20syl: „Ich brauche die Kontrolle um kreativ zu sein“

20sylGut möglich, dass der Name 20syl auch heute noch vielen kein Begriff ist. Dabei hatte er massgeblichen Einfluss auf – ich behaupte das jetzt einfach mal – einige der besten europäischen Alben der letzten zehn Jahre. Seine ersten Releases hatte der Kreativkopf aus dem französischen Nantes als Rapper und musikalischer Kopf der Live-Rap-Band Hocus Pocus. Ihre drei Alben „73 Touches“, „Place 54“ und „16 Pièces“ hatten einen ganz anderen Sound als man es sich ansonsten aus Frankreich gewöhnt ist und überzeugten mit so viel Soul und Funk, wie man es sonst in Europa nur selten zu hören bekommt. Mit ihren fantastischen Liveshows überwanden sie ausserdem mühelos jegliche Landes- und Sprachgrenzen. Nach den unzähligen Konzerten mit Hocus Pocus war es dann an der Zeit für das erste Album mit C2C. Als Teil dieser DJ-Crew war 20syl vier Jahre in Folge zum DMC-Weltmeister gekürt worden und 2006 kam auch noch ein ITF-Titel dazu. Mit ihrem Album „Tetr4“ gelang es ihnen Turntableism auf eine musikalische Ebene zu befördern, die sich sogar als überaus radiotauglich herausstellen sollte. Wiederum folgten zahllose grossartige Liveshows. Parallel zum internationalen Erfolg mit C2C begann er über Soundcloud immer mehr Remixes zu veröffentlichen. Aus dem Teamplayer 20syl wurde ein Solokünstler. Verständlich hatte er doch bereits seinen beiden Crews massgeblich den musikalischen Stempel aufgedrückt. Seine Remixes fanden ebenfalls weltweit Anklang, so dass immer mehr US-Blogs über seine Musik zu berichten begannen. Mit den beiden EP’s „Motifs“ und „Motifs II“, auf denen er unter anderem mit Oddisee und Fashawn arbeitete, konnte er sich endgültig als Produzent etablieren. Als Rapper bekam man das Multitalent nur noch selten zu hören, so zum Beispiel auf Shuko’s Album „For The Love Of It“ auf zwei Songs an der Seite von C.L. Smooth respektive Evidence. Auch wenn 20syl das selber wohl nie so direkt formulieren würde, nun ist die Zeit gekommen wo er sich seiner eigenen Karriere widmet damit die Welt endlich Notiz nimmt von einem der besten und vielseitigsten Producer der letzten Jahre. Ob dies mit einem eigenen Album oder Produktionen für andere Künstler geschehen wird, wollte der ruhige Franzose beim Gespräch in Frauenfeld noch nicht wirklich verraten. Schlussendlich kann es aber eigentlich nur eine Frage der Zeit sein bis 20syl in der obersten Produzenten-Liga ankommt. Kendrick Lamar kann er auf alle Fälle schon zu seinen Fans zählen.

Auf deinem Youtube-Kanal gibt es ein sieben Jahre altes Beatmaking-Video. In diesem sieht man, wie du zwar schon verschiedene Instrumente verwendest, schlussendlich aber alles mit der MPC einspielst. Inwiefern hat sich dein Art zu Produzieren seither verändert?
Unterdessen verwende ich die MPC nicht mehr oder nur noch sehr sporadisch. Grundsätzlich arbeite ich nur noch mit dem Computer und Software. Ich verwende aber immer noch viele richtige Instrumente wie Fender Rhodes oder Drums. Es ist mittlerweile so einfach mit der Software Samples zu choppen, dass die MPC im Vergleich sehr Old School wirkt und ich war auch nie der Meinung, die MPC habe einen speziellen Sound höchsten vom Groove her. Wenn du weisst welchen Sound du willst, kannst du ihn auch mit der Software kreieren. Ich vermisse die MPC also nicht wirklich.

Arbeitest du aber weiterhin so, dass du die Instrumente, die du einspielst, zuerst choppst und dann neu einspielst?
Das schon nur geschieht dies mittlerweile über das Keyboard oder den Controler. Da ich nicht jedes Instrument wirklich gut beherrsche, spiele ich vieles ein und zerschnipple es dann in kleine Teile, die ich dann im Computer bearbeite.

Wenn jemand dich als musikalischer Kopf von Hocus Pocus kennt aber nicht weiss, dass du Teil von C2C bist, ist er womöglich überrascht über den Sound deiner neuen Projekte. Bist du einverstanden wenn ich behaupte, dass die Sachen auf den „Motifs“-EP’s näher bei C2C als bei Hocus Pocus sind?
Ich bin mir nicht sicher. Es ist wohl eher ein guter Mix zwischen beiden Bands. Ich würde sagen meine Erfahrungen mit Hocus Pocus treffen auf die Einflüsse von C2C. Wenn mich jemand nur für meine Arbeit mit Hocus Pocus kennt ist der gestiegene elektronische Einfluss vielleicht verwirrend. Für mich ist es wichtig mich zu entwickeln, ich kann nicht für immer Rhodes über Drums einspielen. Es ist mir wichtig zu experimentieren.

Für mich ist es sehr schwer herauszuhören was auf den neuen Produktionen eingespielt ist und was auf Samples basiert. Wie ist das Verhältnis ungefähr?
Es ist das Konzept von „Motifs“, dass die Leute sich fragen, was nun eingespielt und was gesampled ist. Ich versuche stets eine Balance zwischen beiden Seiten zu finden, ebenso zwischen elektronischen Elementen und organischen. Ich will diese beiden Welten zusammenbringen.

Jetzt haben wir bislang nur über die Produktion gesprochen du bist aber auch Rapper und DJ, du machst die Artworks und drehst auch noch Videos. Irre ich mich oder ist 20syl ein Kontrollfreak?
(lacht) Das ist nun das dritte Interview in welchem ich das höre. Aber ja, so bin ich wohl. Ich brauche es die Kontrolle zu haben und kreativ zu sein. So arbeite ich und auf diese Weise finde ich die nötige Balance in meinem Leben. Ich wache am Morgen auf mit dem Ziel etwas Neues zu kreieren. Am einen Tag ist es Musik an einem anderen etwas Grafisches. Ich muss alle diese verschiedenen Dinge ausprobieren um die richtige Balance zu finden. Das mag manchmal schwierig sein für die Leute mit denen ich arbeite, da ich in alle Aspekte involviert sein will, aber ich denke so funktioniert es für mich am besten.

Auf der aktuellen EP „Motifs II“ hast du nun einen weiteren kreativen Aspekt hinzugefügt man hört dich nämlich auch Singen. Hast du diesbezüglich Ambitionen oder betrachtest du das eher als ein zusätzliches Instrument für deine Tracks?
Schwer zu sagen, denn es ist nicht wirklich kalkuliert, es geschieht einfach spontan. Ich versuche aus und probiere das, was ich das Gefühl habe es könnte passen. Erst habe ich die Vocals nur als Platzhalter aufgenommen mit dem Gedanken, ein Gast könnte dies dann übernehmen. Doch irgendwann kam ich an den Punkt wo ich für mich befand, dass es so funktioniert und keine Features nötig sind. Es ist sehr natürlich geschehen, ohne dass ich es geplant hätte. Generell habe ich sehr frei an den EP’s gearbeitet. Es ist nicht wie ein Album mit welchem man eine komplette Geschichte erzählen will. Die EP’s sind mehr eine Ansammlung von Songs, die ich über die Zeit produziert habe und die ich dann zu einem Projekt bündle. Es kann sechs Monate oder zwei Jahre dauern, vielleicht produziere ich 100 Tracks und release nur fünf davon. Doch dieses Mal war es mir wichtig schnell wieder etwas draussen zu haben.

Wie gesagt bist du in vielerlei Hinsicht ein sehr kreativer Mensch. Gibt es etwas im kreativen Bereich das du nicht kannst aber gerne beherrschen würdest?
Sehr, sehr viele Dinge. Zum Beispiel im Videobereich oder auch in Sachen Videogames. Jeden Tag schaue ich mir Video über neue Technologien an um neue Sachen zu lernen und auszuprobieren. Schlussendlich versuche ich mich aber auf die Musik zu fokussieren, das gibt auch schon genügend zu tun.

Du hast nun wie erwähnt die zwei „Motifs“-EP’s veröffentlicht. Nun wäre es doch eigentlich an der Zeit für ein Album?
Ich weiss es noch nicht. Es gibt viele verschiedene Projekte an denen ich arbeite. So zum Beispiel ein Rap-Album gemeinsam mit Mr. J. Medeiros von The Procussions. Er rappt und ich produziere die ganze Musik. Im Moment haben wir 10 Songs fertig und diesen Monat werden wir die nächsten aufnehmen. Gut möglich, dass es erst nächstes Jahr erscheinen wird aber bis jetzt klingt es schon sehr vielversprechend und wir haben sehr viel Spass bei der Produktion.

Mal angenommen irgendwann kommt trotzdem ein Album von 20syl was würde es werden? Ein Produceralbum oder würde man dich auch als Rapper zu hören bekommen?
Ich denke nicht, dass man mich als Rapper hören würde. Das ist reserviert für Hocus Pocus. Es wäre wohl ein sehr musikalisches Album mit ganz unterschiedlichen Inspirationen. Aber wohl kaum ein Produzentenalbum wie man es im HipHop kennt wo ein Beatmaker ganz viele Gäste ins Boot holt. Es wäre wohl eher das Album eines Musikers wie zum Beispiel ein Flying Lotus es macht.

Mit C2C hast du in den USA gespielt und zuletzt haben viele internationale Blogs deine Musik aufgegriffen. Würdest du mit diesem Album auch versuchen die USA ins Visier zu nehmen?
Das ist eine Frage die ich mir ebenfalls stelle. Momentan ist es so, dass meine Community auf den sozialen Netzwerken in den USA grösser ist als in Frankreich primär wegen meinen Remixes. Diese Leute kennen weder Hocus Pocus noch C2C was sich ziemlich komisch anfühlt. Sie nennen mich auch Twenty-syl (lacht). Ich habe aber noch keinen fixen Plan, ich mach einfach Musik und schaue was als nächstes geschieht. Ein Album ist momentan nicht geplant aber vielleicht werde ich eine Liveshow auf die Beine stellen. Ich arbeite an einem experimentellen Projekt mit einer interaktiven Skateboardrampe, welches der Grundstein für eine Liveshow sein könnte.

Kürzlich hast du auf Twitter die Geschichte erzählt wie du Kendrick Lamar treffen und ihm Beats vorspielen konntest. Kannst du die für uns nochmals wiedergeben?
Kendrick war in Paris für Promo und für einen Videodreh. Sein Label rief mich an und fragte ob ich für ihn als DJ in einem Club auftreten und dabei meine Beats spielen könnte. Offenbar mag er was ich mache und wollte auf meinen Beats rappen. Natürlich sagte ich zu und ging zu dem Club wo wir uns trafen. Ich spielte fünf Beats für ihn und er rappte darüber. Nach der Show war er dann aber leider schnell verschwunden. Leider hatte ich keine Zeit mich länger mit ihm zu unterhalten da er mitten im Videodreh war und nur kurz in den Club kam für das Showcase.

Er kannte also deinen „Sing That Shit Remix“?
Offenbar, das Label hat mir das so mitgeteilt.

Du hast ja in den letzten Jahren zahlreiche Remixes von sehr unterschiedlichen Künstlern angefertigt. Was ist deine Motivation aus bestehenden Songs etwas Neues zu erschaffen?
Für mich ist es wie eine Übung, mein Beatmaker-Training. Manchmal höre ich einen Song im Radio oder im Internet der mich inspiriert. Ich habe sogleich eine Idee und versuche sie aus. Als Beispiel der Remix von ScHoolboy Q: Ich habe mir MTV Rap Fix angeschaut und hörte seinen Freestyle. Ich habe das Video gerippt und daraus den Remix gebaut. Erst danach habe ich realisiert, dass dies ein Part von seinem Album war, welches dann schliesslich nach dem Remix veröffentlicht wurde. Für mich ist es wie ein Spiel und auch die Möglichkeit, den musikalischen Horizont zu erweitern wenn ich beispielsweise King Krule oder Rihanna remixe, was nicht wirklich die Musik ist, die ich mir normalerweise anhöre. Durch meine Remixes bringe ich sie in mein Universum.

Es geht also mehr um die Herausforderung als darum, dass du den Song auch wirklich magst?
Ich mag vielleicht nicht den ganzen Song aber zumindest ein Teil davon inspiriert mich. Ich sehe es als Herausforderung und es muss auch stets sehr schnell gehen. Ich arbeite eine Stunde daran und danach stelle ich es ins Internet und schaue was geschieht.

Kürzlich veröffentlichte dein Label On and On Records eine Compilation mit unterschiedlichen Beatmakern. Wie siehst du die Instrumental- oder Beatscene aktuell?
Ich denke es ist grossartig, es gibt so viele talentierte Beatmaker da draussen und dies in jedem Land. Dank Soundcloud wird ihre Musik der Welt vorgestellt. Praktisch jeden Tag kann man neue Styles entdecken und das ist sehr inspirierend. Gleichzeitig versuche ich mein eigenes Ding zu machen und mich nicht zu sehr davon inspirieren zu lassen. Ich würde sagen die Beatscene ist die momentan kreativste Szene überhaupt.

Welches sind momentan deine Lieblingsproduzenten?
Ich würde sagen einige der Künstler auf der Compilation wie Tayreeb oder Monk aus Frankreich oder auch Mr. Carmack und Esta und alle anderen von Soulection. Natürlich auch etablierte Namen wie Flying Lotus oder auch DJ Premier, den wir zuvor gerade auf der Bühne gesehen haben.

Letzte Frage: Denkst du wird es jemals wieder ein Album von Hocus Pocus geben?
Ich denke schon. Wir müssen einfach den richtigen Weg finden. Zudem brauche ich genügend Ideen als Texter, den man darf nicht vergessen, dass ein Hocus Pocus Album für mich gleichbedeutend ist mit einem Soloalbum als Rapper. Das braucht viel Zeit und momentan liegt mein Fokus auf dem Produzieren. Wenn ich morgens aufwache habe ich nicht als erstes das Bedürfnis Raps zu schreiben. Aber ich muss jeden Tag Musik machen, momentan ist dies halt eher das Produzieren. Vielleicht ändert sich dieser Fokus dann irgendwann wieder. Es ist nichts geplant aber ich bin offen für alle Ideen. Womöglich muss man auch das Konzept von Hocus Pocus überdenken, so dass ich eher auf der Produktionsseite tätig sein kann und die Vocals von Gästen kommen. Hocus Pocus & Friends quasi.

Interview: Fabian Merlo

Int. Rap
20sylC2COpenair Frauenfeld