„So etwas zu sehen tut einfach weh!“ Konzert-Review: Roots Manuva 25.11.2017

DJ Flamin Fingaz war für Dich am Roots Manuva Konzert im Stall 6 in Zürich und hat alle Punkte in einem Konzert-Review zusammengefasst, weshalb Roots Manuva nun für ihn gestorben ist.

 

Den Konzert-Kritiker DJ Flamin Fingaz hörst du auch wöchentlich als DJ auf Jam On Radio. Jeweils Freitags von 20.00 bis 22.00 in der Artcore Radioshow.

Int. Rap
DJ Flamin FingazKonzert ReviewRoots ManuvaStall 6

Ich habe lange überlegt, wie ich das, was ich an diesem Samstag Abend im Stall 6 erlebte, verarbeiten sollte. Weil mich das dort gesehene und gehörte wirklich erschütterte, schreibe ich diesen Konzertbericht in der intimeren Form aus der Ich Perspektive und dieser erscheint ausserdem in der Form einer Todesanzeige. Das mag im ersten Moment vielleicht ein wenig pathetisch erscheinen aber wenn man die Hintergründe kennt, wird es schon einigermassen nachvollziehbar. Um diese zu erläutern muss ich kurz ein wenig ausholen.

Roots Manuva ist für mich eine Instanz, seit ich ihn 2001 beim diggen (damals noch im altehrwürdigen Mono Records) entdeckt habe. Über ihn gestolpert bin ich dank dem Feature mit Chali 2na bei „Join the Dots“. Ich war völlig fasziniert. Diese rohe Energie, dieses treibende Streichersample, die Stimmen der beiden. Eine perfekte Melange. Noch heute ist es eines meiner liebsten Stücke beim auflegen und bringt wirklich jeden noch so steifen Arsch zum schwingen. Seitdem war er für mich (neben Blade) die Referenz für UK Hip Hop. Keiner verbindet meine zwei Leidenschaften, Hip Hop und Dancehall, so gekonnt wie Rodney Hylton Smith aus London. Run Come Save Me ist eines der ganz wenigen Alben, dass ich ohne Ausnahme am Stück durchhören kann. Dieser Mann ist also definitiv einer der Männer, die mich in meiner Hip Hop Sozialisation am meisten geprägt haben. Und dieser Roots Manuva legte gestern zum ersten Mal seit gut 5 Jahren wieder mal einen Zwischenstopp in Zürich ein. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie gross meine Vorfreude gewesen sein muss, als ich dies herausfand.

Und dann dies! Dieser Roots Manuva schaffte es bei seiner Show im Stall 6:

  • keinen einzigen Song ohne Texthänger durchzurappen
  • während eines Songs auf der Bühne umzukippen
  • mitten in der Show bei einem Songanfang einfach von der Bühne zu verschwinden
  • die ganze Show hindurch so undeutlich ins Mikrofon zu nuscheln, dass Desiigner im Vergleich dazu so klar rappt wie Guru oder Rakim
  • die ganze Show wie ein verängstigtes Rehkitz auf der Bühne umher zu irren und eine Bühnenpräsenz auszustrahlen, wie ein schüchterner Kindergärtner bei seinem ersten Krippenspiel
  • dass bei seinem grössten Hit „Witness“ keine einzige Person im Publikum bouncte

So etwas zu sehen tut einfach weh. Ich erinnere mich eigentlich nur an ein Mavado „Konzert“ vor Jahren in der Crystal Lounge in Zürich, welches noch schlechter war als dieses von Roots Manuva im Stall 6. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, ob ich eher sauer sein sollte oder mehr Mitleid mit ihm haben sollte.

Mit wem ich aber auf alle Fälle Mitleid habe, sind sein DJ und die grossartige Back Up Sängerin, deren Namen mir leider entfallen sind, welche sich nach Kräften bemühten, dieses Desaster einigermassen in Grenzen zu halten und von Roots Manuva so richtig übel blamiert wurden. Ihre Stimme und die Performance eines ihrer eigenen Reggae Stücke, zu der sie während der Show von Roots Manuva genötigt wurde, war immerhin ein kleiner Aufsteller an diesem tristen Abend. Und natürlich mit all den Zuschauern, welche einen nicht gerade bescheidenen Betrag in die Hand und z.T wahrscheinlich auch noch richtig weite Anfahrtswege auf sich genommen hatten und dafür mit so einer erbärmlichen Darbietung abgespeist wurden. Da bleibt nur zu hoffen, dass der Veranstalter Mumm genug hat, Roots Manuvas Gage empfindlich zu kürzen, damit sogar er merkt, dass man sich so eine Form der Arbeitsauffassung auch als vermeintlicher Superstar nicht erlauben darf.