Deichkind – „Im echten Leben sind wir nicht einfach nur die Partysäufer“

DE-Rap

Wenn das Deichkind in deiner Stadt ist, werden das Bier und der Jägermeister kühl gestellt, womöglich noch ein passendes Kostüm gebastelt und jeder weiss, dass man ein einmaliges Konzert geboten bekommt. Dass diese Truppe, die heute vor allem für ihre Abriss-Shows bekannt ist, in früheren Tagen astreine Rap-Musik gemacht hat und auch Neo-Mitglied Ferris vor allem als Reimemonster bekannt war, wissen von den neuen Anhängern wohl nur noch vereinzelte. Nach zwei Rap-Platten gelang es ihnen, sich komplett neu zu positionieren und dieses Erfolgsrezept funktioniert nun bereits über drei Alben und vor allem auf den Showbühnen. Dass sie aber definitive höhere Ansprüche haben als den Soundtrack zum Kollektivbesäufnis zu liefern, erfuhren wir im Gespräch mit dem einzig übriggebliebenen Gründungsmitglied Philipp aka Kryptic Joe. 

In einem älteren Interview mit aightgenossen.ch sagtest du, eure Platten seien sozusagen Beiwerk zu den Konzerten. Würdest du das mit dem neuen Album am Start immer noch unterschreiben?
Wie wir bei „Leider Geil“ sagen: „Die Platte von Deichkind war nicht so mein Ding doch ihre Shows sind – leider geil“. Bei der vierten Platte „Arbeit nervt“ war das sicherlich so und bestimmt war dieser Hintergedanke auch bei diesem Album da. Irgendwie hat es dann doch reingeknallt und ist erstaunlicherweise in Deutschland auf Rang 2 gechartet.

Obwohl ihr den „illegalen Fans“ sogar den Rücken deckt. Vielleicht war umgekehrte Psychologie.
Wir haben wohl einfach einen lockereren Umgang damit. Hätten wir es wie Metallica gemacht und gesagt, ladet ja unsere Songs nicht runter, wäre es wohl anders gekommen. Die Aktion von Metallica fanden wir aber sowieso uncool. Wir waren über das Resultat auf alle Fälle begeistert. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass die Zusammenarbeit mit dem Major viel besser funktionierte. Früher gab es mehr Reibereien, weil sie uns viel mehr Interviews aufbrummen wollten oder wir bei Sachen wie TV Total auftreten sollten. Dieses Mal entschieden wir uns, einfach mitzuspielen, sei es jetzt Presse, Radio oder TV. Bislang fühlten wir uns bei Fernsehauftritten immer unwohl, was auch heute noch ein wenig der Fall ist, aber nun ziehen wir das einfach durch. Es bringt ja auch was.

Es ist aber sicherlich nicht so, dass ihr nur eine neue Platte macht, damit ihr wieder auf Tour könnt.
Bei uns ist es halt immer so, dass wir sehr lange touren und ungefähr einen Zyklus von drei Jahren haben. Davon sind wir zwei Jahre unterwegs, zuerst auf Tour, dann kommen die Festivals, noch eine Tour und die nächste Festivalsaison nehmen wir auch gleich noch mit. Das alles mit einem Album. Nach zwei Jahren hat man es irgendwann satt, immer die gleichen Songs zu spielen und will neue Sachen machen. Bei der neuen Platte hat sich dann alles irgendwie verselbständigt. Songs wie „Leider Geil“, „Bück dich hoch“ oder auch „Illegale Fans“ behandeln Themen, welche die Leute einfach ansprechen, weil es halt über diese Saufsongs, die sich nur ums Partymachen drehen, hinausgeht. Unterbewusst überlegen wir uns sicher, was passt zur Show, gleichzeitig macht man sich auch Gedanken, mit welchen Themen man die Leute ausserhalb der Konzerte ansprechen kann.

Natürlich denkt man bei Deichkind als Erstes ans Feiern und die Shows und nicht unbedingt an den Inhalt. Ihr habt dieses Mal eine andere Herangehensweise ausprobiert, in dem ihr zuerst die Texte hattet und diese dann zu verschiedenen Beats ausprobiert habt. Könnte man sagen, dass die Texte euch wichtiger sind, als es auf den ersten Eindruck den Anschein macht?
Vielleicht hast du recht. Instrumentale Lieder könnten wir uns nicht vorstellen, der Text ist immer sehr wichtig. Diese neue Herangehensweise war eine sehr gute Erfahrung. Wenn man einen Beat programmiert, lässt man sich automatisch von der Musik inspirieren. Das funktioniert natürlich manchmal, es kann einen aber auch einschränken. Etwa bei „Remmidemmi“ war zuerst der Beat da und dann kam die Idee mit einer Party bei reichen Eltern zu Hause und das hat dann perfekt gepasst. Oft sitzt man aber auch vor einem richtig geilen Beat aber irgendwie versickert er dann in der Masse von Beats. Dieses Mal haben wir uns völlig ohne Musik an die Arbeit gemacht und so setzten wir uns viel mehr mit den Texten auseinander. An einem Song wie „Illegale Fans“ sassen wir dann auch ultra-lange dran und überlegten genau, was wir sagen wollen, aus welcher Perspektive wir es erzählen sollen und wen wir damit ansprechen. Das hat auch richtig Spass gemacht, denn im Studio kann es manchmal nervig sein, wenn man zu einem Beat auch noch den Text schreiben muss. Das ist schon ganz anders, wenn man sich ohne Musik ganz auf den Text konzentriert.

Wie ich gelesen habe, sollen viele Texte rausfliegen und zwar sobald ihr das Gefühl habt, er würde dem Hörer eine Meinung aufzwängen. Besteht da nicht in Kombination mit der sehr auf das Feiern ausgelegten Musik das Risiko, dass der Inhalt gänzlich in den Hintergrund gerät?
Bei „Arbeit nervt“ war das auf jeden Fall so. Da kippte es wegen Liedern wie „Remmidemmi“ oder „Hört ihr die Signale“ auf eine Seite. Danach gab es auch intern in der Band Stimmen, die damit nichts mehr anfangen konnten, wenn wir immer in die gleiche Kerbe reinhauen. Es sollte schon wieder Themen haben, denn im echten Leben sind wir ja nicht einfach nur die Partysäufer. Deshalb setzten wir uns zusammen und schrieben Themen auf, die uns beschäftigten. Seien es Freundschaft, Liebe, Internet, Politik oder was auch immer. So haben wir das relativ systematisch aufgebaut. Eine weitere Schwierigkeit ist, wenn man ein Top-Thema hat und einen super Text, aber es passt dann flowmässig nicht auf die Musik oder es wirkt langweilig. Zum Beispiel bei „Befehl von ganz unten“ wechselte der Beat vier Mal, bis wir schliesslich die Version hatten, die uns gefiel.

Der einfache Arbeitnehmende ist bei euch immer mal wieder Thema, auf dem neuen Album natürlich vor allem auf „Bück dich hoch“, wo ihr beispielsweise sagt, schenk deinen Urlaub dem Konzern. In der Schweiz konnten wir soeben darüber abstimmen, ob der gesetzliche Urlaubsanspruch von 4 auf 6 Wochen angehoben wird und das Volk stimmte mit einer Zweidrittelmehrheit dagegen.
Warum eigentlich? Weil man dann weniger Lohn erhält?

Das wollte ich eigentlich dich als Aussenstehenden fragen.
Vielleicht haben die Leute einfach Angst, zu wenig Geld zu verdienen und dann arbeiten sie lieber länger. Die Japaner haben ja irgendwie 10 Tage Urlaub. Solange ein Job Spass macht, das ist ja auch bei uns so, arbeitet man auch gerne. Wenn es scheisse läuft ist man natürlich weniger motiviert und wenn dies länger andauert, hat man irgendwann gar keinen bock mehr zu arbeiten. Da gibt es natürlich viele Kandidaten, die dann gar nicht mehr sehen, wie es sein könnte, in einem Job aufzugehen und daran Spass zu haben. Sei es jetzt ein Songschreiber, ein Bankangestellter oder jemand bei einer Werbeagentur. Wir sind natürlich keine Arbeiter im klassischen Sinn aber trotzdem müssen wir unseren Job machen und etwas leisten. Wir haben auch Deadlines und geraten deswegen in einen Stress. Wenn ich meinem Vater, der Bauingenieur ist, versuche zu erklären, was ich als Kreativer mache, ist das für ihn schwer zu verstehen. Der denkt sich, wir würden nur im Studio rumsitzen. Bei uns ist es halt vor allem viel Kopfarbeit.

Eine Tour ist sicher auch nicht ohne.
Auf der Tour erntet man ehrlich gesagt. Klar ist es körperlich anstrengend aber es macht auch total Spass.

Es gibt ja sicherlich viele Fans, die eure Shows schon mehrmals gesehen haben…
Wir haben tatsächlich einen Fanclub, der schon 60 Mal bei uns auf dem Konzert war. Da mussten wir auch sagen: Hey Jungs, geht mal nach Hause, macht was normales, fahrt mal in den Urlaub oder trefft ein paar Frauen.

Gerade den treuen Fans müsst ihr ja nun eine Show bieten, die das bisher Dagewesen noch toppen kann. Habt ihr euch sehr unter Druck gefühlt, gerade weil ihr nun eine längere Pause hattet?
Ach, im Grunde genommen sind wir schon alte Hasen und wissen ein bisschen, wie das Showgeschäft läuft. Irgendwas zu toppen bedeutet für uns, neue Sachen zu entwickeln und das haben wir bislang immer gut geschafft. Was das angeht waren wir schon ziemlich selbstsicher.

Ihr konntet also die Tour ohne jeden Zweifel beginnen?
Natürlich gibt es immer Zweifel und man hofft einfach, dass auch wirklich alles klappt. Wenn es dann hart auf hart kommt gelingt es uns aber immer, zu liefern.

In einem Artikel über euch stand geschrieben, der neue Albumtitel suggeriere ein Gemeinschaftsgefühl, die Leute würden sich wegfeiern und damit den Aufstand gegen „die da oben“ proben. Einverstanden?
Nein, das ist schon alles ein wenig komplexer.

Das Gemeinschaftsgefühl entsteht aber mit Sicherheit.
Das bestimmt, aber nicht, dass wir uns damit gegen „die da oben“ richten. Der Albumtitel „Befehl von ganz unten“ persifliert eigentlich einen Ausdruck wie „die da oben“. Die Frage nach dem Albumtitel kommt natürlich immer wieder, aber entweder man schnallt es oder dann nicht. Natürlich gibt es auch viele Fans, die sich sagen, wir machen nun Party und lehnen uns gegen „die da oben“ auf, aber wie gesagt, es ist wesentlich komplexer und auch zynisch.

Beschränkt sich dieses Gemeinschaftsgefühl auf die Dauer der Show oder hallt das irgendwie auch nach?
Wir denken schon sehr stark über die Nachhaltigkeit nach. Nach dem letzten Album haben wir uns sehr genau überlegt, in welche Richtung es nun weitergehen soll. Schreiben wir jetzt nur noch Sauf-Proll-Songs oder beschäftigen wir uns mit Themen, die nachhaltiger sind als einen Abend feiern, saufen und dann nach Hause gehen. Wir haben uns sicherlich für den steinigen Weg entschieden, in dem wir es nicht so durchziehen wie beispielsweise Die Atzen. Vielleicht machen wir es uns manchmal auch zu schwer, auf der anderen Seite erreicht man so ein dankbareres Publikum, das länger dabei bleibt. Wir haben Fans, die das als Lebensgefühl sehen.

Bei denen geht es dann eben genau über die Show hinaus.
Genau, es wird dann zu einer Haltung, einer Attitüde.

Würdet ihr die Beziehung zu euren Fans als eng bezeichnen?
Ja schon. Porky ist quasi unser Fan-Minister und dadurch ist es schon sehr eng. Wir haben zum Beispiel ein Fan-Telefon eingerichtet, auf welches man eigentlich immer anrufen kann, obwohl wir natürlich auf Tour nicht immer rangehen können. Es klingelt ziemlich häufig und dann sprechen wir mit den Leuten und hören zu, was sie so denken und sagen. Das ist auch sehr interessant, weil es so unglaublich unterschiedliche Leute sind. Vom 14-Jährigen bis zum 27-jährigen Jura-Absolventen, der von seinen Sorgen erzählt, ist alles dabei.

Zum einen wollen die Fans einen sehr engen Kontakt zu den Künstlern, was mit den heutigen Technologien viel einfacher geworden ist, zum anderen besteht die Faszination als Fan auch darin, dass der Künstler unerreichbar bleibt und man zu ihm aufblickt. Wie handhabt ihr diesen Spagat?
Das ist schon faszinierend, denn uns ist es natürlich bewusst, dass wir zum Beispiel in München vor achttausend Leuten stehen, von denen jeder einzelne 30 Euro Eintritt bezahlt hat. Dann fragt man sich schon, auf welchem Level man mittlerweile angelangt ist. Andererseits sind wir auch ganz normale Typen, die teilweise sogar Familie und Kinder haben, die ihre Wohnung bezahlen müssen und einen Freundeskreis haben. Man versteht es dann manchmal gar nicht, wenn man mit jemandem spricht und der sieht in dir einen Star.

Aber diese gewisse Distanz zwischen Fan und Künstler ist ja irgendwie doch nötig.
Ich weiss nicht, ob es das braucht um erfolgreich zu sein. Ferris ist so ein Typ, der extrem Distanz zum Fan hält und auch nie ans Fan-Handy geht. Das wirkt dann vielleicht schon anders auf den Fan. Schlussendlich ergibt sich die Distanz wohl automatisch und die Leute wollen auch etwas anderes in einem sehen, als den normalen Menschen, der manchmal auch gelangweilt vor dem Fernseher sitzt.

Ein wiederkehrendes Thema auf dem neuen Album ist die Dekadenz der Gesellschaft. Als Künstler geniesst man ja auch gewisse Privilegien und man wird öfters so behandelt oder angesehen, als wäre man etwas Besseres. Wie verhindert man, dass man nicht selber dieser Dekadenz verfällt?
Stimmt, ich könnte mir rote Gummibärchen wünschen. Am besten verhindert man dies wohl in dem man alles nicht zu ernst nimmt. Wenn man auf der Bühne umjubelt wird ist das nicht alles. Ich habe mich auch schon mit Ferris über die Zeit unterhalten, als er „Reimemonster“ und wir „Bon Voyage“ hatten, danach wurden wir aber wieder abgeschrieben. An solche Momente muss man sich zurückerinnern.

Gerade nach einer Mammuttour wie ihr sie macht wird schon eine Leere einkehren.
Ja auf jeden Fall. Aber wir sind uns dessen bewusst, dass man danach erst Mal zwei Wochen braucht, um wieder in die Gänge zu kommen. Auch auf Tour haben wir uns geändert, ich mache zum Beispiel keine heftigen Sauftouren mehr. Man spielt diese zwei Stunden Show und der Rest ist vor allem Erholung. Obwohl wir uns natürlich nicht immer daran halten, jeder verfällt gelegentlich in seine alten Suchtmuster.

Mich als Deutschrap-Hörer des schon etwas älteren Semesters hat es gefreut, dass ihr einen Song mit Der Tobi & Das Bo aufgenommen habt, der wohl auch der Rap-lastigste Song ist, den ihr seit längerem gemacht habt. Wie kam es dazu?
Mich hat es auch sehr gefreut. Es musste alles relativ schnell gehen, auch weil wir alle ziemlich weit auseinander wohnen. Wir waren bei Tobi im Studio und erst war geplant, „Leider Geil“ mit ihnen zu machen. Tobi gefiel die Idee aber nicht wirklich und dann schlugen wir „Roll das Fass rein“ vor und alle waren begeistert. Der Song wäre eigentlich gar nicht fürs Album geplant aber mit Der Tobi & Das Bo sah es dann natürlich anders aus.

Können wir womöglich zukünftig mit noch mehr etwas Rap-lastigeren Songs rechnen?
Klar, jetzt nicht unbedingt von der Attitude her aber Rap ist uns natürlich immer noch sehr wichtig.

Deutschrap ist in letzter Zeit wieder interessanter geworden gerade auch, weil sich viele getrauen, sich auch in anderen Genres auszutoben. Seht ihr euch gewissermasssen als Vorreiter?
Nein, überhaupt nicht. Natürlich heisst es immer, dass wir die ersten waren, die Electro und Rap kombinierten aber da gab es schon andere Leute, die damit geliebäugelt haben. Ich denke da an Fischmob, Fünf Sterne Deluxe, Moonbootica oder DJ Kotze, die das noch viel krasser gebrochen haben und noch weiter weg von Rap gingen. Tobi, der dann Moonbootica machte, wollte mit Deutschrap wohl gar nichts mehr am Hut haben. Bei uns ging das schleichender, etwa auf „Aufstand im Schlaraffenland“ hatten wir auch noch eine Rap-Nummer. Show-mässig haben wir das strikt gebrochen, aber auf Platte nicht ganz so harsch.

Interview: Fabian Merlo

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