Straight outta Kempten – Kanje Ost Kolumne #1

In der neuen Kolumne bei Aightgenossen.ch erzählt euch Kanje Ost regelmässig von seinen Begegnungen in der Hip-Hop Kultur. Mal hoffnungsvoll, mal genervt, aber immer mit Liebe.

Int. Rap
Kanje OstKolumne

Da isser wieder. Ist gerade eingestiegen, hat sich gerade hingelümmelt. Der Typus Mensch, dem ich so gut wie irgend möglich aus dem Weg zu gehen versuche. Hat sich unter all den freien Abteilen im Waggon ausgerechnet jenes ausgesucht, in dem ich mich in die Lektüre eines eh schon komplexen Buchs vertieft habe. Und jetzt sitzt er, sorry, hängt er da: So ein Verschnitt aus Moneyboy und Gartenzwerg. Anfang zwanzig, eins sechzig auf ein Meter zwanzig, neongrüner Cap mit einem M drauf, drunter ein Duu-Rääg (so ne Rapperbadekappe, weisch), teure Turnschuhe, leuchtrote Daunenjacke und eine Hose, die selbst ihm zu gross ist. Seine Kopfhörer haben ein rotes kleines D drauf und zischeln laut vor sich hin: Ts, ts, Tsch; Ts, ts, Tsch… Ich vertiefe mich wieder in mein Buch, versuchs zumindest. Ts, ts Tsch, Ts, ts Tsch.
Plötzlich: „YO!“.
Vor Schreck lasse ich fast das Buch fallen. Mit Mühe und Not kann ich es grade noch zwischen den Knien einklemmen. Verdammt. Meint der mich?
„YO!“. Er grient mich aus blutroten Augen und einem zahnbespangten Mund aus nächster Nähe begeistert an.
„YO!“.
„Äh, gleichfalls.“
„YO, DU BIST DOCH DER GROSSE BRUDER VON DINGSBUMS!“
Er brüllt es durch den halben Zug, was wahrscheinlich daran liegt, dass er seine Kopfhörer nicht abgesetzt hat. Mein Bruder heisst zwar nicht Dingsbums, aber mir dämmert trotzdem, dass ich den Typen vor mir kenne. Vom Sehen, von früher.
„Kann schon sein.“
„WOAAH, KUUL!“
Er nimmt den Kopfhörer ab und hebt die Hand. Was folgt, ist ein komplizierter Begrüssungs-Handshake, der das Gegeneinanderklatschen von Handflächen, das Gegeneinanderstossen von Fäusten, Fingerschnipsen und ein paar weitere Feinheiten beinhaltet. Ich bin beeindruckt und merke, dass ich aus der Übung gekommen bin.
„Du machst doch Räp, oder?“, kräht er.
„Ach, äh, nö. Früher mal.“
„Ait, Houmbooi! Und Biits? Biits hast du doch auch gemacht, oder?“
„Jaja.“
„Teit, Altää. Du solltest wieder anfangen. Ich such einen Produzenten für mein Album, weisch. So Ghettorap. Wie Frauenarzt oder Bushido, weiisch? Milky G MC in da Haus, yo.“
Ich nehme an, dass Milky G MC sein Rappername ist.
Pizzaface MC hätte auch gepasst.
„Na ja, ich mach keine Musik mehr. Und mir gefallen eigentlich mehr so die alten Sachen.“
„Ja, eben drum, Oltskuul ist ja wieder voll in, Mann. Ich mach so Bushido mit Oldschool Elementen.»
«Ah.»
«Ich sags dir: Der richtig teite Räp kommt wieder voll zurück.“
Mir war nicht bewusst, dass er mal weg war, der richtig teite Räp. Ausserdem: wer mich und meine Freunde kennt, weiss, dass voll zurückkommen etwas ist, was wir tendenziell zu oft tun und. So circa nach jeder zweiten Samstagnacht. Es macht hässliche Säcke unter den Augen und ist nichts, was man sich für Rap wünschen sollte.  Aber das verschweige ich meinem Gegenüber.
„Soso“, sage ich stattdessen.
„Ja, Mann! Ich war grade bei meinem Houmboi, Straight outta Compton gucken.“
„Ach.“
„Ja, Mann! Ein Riesenfilm. Ein RIESEN FILM, sag ich dir.“
„Mmmh.“
„Das waren noch riil Tschiis. Gangsta! Aber du weisst ja, wie das läuft.“
Er zwinkert mir zu und erinnert mich damit an ein paar eher peinliche Jugendsünden, die mein kleiner Bruder und ich uns hier in der Gegend zuschulden kommen lassen haben. Ewig her und wirklich real cheese, was wir damals so angestellt haben. Aber offenbar sind unsere damaligen Anfälle von jugendlichem Schwachsinn bis dato in lebhafter Aggloerinnerung geblieben und sogar bis zu Fat Milkyway durchgedrungen.
„Eigentlich nicht.“, versuche ich trotzdem, meinen OG(eese)-Status zu relativieren und bin froh, dass er nicht näher auf meine Vergangenheit eingeht.
„Altää, und die Klamotten“, schwärmt er stattdessen weiter vom Film, „voll Hip Hop!“
Eigentlich geht es im Hip Hop ja um kreativen Ausdruck, um das Nutzen von brachliegenden Talenten, um Ausbruch aus sozialer Enge. Meinetwegen auch um das Zelebrieren einer gewissen Attitüde, aber Klamotten können meinem Verständnis nach eigentlich nur voll Hip Hop sein, wenn der entsprechende Mensch sie ausfüllt. Gerne würde ich ihm das mit auf den Weg geben, doch da hält der Zug.
„Woah, mein Hood. Da muss ich raus.“
Er nötigt mir noch rasch seine Handynummer auf, nicht ohne seine Albenpläne zu wiederholen, wiederholt das Handklatsch-, Fauststoss-, Fingerschnipsritual und schiebt ab. „Kiip it Gängschter“, ruft er noch über die Schulter, macht ein seltsames Fingerzeichen, dann steigt er straight out in Kempten.
Scheisse, denke ich, kein Wunder meinen die in der Agglo alle, ich sei komplett hängen geblieben, wenn ich mich als Raphead zu erkennen gebe. Na ja, egal. Ich hau mir erst mal eine extra Dosis Dende und Torch auf die Ohren und klaube das Buch zwischen meinen Knien hervor. Auf welcher Seite war ich nochmal?