Sean Paul – „Dancehall ist momentan nicht international“

Int. Rap

Spätestens seit seinem zweiten Album „Dutty Rock“ (2002) gehört Sean Paul zu den erfolgreichsten Dancehall-Exporten. Dies vor allem auch, weil er nie davor zurückschreckte, seine Musik mit Einflüssen aus Pop, R&B und HipHop anzureichern. Auf seinem fünften Album „Tomahawk Technique“ will der Jamaikaner seinen Sound nun noch internationaler gestalten und wie er unumwunden zugibt bedient er sich dafür bei der momentan populären Dancemusic. Anstatt auf Riddims von jamaikanischen Produzenten hört man ihn also auf Tracks von Stargate, Shellback, Benny Blanco oder DJ Ammo, die sonst Hits für Rihanna, Katy Perry, Chris Brown, Usher, Ne-Yo, Britney Spears, Black Eyed Peas, Justin Bieber oder Ke$ha schrauben. Wieso er sich zu dieser musikalischen Neuausrichtung entschied, erklärte er uns nach seiner Show am Snow Jam in Davos. 

Der Sound deines neuen Albums dürfte manche überrascht haben. Du wolltest damit einen internationalen Sound erschaffen, allerdings bist du ja schon seit vielen Jahren weltweit erfolgreich. Was hat dich dazu veranlasst, deine Musik noch stärker auf das globale Publikum auszurichten?
Ganz ehrlich gesagt war ich viele Jahre lang erfolgreich, in dem ich über vier Alben hinweg mit jamaikanischen Musikern gearbeitet habe. Es stimmt, ich war schon international aber der momentane Trend überall auf der Welt ist Dancemusic. Egal ob es Usher, Rihanna oder auch viele HipHop-Künstler sind, sie alle integrieren diese Elemente in ihre Musik. Dies ist momentan der Trend, so wie es auch bei Dancehall mal der Fall war. Deshalb kam Beyoncé damals zu mir und wollte einen Song machen. Dancehall ist meine Musik, ich bin mit ihr aufgewachsen, höre sie jeden Tag und mit ihr kann ich mich ausdrücken aber die Musik muss auch international repräsentiert werden. Ich mache immer noch Singles für meine Heimat aber ich wollte auch Songs für die internationalen Radios machen. Diese sind dann von der Geschwindigkeit her anders, ich singe mehr und es wird weniger gerappt und so entsteht dieser internationale Vibe. Es ist nicht so, dass Dancehall nicht international war, aber momentan ist dies nicht der Fall. Ich halte weiterhin die Fahne hoch für Dancehall und probiere die Musik zurück in diese Position zu bringen. Deshalb vereine ich Dancehall mit Elementen aus R&B und vor allem Dancemusic. Das sind Musikstile die schon immer da waren, während Dancehall eher ein junger Stil ist, der von Künstlern wie mir, Beanie Man, Bounty Killer oder Shaggy bekannt gemacht wurde.

Dein Ziel ist es also, wieder mehr Leute zu Dancehall zu bringen. Zudem bist du nun auch als Producer aktiv und mit dem „Material“-Projekt wolltest du deine Bekanntheit dazu nutzen, den Leuten auch andere Künstler vorzustellen. Würdest du sagen, dass dich dein Erfolg zu einer Art Botschafter des Dancehalls gemacht hat?
Das ist meine Musik, also bin ich automatisch ein Botschafter davon. Aber durch meinen Erfolg sehe ich mich dazu verpflichtet, den Leuten die wahre Seite zu zeigen. Deshalb produziere ich andere Künstler oder nehme auch gewisse Songs auf das Album, die nicht so sehr nach mit R&B und Dance vermischt sind.

Die internationalen Fans lieben den Sound ganz offensichtlich, wie waren aber die Reaktionen in Jamaika?
In Jamaika verstanden sie zuerst nicht, dass die Musik nun poppiger ist und viele Elemente aus R&B und Dance beinhaltet. Sie fragten mich, ob ich nun zum Pop-Künstler werde. Ich sagte ihnen: Nein, ich halte nur die Fahne hoch. Nun gehen die Songs durch die Decke in Jamaika, vor allem „How Deep Is Your Love“ mit Kelly Rowland, „Got 2 Luv U“ mit Alexis Jordan sowie der Song, der heute hier in Davos auch besonders gefeiert wurde: „She Doesn’t Mind“. Dieser Song funktioniert wirklich überall auf der Welt. Nachdem die Leute in Jamaika das Album hörten verstanden sie, was mein Ziel damit ist. Ein gutes Beispiel dafür ist der Song „Dream Girl“, der in der Strophe einen typischen Dancehall-Rhythmus hat und dann im Chorus zu einem R&B-Step-Rhythmus wechselt. Damit fülle ich die Lücke die zwischen Dancehall und der Musik, die momentan weltweit angesagt ist, entstanden ist. Viele Selectah in Jamaika unterstützen unterdessen meine Musik. Auch in Miami läuft es schon sehr gut für mich, da dort auch viele Jamaikaner zu Hause sind. Via Miami beginnt es nun auch in Amerika zu einem Erfolg zu werden. Das Album ist in den Staaten noch nicht draussen, ich will das Momentum abwarten und es dann in ein, zwei Monaten releasen.

Du sagtest den Produzenten, sie sollen Dancehall aus ihrer eigenen Perspektive machen, was für dich dann zu einer Herausforderung wurde. Hast du diese Challenge in den letzten Jahren womöglich ein wenig vermisst?
Das habe ich tatsächlich. Auch heute noch gibt es Leute, die sich auf meinem Blackberry melden und sagen, sie hätten einen guten Riddim für mich. Ich bin immer offen dafür, doch sie kommen dann mit einem Tune für die Girls an, den ich ihrer Meinung nach unbedingt verwenden müsse. Scheinbar ist dies das einzige Konzept, dass sie haben. Ich habe aber schon so viele Tracks über Beziehungen, Frauen und Partys gemacht. Das ist für mich keine Herausforderung mehr. Es war aber herausfordernd Songs wie „Hold On“ und „Dream Girl“ zu schreiben oder einen Track wie „She Doesn’t Mind“ zu singen. Die Produzenten auf dem neuen Album gaben mir neue Inputs, wie etwa im Falsett zu singen, was ich noch nie gemacht habe Sie haben mich dazu ermutigt, Neues zu probieren, was die Leute überraschen wird und ein wenig anders klingt. Genau danach suchte ich und nicht nach Produzenten, die mir einen Hit produzieren, den ich schon längst in ähnlicher Form gemacht habe. Ich habe mit Dancehall-Songs schon jegliche Charts getoppt und nun ist es an der Zeit, sich auszubreiten. Diese internationalen Vibes sind für mich eine Herausforderung. Kürzlich habe ich einen Song mit der kanadischen Rockgruppe Simple Plan aufgenommen. Ich mochte zwar Rockmusik schon immer aber trotzdem hätte ich lange nicht geglaubt, dass ich Mal einen Song mit einer Rockband aufnehmen würde. Doch genau diese Unterschiede sind eine Herausforderung.

Wie du sagtest, hast du schon viele Party- und Beziehungssongs gemacht und deshalb wolltest du dich auch anderen Themen wie der Jugendkriminalität in Jamaika widmen. Planst du das immer noch?
Yeah man, ich habe bereits 2009 auf meinem „The Odyssey Mixtape“ einige Songs in diese Richtung gemacht und ich werde das zukünftig sicherlich wieder machen. Songs wie „Sufferer“ oder „Get It Right“ sind mir wichtig. „Sufferer“ drehte sich um die Kids im Jamaika, die keine andere Option sehen, als sich eine Waffe zu besorgen. Mit „Get It Right“ richtete ich eigentlich eine Frage an Jamaika. Wann werden wir es endlich auf die Reihe kriegen? Ich habe auch einen Song namens „Call On Pon Jah Jah“, den ich selber produzierte und auf dem mit Spragga Benz einer meiner Mentoren zu Gast ist. Der Song ist sehr uplifting und geht darum, das Leben und sowohl die guten wie auch die schlechten Zeiten zu schätzen. Der Song richtet sich also nicht spezifisch an die Jugend, aber es geht um eine positive Aufbruchstimmung, wie auch ein Track wie „Hold On“. Man soll nie seine Wurzeln vergessen. Vielleicht verstehen mich die Leute falsch, wenn ich sage, dass ich Songs mache, welche die Jugend dazu ermutigt, sich zu erheben. Es sind nicht nur Songs wie „Sufferer“, wo es sich um die Waffen dreht, es geht darum, dass sich sowohl die Kids wie auch die Alten immer an Gott erinnern, in guten wie in schlechten Zeiten. Die sollen Gott für jeden Tag, den Sonnenuntergang und den Sonnenaufgang oder auch für den kalten Schnee danken. Ich mache also gelegentlich immer noch Songs mit tieferer Bedeutung, aber man muss auch sehen, dass ein Grossteil meiner Karriere auf Partymusik basiert. Das sah man auch bei der Show heute, also die Kids vor allem bei den Partytunes durchdrehten, speziell bei den neuen wie „Touch the Sky“.

Du hast wie erwähnt auch begonnen zu produzieren. Ist es ein Langzeitziel, vermehrt im Hintergrund zu agieren und andere Künstler zu produzieren und zu entdecken?
Sobald man das Rampenlicht für sich entdeckt hat, will man auch dort bleiben. Als ich aber als 15-jähriger erstmals daran dachte, mich im Musikbusiness zu versuchen, wollte ich ein Producer sein. Meine Mutter schickte mich damals in Klavierstunden und die ersten Monate habe ich mich einen Scheiss darum gekümmert, denn ich mochte es nicht zu spielen, was mir der Lehrer sagte. Ich wollte meine eigenen Sachen spielen und so kaufte mir meine Mutter ein Keyboard und ich begann die Riddims von anderen nachzuspielen. Ich dachte damals, aus mir würde ein Producer werden. Irgendwann begann ich auf meinen Riddims zu reimen und plötzlich bekam ich dadurch viel mehr Aufmerksamkeit. Ich dachte mir dann, da ich noch lange nicht alles weiss über das Produzieren aber ein natürliches Talent für Singen habe, könnte ich ja das für eine Weile probieren und schliesslich nahm es Überhand. Nun habe ich mit diesem Talent, das Gott mir geschenkt hat, die Welt erobert. In den letzten 15 Jahren habe ich von anderen Leuten viel über das Produzieren gelernt. Ich ging also nicht durch die Musikschule, sondern die Schule des Lebens. Ich lernte, wie man das Keyboard einsetzt, wie man die Drums spielt und wie ich das Umsetzen kann, was ich selber mag. Nun schliesst sich der Kreis und ich bin auch zum einem Producer gereift. Aber wie gesagt mag ich das Rampenlicht und werde weiterhin versuchen darin zu stehen.

Interview: Fabian Merlo

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