Pete Philly – „Ich mag einfach den Konsens nicht“

Int. Rap

15 bis 20 Minuten wurden mit dem Tourmanager vereinbart, um mit Pete Philly über sein aktuelles Album „One“ zu sprechen. Dies ist sein erstes auf Tonträger veröffentlichtes Soloalbum, nachdem er vergangenes Jahr das Projekt „Open Loops“ kostenlos angeboten hatte (checkt openloops.net). Zuvor hatte er als Teil des niederländischen Duos Pete Philly & Perquisite weit über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen gesorgt. Nach zwei Studio-, sowie je einem Remix- und Live-Album trennte sich das Gespann, weil die Chemie schlicht nicht mehr funktionierte. Auf „One“ stellt Pete Philly sein bereits auf den früheren Veröffentlichungen angedeutetes Talent für den Gesang vermehrt in den Vordergrund. Zudem übernahm er auch den Grossteil der Produktion selber. Ein ziemlicher Balanceakt, wie er selber weiss. Seine musikalische Ausrichtung ist bei weitem nicht das einzige, worüber er sich Gedanken macht und so wurde aus der vereinbarten Viertelstunde schliesslich ein fast einstündiges Gespräch, in welchem wir einen Künstler kennenlernen durften, der gross denkt und damit auch immer wieder an seine Grenzen stösst. Der extrem hohe Anforderungen an seine Kunst stellt und es sich damit manchmal auch schwer macht. Der die Musik so authentisch wie möglich machen will und trotzdem auch mit äusseren Ansprüchen und Fragen zur Kredibilität hadert. Einer, dem man anmerkt, dass er weder mit HipHop noch mit seinem Künstlerdasein vollends zufrieden ist, dem man aber auch sofort abkauft, dass er nichts mehr liebt. Pete Philly ist ein Künstler und Mensch mit Ecken und Kanten, mit Widersprüchen und Gegensätzen und vielleicht entsteht genau deshalb bei ihm Musik, die sich mit Sicherheit stets vom Durchschnitt abhebt.

Es ist nun drei Jahre her, seit du offiziell als Solokünstler unterwegs bist. Wie lange hat es gedauert, bis du wusstest, in welche Richtung du gehen willst?
Es dauerte etwa eineinhalb Jahre. Ich hatte „Open Loops“ bereits veröffentlicht, doch trotzdem war ich noch auf der Suche und hatte meinen Weg noch nicht wirklich gefunden.

Du spieltest zuerst ja gar mit dem Gedanken, dich mehr aufs Schauspielern zu konzentrieren.
Ich war bereits als Kind ein Schauspieler und habe es immer geliebt. Zu dieser Zeit hatte ich das Gefühl, etwas anderes machen zu müssen. Das Leben als Musiker ist anstrengend, vor allem wenn man auf Tour ist, wenig schläft und meist nicht gerade das gesündeste Essen vorgesetzt bekommt. Wenn man aber die bestmögliche Show abliefern will, muss man erholt sein. Beim Schauspielern kann man noch viel mehr über sich selbst herausfinden als beim Musikmachen, denn als Künstler kann man sich so geben, wie man es will und somit man gewisse Dinge mehr in den Vordergrund rücken und andere eher ausblenden. Als Schauspieler muss man aber völlig mit sich selber im Reinen sein, da man in verschiedene Rollen schlüpfen und unterschiedliche Emotionen spielen muss. Diese Emotionen würde man als Künstler womöglich nicht zulassen, da man in einem gewissen Image oder einem bestimmten Genre gefangen ist. Ich realisierte dann aber, dass ich in der Rolle bei Pete Philly & Perquisite viele Seiten von mir nicht zeigen konnte; meine Kompositionen, meine Produktionen, einfach meine eigene Musikalität. Das war der Grund, wieso ich doch mit der Musik weitermachte, da ich zeigen wollte, dass ich auch alles alleine machen kann.

Bei Pete Philly & Perquisite störte es dich, dass du auf die Rolle des MC’s limitiert wurdest.
Das gilt nicht für die Leute, die mich bei Konzerten gesehen haben. Diese verstanden, dass unsere Shows ein wichtiger Teil des Erfolgs waren. Die Medien fokussierten aber häufig auf den HipHop-Produzenten, der auch noch Cello spielt. Daher wurden wir nicht als gleichwertiges Musikduo wahrgenommen, obwohl ich auch einen grossen Anteil bei den Arrangements und dem Mix hatte. Doch hier geht es vor allem um das Ego, wie das so oft der Fall ist.

Für dein Album begannst du zuerst damit, Beats zu produzieren, die du dann fast alle wieder verworfen hast. Dann hast du am Piano komponiert und wiederum alles verworfen. Daraufhin entschiedst du dich, dass Beatbox und deine Stimme die Basis der Songs sein soll. Wie kamst du auf diese Idee und wie kann man sich das vorstellen? Hast du die Songs rund um dieses Gerüst aufgebaut?
Jede Technik die man verwendet, beeinflusst schlussendlich, was dabei herauskommt. Es hat einen Einfluss auf das Endergebnis, wenn man einen Text tippt oder ihn mit einem Stift schreibt. Meine Songs sollten so natürlich wie nur möglich sein und meine Stimme ist die purste und ehrlichste Form. Für mich ist es sehr einfach auf diese Art und Weise Songs zu komponieren. Ich singe und beatboxe die Melodien, spiele dazu einige Akkorde mit dem Piano ein und in einem nächsten Schritt programmiert man dann die Beats. Ich arbeitete auch mit einem Pianospieler, denn ich spiele zwar Klavier aber mehr schlecht als recht. Es entstanden aber nicht alle Songs auf diesem Weg aber doch rund die Hälfte des Albums. Irgendwann pisste es mich an, meine eigenen Beats zu produzieren und ich holte mir Beats von anderen. Ich merkte aber, dass dies auch nicht der Weg ist und machte dann doch das meiste selber, denn so ist es am ehrlichsten. Ich kann es kaum erwarten mit meinem nächsten Projekt zu beginnen, da sich in den letzten zwei Jahren so vieles verändert hat, sei es geschäftlich, musikalisch, Freundschaften, meine Gedanken, einfach alles. Nun bin ich an dem Punkt, wo ich noch genauer weiss, was ich machen will.

Du sagtest Mal , du seiest eigentlich nach jedem deiner Alben ein wenig enttäuscht, da du das Gefühl hast zu wenige Grenzen durchbrochen zu haben und immer noch gewissen Regeln gefolgt zu sein. Das trifft also auch auf „One“ zu?
Ich liebe jedes meiner bisherigen Alben, selbst wenn es nur aus dem Grund ist, dass es eine gewisse Phase dokumentiert. Wenn ich alt bin kann ich hoffentlich die Alben hervornehmen und dadurch erkennen, durch was für eine Phase ich zu dieser Zeit ging. Selbst jetzt höre ich mir manchmal sechs, sieben Jahre alte Texte an und merke, dass ich die Wahrheiten, die ich dachte eben erst entdeckt zu haben, schon damals in mir trug. Für das liebe ich meine Platten. Aber was ich versuche zu erreichen ist nicht einfach. Erstens arbeite ich in Amsterdam, eine Stadt die nicht sehr viel musikalisch Relevantes produziert. Deshalb muss ich die Türen ganz alleine auftreten, weil niemand dasselbe macht wie ich. Ich bin der einzige Artist aus Amsterdam, der mit seiner Band in 21 Ländern auftreten konnte. Ausserdem entschied ich mich, nicht zur zu Rappen oder zu Singen, sondern beides zu machen. Würde ich mich für eines von Beidem entscheiden, wäre es viel einfach zu vermarkten. Die Rap-Fans würden sich nicht ab dem Gesang stören und die Soul-Fans nicht ab den Raps. Daher bin ich einer ganz eigenen Nische und ich versuche eine Balance zwischen diesen sehr unterschiedlichen Energien zu finden. Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig als Kompromisse einzugehen, denn ich versuche beides auf einem Projekt unterzubringen.

Du sagtest in einem Interview, für die Zukunft gäbe es nur drei Möglichkeiten: entweder es gibt separate Projekte für Rap und Gesang, du machst weiterhin beides auf deinen Alben oder du findest einen Weg, diese beiden Ausdrucksweisen verschmelzen zu lassen.
Lustigerweise mache ich diese Mischung live und bereits als ich 20 Jahre alt war hatte ich diesen Stil.

Ist diese Verschmelzung nun das Ziel für die nächste Platte?
Ich bin mir nicht sicher. Meine Standards sind in allen Belangen hoch: natürlich bei der Musik aber auch beim Artwork oder den Videos. Auch der Mix muss sauber und das Mastering perfekt sein. Meine Songs sollen universell daherkommen, jeder soll sie sich anhören können und trotzdem sollen sie die Hörer herausfordern. Mit all diesen Zielen ist es fast nicht zu verhindern, dass man am Schluss ein wenig enttäuscht ist. Ich bin kein eindimensionaler Künstler und Mensch und kann mich nicht nur auf etwas konzentrieren. Mit „One“ versuchte ich zwar Eins zu werden, aber ich mag Rappen genau so wie das Singen, auch mag ich das Produzieren genau so wie auf einen Beat zu rappen und das akustische mag ich ebenso wie das elektronische.

Wie du mal gesagt hast: Wenn es einen leichten und einen harten Weg gibt entscheidest du dich für den schwierigen. Du wüsstest eigentlich, wie man einen Hit produziert. Wieso machst du es dir so schwer?
Ich glaube auf dem nächsten Album werde ich einen schreiben. Dass ich das bislang nie gemacht habe liegt wohl zum Teil daran, dass ich mir zu viele Sorgen um die Credibility gemacht habe. Bei Pete Philly & Perquisite waren die Leute immer sehr begeistert von der Musikalität, so dass ich nun das Gefühl hatte, meine eigene Musikalität zeigen zu müssen. Dabei sind es eigentlich das Storytelling und meine Inhalte, die mich definieren. Es geht nicht darum, ob man nun Streicher hört oder meine Stimme oder was für ein Prozess dahinter steckt, sondern dass ich meine Geschichte so gut als möglich transportiere. Dass ich nun die meisten Songs auch noch gemeinsam mit DJ PCM produzierte war wohl zu viel. Ich habe zu viele Dinge gleichzeitig gemacht. Als ich jünger war schrieb ich ständig Hits und die Songs waren immer sehr catchy. Perquisite ist aber keiner, der wirklich eingängige Sachen produzieren kann und so kam ich eher zufällig zu dieser schwierigeren Herangehensweise. Ich glaube aber, dass das was als erstes aus dir herauskommt das Natürlichste ist und man sich darauf konzentrieren sollte. Einige der Songs auf „One“ waren in ihrer ursprünglichen Fassung wirkliche Hits, doch dann haben wir nach den Aufnahmen noch viel geändert, wie etwa die Arrangements. Ein Beispiel dafür ist „Let It Go“, der sehr poppig war und denn wir glücklicherweise dann mit zusätzlichen Arrangements, wie das Outro, zu etwas Kreativerem gemacht haben. Auch die erste Aufnahme von „True“ war ein richtiger Hit, der sich nach Motown anhörte. Das Label war begeistert und wollte es direkt als erste Single, doch ich war dagegen. Sie dachten das würde im Fahrtwasser von Amy Winehouse oder Duffy super funktionieren. Mein Album erschien in den Niederlanden im 2011, das Motown-Revival war aber schon 2008 wieder tot.

Neben dem vermehrten Singen und den eigenen Produktionen hast du dich auch in lyrischer Sicht verändert. Die Songs sind vermehrt so geschrieben, dass jeder Hörer ihn anders interpretieren kann. Gab es dafür einen bestimmten Grund?
Schwer zu sagen, es ist wohl einfach eine Form des Experimentierens. Ich mag es, wenn meine Lyrics verstanden werden. Überrieben metaphorische Texte beeindrucken mich nicht. Deshalb finde ich beispielsweise Andre 3000 einen solch grossartigen Künstler, weil er auf sehr simple Weise viel Aussagen kann. Auf dem neuen Album wollte ich es etwas offener halten und es damit noch universeller gestalten. „What Do We Fight For“ könnte sich um eine Beziehung drehen oder auch ein soziologischer Text sein. Das spielt auch mit dem Gedanken des Albumtitels, das alles Eins ist und die kleinen und grossen Dinge zusammenhängen. Ich mag diese Idee. Denn wenn ich negative Energie in mir habe, dann bin ich auch verantwortlich für negative Energie ausserhalb von mir selbst, denn ich füge Negativität zum Ganzen bei. Ich mag es, wenn man etwas sagt, dass zwei Leute völlig unterschiedlich interpretieren können, aber trotzdem sagt es immer etwas aus. Ich habe auch einen Verse, der nun nicht auf dem Album ist in welchem ich sage: „My words mean to you whatever they mean to you and no matter what they say I’m never mean to you, see all I mean to do is find the means to do something meaningful, meaning I seen a thing or two that I’m trying to process and you’re invited.“ So könnte man wohl begründen, wieso ich die Herangehensweise an die Texte geändert habe oder ich habe jetzt einfach einen sehr guten Weg gefunden, um das zu erklären (lacht). Das Wichtigste ist, dass deine Absicht authentisch ist. Da sind wir wieder beim Thema Credibility, denn Authentizität ist wichtiger als Originalität oder Kredibilität. Wenn man einen authentischen Popsong macht sehe ich darin kein Problem.

Ein Thema, das man auf dem Album immer wieder antrifft ist die Vergänglichkeit. Meiner Meinung nach hast du eine Platte gemacht, die man sich mehrmals anhören muss, bis sie sich völlig entfaltet. Könnte man daher „One“ als ein Statement gegen diese kurzlebige Gesellschaft verstanden wissen?
Nein, das würde ich nicht unbedingt so sagen. I tell you something man, I’m a weird son of a bitch. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber würden alle sehr tiefgehende Musik machen, hätte ich wohl etwas sehr kurzlebiges gemacht. Ich mag einfach den Konsens nicht. Es hängt aber wohl auch mit dem Alter zusammen. Ich bin nun über Dreissig und komme aus einer Ära, also noch Alben gemacht, Geschichten erzählt und sich Zeit genommen wurde. Ich esse manchmal ungesunde Snacks, versuche mich aber gesund zu ernähren. Ich schaue mir einen Actionfilm an, liebe aber sehr gut geschriebene Dramen. Ich liebe einfach das künstlerische Handwerk. Sei es in der Musik, der Kunst, Architektur, Spoken Word, Artikel, Bücher oder Kolumnen. Es muss einfach eine Botschaft, einen Gedanken und eine Idee dahinter haben. Wir leben in sehr nihilistischen Zeiten, nicht unbedingt was die Menschen angeht aber aufgrund der Maschine, die dahinter steckt. Es geht darum, dass wir weiter konsumieren, Jobs haben, die wir nicht mögen und uns vor allem Sorgen machen, ob wir nun das iPhone 3 oder das iPhone 4 haben. Wir werden zu Monkeys. Wir müssen uns dem mit schönen Dingen widersetzen. Deshalb bin ich auch sehr zufrieden damit, dass die Unterhaltungsindustrie auseinanderfällt. Solange diese von Leuten regiert wird, die nicht nur die Künstler unterbewerten, sondern auch die Konsumenten, müssen andere Leute das in die Hände nehmen. Deshalb gefällt mir der Gedanke, dass die Künstler ihre Sachen selber lenken. Das bedeutet natürlich, dass man sich mehr mit geschäftlichen Dingen herumschlagen muss, was natürlich nicht unbedingt nur toll ist, aber das Geld soll bei den Künstlern bleiben. Da immer weniger Geld im Spiel ist, wird auch die Versuchung kleiner, einen schnellen Hit landen zu wollen. Wenn ich von Hits spreche denke ich nicht unbedingt an den Erfolg, sondern daran, dass diese Songs jeden berühren, wie das Michael Jackson, James Brown, Bob Marley, Miles Davis, Nirvana oder Sting konnten. Ich möchte in meiner Karriere mindestens einen Song machen, der so viele Menschen anspricht. Ich denke, dass ich schon solche Songs gemacht habe aber damit diese dann auch wirklich zu den Leuten kommen, muss natürlich auch die geschäftliche Seite, das Marketing und die PR stimmen. Ich werde nicht aufhören, bis ich einen solchen Song habe, denn ich denke ein Artist zu sein, der das Potential dazu hat.

Du hast zuvor bereits den visuellen Aspekt erwähnt, der bei dir schon immer eine wichtige Rolle gespielt hat, wie man zuletzt auch bei der Website „Open Loops“ sehen konnte. Denkst du, dass das Visuelle zukünftig noch eine grössere Rolle spielen wird, da man den Konsumenten einen Mehrwert bieten muss, damit sie auch weiterhin Musik kaufen?
Ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr darauf an kommt. Ich machte es, weil es mir gefällt und für die wenigen, für die das auch noch wichtig ist.

Du sagtest ja auch, das Konzept von „Open Loops“ sei wohl der Zeit voraus gewesen, da du nicht ganz das gewünschte Feedback bekommen hast.
Genau und wie gesagt komme ich aus den Niederlanden, nicht aus den USA, England oder aus Deutschland. Es ist eine Frage der Grösse. Aber die Leute interessiert es sowieso nicht mehr. Ob man nun Millionen von Dollar oder ein paar Euros investiert, für den Konsumenten ist alles kostenlos, wenn auch nicht legal. Egal woher die Musik oder die Filme kommen, die Leute können es sich gratis besorgen. Ob man also konkurrenzfähiger werden kann in dem man die Qualität anhebt, mag ich deshalb zu bezweifeln. Schlussendlich dreht sich fast alles ums Marketing. Es gibt Underground-Sachen, die im Mainstream ankommen, dann gibt es aber auch gute Popmusik, die völlig im Untergrund bleibt. Der Unterschied liegt einzig bei der Vermarktung. Alles andere scheint sekundär geworden zu sein.

In einem Interview sagtest du, HipHop stagniere seit zehn Jahren und es fehle an Authentizität. Gibt es überhaupt keine Rap-Musik mehr, die dich inspiriert?
Das kann man nicht generell so sagen und ich hoffe, das kam in diesem Interview auch nicht so herb rüber. In Amerika finden viele Innovationen statt und neue Genres entstehen. Nach einer Weile ist ein Trend vorbei und dann kommt das Nächste. In Europa haben wir die Tendenz, auf Traditionen aufzubauen. Beispielsweise gab es in Belgien und den Niederlanden Jazz-Innovationen, genau so in Japan. Wir schätzen Traditionen und haben deshalb immer das Gefühl, dass gewisse Trends viel zu schnell wieder verworfen werden. Man muss sich überlegen, an welchem Punkt HipHop Ende der Neunziger war. In den USA gab es die Alben von Lauryn Hill, Outkast, Snoop und Dre. Aus England kamen Künstler wie Ty oder Roots Manuva, aus Paris die Saïan Supa Crew oder in den Niederlanden hatten wir Postmen. Global gesehen war HipHop zu dieser Zeit unglaublich dynamisch. Einfach gesagt entschied die Maschinerie dann, dass die Message nur noch vom Nihilismus und dem Kapitalismus diktiert wird. HipHop war zuvor vielleicht nicht gerade antikapitalistisch, aber definitiv eine Gegenkultur und daraus machten sie eine Stimme für etwas, dass HipHop vorher bekämpft hatte. Ab diesem Punkt hörte HipHop auf zu wachsen. Gewisse Bands, wie zum Beispiel De La Soul, wurden auf BET nicht mehr gespielt. Phonte hat diese grossartige Line: „I wish black embarrassment TV was judged more wisely but I don’t know what’s worse, the fact that they ain’t playing our shit or that it don’t even surprise me“. Man könnte es fast einen Boykott nennen. Aber es wird sich wieder drehen. Alle 20 Jahre gibt es den Punkt, an dem ein Genre quasi stirbt, weil es von den falschen Leuten übernommen wurde und dann kommt die Gegenreaktion. Guns’n’Roses waren die letzten dieser Big-Hair-Rock-Gruppen, dann kamen Nirvana und Rock wurde wieder gut. Der Anfang der Neunziger war sowieso grossartig, da gab es Grunge und HipHop, der sich davon entfernte, reine Partymusik zu sein. Damals gab es viele harte Sachen aber eben auch „Me, Myself and I“ von De La Soul. Nun sind zwanzig Jahre vorbei und es ist wieder wie Ende der Achtziger, als musikalisch vieles sehr leer war. Das Internet spielt seine Rolle in dem Ganzen. Man findet immer noch gute Musik nur die Idee, dass man damit viel Geld verdienen kann, sollte man wohl begraben.

Du würdest wohl nicht zustimmen, wenn die Leute sagen, du wollest dich mit „One“ von HipHop entfernen?
Nein, denn alles was ich mache ist HipHop. Ich bin Teil einer reichen Tradition, die weit mehr ist als Etiketten wie HipHop, Jazz oder Black Music. Das geht zurück bis zu den Negro Spirituals. Das coole an HipHop ist, dass man etwas Neues macht, das es aber vielleicht in ähnlicher Form schon in den Siebzigern gegeben hat, man wusste davon aber gar nichts. HipHop kommt von der Tradition, die Musik von früher zu samplen und trägt diese damit weiter. Ich bewege mich nicht weg von HipHop, ich bin wohl einfach nicht jung genug, um von simplem Scheiss beeindruckt zu sein. Damit will ich nicht sagen, alles Simple sei schlecht und es müsse komplex sein. Es sind einfach kleine Tricks, welche die Musik interessanter machen. Bei jeder Show lasse ich mir von den Zuschauern Stichwörter geben und benutze diese dann in einem Freestyle, auch wenn ich Spoken Word-Shows mache kommt das vom Rap. Selbst an meiner Handschrift merkt man die Graffiti-Einflüsse. HipHop ist in mir. Jeder der behauptet ich sei nicht mehr HipHop, hat keine Ahnung. Wenn ich aber soulige Musik mache und mehr singe, dann will ich nicht nur die Rap-Fans erreichen. Ich will nicht nur als Rapper wahrgenommen werden, denn aufgrund dessen, was aus Rap geworden ist in der öffentlichen Wahrnehmung, würden viele Leute meine Musik gar nicht erst anhören. Natürlich stimmt diese Wahrnehmung nicht, es ist nicht alles simpel und negativ. Ein Künstler wie Tupac, dem man vorwirft Negativität zu verbreiten, war unglaublich gut darin, die Dualität aufzuzeigen. Ich bin HipHop durch und durch, aber ich bin auch Soul, Jazz und Funk. Ich habe Fans, die sonst überhaupt keinen Rap hören und die durch meine Musik hoffentlich auf andere HipHop-Sachen stossen. Das wäre mein Beitrag und wenn es nicht geschieht ist es auch in Ordnung, ich will einfach keinen Hörer ausschliessen, ganz sicher auch nicht die Rap-Hörer. Das ist eine sehr herausfordernde Balance. Viele HipHop-Hörer haben das Gefühl, sie könnten genau definieren, was HipHop sein soll und dadurch machen sie genau das Gegenteil von dem, was HipHop eigentlich ausmacht. HipHop ist das relevanteste, kreativste und wichtigste Genre der letzten 30, 40 Jahre wenn nicht sogar des letzten Jahrhunderts aber das ist vielleicht übertrieben. Wenn man bestimmen will, dass man nur über gewisse Themen rappen darf, nur bestimmte Images und nur ein gewisser Sound erlaubt sind, schränkt das einfach nur ein. Ganz ehrlich, wenn mir die Backpacker applaudieren und sagen ich sei für sie ein Aushängeschild, nervt mich das. Denn darum geht es nicht, im HipHop geht es darum durchzustarten, zu wachsen und auch die Masse anzusprechen. Dafür sollten wir uns nicht schämen. Wenn aber nur eine Facette von HipHop Airplay bekommt, dann verändert sich automatisch die Ansicht dessen, was HipHop ist und was nicht. So wie ich gehört habe, sollen in Frankreich und Deutschland vor allem Gangsta-Rapper Erfolg haben.

In Deutschland hat sich das geändert.
Wenn auf jeden Fall nur die harten Kerle Erfolg haben sehen mich die Backpacker als eine Art Gegenmittel. Denen kann ich nur sagen: Ich spiele in Hallen für einige Hundert Zuschauer oder vielleicht auch mal für ein- bis zweitausend Leute, während die harten Jungs Arenen füllen. Offensichtlich hat also jemand beschlossen, dass dies der Sound ist, den die Leute hören wollen. Das komische an Musik ist, dass das Künstlerische mit dem kommerziellen Aspekt manchmal überhaupt nichts zu tun hat. Es gibt brillante Musik die keinen Erfolg hat aber auch tolle Musik, die in die Charts kommt. Es gibt in den Charts aber auch beschissene Musik und gleichzeitig schlechte Musik, die null Erfolg hat. Wie schon gesagt hängt das vor allem mit Marketing und PR zusammen. Das ist für mich als Künstler schlimm, denn viele schauen nur auf den kommerziellen Aspekt und die Zahlen aber nur dann, wenn es ihnen passt. Mein Album wurde in den Niederlanden ohne grosse Promotion veröffentlicht und kam in die Top 10. Niemand spricht darüber. Ich spiele eine ausverkaufte Show ohne ein Album zu haben. Nichts. Geschieht etwas weniger gutes, wie zum Beispiel eine Single die nicht gespielt wird, hat jeder etwas dazu zu sagen. Aber ich merkte zum Glück früh, dass man sein Selbstgefühl nicht von dem bestimmen lassen kann, denn es geschieht total willkürlich. Oder ein anderes Beispiel: Wie ich gehört habe, soll ich in Litauen viele Fans haben, keine Ahnung wieso. Macht mich das nun besser? Wohl nicht, aber ich habe Miete für mein Haus und mein Studio zu bezahlen. Man steckt viel Energie, Zeit und auch viel Geld in ein Projekt, wenn man es dann veröffentlicht, muss man die Konsumenten freundlich bitten, ob sie nicht dafür bezahlen würden. Die Leute realisieren nicht, was es alles braucht, um ein gutes Album zu machen. Durch Sendungen wie „MTV Cribs“ herrscht zudem das Bild der faulen Künstler, die es sich gut gehen lassen und viel Geld haben. Mit diesem Image im Kopf scheinen sich die Konsumenten nicht schuldig zu fühlen, wenn sie die Musik kostenlos herunterladen. Ich denke es gibt viele Künstler wie Phonte, Foreign Exchange, The Roots oder K-Os, die sich fast täglich fragen, wie lange es noch möglich ist, so weiter zu machen.

Wie ich gehört habe, sollst du nun ein US-Management haben und du bist ja schon immer durch viele Länder getourt. Somit kommt das Geld immerhin noch mit den Konzerten rein oder?
Ja schon aber auf Tour zu gehen kostet auch. Ich habe eine Band, die Leute müssen bezahlt werden, wir müssen in Hotels übernachten, reisen, fliegen und so weiter. Ich will mich nicht beschweren, denn ich liebe was ich tue. Es ist ein komisches Business. Leidenschaft ist wie wenn man verliebt ist, was eigentlich heisst, man ist verrückt. Da es viele Künstler aus Leidenschaft machen und auch weitermachen würden, wenn sie nicht dafür bezahlt würden, werden sie ausgenutzt. Ich würde es definitiv gratis machen, wenn alles andere auch kostenlos wäre. Ich performe nicht des Geldes wegen, sondern weil es das einzige ist, was mich gesund hält. Aber ich kann das nicht gratis machen, denn Musik machen und zu leben kostet Geld. Ich hätte viele andere Sachen machen können.

Das könntest du ja immer noch, du hast im Gegensatz zu manch anderen zumindest Optionen.
Nun ja, aber zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nur ein Künstler ohne sonstige Ausbildung. Ich will jetzt auch nicht zu viel jammern aber diese Seite wird so gut wie nie belichtet und alle fragen sich dann, worüber ich mich überhaupt beschwere. Aber es ist schlicht die Realität.

Ich bekomme das in Interviews schon auch von anderen Künstlern zu hören. Es sind wohl nur sehr wenige, die wirklich noch viel Geld verdienen.
Selbst das ist fraglich, denn diese Mainstream-Künstler sind bei Majorlabels, die fast alles selber einsacken. Sie geben dir zwar Vorschüsse aber dies wird dann zu einer Schuld für den Künstler. Selbst Artists bei denen wir denken, sie würden extrem viel Kohle scheffeln, verdienen womöglich gar nicht so viel. Aber wie gesagt, ich will mich nicht zu sehr beschweren, denn ich bin was die USA angeht gerade sehr positiv gestimmt, da ich etwas mache, was es dort nicht gibt.
Natürlich gibt es viele Künstler, die in eine ähnliche Richtung gehen aber genau meine eigene Herangehensweise und meine Performance haben das Management wohl dazu bewogen, mich unter Vertrag zu nehmen. Sie sagten, alles was ich machen müsse, sei vor Ort sein.

Hast du darüber nachgedacht in die USA zu ziehen? Gerade weil Amsterdam wie sagst eher limitiert ist?
Ja schon. Was Amsterdam angeht hat alles seine guten und schlechten Zeiten. Es ist klein und irgendwie ist es auch ziemlich engstirnig. Zumindest viel mehr als man es aufgrund der liberalen Haltung bezüglich Gras, Prostitution oder Homosexuellen-Ehen denken würde. Aber in Sachen Unterhaltung ist es schon sehr borniert. Dafür ist die Stadt unglaublich sicher, was ich sehr schätze. Ich habe die USA nie wirklich ins Visier genommen bis ich mein Management hatte. Mir war klar, dass ich es nicht versuchen muss, solange ich nicht jemanden habe, der für mich an die Türen klopft. Nun könnte ich mir gut vorstellen in einer Stadt wie New York zu leben, weil ich dort gut reinpassen würde. Nicht nur, weil ich die Sprache spreche, sondern auch wegen der Kultur. New York hat mich immer inspiriert und mir gefällt diese Idee, der grossen Träume. Das ist eigentlich sehr uneuropäisch, bei uns hält man den Ball lieber flach. Aber diese Mentalität geht gegen alles was ich bin und glaube. Ich mag es grösser als andere zu denken und verrückte Sachen zu machen, wie bei „Open Loops“ viel Geld für eine Website auszugeben, auf der es nichts zu kaufen gibt. Diese Einstellung in Verbindung mit guten Marketing und dem amerikanischen Gespür fürs Geschäftliche könnte mich auf das Level bringen, auf dem ich meiner Meinung nach sein sollte. Musikalisch habe ich dieses Level erreicht aber das Drumherum stimmt noch nicht. Es gibt bereits viele gute News aus den USA, die ich dir noch nicht verraten kann, aber es sieht wirklich sehr gut aus.

Das erste Album mit Perquisite, „Mindstate“, liesst ihr damals von verschiedenen Künstlern remixen. Wenn du nun ein Remix-Album mit den Songs von „One“ machen würdest, welche Produzenten hättest du dann gerne?
Das ist eine grossartige Frage! Daran habe ich noch gar nie gedacht. Allerdings hatte ich die Idee, den Song „One“ als Maxi zu veröffentlichen mit 10 Remixes. Dafür hatte ich die House-DJ’s Gregor Salto und DJ Chucky auf der Liste. Dann dachte ich an Machinedrum, der in Berlin lebt aber eigentlich New Yorker ist. Mit einem Jazz-Quartett hätte ich auch gerne etwas gemacht. Eine andere Idee war es, den Song „One“ in ungefähr 12 verschiedenen Sprachen aufzunehmen. In Japanisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Englisch, Holländisch, Chinesisch, Afrikaans und so weiter. Wie Nat King Cole, der früher japanische Versionen seiner Songs aufnahm. Wenn ich einen Song mache, in dem es darum geht, dass wir alle Eins sind, dann müsste ich das so umsetzen. Irgendwann werde ich diese Idee in die Tat umsetzen, denn ich habe kein Problem andere Sprachen zu lernen.

Ein Hobby von dir soll es ja auch sein, in verschiedenen Sprachen zu fluchen…
Ja, auf Deutsch kann ich sagen: „Ich habe Lust dich zu bumsen und in deinem Knackarsch abzuspritzen heute Abend.“ (Gelächter) Aber zurück zu den Remixes. Ich würde definitiv mit elektronischen Produzenten arbeiten. Zum einen hätte ich gerne Dance-Remixes und zum anderen richtige Live-Remixes von Bands, was es nicht oft gibt.

Interview: Fabian Merlo

Int. Rap