Fler – Ich gucke nur, was heute ist, und morgen vielleicht noch!

DE-Rap

Fler hat einen unglaublichen Output. Im letzten Jahr veröffentlichte er gleich zwei Alben, zusätzlich noch eine Biographie. Nun hat er mit seinem Label Kollegen Silla das Representer Werk „Südberlin Maskulin II“ veröffentlicht und ist wie immer ein Stammgast in den Top Ten der Albumcharts, auch hier in der Schweiz. Wir haben mit ihm und Silla über genau diesen grossen Output gesprochen, sind dem Thema Ghostwriting auf den Grund gegangen und haben ehrliche Antworten erhalten!

Fler, du hast ja – das haben wir schon vorher besprochen – einen riesen Output. Kann man da denn den einzelnen Release noch genießen, oder den einzelnen Track, oder ist das mehr so Fließbandarbeit?

Fler
Nee, natürlich. Man ist extrem stolz auf das Produkt, wenn das dann fertig ist. Das einzige, was mir halt aufgefallen ist: Sobald die CD dann wirklich auf dem Markt ist, bist du halt schon wieder bei dem nächsten Projekt. Also, nach dem Album ist praktisch vor dem Album. Du genießt halt nicht wirklich im selben Augenblick wie die Fans. Du bist halt überzeugt von dem Produkt, und deswegen gibst du es dann auch ab, und deswegen kannst du auch so schnell releasen, weil du an die Sachen glaubst. Aber ich würde das niemals machen, wenn ich merke, das ist jetzt Fließbandarbeit. Das würden auch die Fans merken, und dann würde das ganz schnell keinen Sinn mehr ergeben.


Aber trotzdem: Savas hat für ein Solo-Album vier Jahre gebraucht, und du – im Halbjahrestakt. Was machst du anders?

Fler

Meine Art von Rap ist sehr auf die Produktion bezogen. Savas nimmt sich halt sehr minimalistische Beats und macht die von seinen Lyrics abhängig. Bei mir ist es halt immer eine Symbiose: Der Beat und der Text passen halt zusammen. Eins geht ohne das andere nicht. Wenn du gute Produzenten findest, kannst auch dem entsprechend Partysongs machen oder Clubsongs oder Straßensongs, die auch wirklich nur dann funktionieren, wenn jemand dir so einen Beat liefert. Und Sabac bezieht sich halt sehr stark nur auf die Lyrics.

Silla, wie ist es für dich, jetzt so professionell unterwegs zu sein? Wir haben eben schon drüber geredet: Fler ist schon ein bisschen länger auf dieser Ebene. Wie ist das für dich – so ganz neu, oder …

Silla

Nee, natürlich geht man dieses Tempo mit. Das ist auch gut zu beobachten. Für mein letztes Soloalbum habe ich zwei Jahre gebraucht. Und dann hatte ich halt auch viele persönliche Krisen, hat sich halt hingezogen. Generell, manchmal ist es so, dass von der Songidee bis zum fertigen Song auch schon mal ein Jahr vergehen. Ich leg mir das im Kopf zurecht, bis da mal was bei rum kommt. Das war bis jetzt so meine Herangehensweise. Jetzt habe ich gemerkt, wenn man projektbezogen arbeitet, wie Maskulin, wo man weiß, das muss man dann und dann abgebe, dann macht man das einen Monat. Durch dieses Projekt habe ich jetzt auch gelernt, dass das nicht unbedingt von Zeiten abhängig ist. Ein Album kann innerhalb von einem Monat genau so geil sein, wie in zwei Jahren. Wenn man sich jetzt ewig lang Zeit lässt, heißt das nicht, dass das Album dadurch besser ist.

Also heißt das, ihr habt in einem Monat dieses ganze Album aufgenommen?

Fler

Ja, Aufnahmezeit war ein Monat, und Mischen und vielleicht noch mal ein paar Sachen ändern, noch mal auf einen neuen Beat einrappen, und Mastern am Ende auch noch, das macht ja eine andere Firma für uns – da gehen dann am Ende schon zwei Monate drauf.

Silla

Shooting und so für Covers …

Ja, aber dieses Einrappen – dafür brauchst du eigentlich einen Monat.

Wie ist die Aufgabenteilung bei euch – ist alles schön demokratisch?

Fler

Silla hat oft die Ideen geliefert, die dann im Beat … das ist dann meistens sein Kopf. Und ich hab dann halt dem Song meine Note hinzugefügt. Daraufhin hat er dann seine Lyrics erst geschrieben, weil er gesehen hat: Ich hab das so und so interpretiert, das geht in die und die Richtung. Das war ein fließender Prozess.

Ihr habt die Hooks erwähnt – wie wichtig sind euch die? Gerade weil ich weiß, Ami-Rap ist das, wovon ihr euch inspirieren lasst.

Fler

Ja, das sieht man halt auch. Im Endeffekt geht es um den Song, und es geht darum, dass du mit der Hook genau so cool sein kannst wie mit den coolen Strophen, die man als Rapper normalerweise immer aus dem Ärmel schüttelt. Aber es geht auch darum, dass ein Hook eingängig sein muss. Ein Hook macht ja, wenn du so willst, den Song zu 50% aus. Ich fange gar nicht erst an, eine Hook zu schreiben, wenn die Hook nicht cool ist, oder wenn der Beat nicht 100 pro geil ist. Oft gehe ich auch ins Studio und mache drei, vier Hooks, habe also drei, vier Songs angefangen, und lasse die Sache dann so lange liegen, bis jemand mir vielleicht auch hilft bei der Strophe. Am Ende des Tages geht es nicht nur um die eine Hook, um den einen Beat, sondern es geht um 18 Songs, die zusammenpassen müssen. Und dass die so ein Gesamtbild ergeben, ist meiner Ansicht nach ganz wichtig bei den Alben. Was auch die meisten Rapper in Deutschland nicht hinbekommen. Wenn du dir jetzt die Newcomer anguckst, da gibt es dann keine richtige Einleitung, keinen richtigen Hauptteil, kein richtiges Ende – es ist halt alles nur aneinander gereiht. Und oft sind dann drei oder vier Songs gleich oder haben eine extrem hohe Energie, haben einen extrem hohen Push, und dann flacht das so ab und fällt in so ein Loch hinein. Und das ist dann auch nicht richtig aufgeteilt. Die Tracklist muss auch die richtige Reihenfolge haben. Das sind alles Sachen bei einem Album, die eine wichtige Rolle spielen, von denen die meisten Rapper nicht viel verstehen.

Wo ist die Grenze zwischen Streetrap und Pop? Ich meine, ihr positioniert euch schon eher in der harten Streetrap?

Fler

Ich finde, von der Musik her machen wir einfach Rap, und ob das in Deutschland oder in der Schweiz jetzt Straßenrap heißen muss, damit die Leute das dann als cool empfinden, das ist dann deren Sache. Aber für mich ist der Punkt, das ich gesagt habe, ich will meiner Musik treu bleiben und durch mein Auftreten und durch mein Erscheinungsbild und den ganzen Scheiß, der halt dazugehört, will ich den Leuten zeigen, dass ich etabliert bin. Dafür muss ich nicht auf einmal irgend eine Popmusik aus dem Arsch ziehen. Das muss schon alles so bleiben, wie man es auch gemacht hat. Natürlich muss man sich aber trotzdem weiter entwickeln. Das kommt aber von alleine.

Silla

Früher war man der krasse Untergrund-Rapper, und nur weil man Erfolg hat mit der Untergrund-Mucke, ist man auf einmal ein Pop-Rapper. Man erweitert einfach die Musik immer um gewisse Nuancen, entwickelt sich weiter, versucht natürlich auch mal, fresher zu sein und eine neue Note hinzuzufügen. Und wie das dann eingeordnet wird, das ist dann, wie gesagt, den Leuten überlassen. Das ist dann eh meistens nur Quatsch.

Fler, nach dem Solo-Album „Im Bus ganz hinten“, wo du ja auch sehr offen über dein Leben und deine Vergangenheit, die nicht immer ganz einfach war, erzählt hast – dann kam ja noch deine Biographie – war das vielleicht so ein Gegenprodukt? Denn es ist sehr hart, es geht jetzt nicht sehr um die Storys, nicht wahr?

Fler

Ja, nach so einer Biographie noch einmal so einen Seelenstriptease hinzulegen, wäre auch nicht richtig gewesen. Also, irgendwann ist es dann auch mal gut. Ich wusste, die Leute wollen das mal hören, das interessiert die, und es zieht sich auch länger hin – so ein Buch kannst du ja auch ein Jahr später noch cool finden. So ein Buch ist ja auch eine zeitlose Geschichte. Und auch das Album ging ein bisschen in dieselbe Richtung wie die Biographie, aber ich wollte mich jetzt – gerade auch für meinen Kopf – mal wieder ein bisschen entspannen. Die ganze Geschichte war auch sehr anstrengend für den Kopf. Du musstest halt immer viel über dein Leben reden und musstest viel auspacken, wieder viel verarbeiten und neu verarbeiten. Und da ist es jetzt einfach super, dass wir jetzt einfach Spaß haben. Wir fahren rum, machen unser Ding. Und das ist für mich auch Rap das gehört für mich dazu, dass man das auch einfach mal macht.

Ihr habt ein eigenes Label, Maskulin. Kommt diese Indie-Schiene wieder? Warum muss man heutzutage überhaupt ein eigenes Label haben?

Fler

Du musst schon aus dem Grund ein eigenes Label habe, weil es sozusagen keine Mittelschicht mehr gibt. Entweder bist du bei einem Major oder du bist halt ein Underground-Penner, der halt wirklich nichts machen kann, weil er 3000 CDs verkauft und davon wirklich nicht leben kann. Und wir haben halt das Glück, dass wir sozusagen ansatzweise Platte verkaufen wie bei den Majors, so an die 30.000. Aber wenn ich das bei einem Major verkaufen würde, dann würde ich mich nicht wirklich darüber freuen. Und bei dem Business-Konstrukt, das wir haben, dass wir halt das Label in einem kleinen Kreis führen, dass Gan-G irgendwie viel selbstständig macht und ich halt auch viel selbstständig mache, können wir uns das erlauben, also kriegen wir das gestemmt. Und wir haben dann sehr, sehr viel Geld zur Verfügung und verdienen halt sehr, sehr viel Geld daran. Plus noch Merchandise-Einnahmen. Und so ist man dann halt wirklich so eine kleine Armee. Andere Rapper haben halt nicht die Erfahrungen durch das Business gemacht wie wir. Die denken dann halt, dass du einen Major brauchst. Aber manchmal brauchst du den nicht.

An was oft diese Label scheitern, die von einer Gallionsfigur geleitet werden, ist, dass man die next generation nicht nachziehen kann. Wie macht ihr das, dass es bei Silla nicht passiert?

Fler

Weil Silla ja nicht next generation ist. Silla ist einfach nur meine Generation, aber ein bisschen später dazugekommen. Silla ist ja kein Newcomer-Rapper, den keiner kennt, sondern er hat sich durch jahrelange Vorarbeit einen Namen erarbeitet. Und darum ist er ja auch in dieser Position, dass man mit ihm ein Album machen kann. Weißt du, Bushido macht ja nicht ohne Grund mit Fler ein Album, und Fler macht nicht ohne Grund mit Silla ein Album. Das ist ja nicht nur Freundschaft, das ist auch Business. Man glaubt da auch dran. Und das hat er sich selbst im Untergrund erarbeitet. Er hat von keinem was geschenkt bekommen, sondern gesagt: Ich rappe so lange, bis die Leute mich kennen. Und deswegen ist es da nicht so ein Problem. Und das ist genau das, was die anderen Künstler bei anderen Labels nicht gemacht haben. Also die anderen Newcomer, die haben da nicht so viel Potential, so viel eigene Energie reingesteckt.

Du bist schon sehr lange dabei. Aber mit diesem Album geht das Ganze noch auf ein nächstes Level für dich, oder?

Silla

Ja, voll.

Und hättest du vor fünf, sechs Jahren gedacht, dass du hier stehen würdest?

Silla

Ehrlich gesagt, schon. Ich wollte das immer. Und ich hatte auch schon vor fünf, sechs Jahren, zu meinem zweiten Album, zu anderen Labels Kontakte. Ich hatte diverse Angebote, die ich ausgeschlagen habe, weil ich einfach noch nicht bereit war für den nächsten Step. Ich musste mich erst mal selbst organisieren. Dass ich weiß, worauf ich Wert lege. Jetzt ist es so weit, und jetzt bin ich bereit, voll durchzustarten, alles zu geben, und auch die beste Platte vorzusetzen.

Wie geht’s bei euch weiter – zusammen oder solo? Es wird ja oft gesagt, irgendwann ist man zu alt für Rap. Wie steht ihr dazu?

Fler

Wenn ich mir die ganzen Leute angucke wie Sammy Deluxe und Savas und Eisfeld. Es gibt da auch viele Leute, die älter sind als ich. Die sind fast alle 8 Jahre älter als ich. Da bin ich voll entspannt. Ich werde jetzt 30, Bushido ist 32 oder 34, Jay-Z ist 41 – das ist alles eine Frage von: Wie bringst du es rüber. Und ich glaube, solche Leute brauchen wir auch in Deutschland, die so eine Art von Rap, wie wir sie machen, auch in dieses Altersding reinbringen. Denn es gibt ja in Berlin einen Haufen Leute, die in unserem Alter sind und noch älter und die das wollen und brauchen. Und die sagen: Es ist gut, dass ihr jetzt kommt und den Leuten vermittelt, dass wir keine asozialen sind, sondern dass wir Geld machen, dass wir seriös sind, und dass nicht alles in einen Topf zu schmeißen ist. Diesen kredibilen Rap, aber auch mit ernstzunehmenden Leuten.

Wie seht ihr euch beide so in fünf Jahren?

Fler

Ich gucke nur, was heute ist, und morgen vielleicht noch. Ich höre nur auf mit Rappen, wenn ich keinen Bock mehr habe. Also wenn ich morgen merke, das nervt mich alles, ich hab keinen Bock mehr, oder ich finde was Neues, dann bin ich auch weg. Und dann bin ich für immer weg. Bei mir wird’s das nicht geben, dass ich ein Comeback mache oder sowas.

Silla

Es kommt eh immer anders, als man denkt. Vor fünf Jahren habe ich auch nicht gedacht, dass ich jetzt hier mit dir im Auto sitze, durch die Schweiz fahre, um Promo-Termine zu machen. Von daher bin ich sehr gespannt, wo ich heute genau in diesem Moment in fünf Jahren sein werde. Ich lass es auf mich zukommen. Tu alles dafür, dass es weiter bergauf geht.

Ich weiß zumindest, dass Fler ein Album geplant hat.

Fler

Ja, es ist immer etwas in Planung. Ich freu mich jetzt erstmal auf meine New York-Reise. Ich bin erst mal fünf Wochen in New York und Miami. Aber wenn die Promophase abgeschlossen ist und ich wieder nach Berlin komme, dann habe ich natürlich wieder Hummeln im Hintern. Aber ich gerade noch ein paar private Sachen machen, mal wieder umziehen, wie gesagt, dann ein bisschen abschalten. Aber ich hab auch voll Bock, wieder Musik zu machen. Das hab ich gestern zu meiner Frau gesagt. Ich meinte auch zu ihr: Ey krass, ich könnte jetzt schon wieder Mucke machen. Dann denke ich aber auch im zweiten Augenblick: Krass, gerade war ich noch überfordert und hatte die Schnauze voll von Rap, und dann im nächsten Augenblick bist du Künstler und willst halt wieder machen. Das steckt halt in uns drin, weißt du.

Silla

Ende Mai werde ich jetzt mein Album rausbringen, das ist quasi wie ein Best of, nur nicht wie ein handelsübliches, sondern alle Songs, die ich auf meinen Soloalben rausgebracht habe, in einer Box und eine CD mit exklusiven Songs. Und Ende des Jahres kommt ein neues Soloalbum mit einer Tour, also komplett … Auch geplant, viel zu tun dieses Jahr.

Was sagt ihr zum ganzen Illuminati-/Freimaurer-Hype, der auf Youtube stattfindet, in den du ja auch reingezogen wurdest, Fler?

Fler

Jaja, ich find gut, das die Leute so darüber nachdenken. Ich glaub auch krass an irgendwelche Logen, und ich glaub auch, dass es Leute gibt, die in den oberen Reihen die Fäden in der Hand haben. Die Welt funktioniert nun mal so. Natürlich ist das, was die Leute aufdecken, auch irgendwie Humbug, aber es gibt so was auf jeden Fall. Das sieht man ja auch an der Politik, an den Menschen, an den Firmen, an der Wirtschaft.

Von dir kursiert ja das Psalm 23-Promovideo. Da wird auch aufgedeckt, dass da so Symbole sind. Ich habe das Auge – ich weiß nicht was – auf deinem Arm gesehen …

Fler

Für mich ist es mittlerweile auch ein Stilmittel, ich finde es cool. Ich glaube halt nicht an den Teufel, ich glaube an Gott. Aber die Symbole sind für mich alle irdisch, ja, das sind keine überirdischen Angelegenheiten. Ob du jetzt ein Kreuz nimmst oder ein Pentagramm oder diese Pyramide mit dem Auge – für mich ist das ein Style. Ich glaube nicht an den Teufel, ich glaube an Gott. Ich weiß, dass es den Teufel gibt, aber ich glaube an Gott. Und somit ist die Sache für mich einfach gegessen. Da braucht keiner Faxen machen.

Letzte Frage: Ghostwriting ist so ein verpöntes Thema bei Rappern. Was sagt ihr dazu?

Fler

Naja, das ist ja auch nur verpönt, weil die Leute den Künstler, der erfolgreich ist, in Frage stellen wollen.

Es ist ja lustig: Bei der Popmusik ist das überhaupt kein Problem. Whitney Houston hat ihr ganzes Leben lang keinen Song geschrieben. Sie war einfach Interpretin.

Fler

Genau. Weil da einfach den Leuten klar ist, dass sie eine Sängerin ist und dass es eine Leistung ist, dass man singen kann. Dass Rappen eine Leistung ist, das wollen die Leute einfach nicht anerkenne, weil sie halt immer wieder irgend was bei einem Rapper suchen. Weil sie halt diese provokante Art irgendwie kleinreden wollen, irgend was finden wollen, womit sie den Rappern in Frage stellen können. Ich schreibe 90% meiner Songs selber, aber es gibt auch Tage, da findet man was Anderes – man sucht ja auch andere Einflüsse, und deswegen ist das cool.

Silla

Am Ende soll das Produkt gut werden, und wenn man da ab und zu mal Hand in Hand arbeitet, dann sehe ich da kein Problem.

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