Deichkind – „alles Kreative entsteht bei uns aus Zweifeln“

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Ist eine Band vor allem für ihre Liveshows bekannt schlägt sich zumeist auch auf ihren Platten nieder. Auch auf dem neuen Deichkind-Album „Niveau Weshalb Warum“ wirkt musikalisch gesehen das eine oder andere austauschbar, was aber natürlich nichts daran ändert, dass es bei ihren fulminanten Shows funktionieren wird. Diesen Zwiespalt zwischen gehaltvoller Musik und Livetauglichkeit lösen Deichkind mit ihren Inhalten, bei denen sie mehr als nur die Animation zum Feiern liefern. Auf dem Nachfolger ihres charttechnisch erfolgreichsten Albums „Befehl von ganz unten“ gibt es den gewohnten Humor, die Wortspiele und eben auch klare Gesellschaftskritik, wenn auch der Zeigefinger immer lässig in der Hosentasche bleibt. Es gibt also genügend Themen zu diskutieren und so riefen wir bei Porky an, der zur Mittagszeit noch gemütlich im Bett lag und sich eine Sendung über Diabetes anschaute. Er habe schon rund 60 Interviews gegeben anlässlich der neuen Platte und etwas Neues zu fragen sei ein Ding der Unmöglichkeit, versucht haben wir es aber trotzdem. 

Beim letzten Album „Befehl von ganz unten“ habt ihr zuerst die Texte geschrieben und diese dann über verschiedene Beats ausprobiert. Gab es dieses Mal auch eine bestimmt Herangehensweise an die Songs?
Es war ähnlich. Wir haben sehr viele Texte geschrieben, sehr viel Musik gemacht und dies dann schliesslich übereinandergelegt. Was auffällt ist, dass wir viele Songs geschrieben haben, die erst auf der Zielgerade wieder weggeschmissen wurden. Das ist bei uns immer so. Man arbeitet ein halbes Jahr an einem Song und am Ende schafft er es nicht auf die Platte, weil er abgelöst wurde von etwas, dass uns besser erscheint. Die Selbstoptimierung ist inhaltlich ein grosses Thema aber wir versuchen auch unsere kreative Arbeit immer zu optimieren. Philipp arbeitet viel mit Listen, ich bin hingegen eher der Slogan-Raushauer. Während ich mir seine Listen anhöre haue ich die Slogans raus. Wir machen das nun seit fast zwanzig Jahren und es hat sich schon eine Art zu Arbeiten eingependelt. Auch wenn man gerade Mal keine Idee hat kann man auf gewisse Tools zurückgreifen um trotzdem weiterarbeiten zu können.

Du hast die Slogans erwähnt und ihr weist ja auch selber daraufhin, dass bei euch Songtitel häufig mehr sind als nur ein Titel. Das Paradebeispiel ist natürlich „Leider geil“, was in Österreich sogar zum „Jugendwort des Jahres“ ernannt wurde. In welchen Momenten kommen einem diese Slogans in den Sinn?
Das kann man nicht steuern, das kommt einfach. Man kann sich nicht vornehmen das Jugendwort des Jahres zu erschaffen. Erstmal haben wir das Glück, eine grosse Aufmerksamkeit zu geniessen und dass sich viele Leute für uns interessieren. Dazu kommt das Glück, dass unser kreativer Output immer wieder vielen Leuten entspricht. Wir hatten auf jedem Album mindestens einen Hit, das ist schon verblüffend. Auf „Befehl von ganz unten“ sind es sogar drei die, zumindest in unserem Kontext betrachtet, zu Hits wurden und sich halten konnten. So etwas kann man aber nicht konstruieren, man macht einfach was das kreative Potenzial hergibt. In unserem Fall ist es genial, dass dies dann auch in die Gesellschaft passt. Ich kann das aber auch nicht wirklich erklären, ich bin ja auch nur Musiker und kein Popproduzent der nur ein Produkt für Jugendliche erschafft. Meine Musik ist authentisch und dreht sich das, was mich bewegt und woran ich zweifle. Das scheint auch auf die Leute authentisch zu wirken.

Wenn man sich „Powered by Emotion“ anhört könnte man fast meinen ihr hättet euch das Konzept mit diesen Slogans bei den grossen Firmen abgekuckt.
In dem Song hört man ausschliesslich Werbeslogans.. Damit haben wir uns „Leider geil“ zurückgeholt, das wurde ja auch überall geklaut und benutzt, was ja auch in Ordnung ist. Auf dem Jahrmarkt gibt es Herzen wo „Leider geil“ draufsteht, nun gibt es auch eine Klamottenfirma namens „Kleider geil“. Es ist eine Kritik an die Konsumgesellschaft. Ich sah eben erste eine Dokumentation über Google, da wurde mir schlecht. Wir haben uns einfach verschiedenste Slogans zusammengezockt und ich finde ihn auch musikalisch sehr gelungen. Ein Journalist hat mich gefragt, wer heute denn überhaupt noch fernsehe aber ich denke das sind immer noch viele. Die Werbeslogans sind aber hauptsächlich von Ende der Achtzigern und Anfang der Neunziger. Die sind aus unserer Jugend und gibt es mehrheitlich heute gar nicht mehr.

Ich musste auch zuerst Google konsultieren bis mir wieder einfiel, dass „Powered by Emotion“ ja ein Slogan von Sat 1 war. Wo ja auch sehr viele Slogans verwendet werden ist in der Politik oder bei Bewegungen wie gerade Pegida. Ich habe heute gelesen, dass sich Casper klar von der Pegida distanziert, da sie einen seiner Songs bei den Märschen spielen. Ich weiss nicht inwiefern eure Songs schon missbraucht wurden aber wie würde eure Reaktion ausfallen?
Das war bei uns auch schon der Fall, etwa durch die FDP, und es fühlt sich ätzend an wenn du benutzt oder instrumentalisiert wirst. In Sachen Politik sind wir ansonsten verschont geblieben aber wir würden uns da schon öffentlich davon distanzieren. Solche Dinge geschehen immer wieder und ich kann es gut verstehen, dass sich Casper davon distanziert. Die Toten Hosen beschwerten sich ja auch, als „Tage wie diese“ beim CDU-Fest gespielt wurde. Als öffentliche Person können solche Dinge vorkommen es kommt einfach darauf an, wie weit es geht. Schützen kann man sich aber natürlich nicht vollständig, die Pegida-Anhänger können Casper’s Musik immer noch hören. Mehr als sich distanzieren kann man nicht.

In einem Presstext wird „Niveau Weshalb Warum“ als ein „Reality Check“ beschrieben. Kannst du das ein bisschen vertiefen?
Das ist eigentlich immer so bei uns, wir denken uns selten Sachen aus. Das heisst ich schaue in die Gesellschaft, mache das Radio an, betrachte mir meinen Alltag und zieh daraus die Themen raus. Es ist ein Lebensabgleich. Der Song „Mehr als Lebensgefährlich“ dreht sich Beispielsweise um die Ängste die man hat. Früher gab es Gefahren aus der Natur oder es stand ein Heer vor der Burg. Es gab schon immer Gefahren und der Körper hat darauf reagiert. Manchmal sitze ich auch in einem Cafe und denke mir, irgendetwas müsse doch sein denn irgendwo links im Arm hat es gestochen. Ich fahre manchmal auch den Hypochonder-Style. Diesen Alarmknopf hat jeder aber im Grunde genommen ist keine Gefahr mehr da. Ein gutes Beispiel sind diese Pegida-Menschen. Die denken sich: wir sind so gefrustet aber wir sehen nicht wieso aber von irgendwo muss das herkommen. Ach klar, der Islam das muss es sein, diese Muselmänner. „Mehr als Lebensgefährlich“ ist ein Realitätscheck, wir überlegen und wo diese Ängste herkommen, diese Hypochonderprobleme unter denen ich auch leide. Wir beschreiben nicht wie die Blume Daniel auf der Wiese verletzt wurde weil der Bär sie platt getreten hat. Wir denken keine Geschichten aus, sondern schreiben aus dem Alltag.

Wenn ich mir gewisse Songs der Platte anhöre fällt dieser „Reality Check“ nicht sonderlich positiv aus. „Like Mich Am Arsch“, „Powered by Emotion“ oder eben „Mehr als Lebensgefährlich“ zeichnen ja nicht unbedingt das positivste Bild der Gesellschaft.
Absolut, die Gesellschaft hat auch definitiv Probleme. Sie steht mal wieder am Rande des Abgrunds. Das Problem ist, dass die Menschen nicht schnallen, dass sie nicht getrennt sind voneinander. Es gibt kulturelle Formen und kulturelle Unterschiede aber niemand wird als radikaler Mensch oder Bösewicht geboren. Wir kommen alle aus der gleichen Kaste, das nennt man Leben. Dazu kommen die verschiedenen Formen und dass diese nicht immer miteinander harmonieren ist klar. Es ist gerade wieder ein Evolutionsprozess. Die Menschheit ist ja noch jung und wie sich das weiterentwickelt wird noch mal richtig interessant.

Kommen wir doch noch zum musikalischen Aspekt des Albums. Im Pressetext verweist ihr darauf, dass ihr um das Erbe des Old-School-HipHop wisst und das miterlebt habt was man einst New School nannte. Würdet ihr sagen, dass HipHop musikalisch auf „Niveau Weshalb Warum“ wieder eine wichtigere Rolle gespielt hat?
Vielleicht. Aber es ist ja bei jeder Musikrichtung so, Rock wurde auch für tot erklärt nach dieser ganzen Grungewelle. Trotzdem war Rock nie weg. Genau so war HipHop bei uns nie weg. Das musikalische Gewand hat sich geändert, die Beats wurden schneller und auf dem Album gibt es auch sehr technolastige Dinger. Aber das Rappen, dieses Handwerk das wir gelernt haben, ist ja nie weg gewesen auch wenn sich die Musik verändert hat. Es gibt kein Deichkind-Album auf dem nicht gerappt wird auch wenn das Tempo und die Sounds sich verändert haben.

Anlässlich des letzten Albums sprach ich mit Philipp und er meinte ihr hättet eine sehr enge Beziehung zu euren Fans und dich hat er sogar als Fan-Minister bezeichnet. Fliessen die Inputs oder Vorlieben der Fans irgendwie auch in die Musik ein?
Man ist sehr autistisch und verkrampft wenn man kreativ im Studio arbeitet. Bei Konzerten und wenn man die Fans trifft platz der ganze Druck, der sich zuvor angestaut hat. Alle die Zweifel die man hatte verschwinden für den Moment. Alles Kreative entsteht bei uns aus Zweifeln heraus. Zweifel machen einen Traum lebendig und verändern ihn. Wenn du nicht mehr zweifelst und der Traum immer derselbe bleibt verschwindet er irgendwann, so wie das bei vielen HipHop-Sachen geschehen ist. Wir sind immer am Zweifeln und deshalb verändert und bewegt sich Deichkind immer. Das ist natürlich total anstrengend auch wenn man vor jeder Show Lampenfieber hat und man sich fragt, ob das wirklich geil ist was man macht und kommt da überhaupt jemand. Das geht mir bei jeder Show so, auch Philipp geht es gleich. Nach der Show platzt dann dieser ganze Druck auf. Deshalb ist man den Fans auch so dankbar, weil man selbst erleichtert ist, dass es funktioniert hat.

Wenn die Zweifel weg sind ist so gesehen der Zeitpunkt zum Aufhören gekommen?
Ja! Wenn du keine Zweifel mehr hast entfernst du dich von deiner Kunst. Ich will keine Namen nennen aber das sieht man sehr oft. Schau raus in die Welt, es gibt kein Gleichbleiben. Alles verändert sich permanent und so ist es auch bei unserer Musik und unserer Kreativität.

Interview: Fabian Merlo

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