Openair Oberrieden – Steil überm See

Pünktlich zum wettertechnischen Sommerstart eröffnet das wohl familiärste Hip Hop Festival im Raum Zürich die Openair-Saison mit viel Schweizer Rap sowie Auftritten von Gavlin und den Delinquent Habits. Und einem Publikum, das sich hier schon einmal warm feiert fürs Steilgehen an den grossen Festivals dieses Jahres.

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Allerdings: Das Steilgehen fällt dank Shuttleservice erstmal weg. Man wird bequem im Minibus vom Bahnhof Oberrieden hangaufwärts gefahren, bis vor die Tore des Festivals hoch über dem rechten Züriseeufer. Fast ohne dass man selbst einen Schritt tun muss. Oben wird man dafür mit einer umso geileren Aussicht belohnt. Sonst einfach Pimping as usual. Das 35. Openair Oberrieden heisst mit der gleichen unvergleichlichen Seesicht und der gleich gechillten Atmosphäre willkommen, für die es rund um das Seebecken längst bekannt ist: Man trifft alte Bekannte, freut sich über die Quallen-Traumfänger-Deko, das fachpfadfinderisch konstruierte Festzelt und die gut organisierte Bar.

 

 

Dafür, dass an der Pfnüselküste an diesem einigermassen lauen ersten Sommerabend trotz aller Gechilltheit dann noch steilgegangen wird, ist mit einem beachtlichen Line-Up mehr als gesorgt. So gegen neun Uhr abends eröffnet es Melo mit aktuellem Album im Gepäck und einem souveränen Auftritt, der die Crowd trotz dem eher überschaubaren Besucherandrang am ersten Abend vor die Bühne lockt. Und ganz nebenbei beweist, dass Melo nebst rappen ja auch noch singen kann! Das mit dem Singen klingt bei Phumaso & Smack, die Melo auf der Bühne ablösen, teils doch bisschen arg off-tune. Dafür liefern sie raptechnisch ein energiereiches Konzert ab, das erst noch mit einem furiosen Gastfeature des Pfnüselküsten-Lokalmatadors C.mEE glänzt.

 

 

Ein Auftritt von vier Sechstel der Möchtegang im Anschluss giesst weiter Flow ins Feuer, so dass Rap-Diva Gavlyn (USA, California) gegen 23 Uhr bequem eine bereits komplett eskalierende Crowd übernehmen und den Abend zu einem flamboyanten Abschluss bringen kann. Steil.

«Dä Uftrag isch klar, aber d’ Bilder sind verschwumme», rappt Danase dann irgendwann gegen Anfang des zweiten Abends mal. Je nachdem, wie lange und heftig man am Vorabend noch da war, lässt sich dieser Gedanke bestens nachvollziehen. Item. Es lässt sich wohl nicht mehr abschliessend klären, ob es nun am kollektiven Kater oder an Danases Stilrichtung liegt, jedenfalls sind während seinem Set auffällig viele Menschen mit dunklen Sonnenbrillen, strengem Gesichtsausdruck und Gangsta-Lean vor der Bühne zu beobachten.
Was dem Auftritt aber keinen Abbruch tut. Der Zürcher Chefpimper lässt es so viele Punchlines regnen, dass man stellenweise gerne einen Rewind-Knopf hätte. Klar: Pimping aint easy. But its fun. Dass er und Sterneis (an den Turns und auch am Mic!) dabei mexikanische Wrestling-Masken tragen, ist nur konsequent, wenn ihr Album schon «la Santa Luchadora» heisst. Vielleicht soll es aber auch nur von Danases Schuhen ablenken. Hat die jemand gesehen? Damn. Wo wir schon beim Pimping sind.

 

 

Beziehungsweise: Wo wir schon bei den Klamotten der Musiker sind. Jemand im Publikum bemerkt ein, zwei Gänge zur Bar und drei vier Blicke über den Zürisee später während dem wunderschön mit dem Sonnenuntergang zusammenfallenden Baze-Konzert, dass man den bärtigen Berner sogar im trippigen Batikshirt auf die Bühne lassen kann. Und dass er dabei noch immer eine gute Figur mache. Das mag zwar stimmen, aber trotzdem sind wohl weder Bazes Shirt noch seine gute Figur der Hauptgrund dafür, dass sich sehr viele Besucher sein Konzert ansehen. Dann schon eher seine grossartige Liveband, die auf der für Baze-Verhältnisse eher grossen Bühne erst richtig zur Geltung kommt und der Abendstimmung einen perfekten musikalischen Spiegel verleiht – und natürlich die Tatsache, dass Baze textlich dann doch bisschen mehr Tiefgang parat hat, als so manch andere Band am Festival. Flash, Atmosphäre, grosse Stimmungen, Gedanken – das ist was bei Baze abgeht. Mini Gang, dini Gang – Ender Weniger.

 

 

Mini Gang, dini Gang: Das gibt’s dann dafür ganz offiziell beim Bomberbattle, bei dem einem zeitenweise spontan wieder Danases Line einfällt: «Dä Uftrag isch klar, aber d’ Bilder sind verschwumme.». Scheisse ja, das sind sie. Am Ende gewinnt Russel ziemlich eindeutig und auf jeden Fall verdient das Graff Battle in Oberrieden. Bereits zum zweiten Mal, bitches.

 

 

Als S.O.S. danach die Bühne betreten, ist schon längst klar, dass sie eine der am heissesten erwarteten Bands des Abends sind und gleichzeitig die umstrittenste. Die Berner stehen vielleicht mehr als jede andere Crew der Schweiz für die Frage, an der man momentan an keiner Party, in keinem Blog und keinem Artikel so recht vorbeikommt: Darf man Trap mögen, auch wenn man eigentlich ein Classic-Head ist, aufgewachsen ist und sich mehrfach selbst therapiert hat mit unverdünntem Boom Bap? Und gleichzeitig: Darf man Trap nicht mögen, obwohl man eigentlich offen für neuen Sound ist und sich als progressiv denkenden Menschen versteht? Die Antwort ist: Keine Ahnung, who cares.
Aber man sollte eine gute Band erkennen, wenn man sie spielen sieht. Und das sind S.O.S. Sie liefern suuberi Büetz, um es mal mit ihren Worten zu sagen. Und das nicht nur in Sachen Trap, sondern auch in Sachen Boom Bap. Und dann garnieren sie das Ganze noch mit ein paar sehr steilen französischen Parts.
Nur schade, dass die Lightshow zu ihrem Konzert bequem als Epilepsietest hinhalten könnte. Bisschen weniger grell wäre mehr. Egal: S.O.S. heizen auf jeden Fall die Stimmung massiv an.

 

 

Dann ist es endlich so weit: Die Band, für die wahrscheinlich die meisten Besucher an diesem Abend angereist sind, kommt auf die Bühne. Und spätestens hier kommen einem Zweifel. Mir zumindest: Das Problem einer guten Liveband ist schliesslich immer, dass sich man sich als Hörer fragt, ob die legendären Auftritte von letztem und vorletztem Mal überhaupt noch getoppt werden können. Man ist als Hörer irgendwie immer auf eine Entfremdung oder eine Enttäuschung gefasst. Zumindest als einigermassen pessimistischer Mensch.
Aber nach spätestens drei Takten ist davon nichts mehr übrig. Die drei Delinquenten zerfetzen alle Vorbehalte mal eben beim Ankommen, setzen das Publikum endgültig in Brand. Und zwar nicht nur indem sie vor der Bühne traditionsgemäss Tequila-Shots verteilen lassen (und diesmal angeblich auch einen Joint kursieren lassen mit «very good weed from California»), sondern vor allem, indem sie sichtlich Spass an dem haben, was sie tun.
Spätestens, wenn man die drei nicht mehr so ganz jungen OGs auf der Bühne sieht, vereint mit ihrem Publikum, das endlich den Gipfel des Feierns und Zusammenkommens erreicht hat, wird klar: Guter steil ist zeitlos. Naameen?