Edo G – The Blessings Of Independence

Int. Rap

Wie die meisten der heute noch aktiven Acts aus den Neunzigern begann Edo. G seine Karriere mit einem Majorvertrag und beachtlichen Verkaufszahlen. Jedoch war die Zeit beim Major für Ed O.G. & Da Bulldogs bereits nach dem zweiten Album „Roxbury 02119“ im Jahre 1993 vorbei. Es sollte sieben Jahre dauern bis der Rapper aus Boston sein erstes Soloalbum releaste. Es folgte nach einer EP vier Jahre später ein gemeinsames Album mit Pete Rock und schliesslich Kollaboprojekte mit seiner Crew Special Teamz und Masta Ace. Nun steht mit „A Face In The Crowd“ sein neuester Solowurf in den Regalen. Auf einen Majordeal kann der Veteran verzichten, er hat längst die Vorteile als Independent-Künstler für sich entdeckt. 

 

„A Face In The Crowd“ ist nicht nur dein erstes Soloalbum seit sieben Jahren, es markiert auch das 20-jährige Jubiläum seit deiner ersten Veröffentlichung. Was bedeutet das für dich? Hättest du jemals erwartet, nach 20 Jahren noch Alben zu veröffentlichen und um die Welt zu reisen?
Man wünscht es sich natürlich und träumt davon, wenn man dann 20 Jahre später noch auf hohem Niveau dabei sein kann, ist man einfach gesegnet. Ich danke dafür jeden Tag. Es ist grossartig, mehr kann ich dazu gar nicht sagen.

Nun sagtest du über die neue Platte, es sei deine bislang beste. Was macht sie zu deiner besten Arbeit?
Ich konnte dieses Album genau so produzieren, wie ich es mir vorgestellt hatte. Auch hatte ich die Möglichkeit, mit den Leuten zu arbeiten, die ich mir wünschte. Die ganze Vision hat sich erfüllt und die Platte repräsentiert mich zu 100 Prozent. Deshalb denke ich auch, dass es eine meiner persönlichsten Platten geworden ist, da ich absolut fokussiert war und genau wusste, was ich wollte.

Ich mag das Cover der Scheibe, was für ein Bild sehen wir darauf?
Das Bild stammt von 1986 oder 1987 als ich bei einer Jam war, wo ich auch auftrat. Der Typ mit dem Kangol bin also ich als etwa 16-Jähriger. Ich wollte weit zurück zu meinen HipHop-Anfangstagen gehen und deshalb habe ich dieses nostalgische Bild als Cover gewählt. Ursprünglich wollte ich das „Greatest Day In HipHop“-Cover vom XXL Magazine verwenden, da es auch sehr gut zum Titel „A Face In The Crow“ gepasst hätte.

J-Live: Ach, du warst dort dabei?
Ja, ich war am Start. Das Bild hätte gut gepasst, denn alle waren da und man hätte mein Gesicht erst finden müssen. Doch leider erhielt ich dafür die Berechtigung nicht und so schaute ich mich nach einer Alternative um und ging zurück in die 80ies.

Das bringt mich direkt zu dem Song „I Was There“. Natürlich gibst du auf diesem ein wenig an und erklärst auch, aus welcher Ära du kommst, war aber auch ein bisschen Melancholie mit im Spiel als du den Track geschrieben hast?
Natürlich. Ich wollte mit dem Track vor allem all das aufzeigen, was ich über die letzten zwanzig Jahre gesehen habe. Es gibt viele Dinge, die ich sah, worüber andere nur rappen. Alle erwähnen Pac und B.I.G. in ihren Verses weil es cool ist, doch ich war da und hing tatsächlich mit ihnen ab. Der Song soll meine Geschichte und was ich alles gemacht und erlebt habe aufzeigen.

Auf dem Song erwähnst du auch Gang Starr und vor allem Guru kennst du seit den Anfangstagen in Boston. Ich erinnere mich an ein Interview, dass du im Rahmen der Promotion des Albums mit Masta Ace gegeben hast und in welchem du dich wütend über Guru äusserst, da er nicht zu deinem Festival in Boston erschien, weil er das Gefühl hatte, die Stadt zeige ihm keine Liebe.
Das stimmt, aber ich wusste damals nicht, dass er krank ist. Niemand wusste davon.

Du konntest also keinen Frieden mit ihm schliessen bevor er von uns ging?
Nah, dazu hatte ich keine Möglichkeit. Solar wimmelte mich am Telefon immer ab, so dass ich nie direkt mit Guru sprechen konnte. Der Typ war absolut verrückt.

Besonders wegen deiner ersten zwei Alben aber auch weil du dir stets treu geblieben bist sehen dich die Leute als einen Repräsentanten der Neunziger und des Boom Bap-Sounds. Ist dies manchmal Fluch und Segen zugleich, da es dich auch eingrenzen kann?
Eigentlich nicht, denn ich versuche meinen Weg zu gehen. Ich mache Musik für die Leute, die meinen Sound hören wollen. Wenn man seinem Stil treu bleibt, muss man sich nicht darum kümmern, was um einen herum abgeht. Ich bin nur darauf fokussiert, was ich mache.

Auf der neuen Scheibe hast du einige Songs mit R&B-Einflüssen, auf dem „A&E“-Album gab es „Dance Like A White Girl“. Manchmal scheinst du aber schon aus dem ausbrechen zu wollen, was die Leute von dir erwarten.
Sicherlich, das kann vorkommen. „Dance Like A White Girl“ mit Masta Ace war ein lustiger Song, auf dem wir etwas Neues ausprobieren wollten. Manchmal muss man etwas probieren und aus seiner Box ausbrechen. Was das Singen auf meinem neuen Album angelangt: Es gab schon auf meinen früheren Alben Gesang, das war immer ein Teil von mir. Auf dem neuen Album hört man Pure Blend, der bereits auf meiner ersten Scheibe zu hören war. Shout Out an ihn!

Einer meiner Lieblingstracks auf dem „A&E“-Album war „Little Young“. Auf der einen Seite hat er dieses witzige Konzept, andererseits macht es den Eindruck, als hättet ihr wirklichen den Eindruck, viele aus der jüngeren Generation würden nicht verstehen, was ihr macht.
Das ist oftmals auch der Fall. Viele verstehen es, noch mehr vermutlich nicht. Wir versuchen sie bis zu einem gewissen Grad zu erziehen mit unseren Lyrics aber auch den Visuals. Wir geben ihnen eine Alternative zu dem, was sie ständig zu sehen bekommen, so dass sie merken, dass es ganz viele Künstler gibt, die nur kopieren und so zu einer Parodie werden. Wir sagen ihnen: Seid anders! Es sind diejenigen die anders sind, die herausstechen.

HipHop ist zwar immer noch eine Jugendkultur, doch viele der Künstler sind älter als 30 oder 40 Jahre alt. Es gibt aber auch viele Fans, die mit HipHop älter werden, könnte man daher von einem separaten Markt für erwachsenen HipHop sprechen?
Das denke ich allerdings und das ist gut so, denn wir sind da reingewachsen. In Europa kann man häufig schon ab 16 an die Konzerte, so dass viele Kids an den Shows sind. Wir kamen erstmals Anfangs des Jahrtausends nach Europa und mittlerweile sind die 16-Jährigen von damals auch schon 26 Jahre alt. Sie sind mit uns gewachsen. Die kennen den Edo. G der Neunziger gar nicht wirklich, sondern eher meine Sachen ab 2000.


Auf dem Song „Here I Go Again sagst du: „Mercury dropped me / It felt like my world ended / Until I found the blessings of independence.” Nach dem Ende des Deals dauerte es sieben Jahre bis zu deinem ersten Soloalbum. Wie würdest du diese lange Zeit beschreiben und was führte schliesslich dazu, dass du den Independent-Weg für dich entdeckt hast?
Bevor das erste Soloalbum erschien, veröffentlichten wir eine Independent-EP. Ich mag mich gar nicht mehr an den Titel erinnern, ich glaube wir nannten sie einfach „The Six Song EP“ (Anm.: Gemäss Wikipedia heisst sie „Dedicated EP“). Wir releasten sie ausschliesslich auf Vinyl und verkauften fast 15’000 Stück davon. Das hat mich völlig weggehauen. Die Einnahmen teilten wir durch vier Personen und trotzdem verdiente jeder eine nette Summe damit. Von dem Moment an wusste ich, dass dies mein Weg ist. Während dieser Zeit machte ich auch einige Tracks für Kool DJ EQ, der viele Compilations rausbrachte, auf denen ich auf fast immer vertreten war. Er kommt von der Westcoast und dadurch sah ich auch, wie das Independent-Game dort funktioniert. Diese Erfahrungen haben mir die Türen zum Independent-Markt geöffnet.

Ich frage mich immer, wie sich ein Künstler über so viele Jahre ohne Veröffentlichung über Wasser hält. Nur mit Shows?
In den Jahren 1995 und 1996 war ich richtig down, das war direkt nachdem mich Mercury droppte. Das war die Zeit der Depression und ich versuchte herauszufinden, wie zum Teufel es nun weitergeht. Wir versuchten bei einigen anderen Labels unterzukommen, was aber auch nicht klappte und das zog uns natürlich noch weiter nach unten. Zu dieser Zeit gab es aber auch noch fast keine Independent-Labels, es waren hauptsächlich Majors. Ich chillte dann bis ich den Independent-Weg entdeckte und dann kam das eine zum anderen.

Ihr sagtet, es gäbe ein weiteres Album von dir und Masta Ace, sofern die Reaktionen der Fans gut ausfallen. Wie sieht es aus?
Wenn die Fans es wollen, wieso auch nicht. Ace arbeitet momentan an einigen Projekten. Ich arbeite auch bereits an neuem Material, es wird ein zweites Special Teamz-Album kommen. Wenn es die Terminkalender erlauben, werden wir vielleicht in einem Jahr zusammensitzen und schauen, wo wir uns gerade im Leben befinden und womöglich gibt es dann wieder etwas.

Kannst du über das Special Teamz-Album schon etwas verraten?
Bislang haben wir noch nichts aufgenommen. Slaine kam eben erst von einer Tour zurück und ich mache nun diese Tour fertig. Wenn wir wieder alle zurück sind werden wir damit beginnen.

Interview: Fabian Merlo

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