Anthony Hamilton – „Nur eine demütige Seele kann das „

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Keiner singt so ergreifend wie er: Der Amerikaner Anthony Hamilton ist einer jener seltenen Menschen, die tatsächlich auch den Inhalt eines Telefonbuchs oder eine Computerzeitschrift so vortragen könnten als wär’s das schönste Liebeslied. Trotzdem bewegt sich der 40-jährige mit seiner Mischung aus Gospel, Soul, R&B und HipHop noch immer unter dem Radar der grossen Öffentlichkeit. Soeben hat er mit „Back To Love“ ein neues Album veröffentlicht.

Mr. Hamilton, jeder von Ihnen vorgetragene Ton klingt so gefühlsbetont, so innig, so echt – wie schaffen Sie das? Ist das eine Gabe Gottes?

Anthony Hamilton: Ja, das ganz ohne Zweifel ein Geschenk Gottes, wenn man dazu fähig ist, Emotionen in Songs wiederzugeben. Mir ist es vergönnt, Gott sei Dank.

Könnte man sich das auch irgendwie antrainieren?

Ja, das kann man schon. Genau wie wenn man eine Rolle in einem Film spielt. Aber das kommt nicht auf das Gleiche heraus. Es hätte nicht gleichviel Gehalt. Schauspielerei bringt einen nur bis an einen gewissen Punkt. Danach kann man nicht mehr mit der Vorstellung arbeiten. Um wahre Emotionen zu erzeugen, muss man selber einiges durchgemacht haben.

Man muss seine Gabe also mit der eigenen Erfahrung verbinden?

Ja, unbedingt. Diese Dinge gehen Hand in Hand.

Im Verlauf Ihrer Karriere haben Sie viele Schattierungen der Liebe besungen und viele unterschiedliche Musik Genres in Ihre Musik einfliessen lassen. Was sind die essentiellen Elemente eines Anthony Hamilton Songs?

Die Akkorde klassischer Kirchenlieder, etwas Orgel, etwas Gitarre, eine schöne Bassline und oftmals HipHop-Drums. Oder eben auch Elemente aus R&B, Country oder Rock. All diese Dinge zusammen, in immer wieder anderer Zusammensetzung, machen den Soul der Marke Anthony Hamilton aus.

Gleichzeitig verbinden Sie Tradition mit Moderne.

Klar. Ich höre sehr viel verschiedene Musik und sehr viel aktuelle Sachen, und will, dass sich das auch in meinen Stücken und auf meinen Alben niederschlägt. Schliesslich möchte ich ja auch mein eigener Fan sein und mir die Stücke immer wieder anhören können. Da keiner genau die gleiche Mischung hinkriegt, mache ich es eben selbst.

Was hören Sie zurzeit? Welchen Künstlern sind Sie besonders zugeneigt?

Das kann ich so einschränkend gar nicht sagen. Auf meinem Computer findet sich alles, von Adele über The Isley Brothers und James Taylor bis hin zu Guns’n’Roses und James Cleveland.

Hören Sie viel Musik während der Entstehung eines neuen Albums?

Ich höre mir vor allem den Rohmix jenes Songs an, an dem ich gerade arbeite. Zuerst im Auto auf dem Nachhauseweg, und dann sicher noch vier, fünf Mal bevor ich ins Bett gehe. Manchmal lasse ich ihn auch einfach laufen während ich schlafe. Manchmal kann man sich den Song so verinnerlichen. An manchen Tagen bin ich aber auch einfach so erledigt, dass ich jede Geräuschquelle zum Schweigen bringe und einfach ganz tief schlafe. Kommt darauf an, wie fit ich bin.

Vor kurzem haben Sie mit „Back To Love“ ein neues Album veröffentlicht. Wie sieht der Entstehungsprozess aus? Wie wird ein neues Hamilton Album geboren?

Ich stürze mich da einfach rein, probiere aus, versuche mit den Bildern, die ich male, eine Geschichte zu erzählen. Nach und nach kommen dann die Musiker hinzu und verfeinern die Skizze. Hier eine Gitarrenlick, da eine Orgelspur. We all get to together and make it happen. Und wenn’s nichts wird, dann wird’s halt nichts. Viel erzwingen kann man da nicht.

Wo findet der ganze Zauber statt? Bei Ihnen zuhause in Atlanta?

Nein, eher selten. Ich bin während der Entstehung immer sehr viel unterwegs. Diesmal war ich zum Aufnehmen zum Beispiel in Charlotte, in LA, in Miami und in Huntsville, Alabama. Wenn immer möglich, übernachte ich zuhause, da wir ja zwei kleine Zwillinge haben. Aber wenn es die Zeitpläne der Produzenten nicht erlauben, dann treffen wir uns wo’s gerade passt. Diesen Aufwand muss man auf sich nehmen – ohne das geht’s nicht. Man kann nicht zuhause sitzen und warten, dass alles von alleine passiert.

Es fällt mir immer wieder auf, dass in Ihren Musikvideos ein sehr spezielle Stimmung herrscht. Ohne jetzt kitschig zu klingen: Da ist immer dieses sehr versöhnlich wirkende Licht. Ist das Zufall?

Nein, das ist weder Zufall noch Kitsch. Ich will den Menschen Hoffnung mit auf den Weg geben. Ich will, dass sie meine Musik hören, weil sie mit Hoffnung erfüllt und ihnen die Kraft vermittelt, nach Hause zu gehen und aus dem Leben etwas Besseres zu machen.

Also fast schon eine religiöse Botschaft?

Oh ja, natürlich. Ich bin Christ, mit voller Überzeugung. Jesus Christus, unser Gott und Erretter, ist mir sehr wichtig. Und die, die ihn genauso lieben wie ich, spüren das aus meiner Musik heraus.

Sind Sie der Meinung, dass Botschaften dieser Art dem Grossteil der Musik von heute fehlen?

Ein ganz klares JA. Viele Künstler haben sich in der Verpflichtung verfangen, sexy zu wirken. Bei ihnen dreht sich alles um Style und Glamour. Dabei vergessen sie ihren Glauben und das, was uns wirklich hier hält und alles mit Leben erfüllt. Ich muss sie daran erinnern: „Hey, verliert nicht die Orientierung! Wir sind nicht auf uns alleine gestellt. Gott, unser Schöpfer, ist am Werk.

Wie wichtig war die Kirche als Vorbereitung für Ihre Musikkarriere?

Hm, ich setze das nicht in direkten Zusammenhang. Damals dachte ich sicher nicht: „Ok, ich muss in diesen Chor, da ich später mal Sänger werden will und ein gutes Aufbautraining gebrauchen kann.“ Aber rückblickend, bin ich mir sicher, dass ich heute sehr von dieser Ausbildung profitiere. Ich weiss über den Aufbau, die Arrangements und die Harmonien Bescheid. Und ich kenne die Einstellung und Haltung hinter Gospel. Daher haben meine Liebeslieder den gleichen Spirit und schaffen es, die Leute zu berühren. Nur eine demütige Seele kann das.

Mittlerweile blicken Sie nicht nur auf eine ansehnliche Karriere samt Platinauszeichnungen und Grammys zurück, sie haben auch eine grosse Familie mit fünf Kindern.

Ja, alles Jungen. Die älteren Drei sind 23, 20 und 14 Jahre alt. Und vor einem Jahr sind dann noch die beiden Zwillinge dazugekommen.

Bilden Ihre Jungs schon einen gemeinsamen Chor?

Sie sind auf dem besten Weg dazu, würde ich sagen. Besonders die Zwillinge hören sich definitiv wie ein Chor an. Ihre Power ist schwer zu überbieten.

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