Von Shackitistan ins Exil

Der Verfasser aka. DJ Flamin Fingaz war am Shacke One Konzert und soviel vorweg, er war beeindruckt.

DE-Rap

Die Standfestigkeit und Belastbarkeit des Bodens im Exil wird im Frühjahr 2019 gerade einem gewissenhaften Belastungstest unterzogen. Knapp eine Woche nach dem ausverkauften Gig von Noname war die Bude beim einzigen Schweizer Zwischenstop des Bosses von der Panke wieder gerappelt voll. Im Gegensatz zum Konzert der jungen Rapperin aus Chicago, durfte das bei der Show des Nordberliners auch eher erwartet werden, konnte sich Shacke in den letzten Jahren durch kontinuierliche Aufbauarbeit einen Buzz erarbeiten, dass sogar der in der jüngeren Vergangenheit alles andere als Deutschrap affine Verfasser dieser Berichte auf den ehemaligen Wände Verzierer aufmerksam wurde.

Bevor Shacke mit seiner Entourage das Gebälk des Exils zum beben bringen konnte, musste der für die Einstimmung angeheuerte Zürcher MPC Wizard Khaderbai jedoch hartes Brot essen.

Handgezählte 17 Nasen hatten sich am Anfang seines Beatsets vor der Bühne eingefunden. Der ähnlich wie auch der nachfolgende Weddinger für ehrliches Handwerk bekannte Beat Virtuose liess sich davon allerdings nicht beirren und schaffte es mit seinen staubtrockenen Samples und den knallharten Drums die stetig ansteigende Zuhörerschaft (natürlich) zum kopfnicken aber auch zum tanzen und sogar zum mitjohlen zu animieren. Und Handwerk kann in seinem Fall durchaus wörtlich verstanden werden, wurden doch die Samples und Loops noch direkt per Knopfdruck an der MPC und dem Kaospad ausgelöst und nicht per Software am Laptop ferngesteuert. Als er nach einer guten halben Stunde den Ring frei machte für den Berliner Battleking, hatte sich der Raum bereits sehr gut gefüllt und die Stimmung war bereits auf  einem mehr als ansprechenden Level.

 

 

Als nach einer kurzen Umbaupause die ersten Klänge vom Intro von Shackitistan ertönten, lockte dies dann auch noch die letzten Zuschauer nach drinnen um den Atzen von der Nordachse einen triumphalen Empfang zu bereiten. Shake One seinerseits revanchierte sich dafür mit einem ebenso leidenschaftlichen Auftritt. Unterstützt von Achim Funk hinter den Wheels of Steels und einer Armada an Homies auf der Bühne, zog er wirklich alle Register für eine denkwürdige Live Show. Da wurde von seinen Mitstreitern die ganze Zeit fleissig Bier ans Publikum verteilt, Kollege Heiko (dem Schreiberling vor diesem Abend völlig unbekannt) per Porträtfoto in Übergrösse und eingespielten, pointierten Antworten auf Fragen von Shacke, publikumswirksam in die Show eingebunden oder fleissig Nordachse Fahnen geschwenkt. 

 

 

Es wurden sogar zwei Freiwillige auf die Bühne gebeten, welche sich im Bier exen duellieren sollten. Allerdings bekleckerten sich beide überhaupt nicht mit Ruhm (oder bessergesagt mit Bier), da sie damit, statt es sich in den Rachen zu kippen, lieber das Publikum duschten. So mussten dann zwei aus dem Tross vom Boss zeigen, wie’s geht (die Deutschen zeigen den Schweizern wie Bier exen geht, viel tiefer in die Klischeekiste kann man kaum greifen). Aber das beste an diesem Abend war, eigentlich hätte Shacke diese ganzen Gimmicks gar nicht nötig gehabt. Dieser junge Herr ist einfach eine richtige Rampensau, welcher sich im Scheinwerferlicht offensichtlich pudelwohl fühlt. Hinzu kommt, dass er bereits über eine erstaunliche Routine am Mikrofon verfügt. Da hat jemand sein Handwerk unüberhörbar noch nach alter Masters of Ceremony Tradition gelernt, gestählt durch unzählige Auftritte an kleineren Jams und Battles. 

 

 

Wie er die Show dirigierte, mit spitzbübischen Charme Songs ankündigte oder Trinkeranekdoten zum Besten gab und sein Proleten Image zelebrierte, zur Abwechslung mal ein Freestyle einstreute und das Publikum dabei aber jederzeit eisern im Griff hatte, war schon grosses Kino. Selbst seine Backup Rapper hätten sich vollständig aufs Bier saufen und verteilen, kiffen und rumblödeln konzentrieren können (nicht das sie dies nicht gemacht hätten), er hätte die ganze Show auch ohne diese gemanagt. 

 

 

So fühlte sich der Autor nicht nur wegen der Soundkulisse (und dem Rauch) zurück ans Splash 99 oder 2000 versetzt. Mittlerweile kommt es einfach viel zu selten vor, dass es sich ein Rapper oder eine Rapperin nicht nehmen lässt, bei einer Performance auch mal ein Freestyle zum Besten zu geben. Und noch wichtiger, dies dann auch noch wirklich beherrscht.

Da verzeiht der in die Tasten Hauende dem charismatischen Underdog auch eher, dass dieser mit einigen seiner (Gröl)Hooks und dem ganzen drum und dran auf der Bühne die Grenze zum Ballermann nicht nur einmal weit mehr als nur ritzte. Nicht umsonst steht der Nordberliner nicht nur in der Tradition der (West)Berliner Battlerap Kultur, sondern auch der Atzen. Ob einem das gefällt, kann natürlich jeder für sich selbst entscheiden (wenn man sich die Reaktionen des Publikums an diesem Abend anschaut, dann war dies bei den meisten der Fall), aber an seinen Skills gibt es definitiv nichts auszusetzen.

 

 

Text, Bilder und Videos von DJ Flamin Fingaz. Mehr von ihm findest du hier: Artcore Radio Blog