Talib Kweli: Die Legende in Zürich

Es hätte für den Verfasser dieser Konzertberichte DAS Highlight des Konzertherbstes werden sollen, schliesslich war (und ist) Talib Kweli einer der Musiker, welche ihn über all die Jahre in seiner musikalischen Sozialisation am meisten geprägt hatte (wenn auch dieser Einfluss in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat) und ausserdem immer noch einer der meist unterschätzten MCs (zumindest im englischen Sprachraum) überhaupt. Doch erstens kommt es meistens anders und zweitens als man denkt. Doch alles der Reihe nach.

Int. Rap

Am Anfang des Abends stand noch eine freudige Überraschung an. Talib Kweli schaffte es auch im Jahr 2018 die Aktionshalle der Roten Fabrik zu füllen. Gut, restlos ausverkauft war die Halle sicher nicht, aber es drängten sich sicher an die 600 Nasen vor die Bühne, bei welcher der Schreiberling beim Voract Niko Is seine nächste Überraschung erlebte, war er doch bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen, dass es sich bei Niko Is um eine weibliche Vertreterin der reimenden Zunft handle. So staunte er Bauklötze, als da plötzlich so ein gelockter Derwisch reichlich unkonventionelle Moves auf dieser aufführte (was das jetzt über die Qualifikation des Autors, zum so einen Bericht zu schreiben, aussagt, lassen wir jetzt einfach mal unkommentiert im Raum stehen). Der gebürtige Brasilianer überzeugte mit einer energiegeladenen Performance, welche mit so ziemlich jeder üblicherweise bei Hip Hop Konzerten geltenden Konvention brach. Gefühlt wurde jeder einzelne Track völlig freestyle vorgetragen und häufig hatte man als Zuhörer das Gefühl, dass nicht mal der DJ wusste, wie es weitergehen würde. Scheinbar liess sich dieser junge Herr bei der Auswahl und Reihenfolge der Tracks vom Feedback der Crowd inspirieren. Darüber hinaus war er offensichtlich auch gewillt, alle grad in ihm aufkommenden Emotionen mit dem Publikum zu teilen. So entwickelte sich eine erfrischend von der üblicherweise an solchen Anlässen herrschenden Coolness abweichende Performance. Oder wann hat der/die geneigte Leser/ in das letzte Mal auf einer Bühne einen MC Capoeira tanzend einen Song performen sehen? Eben!

 

Allerdings kann auch nicht geleugnet werden, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil im Publikum ab der ihm vorgesetzten Extrovertiertheit stellenweise ein wenig überfordert war (wir sind ja schliesslich immer noch in der Schweiz). Zumindest sprang der Funke bis zum Schluss nicht gänzlich über.

Nachdem sich das südamerikanische Energiebündel ausgetobt hatte, folgte erstmal die so obligatorisch wie überflüssige Pause zwischen Vor- und Hauptact. Immerhin blieb auch für Talib Kweli die gleiche Person hinter den Turntables stehen, so dass man als Zuschauer nicht noch mal als Zielscheibe für ein völlig übersteigertes (DJ)Ego herhalten musste.

Mit Talib wurde dann die ganze Show in ruhigeres Fahrwasser gelenkt. Da merkte man seiner Performance die über die Jahre durch unzählige Liveshows erworbene Routine schon an. Deswegen war es wenig überraschend, dass der Mann, der unter seinem bürgerlichen Namen auftritt, wieder deutlich weniger extravagant durch seine Show führte. Dies nahm das Publikum dankbar an und honorierte seine Performance mit lautstarken Anfeuerungsrufen und Ausrufen. Er seinerseits revanchierte sich mit einem ausgewogenen Set, mit einer gelungenen Balance zwischen alten Hits und neuen Stücken. Sehr zur Freude des Publikums stimmte er sogar den Überhit aus alten Blackstar Zeiten an während der Kopf des Autors bei den Fanfaren von „Move Somethin“ besonders heftig nickte. Dass er rappen kann, bewies er, wenn er dann rappte, auch an diesem Showcase eindrücklich. Wie er seine stakkatoartigen Flows über weite Strecken seiner Show gänzlich ohne Unterstützung eines Back Ups oder des DJs meisterte, war wirklich imponierend.

Damit kommen wir aber automatisch auch zum einzigen Wermutstropfen dieses Abends. Leider kam es über die gesamte Show gesehen viel zu selten vor, dass er auch wirklich rappte. Da wurde ständig irgendjemand Tribut gezollt, das Glas auf jemanden erhoben oder für irgendwas innegehalten. Klar, an Biggie und Tupac wurde bei Rap Konzerten vermutlich schon erinnert, als beide noch lebten und oftmals ist es sicher auch legitim (wenn der Clan beispielsweise ODB gedenken, ist das absolut nachvollziehbar), aber wenn man als Respektbekundung an Reggae für seinen Einfluss auf die Entwicklung von Hip Hop innehält und dann „One Love“ von Bobby anstimmt und im Anschluss daran auch noch „Welcome To Jamrock“ anhängt, weil ja die Jüngeren Bob Marley schon nicht mehr kennen könnten, dann wird es lächerlich. Vor allem, wenn man vorher schon J-Dilla, Phife Dawg, Sean P undundund gedacht hatte. Ein Wunder, das die Gläser nicht auch noch für das tote Meerschweinchen vom Klassenkameraden des Kindes seiner Cousine erhoben wurden.

 

Der in die Tasten Hauende kann sich nicht erinnern, schon mal eine Show besucht zu haben, welche von so vielen Würdigungen unterbrochen wurde. Damit gelang es Talib Kweli gut und gerne 20 Minuten seiner Spielzeit zu füllen. Zeit, in der er locker mindestens 5 seiner eigenen Lieder hätte anstimmen können (und davon hätte es noch mehr als genügend gehabt). Dies minderte den an und für sich guten Eindruck dieses Abends dann leider doch beträchtlich.