Boombap aus dem Keller

Im Rahmen des Boom Bap März war DJ Flamin Fingaz am 21. März am Chi Ali und Ras Kass Konzert. Soviel vorweg, seinen kritischen Augen entging nichts.

Int. Rap
Boom BapKonzert Review

Bei Artcore Radio (jeden Freitag von 20 – 22 Uhr auf Jam On Radio) haben wir diesen Monat den Boom Bap März ausgerufen und so könnte man fast meinen, die Veranstalter rund ums Team vom Enfant Terrible und den Leuten von Fruit of the Boom hätten sich mit uns abgesprochen, passte doch ein Konzert von Chi Ali und Ras Kass wie die Faust aufs Auge in dieses Konzept. Selbstredend war dies natürlich nicht der Fall, ein glücklicher Zufall umschreibt diese durchaus passende Koinzidenz weitaus treffender (auch wenn natürlich eine nicht ganz realistische Selbstwahrnehmung über die eigene Relevanz gerade in der Hip Hop Szene eher die Regel als die Ausnahme darstellt). Für den Verfasser dieser Zeilen war vor allem Chi Ali der Grund sich an diesem frühlingshaften Donnerstagabend in die dunklen Tiefen des Kultkellers der sympathischen Sorgenkind-Bar hinabzusteigen. Dabei hatten die Veranstalter weitaus mehr Gründe für einen Besuch geliefert, denn neben den beiden Headlinern waren auch noch Auftritte von Fokis, Al Tejeda und DIPS angesagt (wobei durchaus diskutiert werden darf, wie viele Zuschauer und Zuschauerinnen nur wegen den drei letztgenannten kommen würden).

So sah es zu Beginn des Abends auch so aus, als ob dies immer noch zuwenig Anreize für einen Besuch gewesen wären, füllte sich der Keller doch nur äusserst zähflüssig. Deswegen musste DIPS den Abend leider auch in einem erst mässig gefüllten Raum eröffnen. Allerdings zeigte es sich ziemlich schnell, dass diejenigen, welche erst später dazustiessen, den schlechteren Deal abgeschlossen hatten. DIPS und sein Dj überzeugten mit einer souveränen, energiegeladenen und äusserst charmanten Performance und eroberten die Herzen der bereits Anwesenden, von denen die allermeisten (inkl. dem Schreiberling) bis zu diesem Augenblick wohl noch nie von ihnen gehört hatten, im Sturm.

 

Überzeugte auf ganzer Linie, DIPS

 

Zu Beginn des Sets noch eher im klassischen Hip Hop unterwegs, drückte ihre Londoner Herkunft im Laufe der Show immer stärker durch und so bekam die Crowd zum Schluss noch ein paar lupenreine Grimetracks auf dem Silbertablett serviert, welche enthusiastisch abgefeiert wurden. Auf jeden Fall könnte man den Auftritt des jungen Londoners als Blaupause nehmen, wie man als Vorgruppe die Gelegenheit beim Schopf packt und bei der Zuhörerschaft einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Nach diesem äusserst erfreulichen Beginn folgte dann leider ein herber Dämpfer, zog es sich doch viel zu lange hin, bis sich der nachfolgende Act auf die Bühne bequemte. Ohne es jetzt mit Sicherheit zu wissen, dürfte dies der Ignoranz und fehlender Demut der weiteren Rapper, rechtzeitig am Veranstaltungsort zu erscheinen, geschuldet sein (womit wir wieder bei der realistischen Selbstwahrnehmung wären).

Das Beste an dieser unfreiwilligen Unterbrechung war noch, dass sich der Keller, bis es endlich weiterging, immerhin vollständig gefüllt hatte. Nur konnte Al Tejeda, welcher als nächster ran musste (musste wird hier bewusst verwendet, denn für ihn schien es mehr ein müssen denn ein dürfen zu sein), aus diesem Umstand bedeutend weniger rausholen, als es DIPS vermutlich gemacht hätte. Zu allem Überfluss war dieser auch noch ohne Dj unterwegs und musste deswegen jeweils selbst den nächsten Track am PC anspielen, was allfällige während einem Song aufkeimende Stimmung jeweils grad wieder abwürgte. So spulte der Shadez of Brooklyn Veteran reichlich uninspiriert sein Programm, bestehend aus vielleicht 5 bis 6 Songs, runter, bis er nach einem gemeinsamen Song mit Fokis endlich von diesem erlöst wurde.

 

 

Dieser zeigte sich bedeutend spielfreudiger und hauchte dem bereits langsam lethargisch werdenden Publikum wieder Leben ein. Er sprühte regelrecht vor Energie und legte während seiner Performance sogar kurz eine Pause ein um auf der Bühne mal schnell zwanzig Liegeschütze zu stemmen. Er hatte nicht nur mehr Bock zu performen wie sein Vorrapper, sondern auch signifikant mehr Songs im Köcher um diese auf die Crowd loszulassen. So schaffte er es mit seinem gut halbstündigen Set die Zuhörerschaft wieder auf Betriebstemperatur zu bringen und in mustergültigen Zustand an Ras Kass zu übergeben.

 

Vollprofi am Mic

 

Und so ein Vollprofi am Mic wie Ras Kass weiss so eine Steilvorlage natürlich glänzend zu verwerten. Es wäre wohl nicht vermessen zu behaupten, dass selbst ein hirntoter Ras Kass reflexartig noch eine solide Show aufs Parkett knallen würde. An diesem Abend war er aber glücklicherweise nicht nur fit und munter sondern auch noch bester Laune und zerstörte Beats quer durch sein umfangreiches musikalisches Oevre. Es war schon beeindruckend zu sehen, mit welcher Leichtigkeit der kleine Kalifornier seine messerscharfen Verse absolut on point ins Mikrofon schmetterte. Vor diesem Abend war der in die Tasten Hauende noch ein wenig skeptisch gegenüber einem Auftritt der Westküsten Legende eingestellt gewesen, hatten sich seine Sympathien für ihn doch in den letzten Jahren ziemlich stark zurückentwickelt (nervige Stimme, z.T. fragwürdige Inhalte waren die Stichworte in diesem Zusammenhang), aber nach so einer Show muss man einfach neidlos anerkennen, so geht Rap live. Punkt. 

 

 

Sprichwörtlich kommt ja das Beste immer zum Schluss und noch stand Chi Ali in den Startlöchern bereit. Dementsprechend herrschten nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein Grande Finale. Allerdings hatte der Bleistiftschwinger im Vorfeld ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, bezüglich der Live Qualitäten des noch kleineren Mannes aus der Bronx nicht vollständig unterdrücken können, zu lebendig waren unzählige Enttäuschungen bei Liveauftritten, gerade von Helden aus der ersten Blütezeit des New Yorker Raps (wie z.B. Kool G Rap’s verstörender „Auftritt“ am Royal Arena 2017), immer noch. Dass es dann allerdings grad so ein Tiefschlag werden würde, hätte sich der Berichteschreiber dann doch nicht vorstellen können (und wollen). Offensichtlich hatte Chi Ali seine Zeit hinter schwedischen Gardinen mit allem anderem als rappen totgeschlagen (die Grösse seines Bizeps liefert einen dezenten Hinweis, wofür er wohl am meisten Zeit aufgewendet hatte). Hätte sich nicht Fokis seiner erbarmt und für ihn den DJ gespielt und die Konversation mit dem Publikum übernommen, wer weiss ob dieses überhaupt mitbekommen hätte, dass Chi Ali seine Songs zumindest live doppelte. 

 

 

Wenn man der ganzen Sache etwas positives abgewinnen will, dann ist dies die Tatsache, dass Chi Ali in dieser Zeit zumindest nichts dümmeres anstellen kann, sogar ein bisschen Kohle verdient und man ihn somit mit dem Besuch eines seiner Konzerte bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft. Und immerhin bekommt er im weiteren Verlauf der Tour noch über genügend Gelegenheiten wieder an seinen Rapskills zu feilen. Und für die Zuschauer und Zuschauerinnen liefern zumindest Fokis und Ras Kass ab, dass einem das Eintrittsgeld nicht zu sehr grämt.

 

 

Die Fotos für diesen Bericht wurden uns freundlicherweise von Nikolaj Leu zur Verfügung gestellt.

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Kleiner Mann, grosser Bizeps
Hatten offensichtlich Spass, Fokis & Ras Kass

Text und Videos von DJ Flamin Fingaz. Mehr von ihm findest du hier: Artcore Radio Blog