Platte euerer Karriere spricht. Ich weiss, dass die Künstler nicht immer mit diesen Texten übereinstimmen, wie sieht dies bei dir aus?
Meistens sind sie nicht der gleichen Ansicht und mir gehört das Label sogar und trotzdem bin ich nicht derselben Meinung. Jemand vom Label hört sich die Platte an und verfasst aufgrund der Eindrücke diesen Pressetext. Wenn diese Person die Scheibe so interpretiert, dann behaupte ich nicht, sie liege falsch. Deshalb habe ich nicht dagegen protestiert. Ich wusste aber, dass mich die Leute darauf ansprechen werden und meine Standardantwort darauf ist folgende: Die Platte ist sehr persönlich vor allem im Vergleich zum Vorgänger. Auf „When Life Gives You Lemons“ habe ich zwar auch meine moralischen Codes und meine Auffassungen geteilt, es gab aber sehr viel Fiktion. Die neue Platte hat dies alles auch, dann aber beispielsweise auch einen Song über meine Kinder oder über häusliche Gewalt, was beides sehr persönliche Themen sind. Auf einem anderen Track sage ich meiner Fanbase mehr oder weniger sie sollen aufhören zu jammern. Das ist auch eine sehr persönliche Sache für mich, denn eigentlich sollte man nicht meinen, man könne sein Publikum kritisieren. Das ist eigentlich verboten. Irgendwie sind diese Tracks also schon persönlich oder zumindest eine weiterentwickelte Variante der früheren Songs, bei denen ich mich vor allem über das Leben, meine Fehler und die Position in die ich mich brachte, weil ich nur hinter Whiskey und Vaginas her war, beschwerte. Hier zeigt sich die Entwicklung, denn nun jage ich nicht mehr Whiskey und Frauen hinterher, sondern suche Lösungen und Lebensqualität. Das kommt dann dabei heraus. Natürlich gibt es immer noch Kritik im soziologischen Sinn und kleine versteckte Botschaften, aber im Grossen und Ganzen bin ich nicht mehr der Sad Clown, sondern ein glücklicher Vater. Ich weiss zwar nicht, ob glücklich das richtige Wort ist. Sagen wir der skeptische, nein, der optimistische Vater. Für mich ist dies eine völlig logische Entwicklung, ich bin mir aber bewusst, dass ein 19-jähriger Hörer das vielleicht nicht verstehen kann. Ich habe diese Veränderung aber gelebt und daher ist es für mich völlig logisch. Wohin hätte ich auch sonst gehen sollen? Entweder wird aus dem Sad Clown ein optimistischer Vater oder er verwandelt sich in einen soziopathischen Typen mit Maschinengewehr. Ich habe den gesunden Weg gewählt (lacht).

Du schreibst mittlerweile vermehrt auch Songs aus einer beobachtenden Perspektive. Kommt dies daher, dass du eine stabilere Person geworden bist und dich deshalb auch mehr auf anderes konzentrieren kannst als nur über deine eigenen Probleme zu schreiben?
Das könntest du Recht haben damit. Ich bin mir selber nicht ganz sicher, woher das kommt. Gleichzeitig war es aber auch eine bewusste Entscheidung, mehr Sachen zu schreiben, die ganz offensichtlich fiktional sind. Der Grund dafür war, dass ich das Gefühl hatte, zu einem Aushängeschild für autobiographische Texte geworden zu sein. Dabei waren ganz viele Songs, welche die Leute für autobiographisch hielten, frei erfunden. Die Hörer hatten das Gefühl, ich sei wirklich dieser Sad Clown, der eines Tages mit der Whiskeyflasche in der Hand sterben wird. Ich habe zwar viel getrunken und ich hatte meine Probleme, aber es war nicht so schlimm, wie es die Songs projiziert haben. Ich habe verschiedene Charaktere erschaffen und nur einer davon war wirklich ich.
Ich war inspiriert von Künstlern wie Tom Waits oder Slick Rick, der zum Beispiel einen Song hat, bei dem er im Gefängnis vergewaltigt wird. Haben wir wirklich gedacht, dass er vergewaltigt wurde?

Wir hofften zumindest, dass es nicht so ist ☺.
Wäre es wirklich passiert, hätte er wohl kaum darüber gerappt. Ich erzählte viele Geschichten in der ersten Person, da das im Rap einfach meist so gemacht wird. Irgendwann war es mir aber wichtig, Geschichten zu schreiben, bei denen es sofort klar ist, dass sie erfunden sind. Ich wollte nicht mehr gefragt werden, ob ich nun über Lucy hinweg sei. Die Leute sollten begreifen, dass ich ein Rapper, Storyteller und Entertainer bin und auch schon immer war. Klar gab es persönliche Songs wie „Yesterday“ oder „God’s Bathroom Floor“, die wirklich wie ein Tagebuch waren aber 95 Prozent meiner Songs sind reine Fiktion und das wollte ich den Leuten begreiflich machen. Ich zeige damit auch, dass ich wahrscheinlich auf dem Niveau eines Achtklässlers schreibe. Ich habe nun einfach von der ersten in die dritte Person gewechselt und lasse am Schluss alle sterben, weil ich nicht weiss, wie man sonst einen Song beendet. Das macht mich sehr angreifbar, denn so merkt man, welch ein Amateur ich als Geschichtenerzähler bin. Aber ich will besser werden und die einzige Möglichkeit dazu ist es, weiterhin solche Texte zu schreiben und sie den Leuten zu präsentieren. Denn erst wenn man sie den Hörern zugänglich macht, beginnt man sich selbst zu kritisieren und beim nächsten Mal macht man es dann besser.

Wie ich gelesen habe ist bei euch der letzte Song eines Albums immer eine Andeutung auf die nächste Platte. Vielleicht liegt es an mir aber ich sehe den Zusammenhang zwischen „In Her Music Box“ und dem neuen Album nicht.
„In Her Music Box“ ist der Link zu der EP „To All My Friends“. Ich würde sagen der Song ist der Anfang dessen, mehr über das Thema Familie zu sprechen. Ich wusste, dass ich über Eltern-Themen schreiben wollte, was bislang kaum jemand wirklich gemacht hat auf einer Rap-Platte. Auf „To All My Friends“ ging es um das Elternsein und um Beziehungen, bei „The Family Sign“ wollte ich aber auch zeigen, dass es Leute in deinem Umfeld gibt, die zwar nicht zu deiner Familie gehören, die aber viel wichtiger für dich sind als deine wirkliche Familie. Familie bedeutet nicht nur Geschwister oder Eltern, es sind die Leute, die dir wichtig sind. Gleichzeitig muss man auch erkennen, dass der Typ, den du in der Bar triffst, nicht dein Freund, sondern nur ein Bekannter ist. Darum dreht sich die Platte. Wir nennen die Leute Familie, mit denen wir Blutsverwandt sind, aber einige dieser Leute sollten wir vielleicht gar nicht als Familie bezeichnen. Gleichzeitig gibt es Leute, die wir jeden Abend sehen, die wir aber nicht als Freunde bezeichnen sollten. Wir müssen etwas vorsichtiger sein, in welcher Beziehung wir zu den Leuten stehen. Es ist sehr schwierig zu erklären.

 

Ich weiss was du meinst. Was sagt uns nun der letzte Song „My Notes“ über das nächste Album? Wird es optimistischer?
Es ist optimistischer und soll auch dem Fakt gerecht werden, dass eine Bewegung grösser ist als die Summe seiner Bestandteile. Jeder Fehler den wir machen hat nicht nur einen Einfluss auf unser eigenes Leben, sondern wirkt sich auch auf alle anderen aus. Wir müssen uns deshalb mehr Gedanken bei unseren Entscheidungen machen. Beispielsweise sollte man sich nicht an der Party so gehen lassen, dass deine Freunde den Babysitter für dich spielen müssen. Du denkst vielleicht, dies sei die Party, aber das ist es nicht, denn dein Verhalten hat Einfluss auf alle deine Freunde die dort sind. Man muss deshalb verantwortungsvoll handeln. Für mich bedeutet das Movement, dass es für uns an der Zeit ist zu begreifen, dass wir nicht so wichtig sind, wie die Leute, die wir mit unserem Handeln tangieren. Wir tendieren aber dazu, so zu tun, als seien wir das wichtigste. Das gilt gerade für uns Musiker, denn wir stehen auf der Bühne über den Leuten. Auf „My Notes“ sage ich, dass ich immer weiter mache, so lange ich kann, aber dass ich realisiere, dass ich nur ein Tropfen im Ozean bin. Ich bin nur ein Teil von etwas viel Grösserem und ich will Bescheiden sein und dem gerecht werden. Es fühlt sich komisch an, wenn die Leute dich zu etwas viel Grösserem machen wollen, als du eigentlich bist. Aber so ist das wenn man ein Teenager oder in den früheren Zwanzigern ist, dann formt man seine Identität durch das, was man konsumiert anstatt seine Identität dazu zu benutzen, zu entscheiden, was man konsumiert. Macht das Sinn? Es ist völlig normal in diesem Alter. Trotzdem muss man aufpassen und man sollte den Scheinwerfer besser auf sich selber richten, anstatt zu irgendwelchen Rappern, Sportlern oder Schauspielern aufzuschauen.

Aber das macht tatsächlich jeder, du willst oder wolltest ja auch deinen Rap-Idolen imponieren.
Natürlich und vielleicht ist es auch völlig albern von mir die Ansicht eines 35-Jährigen einer 15-Jährigen erklären zu wollen. Aber ich habe keine Wahl, ich kann nicht plötzlich die Ansichten von 15-Jährigen rausposaunen. Was ich dir sagen kann ist, dass die Leute im Publikum viel cooler sind als die Leute auf der Bühne. Ich weiss wovon ich rede, denn das sind alles meine Freunde. Die Leute im Publikum kennen sich nicht und kommen aus verschiedensten Teilen des Landes aber alle aus denselben Gründen. Sie wollen Musik hören, Spass haben und den Druck von der Arbeit oder Schule ablassen. Sie investieren ihr Geld und ihre Zeit um hier zu sein. Das ist ein grösseres Statement als jede Aussage, die heute Abend auf der Bühne gemacht wird. Die Leute sagen damit, dass dies ihr Weg ist, um kurz aus ihrem täglichen Bullshit auszubrechen. Man ist in einem Raum mit Leuten die man nicht kennt und teilt mit ihnen diesen Moment. Die ganze Occupy-Bewegung baut eigentlich auf dem gleichen Prinzip auf, auch diese Leute kennen sich nicht, versammeln sich aber aus denselben Gründen. Das erlebe ich jede Abend wenn ich auf Tour bin und daraus kann wirklich eine grosse Bewegung entstehen mit völlig unterschiedlichen Menschen. So wird aus dem Konzert ein Protest gegen deinen beschissenen Job, deine Eltern oder deine Klasse, du weisst es nur nicht. Nicht nur, dass du es nicht weisst, du gibst sogar noch Geld aus, um es tun zu können. Es gibt Tausende Proteste, die nichts kosten, welche dich aber genauso mit den Leuten um dich verbinden. Klinge ich eigentlich, als hätte ich Pott geraucht vor dem Interview? Ich habe nur ganz ein bisschen Weed geraucht (lacht).

Vielleicht ein wenig ☺. Hast du denn das Gefühl, du müssest den Leuten bei einer Show mehr bieten als nur gute Musik, so dass sie mit einer bestimmten Message nach Hause gehen?
Ich denke, dass du ihnen das geben solltest, was du gerade fühlst. Sie vertrauen dir so sehr, dass sie dich supporten also kannst du sie auch mal herausfordern, auch wenn sie dann nicht immer einig mit dir sind. Ich sagte schon Dinge auf der Bühne, bei denen die Leute nach Hause gingen und mir Mails schrieben und sagten, sie wären nun keine Fans mehr.

Beispielsweise?
Ich kritisierte mal weisse Mädchen mit Dreadlocks. Das ist das Zeichen einer Religion und sie tragen es um ihre Mutter anzupissen oder aus modischen Gründen. Wenn man Rastafari ist dann ist es cool Dreadlocks zu haben, wenn du ein Trustafarian bist dann nicht. Nach solchen Aussagen bekomme ich dann E-Mails, in denen sie sich beschweren, dass ich nicht wisse wie hart es sei für eine junge Feministin. Was hat das bitte mit Feminismus zu tun? Ich disse nur deine Dreadlocks. Würde ich eine Kippa tragen wäre das auch respektlos, da ich kein Jude bin. Wie kam es dazu, dass wir über das reden?

Keine Ahnung, also kommen wir zu etwas ganz anderem. Ich habe gelesen, es solle einen vierten Teil der Felt-Alben mit Murs geben. Dieses Mal ginge es aber nicht um eine Schauspielerin, sondern um Heidi Fleiss.
Ich sagte das mal am Ende eines Songs, das war aber nur ein Witz. Wir haben nicht mit einem vierten Teil begonnen, vielleicht wird es noch einen geben, vielleicht auch nicht. Wir planen diese Alben nie, es ist immer abhängig von unseren Terminkalendern und dann passiert es spontan, wenn wir sehen, dass beide gerade nicht auf Tour sind. Seit dem letzten Felt-Album haben wir beide geheiratet, ich wurde zum zweiten Mal Vater und so haben wir noch weniger Zeit neben dem Touren. Vielleicht werden wir also nie Zeit haben für einen vierten Teil. Drei ist eine gute Zahl, vielleicht wäre es besser, nun aufzuhören. Oder wir sollten den vierten Teil nur präsentieren und wir geben die Fackel an zwei andere Rapper weiter. Das wäre fresh, so würde Felt zu einem Brand werden.

Wer käme dafür in Frage?
Ganz viele, zum Beispiel Grieves. Und sie wären ganz sicher viel besser als ich und Murs (lacht).

Rhymesayers gibt es nun bereits seit 15 Jahren, was beachtlich ist in diesem kurzlebigen Musikgeschäft…
(unterbricht) Ich muss ehrlich sein, mit der Führung des Labels hatte ich nie sehr viel zu tun, ich war meist auf Atmosphere fokussiert. Wir haben früh gelernt, dass jeder das machen soll, was er am besten kann.

Das wäre die Frage gewesen, denn es ist sicherlich schwierig zwischen Künstler und Geschäftsmann zu switchen.
Du willst nicht, dass ich rechnen muss. (Zu seinem Tourmanager) Sag ihm wie schlecht ich in Mathematik bin.

Tourmanager: Er ist sehr gut in Mathematik.
(lacht) Mit solchen Sachen sollte ich definitiv nichts zu tun haben. Bei gewissen Entscheidungen bin ich schon involviert, aber eigentlich geniesse ich es vor allem, ein Künstler sein zu können.

Hast du auch keinen Einfluss darauf, wer gesignt wird?
Wir haben eigentlich nie Leute im klassischen Sinne gesignt, wir arbeiten mit Freunden. Blueprint ist ein gutes Beispiel dafür. Ich traf ihn vor 12 Jahren in Cincinnati, da er zu dieser Zeit dort lebte. Wir begannen dann zusammen Shows zu spielen, er war später mein Backup und wir wurden gute Freunde. So machte es nur Sinn, seine Platten bei Rhymesayers zu veröffentlichen. Ähnlich bei Evidence: Ich kenne ihn seit ganz früher, als seine Platten noch bei ABB erschienen. Über die Jahre wurden wir immer bessere Freunde und er und Brother Ali sind sogar sehr gute Freunde geworden. Es gab niemanden bei unserem Label, zu dem wir gar keine persönliche Beziehung hatten. Am ehesten war das bei Doom der Fall, der jedoch ein guter Freund von Sadiq wurde, der einer der Jungs ist, die das Label tatsächlich führen. Sie sind beide etwas älter als wir und konnten sich daher gut über diesen Altherrenscheiss austauschen.

Interview: Fabian Merlo

Int. Rap