Professor Green – „Ich lasse mir keine musikalischen Ketten anlegen“

Int. Rap

England bringt momentan einen talentierten Rapper nach dem anderen hervor. Diese dominieren nicht nur die heimischen Hitparaden, sondern überwinden auch immer öfters die Landesgrenzen und können selbst in den USA Erfolge feiern. Einer dieser neuen Erfolgsrapper aus London ist der 28-jährige Professor Green. Ihn als Senkrechtstarter zu bezeichnen wäre jedoch übertrieben, musste er doch auch schon den einen oder anderen Karriererückschlag verkraften. Alles begann mit unzähligen Freestyle Battles, bei denen der Junge aus East London im Normalfall als Sieger nach Hause ging. Dies erregte die Aufmerksamkeit von Mike Skinner aka The Streets, der ihn bei dessen Label „The Beat“ unter Vertrag nahm. Als dieses 2008 die Pforten dicht machte stand Professor Green aber noch immer ohne Albumveröffentlichung da. Zwei Jahre und einige Krisen später klappte es dann doch noch und er unterschrieb beim Major Virgin. Diese zahlten ihm als erstes ein etwas gerader ausgerichtetes Gebiss und mit seinen Zähnen änderte sich auch seine Musik. Deutlich eingängiger als auf dem vorherigen Mixtape und der „The Green EP“ präsentierte er sich auf seinem Majordebüt „Alive Till I’m Dead“. Mit Erfolg, sowohl die Singles wie auch das Album schafften es in die Top 5 auf der Insel. Auf dem europäischen Festland schaffte er den Durchbruch erst mit der Vorab-Single „Read All About It“ seines zweiten Albums „At Your Inconvinience“, welches nun mit etwas Verspätung auch bei uns erscheint. Wir trafen den sympathischen Londoner, der in seiner Heimat längst ein Superstar ist, zum Gespräch in Zürich.

Lass uns erst ein bisschen in die Vergangenheit reisen: Deine ersten Erfolge feiertest du als Freestyle-Rapper und dies gar bei internationalen Battles.
Ich nahm bei dem riesigen US-Event „HipHop Power Summit“ teil, der auf den Bahamas stattfand. Ich schlug mich ganz gut und erreicht den zweiten Platz. Dabei war ich der erste Rapper aus England, der jemals an diesem Battle teilnahm.

Wie kamst du damals zum Freestylen?
Ich habe einfach mit meinen Freunden herumgealbert. Sie machten alle schon einige Zeit Musik, während ich eigentlich nie vorhatte, selbst aktiv zu sein. Ich war damals 18 Jahre alt. Sie freestylten alle und mehr zum Spass rappte ich auch etwas und alle waren schockiert und meinten, ich könne ja rappen. Ich winkte nur ab, begann dann aber von diesem Moment an doch selber mit der Musik.

Man sagt ja, dass Freestyle-Rapper nicht zwangsläufig auch gute Songschreiber sind. War es für dich ein schwieriger Prozess?
Ich würde es als einen anderen Prozess bezeichnen, der ein bisschen Zeit brauchte. Ich hörte viel verschiedene Musik, nicht nur Rap. Einer der ersten Songs die ich schrieb war „Stereotypical Man“, für den mir The Streets den Beat schickte. Ich hatte also definitiv schon zu Beginn viele Ideen, wenn auch noch nicht so viel Ahnung von Melodien und solchen Sachen. Aber ich denke, das ist eine Frage des Selbstvertrauens. Je mehr ich schrieb, desto besser wurde und dadurch wuchs auch mein Selbstvertrauen und ich versuchte neue Dinge aus. Für mich war es ein natürlicher Prozess. Viele Rapper haben das Problem, dass ihnen die Substanz fehlt und es nur um Punchlines geht. Die sind zwar lustig beim ersten Hören und beim zweiten Mal immer noch cool, doch danach wünscht man sich mehr und möchte etwas über den Künstler erfahren.

Würdest du aber auch sagen, dass dir deine Freestyle-Erfahrung und die Spontaneität heutzutage helfen beim Songschreiben oder performen?
Definitiv, die Spontaneität hilft vor allem auf der Bühne, wenn man mit dem Publikum kommuniziert. Ich versuche immer den Draht zum Publikum zu finden, während andere Künstler nicht mehr als „Hallo“, „Tschüss“ und „Danke, dass ihr gekommen seid“ sagen. Das will man als Konsument doch nicht sehen. Was das Texten angeht: Ich schreibe meine Texte nicht wirklich auf, ich bastle die ersten vier oder acht Bars im Kopf zusammen, nehme sie auf und mache dann die nächsten Zeilen, bis ich den ganzen Text habe.

Heisst das, deine Texte entstehen somit immer direkt im Studio?
Manchmal fällt mir auch unterwegs etwas ein und ich nehme es dann auf mein Telefon auf. Doch ich bevorzuge es im Studio zu arbeiten, da es dort für mich einfach am besten funktioniert, weil man keine Ablenkung hat.

Durch deine Erfolge als Freestyle-MC wurde Mike Skinner auf dich aufmerksam, der dich dann bei seinem Label signte, was aber zu keiner Veröffentlichung führte. Auf „Today I Cried“ sagst du. “Weren’t even writing raps I was down and out about fucking quit it”. Bezieht sich dies auf diese Zeit, als du praktisch wieder bei Null anfangen musstest?
Ja das beschreibt die Zeit nachdem das Label schliessen musste. Das war aber nicht Mike’s Fehler, das Label wurde von Warner finanziert und als sie den Geldhahn zudrehten, musste er den Laden schliessen. Das war zu einer Zeit, als die Downloads die Industrie stark zu beeinflussen begannen. Ich fühlte mich ziemlich verloren und wusste nicht wirklich, was ich nun tun sollte. Zu dem Zeitpunkt war ich 26 Jahre alt und hatte keine wirklichen Perspektiven, also ging ich zurück zum Drogenverkaufen. Das ermöglichte es mir weiterhin Musik machen zu können. Ich war ziemlich konfus während dieser Zeit, doch glücklicherweise ging es dann wieder los mit der Musik.

Wie ich gehört habe hast du die Schule wegen der Musik aufgegeben. War Drogenverkaufen also dein einziger Plan B?
Ich verliess die Schule sogar fünf Jahre bevor ich überhaupt mit Musik begann. Mit 13 hörte ich auf, die Schule zu besuchen. Das mit dem Drogenverkaufen hat sich einfach so ergeben und für ein schlaues Kind war es eigentlich eine sehr dumme Entscheidung. Wo ich aufwuchs gab es nicht sehr viele Optionen. Ehrlich gesagt waren alle meine Idole Drogendealer und Gangster. Das ist in meiner Gegend völlig normal.

Wie erwähnt drehte sich schliesslich alles zum Guten: “Lucky for me that I fucking didn’t / See Lily came along when I was at my lowest / selling wraps of coke not the raps I flow with”. Erzählt uns vom Einfluss den Lily Allen auf dein Leben und deine Karriere hatte!
Das war verrückt. Wir trafen uns einige Male durch gemeinsame Freunde, zwei ihrer Bandmitglieder spielten für Mike Skinner, mit dem ich weiterhin befreundet bin. Als wir uns wieder mal sahen, erwähnte ich, dass ich eine Version des Songs „Just Be Good To Me“ von der S.O.S. Band aufnahm. Sie meinte darauf, dies sei einer ihrer Lieblingssongs und sie würde gerne meine Version hören. Also schickte ich ihr mein Demo, auf welchem noch jemand anders den Refrain sang. Sie meinte dann, sie könne doch den Chorus singen und wir könnten den Song gemeinsam bei den Festivals performen. Ich konnte es kaum glauben und natürlich willigte ich ein. Das erste Mal, dass wir uns länger unterhielten war, als wir den Song aufnahmen, was ungefähr zwei Wochen nach dieser Konversation war. Wir sind immer noch Freunde und in Kontakt. Das ist sehr cool, denn man trifft viele Leute, doch nur mit sehr wenigen entwickelt sich eine Freundschaft. She’s wicked und ich hoffe sie weiss, wie dankbar ich ihr dafür bin, was sie alles für mich gemacht hat.

Hast du während deiner schwierigen Phase nach dem Ende des Deals auch eine musikalische Entscheidung getroffen und dich dazu entschieden, deine Musik stilistisch zu öffnen und melodischer zu gestalten? Deine älteren Aufnahmen sind noch sehr viel Rap-lastiger.
Ich denke, das war einfach eine Entwicklung. Früher sang ich nie, wohl auch weil ich ein wenig Angst davor hatte, als ich aber mehr Selbstvertrauen schöpfen konnte, habe ich mich auch mehr geöffnet. Musik ist melodiös, so war das schon immer und es ist ein enorm wichtiger Teil davon. Ich höre nicht nur Rap und will mir daher nicht selbst Ketten anlegen. Ich glaube nicht daran, dass man nur auf eine bestimmte Art und über bestimmte Dinge rappen darf, wenn man der Härteste sein will. Das ist bullshit! Alle diese Leute versuchen ein Teil der Golden Era in New York zu sein. Doch wir haben 2012, das ist also mehr als zwanzig Jahre her. Wenn die Leute sich an dieser Ära orientieren, denken sie, es sei echt, doch im Endeffekt imitieren sie nur etwas, das bereits gemacht wurde. Das interessiert mich nicht, ich mache Musik, ich rappe, aber ich schreibe auch Songs.

Dies erkennt man auch anhand der neuen Scheibe „At Your Inconvinience“, die sich musikalisch kaum in eine Schublade packen lässt. Man findet Einflüsse aus Rap, Pop, Drum’n’Bass bis zu House oder Rock. Würdest du sagen, dass du ein Teil dieser sogenannten „iPod-Generation“ bist und du dies auch auf deiner Platte reflektieren willst?
Nicht unbedingt, ich würde eher sagen, dass ich meinen eigenen Sound erschaffen habe. Darin beziehe ich alle meine verschiedenen Einflüsse ein, was daher kommt, dass ich als Kind mit unterschiedlichsten Musikstilen aufwuchs, was sich nun in meinem Sound widerspiegelt. Ich denke es ist wichtig, dass Musik verschiedene Schattierungen hat. Ich mache einfach den Sound, den ich mag, was vielleicht egoistisch ist, aber bislang lief es ganz gut auf diesem Weg für mich.

Als ich dieses Interview vorbereitete, las ich einige Artikel und Reviews über dich und es gab kaum einen Bericht, in welchem du nicht mit Eminem verglichen wurdest.
Das ist einfach nur langweilig.

Absolut, auch wenn es gleichzeitig durchaus eine Ehre ist. Kannst du dir erklären, wieso diese Vergleiche immer wieder auftauchen?
Ja, weil sie keine Fans des Genres sind. Sie kennen Eminem weil es unmöglich ist, ihn nicht zu kennen, als bietet er sich als Vergleich für sie an. Würden sie etwas von dem Genre verstehen wüssten sie, dass es nichts Spezielles ist, über seine persönlichen Erfahrungen zu rappen. Man kann nicht erwarten, dass man über die persönlichen Erfahrungen von jemand anderem rappt. Meine Erfahrungen sind aber nicht dieselben wie die von Eminem. Ich rappe nicht darüber, meine Mutter zu vergewaltigen oder ihre Pillen zu klauen. Sie sind einfach nicht vertraut mit anderen Rappern. Ich wuchs gar nicht mit seiner Musik auf, obwohl ich seine ersten beiden Alben liebe. Aber ich hörte eher Biggie, Jay-Z, Big Pun, Big L oder Rakim und als ich begann zu Suchen stiess ich auch auf Sachen wie Big Daddy Kane. Mein Einfluss kommt von verschiedenen Rappern, sicher nicht nur von Eminem.

Auf dem neuen Album hast du einen Song mit einem der engsten Vertrauten von Eminem: Royce da 5’9“. Dies ist eigentlich bereits der Beweis, dass du kein Eminem-Biter bist, denn ansonsten würde Royce kaum mit dir zusammenarbeiten. Hattest du das auch im Hinterkopf, als du ihn für einen Song angefragt hast?
Nein, daran dachte ich nicht. Wir fragten einige Leute an, ich nenne jetzt keine Namen, die vier- bis fünftausend für einen Verse wollten. Dabei waren die gar nicht mehr sonderlich aktiv, sondern lebten eher von Respekt. Das war aber nicht die Art und Weise, wie ich arbeiten wollte, es soll um gegenseitigen Respekt gehen. Royce schickte mir seinen Verse innert zwei Wochen und alles was er dafür wollte, war ein Verse von mir für einen anderen Song. Kürzlich schrieb er auf Twitter, er habe mit vielen Leuten gearbeitet aber dieser Kerl sei grossartig und postete den Link zu unserem Song. Da war ich natürlich sehr geschmeichelt. Er ist real und scheint sich wirklich noch um die Kunstform zu kümmern, was bei vielen anderen verloren gegangen ist.

Wie du sagtest, schreibst du über deine Erfahrungen, was teilweise sehr persönlich wird. Auf „Read All About It“ sagst du, du hättest nichts zu verbergen andererseits hast du auch den Track „Doll“, der sich mit den negativen Seiten des Fames auseinandersetzt, wie etwa dem grossen Medieninteresse.
Was sie schreiben ist einfach ihre eigene Interpretation. Nein eigentlich nicht mal das, es geht ihnen um die Schlagzeilen und für eine Sensation schrecken sie auch nicht davor zurück, etwas völlig aus dem Kontext zu reissen. Ich will mich aber gar nicht über den Fame beschweren. Im ersten Jahr war es schwieriger für mich, mittlerweile ist es mir scheissegal.

Auf „Read All About It“ sagst du zudem, du schreibest Songs, die du dir selbst nicht anhören könnest. Es zwingt dich natürlich auch niemand dazu, dir diese Tracks privat anzuhören, aber auf den Bühnen musst du die Songs immer und immer wieder spielen.
Das Performen ist manchmal nicht leicht, aber es herrscht eine gewisse Energie, die es erträglich macht. Ich rappe über meine negativsten Erfahrungen und habe daraus etwas Gutes erschaffen. Zu Hause könnte ich einen Song wie „Good Night“ nicht hören, da es mich an zu viele Dinge erinnert über die ich nicht unbedingt nachdenken möchte. Auf der Bühne sind es diese drei Minuten und 40 Sekunden und dann ist es aber auch wieder vorbei. Es ist sehr unterschiedlich, die Tracks zu hören oder sie zu performen.

Ich habe gelesen, du werdest bald nach New York fliegen..
Ich werde in Australien ein Festival spielen und dann geht es weiter nach Los Angeles und New York, wo ich einige Leute treffen und auch schreiben und aufnehmen werde.

Das wird wohl der erste Schritt sein, um dich auf dem US-Markt zu etablieren. Denkst du, dass der Erfolg von Tinie Tempah so etwas wie der Beginn einer UK-Invasion war?
So weit würde ich nicht gehen. Tinie’s Erfolg basiert vor allem darauf, genau den richtigen Song gehabt zu haben. Sicherlich schenken sie den englischen Künstlern viel mehr Aufmerksamkeit und erkennen, dass hier etwas geht. Ich denke aber nicht, dass die Tore jetzt schon ganz offen stehen.

Die Zeiten haben sich aber definitiv geändert.
Auf jeden Fall, die Leute sind so offen wie nie zuvor. Es wird interessant werden. Kürzlich hatte ich ein Interview mit allhiphop.com. Ich hatte so meine Bedenken und dachte, sie würden sicherlich auch mit dieser Eminem-Sache kommen. Aber sie erwähnten kein Wort davon, sicherlich auch wegen den verschiedenen Akzenten aber vor allem, weil sie ein Teil dieser Kultur sind. Sie sprachen nur davon, wie vielseitig meine Scheibe ist und wie sie ihnen gefällt. Das war erfrischend.

Nochmals zurück zum Song „Doll“, der sich auch darum dreht, dass die Medien wirklich fast alles zitieren, was du sagst. Eine der schlechten Erfahrungen mit den Medien war, als du dich zu den Krawallen in England geäussert und auch Rap-Musik verteidigt hast. Im Pressetext deines Labels heisst es nun, du hättest den Soundtrack für das England nach den Krawallen abgeliefert. Was hältst du von dieser Formulierung?
Die Aussage stammt nicht vom Label, sie zitieren damit einen Zeitungsartikel. Nun, ich habe das Album vor den Krawallen geschrieben und da ich nicht Nostradamus bin, konnte ich das kaum vorausahnen.

Sie meinen wohl eher, es sei die richtige Musik für diesen Moment.
(überlegt) Ich stimme nicht wirklich damit überein. In meiner Musik findet man Wut, die aus ähnlichen Gründen entstand, wie die Wut der Demonstranten. Aber abgesehen davon sehe ich eigentlich keine Parallelen. Das ist wiederum die bereits erwähnte Sensationalisierung der Medien.

Denkst du denn, dass die Krawalle oder Demonstrationen nun wirklich vorüber sind? England muss sich ja weiterhin mit drastischen Sparmassnahmen herumschlagen.
Die Proteste begannen aus einem Grund, es drehte sich dann aber ins Opportunistische. Die Leute versuchten für sich selbst möglichst viel rauszuholen. Kaum war mehr Polizei auf den Strassen stoppte es, da die Leute angst bekamen. Wären die Leute wirklich aus guten Gründen und aus Überzeugung auf die Strassen gegangen, dann wären die Proteste weitergegangen. Doch sie hatten diese Gründe nicht, sie machten es für sich und aus Gier.

Was sind deine Pläne und Träume für dieses Jahr? Ich habe gehört, du habest in England sogar eine eigene TV-Show.
Genau, im Prinzip folgt uns die Kamera einfach überall hin. Das machten wir bereits zuvor auf Youtube, dann kam das Angebot von Channel 4, was ein sehr angesehener Sender ist. Die Rückmeldungen der Zuschauer sind sehr gut, deshalb wird es vielleicht eine zweite Staffel geben.

Kann man es als eine Reality Show bezeichnen?
So in diese Richtung, ich würde es eher als einen Blick hinter die Kulissen beschreiben. Aber einen wirklichen Blick; the good, the bad and the ugly. Es ist am lustigsten, wenn wir mehr Freizeit haben und auch kreativ sein können, denn dann passieren die lustigen Momente. Mein Ziel für dieses Jahr ist es, die Musik an möglichst viele Orte zu bringen und mit ihr auf Reisen zu gehen. Ich werde versuchen, dass was in England passiert ist auch überall sonst zu wiederholen. Ich arbeite zudem in jeder freien Minute an einem neuen Album.

Interview: Fabian Merlo

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