Summer Throwback: Musikfestwochen Winterthur (Konzert-Reviews)

DJ Flamin Fingaz war für Dich diesen Sommer an den Musikfestwochen Winterthur zu Gast und hat für Dich die bleibendsten Eindrücke in einem Konzert-Review niedergeschrieben.

 

 

Den Konzert-Kritiker DJ Flamin Fingaz hörst du auch wöchentlich als DJ auf Jam On Radio. Jeweils Freitags von 20.00 bis 22.00 in der Artcore Radioshow.

CH RapInt. Rap

Das letzte Mal, dass Dj Flamin Fingaz an den Winterthurer Musikfestwochen war ist schon eine Weile her. Das war als Double Pact in der Winterthurer Altstadt auf der Bühne standen. Eine kurze Onlinerecherche ergab, dass dies im Jahr 2003 gewesen sein muss. Eigentlich eine Schande wenn man bedenkt welch ein Line Up die Veranstalter Jahr für Jahr auf die Beine stellen, wohlgemerkt gratis frei Haus bei den allermeisten Konzerten. Der 10. August in der 17ten Ausgabe dieses zweiten Millenniums bot nun tatsächlich genügend Gründe für den Autor wieder mal den Weg in die zweitgrösste Stadt des Kanton Zürichs unter die Füsse (bzw. auf die Gleise) zu nehmen. Waren an diesem sommerlichen Donnerstag Abend doch S.O.S., Oddisee & Good Company und The Manor angesagt. Oddisee ist immer ein sureshot, S.O.S. eigentlich auch und The Manor hörten sich in der Beschreibung sehr interessant an. Aber der Reihe nach.
Das erste was dem Schreiber in Winterthur auffiel, war der überaus peinliche Moderator auf der Bühne. Im ersten Moment war der österreichische Akzent dem Autor noch sympathisch, aber spätestens als er nach dem ersten Konzert davon sprach, wie er heute gelernt habe, dass man im Hip Hop nicht von seiner Band sondern von seiner Gang redet, konnte man sich als Hip Hop-Kenner nur noch fremdschämen. Und er sollte es tatsächlich schaffen den ganzen Abend auf diesem unterirdisch peinlichen Niveau zu verweilen. 
Glücklicherweise sollte dies die einzige negative Anekdote an diesem Abend bleiben. Sehr erfreulich war dafür, wie viele Fans Nativ & Dawill auch abseits ihrer Homebase mittlerweile zu mobilisieren vermögen. Nicht wenige der Anwesenden dürften vor allem wegen den zwei Berner Jungs hier gestanden haben. Allerdings folgte mit der Konzerteröffnung ein erster herber Rückschlag. Nativ hatte den langen Weg von Bern nur auf sich genommen um der Crowd persönlich mitzuteilen, dass er die Show krankheitshalber nicht wird spielen kann. Das nennt man denn mal Einsatz. Aber sowohl Dawill als auch die Crowd liessen sich dadurch nicht die Laune verderben und wer die zwei Jungs auch nur ein bisschen kennt, wusste, dass nun Dawill seinerseits einfach doppelten Einsatz zeigen würde. Wie heissts bei ihnen doch so schön, „ich tue nie nid bügle“ (mit dem er übrigens auch die Show startete).

Im Anschluss folgte eine gut ausgewogene Mischung von S.O.S. Songs und Solo Tracks. Der bouncefreudigen Meute wars eh egal ob grad ein Possecut oder ein Solojoint lief, sie feierten jeden Song und verwandelten die Zone vor der Bühne gleich mehrmals in einen wilden Moshpit. Für den Schluss der Performance hatte sich Dawill noch ein besonderes Zückerchen ausgedacht. Er bat insgesamt 3 Mal jemanden aus dem Publikum auf die Bühne zum Nativs Parts bei den Songs zu übernehmen. Den Anfang machte Levin. Dieser wirkte am Mic noch ein bisschen schüchtern und es war offensichtlich, dass dieser zum ersten Mal in seinem Leben ein Mikrofon in der Hand hielt, aber zumindest war er einigermassen textsicher, und mit der freundlichen Unterstützung von Dawill zog er sich doch mehr oder weniger achtbar aus der Affäre und konnte sich am Schluss in seinem wohlverdienten Applaus sonnen. Der nächste Teilzeit Nativ war eine Luana. Die war dann ein ganz anderes Kaliber. Hier könnte tatsächlich ein Star geboren worden sein. Sie stellte mal eben so schnell den guten Dawill in den Schatten. Wirklich beeindruckend mit welcher Selbstsicherheit die junge Dame Nativs Part ins Mikrofon spittete und was für eine Bühnenpräsenz sie dabei schon entfaltete. Gute Lady, falls du das liest (und nicht eh schon daran arbeitest) schon mal über eine Karriere als Rapperin nachgedacht?

Beim allerletzten Song kam dann nicht nur der nächste Nativ Vertreter auf die Stage, Francisco hiess er glaub (wenn seine Erinnerungen den Autor nicht vollständig im Stich lassen), sondern Dawill bat grad die ganze Meute zu sich auf die Bühne um nochmals richtig durchzudrehen. Natürlich musste er keinen ein zweites Mal bitten und so feierte man auf der Stage die eigene kleine Privatparty. Da spielte es dann auch keine Rolle, dass besagter Francisco sich als wenig textsicher und relativ talentfreier Teilzeitrapper entpuppte. Dawill und ungefähr 30 bis 40 komplett durchdrehende Feierwütige übertönten dies spielend und sorgten für einen würdigen Abschluss dieses denkwürdigen Showcases in der Winterthurer Altstadt.

Danach ging es erstmal ein wenig ruhiger weiter. Auf der Starterrampe am anderen Ende der Gasse war die Reihe an Wesno.

Bevor dieser Bericht weitergeht muss erstmal klargestellt werden, dass der Autor bei diesem Konzert schlussendlich nicht ganz objektiv sein wird. Es spielte nämlich nicht nur ein guter Bekannter in dessen Band mit, sondern der Verfasser dieser Zeilen konnte auch noch ein Gratisexemplar von Wesnos aktueller EP „Gummiboot“ auf Vinyl abstauben. So viel Transparenz muss sein. Eigentlich könnte man Wesno als die erwachsenere Version von S.O.S. bezeichnen. Auch Wesno möchte dem Zuhörer eine Message weitergeben und macht das genau gleich auf eine sehr authentische Art und Weise, einfach natürlich seinem Background entsprechend mit weniger Turn Up und mit feineren Nuancen in seiner Gesellschaftskritik. Auch musikalisch wusste er zu überzeugen. Mit seiner Band gelingt ihm eine angenehme Übersetzung des doch eher klassischen Boombap Klangkleides der Gummiboot EP in eine aktuelle Soundästhetik. So ist er sich auch nicht zu schade, auch mal selbst an den Synthesizer zu sitzen mit der Band ein bisschen abzuspacen. Auf alle Fälle ein idealer Act für die Starterrampe und Dj Flamin Fingaz’ Radioshow Artcore Radio wird seine Musik bald mal in einem Special vorstellen.

Zurück vor der Hauptbühne musste man feststellen, dass sich die Menge davor doch merklich gelichtet hatte. Ein untrüglicher Hinweis, dass der Schreiber nicht so daneben lag mit der Annahme, dass viele Zuschauer vor allem wegen S.O.S gekommen waren. Naja, Pech für alle die schon wieder gegangen waren, den es sollte weiterhin hochstehend weitergehen.
Zwar begann das Showcase von The Manor noch ein wenig unglücklich. Zuerst wollte deren Tour Dj auch noch seinen Teil vom Scheinwerferlicht abbekommen (auch wenn sie Briten sind ganz Amiact like) und versuchte eher unglücklich mit seinen Tracks der Crowd einzuheizen und die ersten zwei, drei Songs von The Manor waren doch ziemlich peinliche Pop/Grime Crossovernummern, doch danach konnten sie sich glücklicherweise fangen und boten für den Rest des Abends eine energiegeladene und äusserst unterhaltsame Performance. Klar feiert bei so einem heterogenen Publikum wie an den Musikfestwochen nicht jede/r Zuhörerin und Zuhörer so Spartengenres wie Grime gleich ab, doch trotzdem herrschte auch während dem Auftritt der zwei Londoner (das dritte „Gangmitglied“ hatte es leider nicht in die Schweiz geschafft) eine tolle Stimmung.

 

 

Doch das eigentliche Highlight sollte im Anschluss an ihrem Showcase folgen. Nach einer relativ kurzen (wenn mans z.B. mit dem Royal Reggae Festival von letzter Woche vergleicht) Umbaupause konnten die Headliner des heutigen Abends, Oddisee mit seiner Band Good Company, loslegen. Und dieser liess sich einmal mehr überhaupt nicht lumpen und knallte ein astreines Set aufs Parkett. Aus dem ehemals eher schüchternen, rappenden Produzenten ist endgültig ein begnadeter Entertainer geworden. Natürlich ist es mit so virtuosen Mitmusikern im Rücken auch nicht mehr allzu schwierig zu glänzen, dennoch muss auch diese Schlacht erst geschlagen werden. Sie präsentierten dem Publikum in erster Linie die Songs vom neusten Oddisee Album „Iceberg“ (kannst du u.a. hier nachhören) aber auch alte Klassiker seines mittlerweile auch schon auf vier (Rap)Alben angewachsenen Solokanon wurden glücklicherweise nicht vergessen. Daneben überlies Oddisee aber auch der Band genügend Freiräume um sich den Zuschauern zu präsentieren. Mit ihren warmen, jazzigen und souligen Produktionen hatten sie das Publikum natürlich im Handumdrehen in der Tasche und sorgten für ein furioses Abschlussfeuerwerk dieses ersten Donnerstags der Musikfestwochen. Gleichzeitig war dies auch ein sehr dickes Ausrufezeichen für den Autor nicht wieder 14 Jahre mit dem nächsten Besuch zuzuwarten!

Übrigens, falls du auch dort warst und ebenso begeistert warst wie Artcore Radio oder du einfach gerne ein so sympathisches Festival unterstützen willst, man kann den Musikfestwochen per SMS einen kleinen oder grösseren Betrag spenden. Einfach ein SMS mit mfw und dem gewünschten Betrag an die Nummer 488 senden (also z.B. mfw20 an 488 für ein Spende von 20 Franken).