Festivalbericht über das Royal Arena 2018

Wie eigentlich immer in den letzten Jahren war Ende August beim Verfasser dieser Zeilen der Besuch des Royal Arena am dicksten in seiner Agenda angestrichen. Zum insgesamt siebten Mal in den letzten acht Jahren bereits besuchte dieser nun schon das nicht mehr ganz so kleine Kult Openair vor den Toren von Biel und fasst hier, mittlerweile auch schon zur Tradition geworden, für Artcore Radio seine ganz persönlichen Eindrücke von den erlebten Shows und Performances zusammen.

CH RapDE-RapInt. Rap

Geplant war gewesen, pünktlich zum Festivalauftakt durch LCone (bzw. Ace Tee auf der kleinen Bühne) in Orpund am Start zu sein und sich gleich von Beginn weg in Festival Stimmung versetzen zu lassen. Wenn man sich aber entscheidet, statt mit dem Zug mit dem Privatauto anzureisen, muss man sich nicht wundern, wenn man es dann erst um sechs Uhr aufs Gelände schafft. Das reichte dann gerade noch um das letzte Drittel der Stereo Luchs Show mitzukriegen.

Der lieferte erwartungsgemäss ein äusserst engagiertes Set ab, hier am Royal aber im Gegensatz zum Wipkinger oder Oberriedner Openair aber erstaunlicherweise ohne Unterstützung der Scrucialists. Ob es daran lag, dass der Autor von diesem noch nicht richtig in Festivalstimmung versetzt wurde oder weil dieses für ihn bereits die vierte Stereo Luchs Show in diesem Jahr war, lässt sich nicht abschliessend beurteilen, spielt aber schlussendlich auch keine Rolle, denn für alle anderen bereits zahlreich anwesenden Zuschauerinnen und Zuschauer galt dies offensichtlich nicht. Diese feierten die karibischen Vibes, welcher Stereo, passend zum Wetter, mit seiner Musik reinbrachte und nicht wenige tanzten ausgelassen dazu (ok auch der Autor, erwischt!). Auch Stereo Luchs selbst war sichtlich gerührt ob der Liebe und Energie, welche ihm als Dancehall Artist an einem Hip Hop Openair entgegengebracht wurde.

Danach wäre eigentlich Ocean Wisdom an der Reihe gewesen. Nur steckte dieser genauso im Stau fest, wie der Bleistiftschwinger ein paar Stunden vorher (immerhin tröstlich, dass ein Stau nicht unterscheidet wen er aufhält). Ausserdem konnte dieser jetzt trotzdem Slum Village’s Show in der Beat Stage besuchen, welche er eigentlich wegen der Meeresweissheit dachte zu verpassen. Bei der Beat Stage zeigte sich, dass Slum Village immer noch eine treue Zuhörerschaft zu mobilisieren vermag, war das Zelt doch schon sehr gut gefüllt. Schnell zeigte sich jedoch auch, dass die Akustik darin leider über all die Jahre nicht unbedingt besser geworden ist. Die Höhen werden immer noch praktisch vollständig absorbiert, so dass vor allem samplelastige 90er Beats dumpf vor sich hin rumpelten und man als Zuhörer teilweise erst anhand der Lyrics merkte, welches Lied gerade gespielt wurde. Wobei man fairerweise auch sagen muss, dass dies bei den Dilla Beats von Slum Village noch nicht so extrem wie bei anderen Artists war, aber dazu später noch mehr. Auf alle Fälle bekamen die Fans bei Slum Village genau was sie zu hören erhofften (und erwarteten) und konnten eine knappe Stunde ein bisschen in Nostalgie schwelgen. Und auch der Autor muss zugeben, dass es seiner Seele gut tat, „Raise It Up“ wieder mal live zu hören. Und selbstverständlich erreichte die Stimmung ihren Höhepunkt, als sie Jay Dee’s Überhit „Love The Police“ anspielten, dessen Refrain natürlich immer wie die Faust aufs Auge passt und von allen inbrünstig mitgesungen wird. Nach diesem Backflash in die eigene Teeniezeit gings für den Schreiberling wieder zurück zur Mainstage, wo eigentlich der Auftritt von Young M.A angesetzt war.

Als aber „We’re comin straight from the UK“ aus den Lautsprechern schallte, war klar woher der Braten wehte, Ocean Wisdom hatte es endlich aufs Gelände geschafft und offensichtlich gewillt, keine unnötige Sekunde mehr verstreichen zu lassen und endlich loszurocken. Den Preis für das originellste Outfit am diesjährigen Royal Arena hatte er bereits auf sicher, aber auch mit seiner Performance erregte er mindestens genauso viel Aufsehen. Unterstützt von seinem Backup Rapper, welcher dem Sprechorgan nach der Zwillingsbruder von Lil Jon hätte sein können, brannte er ein Feuerwerk an Highspeed Salven ab, dass es ein Wunder war, dass die Feuerschutzpolizei bei der herrschenden Trockenheit nicht eingriff und setzte damit die langjährige Tradition, dass die Rapper und Rapperinnen von der Insel am Royal (fast) am meisten überzeugten, würdig fort. Und es war denn nicht so, dass er sein Wahnsinnstempo nur wegen seinem Backup MC hätte live bringen können. Klar ermöglichte ihm dieser, wenn nötig, mal eine Verschnaufpause, aber im grossen und ganzen sah die Arbeitsaufteilung bei ihrer Show so aus, dass der Schreihals zwischen den Songs oder während der Hooks das Publikum anheizte, während Ocean dazwischen wie Lewis Hamilton in einem Affenzahn über die Beats flowte. Auf alle Fälle sicher ein erstes Highlight und mit diesem Auftritt war das Festival auch für den in die Tasten Hauenden nun endlich lanciert.

 

Die nächste Show war in ziemlich allen Punkten das exakte Gegenteil zur Performance von Ocean Wisdom. Mehr als doppelt so alt, eine gestandene Rap Legende aus New York, ganz schlicht in Bluejeans und blauen Shirt gekleidet und das Publikum einzig und alleine mit seiner Präsenz in den Bann gezogen. Klar, wenn man GZA heisst, einer der Köpfe des legendären Wu Tang Clan ist und mit so einer Stimme gesegnet ist, fällt einem das natürlich auch leichter. GZA sorgte mit einer völlig unaufgeregten, klassischen one beat, one mic Show für gute Stimmung. Oder in Anlehnung an Obie Trice’s legendärer Line „Gary Grice, real name, no gimmicks“. Am besten war die Stimmung natürlich jeweils, wenn er die alten Clan Hits anstimmte. Selbstverständlich durfte auch der obligatorische ODB Tribut nicht fehlen. Es ist schon noch beeindruckend, wenn geschätzte 10000 Kehlen „Ouh Baby, i like it raw“ mitsingen. Dies dürfte der einzige Moment gewesen sein, bei dem auch alle jüngeren Turn Up Anhänger in Ekstase verfielen. Ansonsten beschränkte er sich eher auf die älteren Hits seines ersten Soloalbums „Liquid Swords“. Dies ist auch das Einzige, was der Artikelschreiber an dieser Performance auszusetzen hatte. Eine GZA Show ohne „Breaker, Breaker“ geht einfach gar nicht!

Der nächste Act war einer derjenigen, auf dessen Auftritt sich der Verfasser im Vorfeld am meisten gefreut hatte, hatte sich Hopsin mit seiner Show 2015 doch wärmstens für weitere Live Auftritte empfohlen. Auch dieses Mal überzeugte der Illmind auf ganzer Linie. Energie? Check! Präsenz? Check! Charisma? Check! Im Zusammenspiel mit dem Publikum gibt es sowieso sehr wenig MCs welche ihm noch was vormachen können. So wollte er zum Beispiel wissen, wer denn der grösste Hopsin Fan an diesem Openair sei und lud den oder die auf die Bühne ein, alleine vor versammelter Crowd einen älteren Hopsin Song durchzurappen, um dies zu beweisen. Der junge Herr, welcher sich am Ende dieser Challenge annahm, meisterte diese auf beeindruckende Art und Weise. Nicht nur rappte er den ganzen Song (notabene wirklich ohne Unterstützung von Hopsin) praktisch fehlerfrei durch sondern er schaffte dies auch noch in der (fast) gleichen Kadenz und Wucht wie sein grosses Vorbild. Das Publikum honoriert diesen Einsatz auch grosszügig und spendete dem jungen Mann frenetisch Applaus. Danach holte sich Hopsin noch weitere Fans auf die Bühne, um sich von diesen beim einheizen des Publikums helfen zu lassen. Wirklich viele zusätzliche Optionen um sich mit den Fans gut zu stellen bleiben einem als Künstler nicht mehr. Zum Abschluss holte sich der Herr mit den weissen Augen mit einer ausgiebigen Stagediving Aktion den Lohn für seinen Einsatz gleich selber beim Publikum ab.

Nach diesem äusserst kurzweiligen Intermezzo zog es den Bleistiftschwinger vorerst wieder zurück zur Beat Stage, wartete doch dort eine Crew, welche dieser seit  mindestens 10 Jahren (höchstwahrscheinlich sogar noch länger) nicht mehr live gesehen hat. Die Rede ist von Das EFX. Auch wenn diese mindestens genauso lange nicht mehr wirklich relevant sind, hatte er sich trotzdem auf deren Auftritt gefreut, hatten diese doch eine prägende Rolle in seiner musikalischen Sozialisation eingenommen. Leider müssen wir nun, wie am Anfang bereits erwähnt, aber noch mal auf die wunderbare Klangqualität des Soundsystems in der Beat Stage zurückkommen. Es war für die Ohren wirklich kaum zumutbar, was da von der Bühne rüberschwappte. Ein dumpfer Klangbrei, welcher sich über einen ergoss. Mit einer überragenden Performance hätten die zwei Special FX Spezialisten diesen Auftritt vielleicht noch retten können, aber was die Zwei da auf der Bühne veranstalteten hielt jetzt den Autor nicht besonders lang vor dieser. So ging’s nach einer Viertelstunde wieder zurück zur Mainstage, um immerhin den Rest von Joey Bada$$’s Auftritt noch mitzubekommen.

Dieser hatte ja in den letzten Jahren auf der Bühne einen wahnsinnigen Reifeprozess hingelegt und präsentiert sich mittlerweile als ausgewiefter Entertainer. So spulte er auch am Royal Arena vor einem riesigen Stars and Stripes souverän sein Programm ab. Dabei wurde er zusätzlich auch noch von mehreren Feuersäulen und Nebelpilze (oder wie auch immer man diese richtig benennt) auf der Bühne unterstützt. Es ist schon noch eindrücklich, wie stark so ein einigermassen simpler Effekt wie eine Feuerfontäne eine Show aufwerten kann. Und trotzdem, souveräne Show hin, Pyroeffekte her, irgendwie fehlte dieser Performance dem Verfasser ein bisschen die Seele. Auf jeden Fall blieb ein diffuses Gefühl, dass irgendwie mehr möglich gewesen wäre, zurück (welches sich jedoch nicht an handwerklichen Kriterien aufhängen liesse).

Weil nach der Show des knallharten Hänschen auf der Hauptbühne eine längere Umbaupause wegen der Marteria Show angesetzt war, blieb noch genügend Zeit für einen Abstecher zur Beat Stage, wo nun schlussendlich der am Nachmittag verschobene Auftritt der New Yorker Wortakrobatin Young M.A nachgeholt wurde. Diese dürfte über ihren neuen Termin schlussendlich gar nicht so unglücklich gewesen sein, verirrten sich doch auch zu so einer viel prominenteren Spielzeit nicht mehr Leute dahin, als dass die Beat Stage gut zur Hälfte gefüllt war. Da kann man es sich in etwa vorstellen, wie viele es wohl am Nachmittag geworden wäre. Allerdings gilt dies im gleichen Sinne auch für die gekommenen Zuschauerinnen und Zuschauer. Denn so kamen am Abend auch bedeutend mehr in den Genuss dieser wirklich engagierten Show. Young M.A bearbeitete ihr Mikrofon bereits mit einer beachtlichen Wucht und Energie, überzeugte auch auf der Bühne mit einer mehr als ordentlichen Präsenz und hatte auch bereits ganz klare Vorstellungen, was sie von ihrem Publikum erwartete. Noch hielt sich der Grossteil bei ihren äusserst bestimmt vorgetragenen Aufforderungen, vor der Bühne einen Kreis für einen Moshpit zu formen, vornehm zurück, aber dies wird sich wohl in absehbarer Zeit schon ändern. Lass diese Lady noch ein wenig mehr Bühnenerfahrung sammeln und ihre Fanbase vergrössern und ihre Liveshows werden ein Spektakel werden. Dass sie bereits über alle dafür notwendige Eigenschaften verfügt, hat sie bei ihrem Auftritt am Royal Arena mehr als nur angedeutet. Ausserdem zeigte es sich auch noch, dass modernere Beats auf dem Soundsystem der Beat Stage bedeutend klarer und definierter klangen als 90er Rumpelbeats.

Wie stark Young M.A bereits in der Lage ist, Leute zu fesseln, zeigte sich nicht zuletzt daran, dass der Schreiberling wegen ihr sogar den Auftakt von Marterias Show verpasste, weil er sich nicht rechtzeitig hatte losreissen können. Und wenn man sich die restliche Show von diesem als Massstab nimmt, dürfte er wirklich etwas spektakuläres verpasst haben. Seis drum, auch ohne dieses gesehen zu haben, blieb einem nach Marterias Show eigentlich nur Wow zu sagen. WOW! Klar, an Hip Hop im ursprünglichen Sinn erinnerte eigentlich nur noch Marterias Sprechgesang, musikalisch reden wir hier eher von einem Hybrid aus Pop und Schlager, aber meine Fresse, WAS FÜR EINE SHOW! Hier hatte jemand wirklich alle Register gezogen. Da wurde eine Band inklusive Background Sängerinnen aufgeboten, eine gigantische Leinwand für passende Visuals aufgebaut und im wahrsten Sinne des Wortes ein Feuerwerk gezündet. Und am wichtigsten, der Gastgeber persönlich zeigte sich in absoluter Topform und strotzte nur so vor Spiellaune. Klar merkte man ihm seine Routine, mittlerweile durch wahrscheinlich weit über 100 solcher Headliner Shows gestählt, natürlich an. Aber trotzdem, mal ehrlich, welcher Entertainer schafft es sonst, dass sich sein Publikum ihm zuliebe ihrer Schuhe entledigen und durch die Luft schmeissen (notabene an einem Openair)? Eben. Als wäre das alles nicht schon genügend Action gewesen, beglückte er das Publikum in Orpund sogar noch mit einem Marsimoto Intermezzo. Der in die Tasten Hauende ist jetzt sicherlich nicht die vertrauenswürdigste Instanz dafür, aber seines Wissens vermischt Marteria seine beiden Identitäten sonst jeweils nicht an einem Konzert. Ebenfalls grosses Kino war seine Verabschiedung. Gefühlte 20 Mal spielte er immer wieder den letzten Song an und steigerte mit jedem Mal den Turnup Level im Publikum noch ein wenig weiter (von alle gehen auf die Knie über alle gehen auf die Knie und springen über alle ziehen ihr Shirt aus bis hin zum Helikopter) bis es am Schluss in einer riesigen T-Shirt Ejakulation der Crowd endete. Definitiv ein würdiger Abschluss dieses ersten Festivaltages.

Eigentlich müsste man ja meinen, dass der Berichtschreiber aus dem Anfahrtsfiasko des ersten Tages etwas gelernt hatte und es deswegen am Samstag geschafft hatte, wie vorgenommen, pünktlich zur Show von Villmergens Finest Hans Nötig wieder auf dem Gelände zu sein, aber weit gefehlt. Sowas nennt man dann wohl lernresistent. So kam es, dass der zweite Tag am Royal für den Bleistiftschwinger begann, wie der erste endete, mit einem leckeren Cocktail aus Rap und Pop, denn der dritte Slot auf der Hauptbühne am Samstag gehörte Tweek. Von dieser Band hatte er vor diesem Royal noch nie etwas gehört, aber als er zur Vorbereitung aufs Royal sich deren Musik mal anhörte, war das Liebe auf den ersten Klang. Mit dementsprechend hohen Erwartungen ging er an dieses Konzert. Erschreckenderweise stand er mit diesen jedoch ziemlich alleine da. Kaum mehr als 20 Nasen hatten sich für diese Show vor der Hauptbühne eingefunden. Die Jungs von Tweek liessen sich davon jedoch nicht beirren und rockten los, als spielten sie eine Headliner Show vor 50000 begeisterten Heads. Das ist halt der Vorteil einer Band, es hat immer mehrere Leute auf der Bühne, welche alle voll geil darauf sind zu spielen und sich so gegenseitig pushen. So entsteht zwangsläufig eine ganz andere Dynamik als bei einer klassischen Hip Hop Formation, welcher man sich dann auch vor die Bühne kaum entziehen kann. Es kann sich ja auch kaum einer der donnernden Wucht eines Gitarrensolos verschliessen. Aber auch am Mikrofon machten die drei Herren alles andere als eine traurige Figur. Sie überzeugten mit energetisch vorgetragenen, messerscharfen Flows in englischer Sprache (fast ohne hörbaren französischen Akzent). Ein weiteres Highlight waren die Beatboxing Skills des einen Rappers. Vor allem seine Scratch Imitationen waren grosse Klasse. Am Anfang dachte der Verfasser noch, die Cuts in den Songs kämen ab Band, aber spätestens nach dem Beatbox Interlude mithilfe einer Loopstation (a la Zede) war klar, die waren alle live „gescracht“. Schade, dass nur so wenig Leute diesen fulminanten Auftritt mitbekommen haben, Tweek hätten sich mit ihrer Performance definitiv eine grösserer Crowd verdient. Immerhin kam der Autor, im Gegensatz zu Vortag, sofort wieder in Festival Stimmung.

Direkt nach Tweek war mit Danitsa eine weitere Vertreterin der Westschweiz auf der Hauptbühne angesetzt. Auch sonst wies diese, mal abgesehen vom Soundbild, noch weitere Gemeinsamkeiten mit Tweek auf. Beide rappen auf englisch, beide pflegen ihre eigene Symbiose von Rap und Pop und beide haben durchaus das Potential auch international durchzustarten. Im Gegensatz zu Tweek konnte Danitsa ihre Show allerdings vor einer bedeutend umfangreicheren Crowd bestreiten. Kunststück, wenn man guten Gewissens als der Shooting Star der Schweizer Musikszene in diesem Jahr bezeichnet werden kann. Allerdings bewies sie auch eindrucksvoll warum das so ist. Danitsa liess überhaupt nichts anbrennen und überzeugte als charmante Gastgeberin, welche spielend zwischen energetischer und smoother Performance hin und her wechseln konnte und ihre  musikalische Vision, diese Melange aus Hip Hop, Reggae, Soul und Pop, überzeugend an den Mann und an die Frau brachte. Klar, auch hier gilt (ähnlich wie bei Stereo Luchs), diese Kombination ist wie gemacht für einen sommerlichen Tag an einem Openair, aber auch diese muss zuerst einmal überzeugend vorgetragen werden.

Nach Danitsas Show stand für den Verfasser der erste Abstecher zur Beat Stage an diesem Samstag auf dem Programm. Fashawn war neben Ocean Wisdom wohl der Act, auf den sich der in die Tasten Hauende am meisten gefreut hatte, war der junge Mann aus Kalifornien doch einer seiner Lieblingsrapper der vergangenen Jahren. Da konnte auch ein Trettmann auf der Hauptbühne nicht mithalten. Dass dessen Show auch grossartig gewesen sein muss, konnte man zeitweise sogar in der Beat Stage hören, aber angesichts der sympathischen Performance von Fashawn bereute er diese Entscheidung keineswegs. Und es war ja nicht so, dass Fashawn nicht geliefert hätte. Unterstützt nur von seinem Dj zauberte er die herzlichste Show des ganzen Wochenendes aufs Parkett der Beat Stage Bühne. Bei ihm merkte man einfach bei jedem Song an, welche Freude es ihm bereitete, diese fernab seiner Heimat vor ihm wildfremden Menschen zu performen und diesen damit eine Freude zu bereiten. Oder wie wichtig es ihm ist, gerade jungen Menschen eine sinnvolle und positive Botschaft mit auf ihren Weg zu geben. Von dieser Demut und Bescheidenheit könnte sich grad so mancher Übersee MC (zumindest auf der Bühne) ruhig noch ne Scheibe abschneiden. Eigentlich hätte das Openair nach diesem überzeugenden Auftritt für den Autor nun zu Ende sein können.

Aber eben nur eigentlich. Denn da war ja noch ein gewisser Mister Slow Flow, welcher seine Spielzeit grad im Anschluss an Fashawn auf der Hauptbühne hatte. Wenn Fashawn einer der Lieblingsmc’s des Schreiberlings der letzten Jahre war, so muss man bei Evidence von einem seiner absoluten alltime favorite Rapper sprechen. Dilated Peoples allgemein und EV im speziellen haben dessen Teenagerzeit geprägt wie kaum ein anderer Künstler. Ausserdem hatte Evidence auch sein neues Album „Weather or Not“ mit im Gepäck, welches der Bleistiftschwinger auch kaum erwarten konnte mal live zu hören. Schlussendlich spendierte EV der Crowd eine mehr oder weniger deckungsgleiche Show wie diejenige von Fashawn, einfach ein My unpersönlicher. Macht ja auch Sinn, schliesslich herrscht bei der Hauptbühne nicht so ne familiäre Atmosphäre wie in der Beat Stage. Aber ganz klar, einem Evidence muss niemand mehr vormachen, wie man eine Show rockt und auch er kann ohne mit der Wimper zu zucken eine ganze Show ohne Back Up MC quer durch sein gesamtes Oeuvre rappen. Für die meisten Leute im Publikum war (zumindest dem Lärm nach) das kurze Dilated Peoples Intermezzo das Highlight der Show, während dieses für den Berichtschreiber erst ganz zum Schluss kam. Schon als er festgestellt hatte, dass EV grad im Anschluss an Fashawn auftreten würde, hatte er gehofft, dass diese gemeinsam auf der Bühne stehen würden. Nachdem dies während dem Fashawn Auftritt nicht geschehen war, war er guter Dinge, dass sie dies auf der Hauptbühne noch nachholen würden (macht ja schlussendlich irgendwie auch mehr Sinn). Und siehe da, ganz zum Schluss kam sie dann, die sehnsüchtig erwartete Ankündigung, dass ein Bruder von ihm auch gerade in Orpund weile. Und schon performten sie ihren gemeinsamen Song „Our Way“ zusammen am diesjährigen Royal Arena Openair. Herz, was begehrst du mehr? Wenn du mich so fragst zum Beispiel, dass Chali 2Na auch noch die Bühne stürmt. OK, lässt sich einrichten. Tja, und so kam es, dass das Ende von Evidence Showcase zu einem kleinen aber feinen Cali Indie Rapper Gipfeltreffen mutierte. Wenn’s einem schon aufgezwungen wird, dann nimmt man’s halt.

Der einzige, zugegebenermassen wirklich sehr, sehr kleine Wehrmutstropfen an EV’s Show, war, dass bei der Beat Stage der Auftritt der heiligen drei Königen Tommy Vercetti, Dezmond Dez und CBN bereits während dem begonnen hatte. Auch auf deren Performance hatte sich der Autor im Vorfeld besonders gefreut, zeichnete sich die St. Gallen – Bern Connection für eines der bis dato stärksten CH Rap Alben dieses Jahres verantwortlich. Ausserdem war der Auftritt von Tommy und Dez letztes Jahr während dem Swiss Rap Allstars Slot noch in bester Erinnerung. Deshalb beeilte sich der Verfasser im Anschluss zurück zur Beat Stage zu kommen. Und siehe da, Glück gehabt, die Show war noch im vollen Gange. Als erstes fiel auf, zumindest soweit der in die Tasten Hauende das beurteilen konnte, dass die drei Eulen bis anhin klar am meisten Leute zur Beat Stage locken konnten. Und die wenigsten dürften ihr kommen bereut haben. Tommy, Dez und CBN liessen sich nicht lumpen und zerrissen sich auf der Bühne für ihre Fans. Sehr zur Freude dieser begnügten sie sich nicht nur neues Material zu spielen, sondern streuten auch zahlreiche Hits ihres umfangreichen EFM Fundus ein. Bei diesen kochte die Stimmung jeweils am meisten hoch. Einmal mehr zeigte sich, dass EFM einer der besten CH Rap Liveacts ist, scheinbar hallen immer noch vereinzelt „EFM“ Rufe durch die Dämmerung bei Orpund. Auf der Bühne vollzogen sie derweil einen fliegenden Wechsel von Tommy, Dez und CBN zu Lo und Leduc. Eigentlich war der Autor durchaus neugierig mal zu hören, was die beiden für eine Show lieferten, schliesslich kannte er, mit Ausnahme vom roten Kleid, ihre Musik nicht wirklich. Aber schon nach dem dritten Song musste er sich eingestehen, dass diese Rap Pop Symbiose dodoscher Prägung definitiv nichts für ihn ist. Da zog er es vor, die Zeit zu nutzen um sich zu verpflegen.

Als nächstes stand die Entscheidung Onyx oder Chali 2Na an. Die New Yorker Schreihälse waren kurzfristig als Vertretung des Chicagoer Schreihalses engagiert worden, weil Chief Keef wegen Passproblemen gar nicht ausreisen konnte (ein Schelm wer denkt, das merke dieser erst am Flughafen). Schlussendlich entschied sich der Bleistiftschwinger für Chali 2Na, da bei Onyx nicht zu erwarten war, dass ihre Show grossartig anders werden würde als bei ihrer letzten Show am Royal (bei der sie aber durchaus überzeugten). Chali 2Na lieferte zusammen mit dem englischen Rillenkratzer Krafty Kuts ein Set ab, welches ein Mittelding zwischen Rapperformance und gehostetem Dj Set darstellte. Es beinhaltete eine handvoll neuere Solosongs, wie z.B seine Kollaboration mit Cut Chemist auf dessen neuem Album, ein paar alte Jurassic 5 Hits, zur Beruhigung der Massen (klar, die meisten Leute im Publikum waren in Erwartung möglichst vieler J5 Hits gekommen) sowie mehrere Medleys von Krafty Kuts. Und es war einfach funky as hell. Das wahre Highlight an einer Chali 2Na Show sind sowieso seine Moderationen. Wenn dieser Typ mit seiner unverwechselbaren Stimme die Ansprachen im Flugzeug machen würde, wären sogar diese unterhaltsam.

Nachdem es sich in der Beat Stage ausgetanzt hatte, zog es den Schreiberling wieder zurück zur grossen Bühne. In all diesen Jahren, in welche er schon Festivals besuchte  (und wir sprechen hier immerhin von beinahe 20) hatte er es tatsächlich geschafft, sich nie ein Hilltop Hoods Showcase zu Gemüte zu führen (und das obwohl die gefühlt jeden Sommer auf Europa Tournee gehen). Nun war also die grosse Stunde gekommen. Tja, was soll man sagen, es hielt ihn vielleicht zwei Songs länger vor der Bühne als bei Lo und Leduc. Für ihn klang das wie die australische Antwort auf Macklemore. Nicht dass das nicht seinen Reiz hätte und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bieten diese sogar eine grossartige Show, aber musikalisch reizte das den in die Tasten Hauende einfach zu wenig.

Also versuchte er sein Glück wieder bei der Beat Stage, wo die Berufsgrimmigen von den Snowgoons ihren Auftritt hatten. An dieser Stelle muss der Autor jetzt einfach mal was loswerden. Dieses ganze verkrampfte, um jeden Preis immer raubeinig und hart erscheinen wollen, ist einfach lächerlich. Schon klar, Snowgoons ist ne brand und corporate idendity usw. aber common, bleibt mal locker. Grad an einem Festival sollte es einem auch erlaubt sein zu lächeln. Vor allem, wenn die Diskografie der Künstler, welche einen auf der aktuellen Tour begleiten, ziemlich funkyge Perlen enthalten. Am offensichtlichsten wurde dies im zweiten Teil ihres Showcases, als El Da Sensei eine ganze Reihe seiner alten Artifacts Hits anspielte. Aber auch Edo G’s Playlist davor enthielt immer wieder Songs, welche dem Snowgoons Stereotyp so gar nicht entsprachen. Im grossen und ganzen bekamen die Zuschauer jedoch schon das, was sie an einem Snowgoons Konzert erwarten. Eine gute Stunde 90er Flashback. Die Beats rumpelten wieder vor sich hin, es war eine helle Freude. Bei keiner Show am ganzen Wochenende erkannte der Schreiberling mehr Tracks erst als die Lyrics einsetzten. Die wichtigste Erkentniss für ihn war jedoch der Wink, dass sowohl Edo G als auch El Da Sensei über ein völlig unterschätztes Arsenal an geilen Tracks verfügen, welche er definitiv öfter aus dem Plattenschrank hervorkramen sollte. Übrigens, noch ein kleiner Hinweis an DJ Illegal, Orpund befindet sich in der Schweiz, da verstehen die Meisten Deutsch. Also könnte man als deutscher Muttersprachler durchaus auch mal Deutsch quatschen. Wirkt irgendwie auch unverkrampfter, als stur am Englisch festzuhalten. Auch wenn der typisch deutsche Englischakzent zum anhören wirklich sehr amüsant ist.

Und damit wäre nun sogar eine halbwegs sinnvolle Überleitung zur letzten Band des diesjährigen Royal Arena Festival geschafft. So quasi von deutschen Akzenten hin zu deutschen Rapper. Tatsächlich war es so, dass auch der zweite Headliner der diesjährigen Ausgabe aus dem grossen Kanton angereist kam. Die Rede ist natürlich von Max Herre und seinen Freunden. Zu diesen zählten selbstverständlich DJ Friction und Don Phillippe, mit denen er Mitte der Neunziger den Freundeskreis bildete. Da der gute Max ein sehr umweltbewusster Mann ist und in seinem Tourbus offensichtlich noch ein paar Plätze frei waren, nahm er kurzerhand noch seinen alten Kolchose Kumpel Afrob, Ehefrau Joy Denalane, Megaloh und seine gesamte Band mit. Pimp My Freundeskreis quasi. Bei so viel hochkarätiger Unterstützung versteht es sich von selbst, dass sie für einen würdigen und erhabenen Abschluss des Festivals sorgten. Da wurde wirklich jeder Freundeskreishit angespielt und zwischendrin, quasi zur Auflockerung noch die besten Songs seiner tapferen Mitstreiter. Es tat der Seele des Autors wirklich gut, „Reimemonster“ wieder mal aus voller Kehle mitzurappen. Für ihn persönlich hätte die Show auch gut ein bisschen weniger Joy Denalane und dafür mehr Afrob und Megaloh vertragen können, aber wenn man sich so umschaute und sah, wie die Herzen der Ladys nur so dahin schmolzen, konnte er guten Gewissens auch mal zurückstecken. Ausserdem, eine bessere Stimme als die von Joy dürfte, zumindest im deutschsprachigen Raum, schwer zu finden sein. Mit einer souligen und überlangen Variante von „Wenn der Vorhang fällt“ verabschiedeten sich der vergrösserte Freundeskreis nach und nach von der Bühne und mit dem letzten Bandmitglied fiel dann auch für das Royal Arena 2018 der letzte Vorhang.

Die Ausgabe von 2018 wird jetzt sicher nicht als DIE Ausgabe in die Annalen eingehen, aber alles in allem war dies immer noch eine äusserst gelungene Veranstaltung mit zahlreichen Highlights (Ocean Wisdom, Fashawn, Marteria, Evidence, Tommy, Dez und CBN) und keinem einzigen richtigen Lowlight (zumindest soweit der Verfasser dieser Zeilen das beurteilen konnte). Orpund, in einem Jahr sieht man sich wieder!