Sektion Kuchikäschtli – Erstaunlich schnell kam die Lust am Rappen zurück!

Int. Rap

Man hat es eher gehofft, als geglaubt, dass Sektion Kuchikäschtli nochmals ein Album auf die Beine stellen werden. Der riesige Erfolg ist gemeinhin bekannt und man weiss, in welchen Zimmer die goldenen Schallplatten hängen! Dass Rennie die Ironie genausowenig verloren hat, wie Claud den Soul, spürt man schon nach wenigen Takten. Dass das Album aber auf allen Ebenen nochmals reifer und besser geworden ist, ist einfach nur schön! Wie Rennie und Co. das wieder geschafft haben, könnt ihr hier nachlesen.

Warum und wann kam der „Hunger“ wieder zurück ein weiteres Album zu produzieren, nachdem – vor allem du Rennie – unsicher warst, ob du weitermachen willst?
Rennie: Claud war sich immer sicher, dass wir irgendwann nochmals ein Album machen werden. Mir kam der Gedanke eines weiteren Albums erst letztes Jahr, als sich bei mir wieder ein paar Texte ansammelten und ich neue Beats von Claud hörte. Wir nahmen dann mal acht Pilotlieder auf und waren sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Also beschlossen wir, an einem neuen Album zu arbeiten. Ich war ehrlich gesagt selbst erstaunt darüber, wie schnell die Motivation und Leidenschaft zurückkam, nachdem ich nach der „Nur so am Rand“-Tour eine Zeit lang nichts mehr tun wollte.

Du hast mir dazumals gesagt, du hättest alles erzählt, was du zu erzählen hast!
Rennie: Ja stimmt. Ich habe dies in einer Phase gesagt, in der ich auch wirklich leer von Ideen war und nichts mehr zu sagen hatte; ich war quasi „ausgeschrieben“. Und ich wollte mich einfach nicht wiederholen. Aber eben, wie gesagt, ich war selbst erstaunt wie schnell sich wieder neue Texte ansammelten.

Wer hat dann schlussendlich die Initiative zu eurer erneuten Zusammenarbeit ergriffen?
Rennie: Wir haben beide realisiert, dass es was Neues geben könnte und nicht einfach ein zweites „Nur so am Rand“ Album wird. Aber schlussendlich war es dann meine Idee, denn es hängt auch von mir ab. Claud macht sowieso immer Beats, auch für andere Künstler. Also steht und fällt das Projekt mit mir. Sonst müsste er noch ein Instrumental-Album herausgeben (lacht).

In welchem Zeitraum ist das Album entstanden?
Claud: Die ersten Tracks, etwa die Hälfte des Albums, wurden vor etwa einem Jahr behelfsmässig aufgenommen. Der Rest ist im Nachhinein entstanden. Die letzte Produktionsphase war dann sehr intensiv. Praktisch alle Songs haben sich in musikalischer Hinsicht in den letzten drei Monaten noch stark verändert.

Wie muss man den Titel „Affatanz“ verstehen, der ja im Album selbst nur nebenbei angesprochen wird?
Rennie: Es ist ein sehr offener Begriff, in den man viel interpretieren kann. Was bei mir sicher überwogen hat, ist die Entwicklung des Schweizer Rap, der sich in gewisser Hinsicht zu einem Affentanz entwickelt hat. Das beginnt damit, dass es Leute gibt, die über MySpace Disstracks veröffentlichen und endet bei Rappern, welche in der My Band Jury sitzen. Es hat viel mit Medien zu tun. Es gibt viele Leute, die sich medial in den Vordergrund stellen wollen und einen Affentanz vollführen. Der Begriff passt auch sonst ganz gut zu unserer Gesellschaft. Eine etwas konfuse Antwort auf eine sehr konkrete Frage…

Gibt es ein Konzept für das Album? Oder war es so, dass du einfach die Texte machst und dir bei Claud die Beats dazu aussuchst?
Rennie: Ja natürlich habe ich die Texte geschrieben und Claud die Beats gemacht. Aber ganz so linear läuft das Ganze nicht ab. Ich bekomme natürlich auch Inputs von ihm. Aber man spricht halt von einem Konzeptalbum, da die Musik primär von Claud und einem kleinen Kreis Musiker stammt. Aber ich spreche schon die ganze Zeit von einem Groove; der Groove des Albums ist wieder ein sehr eigener. Bei „Nur so am Rand“ war er eher etwas persönlich, ruhig und introvertiert, währenddem er jetzt eher etwas exzentrischer ist, Und das ist eigentlich der rote Faden im Album.
Claud: Musikalisch hatte es schon mehr Konzept als textlich, da ich 90% der Songs schon in Layouts gehabt habe. Ich musste sie dann einfach noch anpassen und verbinden und habe so versucht dem Album ein Gesicht zu geben, das in sich geschlossen ist.

Fühlst du den Groove erst beim Hören oder schon früh beim Schreiben?
Rennie: Jaja, das merkt man schon ziemlich früh. Es gibt auch die Stimmung wieder, die ich in dieser Zeit des Schreibens fühlte.

Und dann suchst du auch Themen, die besser dazu passen?
Nein, das ist dann wirklich Gefühlssache. Aber es ist jetzt schon nicht so, dass das ganze Album so Woody Allen-mässig daherkommt. Es ist immer noch sehr abwechslungsreich und hat auch nachdenkliche und ernste Sachen, die einfach auch raus müssen und die mir am Herzen liegen.

Wie stark habt ihr denn zusammengearbeitet im Entstehungsprozess des Albums?
Claud: In den drei Monaten war die Zusammenarbeit schon sehr intensiv. Wir hatten viel Kontakt zusammen. Er nahm alle Songs in St.Gallen auf, wo ich auch die meisten Musiker habe. Das heisst, wir kamen schon „bandmässig“ rein. Aber es ist nicht so, dass er immer bei mir sitzt wenn ich am Arrangieren bin, aber das war noch nie so.
Rennie: Ja stimmt, das war noch nie so und trotzdem hat es bisher immer sehr gut geklappt und tönt sehr gut. Es passt immer für uns. Aber eben, wir sind halt keine Band mit einem Raum, wo wir uns treffen um zu jammen. Es ist quasi eine neoliberale Arbeitsteilung.

Musikalisch interessant sind auch eure Medleys, wo ihr Songs musikalisch aufwendig miteinander verbindet. Entstanden diese aus einer Idee heraus oder waren die sogar aufnotiert?
Claud: Es war schon geplant und komponiert. Es entstand nicht aus spontanen Sessions. Ich wollte das schon immer machen. Bei Curse habe ich auch drei Songs verbunden und bei „Kuchikäschtli“ habe ich diese Idee weitergetrieben. Ich habe deshalb auch stark mit den Musikern zusammengearbeitet. Die Ideen dazu waren schon zu „Nur so am Rand“-Zeiten im Kopf, konnten aber noch nicht umgesetzt werden.

Warum denn nicht?
Claud: Die Herangehensweise war anderes. Wir produzierten das letzte Album linear, also Song für Song. Dieses Mal liefen viele Sachen parallel. Natürlich muss so die Planung viel ausgefeilter sein.

Entstand dies zusammen oder ist Musik vor allem dein Part?
Claud: Ja, Musik ist vor allem mein Part, aber Rennie kommt natürlich auch mit Ideen. Er war ein phantastischer Co-Produzent (lacht).

War deshalb die Verspätung oder warst du wirklich krank?
Claud: Es war beides. Ich war schon krank, aber natürlich sind auch viele Sachen noch entstanden nach der ersten Deadline, die ich nicht einhalten konnte.

Wie sieht denn die Arbeit mit den Musikern genauer aus?
Claud: Ich habe eine Vorstellung davon, wie es klingen sollte. Einige Sachen habe ich auch schon aufgeschrieben. So z.B. bei den Übergängen beim ersten Medley. Da wusste ich schon, dass alle drei Übergänge auf der Hook-Melodie des Pianos vom ersten Song beruhen, somit habe ich die Strings schon eingeschränkt. Aber vieles lief auch von alleine.

Wie viele Strings waren denn dabei?
Claud: Das war unterschiedlich, aber ich hätte gerne mehr noch engagiert, was aber leider auch eine Geldfrage ist.

Hattet auch sonst viele Livemusiker oder gibt es auch noch programmierte Beats?
Claud: Es ist immer eine Mischform. Das macht auch der Charakter des Sounds aus. Samples bilden auch die Textur des Sounds.

Du hast einen Song zusammen mit Holunder gemacht. Hast du dir damit ein Traum erfüllt? Beim letzten Interview sagtest du, du hättest dich nicht dafür entschieden, andere Künstler anzurufen und sie für ein Featuring zu bitten. Wie wars diesmal?
Rennie: Die Initiative kam von Holunder. Ich bin grundsätzlich immer noch der Meinung, man sollte sich bei Rap-Features kennen und mögen. Aber es war für mich natürlich super cool und habe mir da schon einen kleinen Traum erfüllen können. Beim Gesang ist das was anderes.

Wie stehst du dann mit deinen Gast MC’s in Verbindung?
Rennie: Ja, Luut und Tüütli war klar, Vali auch, mit denen bin ich viel unterwegs. Gimma kenn ich auch schon lange. Baze lernte ich im Lauf der Zeit kennen, finde ich auch sehr cool und stylisch. Roschan kenn ich seit der „Nur so am Rand“-Tour. Und Holunder mit Blumentopf kennen wir auch schon seit ein paar Jahren und er meinte, wir sollten mal was zusammen machen.

Witzig ist ja, dass Gimma und du vor relativ langer Zeit ein Album zusammen gemacht haben, ihr nun beide sehr erfolgreich seid, aber eigentlich zwei völlig verschiedene Typen seid.
Rennie: Obwohl wir zwei ganz unterschiedliche Charaktere sind und verschiedene Klientel ansprechen, haben wir doch beide Erfolg und verstehen uns auch sehr gut. Er war es auch der mich gepusht hat und die Idee zu einem gemeinsamen Song hatte.

Wie siehts mit den Gesangs Features aus?
Claud: Als ich die Liste mit den Songs machte, erstellte ich parallel dazu eine Liste mit passenden Sängern, die ich einigen Leuten gab. Und so ergaben sich die meisten Ideen daraus.

Kostet das jeweils auch was oder läuft das auf freundschaftlicher Basis?
Claud: Sie laufen natürlich über Kontakte und Freundschaften. Jedoch werden die Künstler auch dafür entschädigt auf einem Album zu sein mit einer bestimmten Verkaufserwartung.

Apropos Kauferwartung: Setzte euch der gewaltige Erfolg des Vorgängeralbums unter Druck, etwas Neues zu machen?
Claud: Von aussen schon. Viele sagten, wir sollten die Erfolgswelle ausnutzen und gleich ein neues Album nachschieben. Bei uns stand das aber nicht im Vordergrund.

Kann man im Nachhinein den grossen Erfolg erklären?
Claud: Es sprach viele Leute an. Es gab bis zu dieser Zeit keine Schweizer Rap-Platte, die sowohl jung als auch alt ansprach. Natürlich trugen auch viele Auftritte und Medienpräsenz dazu bei.
Rennie: Auch wichtig war sicherlich der Charteinstieg auf Platz 6, der für viel Rummel sorgte.

Aber es war sicher eine grosse Genugtuung?
Claud: Ja sicher, aber man kann nicht sagen, dass wir darauf hingearbeitet haben. Das war nie unser Ziel,

Gibt es jetzt Erwartungen für dieses Album?
Rennie: Nein, im Gegensatz zu anderen Musikern steht bei uns nicht der geschäftliche Aspekt im Vordergrund. Ich mache Musik, wenn ich dazu bereit bin und nicht wenn es marketingtechnisch am günstigsten wäre.

Hast du dich Rap-technisch weiterentwickelt?
Rennie: Nein, denke ich nicht. Ich war noch nie der „Flower“. Ich setzte den Schwerpunk mehr auf den Inhalt.

Hattest du wieder das Ziel, den Leuten eine Message weiterzugeben?
Rennie: Nein, so bewusst wollte ich das nicht. Es ist diesmal eher der Spass und die Unterhaltung, die im Vordergrund stehen.

Ging dir denn der Idealismus verloren?
Rennie: Nein, denke ich nicht. Es hatte aber auch sicher damit zu tun, dass ich mich nicht wiederholen und etwas anderes, lockereres machen wollte. Aber dadurch ging vielleicht auch etwas das Sendebewusstsein verloren.

Wie kommt man auf die Idee Condoleeza Rice sexy zu finden?
Rennie: Sie hat einfach eine sehr strenge Ausstrahlung und der Sprung zu Sado-Masochismus liegt da schon sehr nahe (lacht).

War schnell klar, dass „Meh verdiant“ Radio- und TV-Track wird?
Rennie: Ja doch, es standen zwar mehrere Songs zur Debatte. Wir entschieden uns dann für diesen, da er recht einfach ist und man einen Bezug herstellen kann als Hörer.

Der nächste Track „guati Musig“ hat so ein wenig Martin Luther-Album-Flavor. Spielte er selber die Gitarre ein?
Claud: Das nicht, aber er wollte es vom Stil her schon so haben, aber die Songs hat er nicht ausgesucht. Es war natürlich super, dass wir diese Stimme für unser Album gewinnen konnten! Es war eine tolle Zuammenarbeit. Mein Verlagschef in Deutschland kannte Martin Luther von einigen Treffen und durch ihn konnten wir diesen Kontakt herstellen. Wie du gesagt hast, passte „Guati Musig“ zu ihm und so hat er die Hook eingesungen. Da haben wir ihm den zweiten Song „Meh verdiant“ nachgeschickt, von dem er super begeistert war. Es verging kein Tag und er hatte den Song bereits aufgenommen und zurückgeschickt. Für uns eine riesige Ehre.
Rennie: Zwei hat er bekommen, zwei gemacht, mehr gibt’s nicht für ihn (lacht).

Gegen Schluss werdet ihr etwas nostalgisch zusammen mit „Luut & Tüütli“. Ist das bewusst so, weil du gesagt hast, es sei das letzte Album?
Rennie: Nein, das wäre vorgegriffen. Ich sage nicht, es gäbe kein Album mehr, es ist aber auch nicht sicher, ob es wieder eins geben wird.

Wird das Album mal live umgesetzt?
Claud: Die einzige Lösung wäre ein 4. Album Live umzusetzen mit Songs von Affatanz, eine andere Lösung sehe ich nicht (lacht). Nein, aber ich sehe einfach zu wenig Nutzen dazu, obwohl sicher viele Freude daran hätten. Aber wenn Rennie 14 Monate ins Ausland geht und man für ein, zwei Konzerte ein ganzes Programm einstudieren müsste, wäre es vielleicht zu viel, obwohl ich dabei gewesen wäre.
Rennie: Für mich wäre es einfach zu viel Stress und Aufwand gewesen, für die wenigen Konzerte, die möglich gewesen wären.

Wie sieht die kommende Zeit für euch aus?
Claud: Das wichtigste ist sicher das neue Curse-Album, das ich in den nächsten Monaten zu produzieren beginne. Am Greis Album werde ich sicherlich mitwirken. Aber ich möchte mich musikalisch vermehrt auch dem Soul widmen, wer weiss, was da alles noch möglich sein wird! Es gibt Kontakte, auch in die USA, Projekte, die mir vorschweben, aber fix ist noch nichts!
Rennie: Nächstes Jahr wird super, da ich das mache, was ich schon lange wollte. Ich werde für einige Zeit nach Afrika gehen um Freiwilligen- und Aufbauarbeit zu leisten. Etwas das mir am Herzen liegt, aber auch meiner beruflichen Zukunft dient! Ich mache das auch für mich!