Smif N Wessun – „Wir haben einen Sound erschaffen, nicht bloss ein Album.“

Int. Rap

Ständig versuchen neue Rapper ins Rampenlicht zu drängen, doch trotz der zahlreichen motivierten Jungspunde gelingt es vielen altgedienten Künstlern aus den Neunzigern ihren Platz zu behaupten. Angesichts der aufstrebenden Konkurrenz lohnt es sich aber durchaus, die Kräfte zu bündeln. So geschehen bei Smif N Wessun und Pete Rock. Die beiden Waffenbrüder aus Bucktown liessen ihr unterdessen fünftes Soloalbum komplett vom Soul Brother #1 produzieren. Das Ergebnis betitelten sie wenig bescheiden „Monumental“. Wir sprachen mit Tek und Steele über diese Zusammenarbeit, die Parallelen zu ihrem Erstling „Dah Shinin’“, ein neues Boot Camp-Album, Brooklyn und über die durch die Polizei hervorgerufene Eskalation bei ihrer Plattentaufe.

Wie ich gelesen habe, wart ihr für die Entstehung von „Monumental“ die ganze Zeit mit Pete Rock im Studio, es gab also nicht das übliche hin und her schicken von Beats und Raps. Wie kann man sich das genau vorstellen, habt ihr alles im Studio geschrieben und entstanden die Beats jeweils auch gleich vor Ort?

Steele:
Wir haben alle Songs frisch im Studio und natürlich alle selbst geschrieben, es gibt keine Ghostwriter für Tek und Steele. Wir haben die Beats immer im Studio ausgewählt und auch die Konzepte entstanden direkt vor Ort. Das war magisch.

Denkt ihr denn, das Album wäre ganz anders geworden, wenn ihr nicht so vorgegangen wärt?

Tek:
Es wäre definitiv ganz anders herausgekommen, denn im Studio entstand eine Chemie, dank der wir einen Vibe erschaffen konnten. Wir brauchen einen bestimmten Vibe, um arbeiten zu können. Hätten wir einen anderen Weg gewählt, wären nicht dieser Sound und ein ganz anderes Gefühl dabei herausgekommen. Wir sind sehr zufrieden, dass wir diesen Weg wählten und mit dem Ergebnis davon.

Pete Rock soll sehr viel Einfluss genommen haben, nicht nur mit Beats und Scratches, sondern auch bei den Arrangements, dem Mix, Artwork und so weiter.

Steele:
Man muss auch beachten, dass wir nur die Besten aller Aufnahmen ausgewählt haben. Wir hatten zum Beispiel einen Song mit Pharoahe Monch, der schlussendlich nicht auf die Platte kam. Es gab gute Songs, die wir nicht auf das Album nahmen, da sie nicht zum Vibe der Platte passten. Über Pete kann ich nur sagen, dass er wirklich ein aussergewöhnliches Gehirn hat (lacht). Er hatte das Album eigentlich schon in seinem Kopf, er brauchte nur noch Tek und Steele, die ihr Ding machen. Er hat das Album wirklich produziert.
Tek: Er ist ein Produzent und nicht einfach ein Beatmaker. Bei ihm kommt es nicht vor, dass er dir einen Beat gibt und dich dann den Rest machen lässt. Wir sassen immer zusammen an den Ideen, er hat sich Skits überlegt und uns auch Inputs bei den Raps gegeben.

Führte das denn auch zu vielen Diskussionen? Bei den letzten Alben habt ihr von verschiedenen Produzenten Beats ausgewählt und danach hattet ihr die volle kreative Kontrolle. Dieses Mal war es also schon ein ganz anderer Prozess.

Steele:
Das stimmt, zuvor waren es einfach Tek und ich, die Beats pickten und dann zu Hause etwas dazu schrieben. Wenn man im Studio ist gibt es diese unterschiedlichen Energien, die man irgendwie vereinen muss. Es gab aber überhaupt keine Interessenkonflikte; wenn uns ein Beat nicht gefiel, haben wir ihn einfach nicht verwendet. Erst wenn wir alle einverstanden waren, haben wir eine Idee weiterverfolgt. Daher kam es zu keine unnötigen Debatten.

Wie ihr sagtet, hatte Pete Rock von Beginn weg eine klare Vision. Er soll sich vor der Produktion intensiv euer „Dah Shinin’“-Album angehört und dieses dann als Leitfaden verwendet haben. Würdet ihr daher sagen, dass „Monumental“ die Scheibe geworden ist, die am ehesten mit „Dah Shinin’“ zu vergleichen ist?

Steele:
Es gibt Leute, die es sogar „Dah Shinin’ Part 2“ nennen. Ich würde sagen, dass „Monumental“ ein ähnliches Gefühl hervorruft, weil die Beats ebenfalls von nur einer Partei kommen. Mit „Dah Shinin’“ haben wir einen Sound erschaffen und nicht bloss ein Album, das haben wir auch mit „Monumental“ geschafft.

Gab es einen bestimmten Grund, wieso es für euch von Beginn weg klar war, dass die neue Scheibe nur mit einem Produzenten entsteht?

Steele:
Es ist unser fünftes Album als Smif’n’Wessun und wir haben schon mit vielen Produzenten gearbeitet und in vielen verschiedenen Studios aufgenommen. Für uns war aber das Wesentliche, einen einheitlichen Vibe erschaffen zu können. Pete hat diesen Vibe gebracht. Es kam auch vor, dass er Mr. Walt und Evil Dee von Da Beatminerz anrief und sie nach Samples oder Drums fragte. Er brachte also definitiv diesen Vibe, der an „Dah Shinin’“ erinnert.

Wie ich gehört habe, hattet ihr zu Beginn eine Liste mit verschiedenen Produzenten und zum Schluss habt ihr euch für Pete entschieden. Wer stand sonst noch auf dieser Liste?
Steele:
Natürlich Da Beatminerz.
Tek: Havoc, Alchemist und noch einige mehr. Mit der Zeit wurde uns aber immer klarer, dass wir es gerne mit Pete machen würden. Wir hatten schon mit all diesen Produzenten auf der Liste für ihre oder unsere Projekte gearbeitet, es war also sowieso eine familiäre Angelegenheit. Schlussendlich entschieden wir uns für Pete und da er so ein Album auch schon immer machen wollte, sagte er sofort zu, als wir ihn anriefen.

Ihr könntet euch also auch vorstellen, ein weiteres Projekt mit Da Beatminerz aufzunehmen?

Steele:
Da Beatminerz sind unsere go-to-guys. Wir wissen, dass wir immer bei ihnen vorbeigehen und über ihre Tracks rappen können. Nur haben wir das bereits gemacht. Wir überlegen uns, wie wir uns als Tek & Steele weiterentwickeln können. „Dah Shinin’“ führte uns zu ganz vielen weiteren Kapiteln. Es ist wie ein Kreis, der uns immer wieder zum grundlegenden zurückführt und das sind die Künstler Tek und Steele und unsere Charaktere Mr. Rippa und Mr. Fix. Wir bringen euch näher zu diesen Leuten und Charakteren.

Über „Dah Shinin’“ sagtet ihr mal, dass ihr noch keine Ahnung hattet, wie das genau im Studio funktioniert und deshalb höre man zum Beispiel keine Adlibs auf der Scheibe.

Steele:
Wir wussten überhaupt nichts. (lacht)
Tek: Wir waren einfach Hood Kids, die gerade von der Schule kamen und die Musik liebten. Wir sind Vertreter des HipHop, lieben die Musik und haben auch einen musikalischen Background von unseren Eltern her. Als wir das Album aufnahmen war das eine völlig neue Erfahrung für uns. Wir wussten was wir machen wollten, aber wie man einen Song macht und aufnimmt wussten wir nicht. Wir waren im Studio, wo wir nicht mal rauchen durften, und haben einfach gemacht.
Steele: Das war unsere Grundausbildung!

Ich denke ihr seid bei weitem nicht die einzigen, da vermutlich in den Neunzigern einige Klassiker entstanden, obwohl die Erfahrung gänzlich fehlte. Wir erklärt ihr euch das, dass ohne dieses Wissen Klassiker entstehen können, welche die Künstler danach vielleicht nie mehr übertrafen?

Tek:
Ich denke das liegt daran, dass alles noch so frisch ist. Man ist einfach noch ein grosser Fan. Es ist wie die der Nervenkitzel wenn man versucht ein Chick, das man nicht haben kann, irgendwie herumzukriegen. Man will sie unbedingt flachlegen oder es zumindest nicht unversucht lassen.
Steele: Wir kamen direkt von der Strasse und haben einfach uns selbst ins Studio gebracht. Da Beatminerz hatten schon in Studios und Plattenläden gearbeitet und brachten somit schon ein wenig Erfahrung mit, so dass wir von ihnen geleitet wurden. Was wir einbrachten war unsere Erfahrung von der Strasse.

Ihr sollt momentan an einem neuen Boot Camp-Album arbeiten.

Steele:
Oh yeah!
Tek: Wir sind momentan dabei von verschiedenen Produzenten Beats einzuholen und zu Beginn des neuen Jahres werden wir dann wohl mit den Aufnahmen beginnen. Das wird crazy!

Mit Pete Rock wart ihr die ganze Zeit im Studio. Wie funktioniert das mit Boot Camp, sind da auch alle Mitglieder gemeinsam im Studio?

Tek:
Das kommt manchmal vor, aber da es sich um weit mehr als nur drei Parteien handelt, ist es sehr schwierig, alle zusammen ins Studio zu bekommen. Es ist schwieriger das zu koordinieren, denn vielleicht ist gerade wieder jemand nicht in der Stadt oder muss seinen Bewährungshelfer treffen. Irgendwann sind dann aber alle im Studio und dann ist es wichtig, einen gemeinsamen Vibe zu finden. Um diesen herzustellen braucht es vielleicht etwas zu Rauchen oder Drinks, vielleicht auch Familie oder Freunde. Sobald der Vibe da ist, wird gearbeitet.
Steele: Boot Camp ist eine Familie. Wir müssen uns nicht mit Egos herumschlagen, es sind einfach Brüder, die sich im Studio treffen. Vielleicht sind wir zu Viert im Studio, vielleicht auch nur zwei, dann viben wir zu einem Beat und nehmen etwas auf. Wenn die anderen es fühlen springen sie auch auf den Track, wenn nicht, dann machen wir noch Anpassungen. Jeder kann seinen Input geben, selbst Dru Ha (Anm. Labelchef von Duck Down), der aus einer Fan-Perspektive Konzepte vorschlagen kann. Wir nehmen die Arbeitsmoral und die Meinungen von allen ernst. There’s no ego-tripping when we in the studio.

Ihr repräsentiert Brooklyn to the fullest. Nun hat sich dort sehr viel verändert, es ist angesagt dort zu wohnen, die Preise steigen, alteingesessene Einwohner können die Mieten nicht mehr bezahlen, dafür ist es vielerorts sicherer geworden. Was denkt ihr von diesen Veränderungen wie der Gentrifizierung?

Tek:
Nun, ohne Veränderung gibt es keinen Fortschritt. Es müssen sich gewisse Dinge verändern, damit man den nächsten Schritt nehmen kann. Genau so ist es mit der Musik, hätten wir uns nicht entwickelt, wären wir nach dem ersten Album weg vom Fenster gewesen und wir würden nun vielleicht irgendwo Autos parkieren. Es ist schön zu sehen, dass die Leute nach Brooklyn kommen wollen. Vor einigen Jahren hätten sie sich nicht mal getraut durchs Zentrum zu laufen. Nun merkt man, dass sie sich wohl fühlen und man sieht die Leute sogar in der Nacht joggen. Es ist wunderbar, ich liebe Brooklyn!

Was ist eure Meinung zu Occupy Wall Street?

Tek:
Es zeigt, was möglich ist, wenn die Leute zusammenkommen und protestieren. Solange es geordnet abläuft kann man damit etwas erreichen, sobald es aber unzivilisiert wird, entfernt man sich vom ursprünglichen Gedanken. Protest ist wichtig und wir sind schon seit jeher von Leuten wie Martin Luther King oder Louis Farakhan inspiriert.

Steele:
Man darf nicht vergessen, dass dieser Protest auf der ganzen Welt stattfindet. Die Leute sind unzufrieden, sie haben keine Jobs und sind seit langem unterprivilegiert. Die Armut wächst in vielen Ländern und Communities. Trotzdem gibt es immer noch viele Leute, die zur Entwicklung ihres Umfelds etwas beitragen wollen, wie zum Beispiel die Lehrer. Man kann solche Leute keine Bedrohung der Gesellschaft nennen, denn ohne sie würde die Gesellschaft gar nicht funktionieren. Schlussendlich musste der Punkt kommen, an dem die Leute sagten: genug ist genug. Sie wollen mehr Jobs, bessere Bezahlung, tiefere Preise für Schulen und so weiter. Aber egal was diese Leute fordern, die Regierung verfolgt weiterhin eine Taktik, die dazu führt, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden. Es musste soweit kommen.
Tek: Es ist wirklich überall, wie der Big Homie (Anm.: Jay-Z) sagte: Occupy All Streets.
Steele: Power to the people!

Ihr hattet eine tolle Release-Party von „Monumental“ bis die NYPD kam und völlig unangemessen agierte, woraufhin ihr vor Gericht gingt. Ist daraufhin etwas passiert? Gab es zumindest eine Entschuldigung für das Vorgehen?

Steele:
Nein. Ich will nicht über das ganze System der Polizei herziehen, aber es gibt sehr viele Arschlöcher bei der NYPD. Viele dieser Officer tendieren dazu, ihren Job so zu machen, dass sie sich völlig taktlos denen gegenüber verhalten, die sie eigentlich beschützen sollten. Es gab keine Entschuldigung und der Kommissar war sogar so dreist zu behaupten, der Einsatz sei gerechtfertigt gewesen. Nach dem Fiasko bei unserer Plattentaufe kam schon bald „Occupy Wall Street“ und man merkt, dass die Leute es satt haben, ständig nur herumgeschuppst zu werden. Die Leute, die das Land regieren und uns beschützen sollten, interessieren sich einen Scheiss für die Leute. Sie verprügeln dich auf der Strasse oder sperren dich einfach ein und der Richter gibt ihnen trotzdem Recht und schliesst den Fall. Wir sehen es als unsere Aufgabe als Künstler weiterhin für die Leute zu sprechen und die Stimme für sie sein. Nicht nur im Bezug auf die Menschen, die betroffen waren bei unserer Plattentaufe, sondern gegen Ungerechtigkeit ganz allgemein. Sobald wir zurück sind von dieser Tour, werden wir wieder vor Gericht sein. Die Polizei will nicht schwach erscheinen und deshalb schrecken sie auch nicht dafür zurück zu lügen. Vor Gericht werden wir versuchen, diese Lügen aufzudecken.

Interview: Fabian Merlo

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