Charles Bradley – Ich möchte glücklich sein genau wie jeder andere auch.

Int. Rap

Charles Bradley hat eine Hollywood reife Biographie. Über Jahre lebte er ohne festes Zuhause, struggelte sich durchs Leben, arbeitete über 30 Jahre als Koch und träumte aber sein ganzes Leben davon, Musik zu machen und ein Album aufzunehmen. Mit 62 Jahren wurde dieser Traum Wirklichkeit. Entdeckt vom Soul Revival Label Daptones, veröffentlichte Charles Bradley im letzten Jahr sein Album „No Time for Dreaming“ und tourt seitdem um den ganzen Globus und löst mit seiner unglaublichen Stimme wahre Begeisterungsstürme aus! Wir trafen den bescheidenen Sänger vor seinem Konzert in Zürich!

 

Du bist bekannt als emotionaler Live-Act. Ist es schwierig immer dein Inneres nach Aussen zu kehren?

 

Ich lasse gern einfach meine Gefühle heraus. Wenn ich jemandem helfen kann, wenn ich sehe, dass jemand in einer tiefen Depression steckt, dann bete ich für ihn. Ich versuche zu helfen, so gut ich kann.

Okay. Du hast vor kurzem dein erstes Album herausgebracht. Du musst einer der ältesten Künstler sein, die ihr erstes Album herausbringen. Wie war das für dich? Hast du dein ganzes Leben davon geträumt?

 

Ja. Man muss so viel machen. Dann wird einem gesagt, du musst aufnehmen, du musst dies oder das tun. Eigentlich will ich immer weiter in Clubs spielen, meine Show machen,
Und dann traf ich Tom. Tom sagte eines Tages zu mir: “Du musst eine Aufnahme von mir machen.” Er hat mich eines Tages zu einer seiner Proben mitgenommen. Er hat nur so vor sich hin gespielt. Die Musik, die ich hörte, gefiel mir. Also schnappte ich mir das Mikrofon und fing an zu singen. Dann sagte er zu mir: “Ich möchte dich aufnehmen.” Aber dann hörte ich drei Jahre lang nichts von ihm.

Warum nicht?

 

Ich dachte, das wäre wieder so eine Situation, wo jemand sagt, er will etwas aufnehmen und dann nichts macht. Also ging ich einfach weiter zu meinen Shows, in New York, Brooklyn und so weiter, machte meine Shows. Dann rief er eines Tages an und sagte: “Ich bin nach Brooklyn gezogen.” Und dass ich vorbeikommen und mit ihm etwas aufnehmen könnte. Er gab mit eine Adresse und ich fuhr hin. Zu dem Zeitpunkt hatte ich Depressionen, weil ich geraden meinen Bruder verloren hatte.

Wie lange ist das her?

 

Das war vor etwas zwei Jahren. Und wir fingen an, darüber zu reden. Er sagte, ich sollte das in meiner Musik verarbeiten. Ich sagte ihm, ich kann damit nicht so umgehen. Da sind zu viele Gefühle im Spiel. Wir unterhielten uns also, und er machte mir einen Hot Toddy. Wir saßen auf seiner Terasse. Dann fing er drinnen im Zimmer an, Klavier zu spielen, und ich fing auch an, Klavier zu spielen. Und er nahm das auf Band auf. Dann schlug er vor, wir sollten in sein Schlafzimmer gehen, weil er da ein Klavier und ein Keyboard und eine Menge Aufnahmegeräte hatte. Er fing also an aufzunehmen, und dann ging es schon weiter, dass wir mehr aufnahmen. Und am nächsten Tag kam ich zurück, um weiterzumachen. Dann spielte die Band ihren Teil dazu ein. Dann rief er eines Tages an und fragte: “Charles, was machst du gerade?” Als ich hinfuhr und die Musik hörte, war ich erschüttert.

Warum?

 

Es tat mir so sehr weh.

Zu viele Emotionen?

 

Ja, es war zu viel. Sie gaben mir eine Kopie der Aufnahmen, die ich meiner Mutter brachte. Ich sagte: “Hör dir das an.” Meine Mutter hörte es sich an und fing an zu weinen. Da wusste ich, dass es etwas ganz Besonderes war. Sie sagten: “Charles, wir wollen ein Album machen. Erzähl uns mehr von dir.” So entstand “Lovin‘ you baby”, ein Lied, das ich fast vergessen hatte. “How long” ist eine wahre Geschichte. Alles, was in dem Lied erzählt wird, ist wahr. Deswegen wollten sie, dass ich die Tete schrieb – weil ich sage, was ich in meinem Herzen fühle. Sie schrieben die Melodien dazu und ließen mich das ganze singen. Darum kann ich jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehen, das ausleben, was ich fühle.

Wie kannst du das schaffen, auf der Bühne so viele Gefühle zu durchleben? Wenn du diese Songs jeden Abend wirklich durchlebst …

 

Glaub mir, anfangs war das schwierig. Ich habe damals tatsächlich auf der Bühne geweint. Ich musste versuchen, meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Oft sagte mir dann jemand: “Charles, du hast ein Stück Text vergessen.” Aber je mehr ich das nun mache, und wenn ich mir die Gesichter der Leute anschaue, dann sehe ich deren Schmerz. Und ich sage ihnen dann, das ist in Ordnung. Mach weiter! Wenn ich nicht an Gott glauben würde, wäre ich jetzt nicht hier. Denn meine Seele und mein Körper sind durch die Hölle gegangen. Viele Leute machen dann verrückte Sachen. Aber meine Großmutter hat mir immer gesagt: “Denk an Jesus am Kreuz. Was auch immer dir passiert, vergib den Leuten, denn sie wissen nicht, was sie tun.” Ich habe einiges in den Tagen der Segregation mitgemacht – die Dinge, mit denen man umgehen musste, was Leute zu einem gesagt haben … Polizisten haben mich festgenommen – wofür weiß ich nicht … Alles, was mir passiert … Wenn ich nicht Gott in meiner Seele hätte, wenn ich nicht Gott in meinem Herzen hätte, hätte ich es nicht geschafft. Aber ich glaube daran, dass es einen Schöpfer gibt – ob man ihn nun Gott nennt oder anders – ich glaube, dass es einen Schöpfer gibt, der uns alle liebt. Ich danke Gott dafür, dass ich wirklich an ihn glaube, und halte mich an meinem Glauben fest.

 

Man sagt ja, wenn man Krisen durchläuft, entweder wird es besser oder du wirst bitter. Wieso bist du nicht bitter, sondern besser geworden? Wenn ich hier so neben die sitze, als Weißer, und du hast wahrscheinlich nicht nur gute Erfahrungen mit Weißen gemacht – wie kannst du mir mit Liebe anstatt Hass gegenübertreten?

 

Ich erzähle dir dazu mal eine Geschichte. Als ich ungefähr 7 Jahre alt war, gab es so eine weiße Linie. Die Weißen konnten da rüber und reingehen, wo sie wollten, aber wir durften das nicht. Ich bin da immer vorbei gegangen, und da war so ein weißer Mann, der mich immer hoch nahm, setzte mich auf einen Stuhl und gab mir Eis, und mich dann wieder zurück über die Linie gesetzt hat. Meine Eltern haben nie davon gewusst, niemand hat je davon gewusst. Ich fühle also keine Feindseligkeit, weil ich das nie gelernt habe. … Ich habe so viel erlebt, dass ich vielleicht angefangen hätte, eine Trennung zwischen Weiß und Schwarz zu sehen. Aber ich glaube an Gott und glaube, dass das bestimmt eine seiner Schöpfungen ist, mit denen er zufrieden ist. Wenn du also Gott liebst, ihn aber nie siehst, dann musst du ihm deine Liebe zeigen, indem du seine Schöpfung liebst. Das mache ich also. Mit dieser Liebe, die ich also gebe, wenn ich auf die Bühne gehe, öffne ich mein Herz und lasse ihn sehen, dass es rein ist. Ich bin nicht hier, um irgendjemanden zu verletzen. Gott hat mir ein Geschenk gemacht: auf die Bühne zu gehen und die Seelen der Menschen zu berühren. Ich sehe das in ihren Gesichtern, ich sehe, dass es ihnen Spaß macht. Einer ist mal zu mir auf die Bühne gekommen und hat gesagt: “Charles Bradley, ich weiß, dass du eine Menge durchgemacht hast. Wenn ich oder meine Eltern jemals etwas getan haben, das dich verletzt hat – vergibst du mir?” Als ich das sah, wusste ich, dass Gott da war. Wenn ich also auf die Bühne gehe, dann gehe ich auf die Bühne, als wäre es das letzte Mal. Die Leute fragen mich: “Wie schaffst du es, dich so zu regenerieren und noch so eine Show zu machen?” Wenn Gott mir dieses Geschenk gegeben hat, wenn er mir die Kraft und Liebe gegeben hat, das zu tun, und ich sehe, dass ich eine Menge Herzen berühre, dann gebe ich es. Als Jesus gab, gab er alles. Wenn ich auf der Bühne bin, gebe ich euch alles, was ich habe. So bin ich. Wenn man immer nur gibt, kann man irgendwann auch mal sagen: “Vater, ich bin auch dein Kind. Ich habe auch Bedürfnisse. Wie kann ich glücklich werden?” Aber man hat geichzeitig Angst davor, glücklich zu sein, denn glücklich zu sein bedeutet, dass man auch immer wieder runtergedrückt werden kann.

 

Möchtest du glücklich sein?

 

Ich möchte glücklich sein genau wie jeder andere auch. Ich sage nicht, dass ich immer nur gut war. Ich habe auch viele schlechte Dinge getan, aber ich habe nichts getan, wofür ich bestraft werden müsste. Ich glaube, jedes Kind macht mal etwas falsch.

Natürlich. Und darum gibt es Vergebung.

 

Genau. Ich verbringe viel Zeit mir meiner Mutter, weil sie 87 Jahre alt ist. Ich sorge dafür, dass es ihr gut geht.

Du hast jetzt die Möglichkeit, ihr zu helfen.

 

Ja. Ich bin nicht besser als jeder andere auf diesem Planeten. Ich glaube, Gott hat jedem von uns ein Ziel gegeben. Aber für manche liegt das Ziel so tief im Dunkeln, dass sie es nicht erkennen. Irgendwann müssen wir alle uns dem bisschen Licht, dass wir bekommen können, zuwenden.

Könntest du dir vorstellen, in der Kirche zu singen?

 

Als die Flut war, wurde ich gebeten, in einer Kirche bei einem Benefizkonzert zu singen. Das habe ich gemacht. An dem Tag – ich weiß bis heute nicht, ob ich in Ohnmacht gefallen bin oder den Heiligen Geist gespürt habe. Als ich in der Kirche sang, wusste ich etwa drei Sekunden lang nicht, wo ich war. Und dann war alles wieder klar. Ich weiß also nicht, ob das der heilige Geist war, oder ob ich nur so emotionell berührt war, dass ich in Ohnmacht gefallen bin. Aber ich stand noch auf meinen Füßen. Und der Einsatz der Band fügte sich genau in den Moment ein.

Eine übernatürliche Sache also.

 

Ja. Und alle dachten, dass wäre Teil der Show, aber ich hatte so etwas noch nie zuvor erlebt.

Wo war das?

 

Das war in Brooklyn, New York. Die Zerstörung war ziemlich schlimm. An bat mich, zu diesem Benefizkonzert zu kommen.

 

Lass uns nochmals über dein Album sprechen. Du hast gesagt, sie haben gespielt, du hast gesungen – entstand das Album also durch Jammen, oder habt ihr richtig Songs geschrieben?

 

Nein, wir haben richtig Songs geschrieben. Tommy und ich, wir waren bei ihm zuhause. Da kam dann alles zusammen. Wir setzten uns zusammen und schrieben. Wir machten Kassetten, die ich mir dann wieder anhörte …

War das das erste Mal, dass du Songs geschrieben hast? Denn du hast ja eine Menge James Brown-Sachen gemacht.

 

Weißt du, ich kenne 58 James Brown-Songs. Darüber muss ich gar nicht mehr nachdenken. Wenn du mich zu einem James-Brown-Song auf die Bühne stellst, lege ich einfach los. Das ist einfach so ein Gefühl, weil ich ihn so sehr liebe. Ich kenne 58 James-Brown-Songs. Und deswegen wollen sie alle nicht, dass ich aufhöre, James Brown zu machen – weil ich es so gut mache. Ich will dann auch passend aussehen und passend tanzen.

Aber die James-Brown-Songs hast du ja nicht selbst geschrieben. Aber jetzt hast du für dein neues Album selbst Songs geschrieben. Was für eine Erfahrung war das für dich? War es schwierig, oder ist das einfach aus die rausgekommen?

 

Es kam einfach so raus, weil es so lange in mir gespeichert war. Wenn du mich jetzt vor eine Band stellst und ich die Musik höre und sie meine Seele berührt, dann öffnet das diese Musik in mir und sie kommt direkt heraus.

Du hast ja auch als Chefkoch gearbeitet – wie lange?

 

Ich war 35 Jahre lang Koch und Chefkoch.

Wie konntest du so lange auf die musikalische Chance warten?

 

Wenn etwas in deinem Herzen ist … Ich habe versucht, es einfach zu lassen, aber wenn man dann mit Musik in Kontakt kommt und die Musik einen Berührt, dann hat man so ein Gefühl.

Aber, Charles, hast du nicht manchmal beim Kochen das Gefühl gehabt, am falschen Ort zu sein?

 

Doch. Aber ich bin nie lange bei der Arbeit geblieben. Ich musste immer kochen, mich umdrehen und sofort auf die Bühne gehen.

Wahrscheinlich haben sie dich den singenden Koch genannt.

 

Ja. Ja, und ich habe das so gern gemacht. Als ich im Hinterland von New York arbeitete, kochte ich neun Jahre lang täglich für 3.500 Leute.

Ich habe auch gelesen, dass du in echter Armut und sogar auf der Straße gelebt hast. Warst du da noch sehr jung?

 

Ich habe mir gerade erst eine Wohnung besorgt. Ich würde nicht sagen, dass ich in Armut gelebt habe. Ich lebte in Brooklyn, da wohne ich immer noch.

Verdienst du mit deiner Musik jetzt nicht genug Geld?

 

Nein. Irgendwann vielleicht. Es sammelt sich an. Aber zur Zeit versorge ich noch meine Mutter in und spare mein Geld, bis ich aus Brooklyn weg- und in eine nette Gegend ziehen kann.

Was ist dein Traum für die Zukunft?

 

Hochzukommen, ein anständiges Zuhause zu haben und meiner Mutter helfen zu können. Die Leute davon abzuhalten, korrupte Dinge zu tun, Drogen zu verkaufen, ihnen zu sage, das ist nicht der richtige Weg. Bei mir hat es auch eine Weile gedauert. Ich komme auch aus einer solchen Gegend, und es gibt dort eine Menge Depressionen.

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