It’s all in the books: Odem on the run

Aightgenossen haben kürzlich mal wieder ein richtig gutes Hip Hop Buch in die Finger gekriegt. Das wollen wir mit euch teilen.

 

Buchinfos

Odem: On the Run. Eine Jugend in der Graffiti-Szene. Aufgeschrieben von Jürgen Deppe. Erste Auflage 1997, Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag GmbH, Berlin

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Wenn man es sich genau überlegt, ist es eigentlich seltsam, wie wenige Bücher es über Hip Hop im deutschsprachigen Raum gibt. Klar, vielleicht kommen einem drei oder vier in den Sinn, aber wenn du dir vergleichsweise mal reinziehst, was seit den ersten Deutschrapversuchen in den 90ern alles an Alben rausgekommen ist, ist der Bücher-Output dieser an sich ja sehr textbetonten Szene doch krass mager. Umso mehr wird darüber berichtet, wenn dann doch mal ein gutes Buch zur deutschen Hip Hop-Welt rauskommt, so wie aktuell «Könnt ihr uns hören?»: Kaum ein Blog oder Podcast oder sonst ein passendes Format, wo das Buch gerade nicht besprochen wird.

Und genau darum machen wir das hier jetzt nicht auch noch.

Ist ja dann doch eher langweilig, wenn alle das Gleiche machen. Stattdem stellen wir euch ein anderes Buch vor, das uns kürzlich wieder mal zwischen die Finger geraten ist. Einfach so, weil es ein geiles Buch ist und… ja. So. Ist mal was anderes. Ausserdem beleuchtet es eine Seite der deutschsprachigen Hip Hop-Welt, die bei «Könnt ihr uns hören?» etwas fehlt. Also könnt ihr euch, wenn ihr mögt, gleich beide Bücher auf einen Tätsch zulegen. Also.

 

 

Odem: On the run von Jürgen Deppe und Odem.

Das Buch beschreibt den Aufstieg und Fall des wohl bekanntesten europäischen Sprühers im Berlin der 1990er. Wie er vom Toy zum in der ganzen Stadt bekannten Tagger und schliesslich zum ziemlich unumstrittenen König der Berliner Szene wird. Wahrscheinlich hätte das Buch mit diesem Ausgangsmaterial recht problemlos so eine Coming-of-age-Kiste werden können, aber das ist es nicht. Stattdessen ist es im Grunde eine lange, sehr direkte Reportage über den Alltag von jemandem, der sich fanatisch dem Anmalen von Zügen und dem Aufstieg in einer Szene verschrieben hat. Wirklich fanatisch: Fast alles in Odems Leben dreht sich während der im Buch beschriebenen Zeit irgendwie um Graffiti: Wie komme ich an diese oder jene Wand ran, wo kann ich den nächsten Wholecar malen, wie gehe ich mit Leuten um, die mir in der Szene Konkurrenz machen?

Was die Konkurrenz angeht:

Die Sprüher von Berlin, mit denen Odem rumhängt, das sind schon Ende der 80er Jahre und Anfang der 90er keine malenden Hippies auf Stadtverschönerungsmission und mehrheitlich auch keine Leute mit Künstlerallüren, sondern Gangmitglieder mit Territorialansprüchen und einer Menge (!) krimineller Energie in sich. Sie rauben neben der Sprüherei schon mal jemanden aus oder verticken Diebesgut oder Drogen. Ihre Dosen klauen sie wenn immer möglich – nicht einzeln, sondern bei Einbrüchen gleich kiloweise. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Aber dem Journalisten Jürgen Deppe, der die Erlebnisse für Odem aufgeschrieben hat, gelingt es sehr gut, die Faszination fühlbar zu machen, die von dieser Szene ausgeht, die es Odem ermöglicht, Seiten und Unterwelten einer Stadt sehen zu können, die den meisten ihrer Bewohner verborgen bleiben. Das Malen und Rumalbern an der Berliner Mauer, das Chillen nachts auf Dächern, während unten die noch geteilte Stadt rumort, die Streifzüge durch die Kneipen Berlins – man muss kein Sprayer sein, um zu verstehen, dass das schon etwas hatte.
Zumal es ein anderes Berlin als das heutige ist, durch das sich Odem bewegt. Ein geteiltes, analoges Berlin, in dem Kreuzberg noch nicht cool ist, sondern einfach nur arm und scheissgefährlich und die Berliner Mauer keine Attraktion oder Erinnerung, sondern die Stadtgrenze. Weil das Buch 97 erschienen ist und immer wieder einfach den Alltag von Odem beschreibt, enthält es viele kleine Details, die heute witzig wirken oder nostalgisch machen.

Whatsapp, SMS? Fehlanzeige.

Odem hält mit Exponenten der Szene in anderen Städten zwar regelmässigen Kontakt, zum Beispiel mit Leuten von der Zulu Nation in Heidelberg – aber per Briefpost. «Lieber T….». Und er fotografiert seine Werke zwar, aber statt sie zu posten, lässt er erst mal den Film entwickeln. Solche Einzelheiten lassen einen in eine Welt eintauchen, die ewig vergangen scheint und machen das Buch nachträglich zu einer Art Zeitkapsel und dadurch gerade jetzt wieder sehr, sehr lesbar, selbst wenn man es in den 90ern oder kurz danach schon einmal gelesen und die bombeneinschlagsmässige Wirkung mitkriegte, die es bei seinem Erscheinen gehabt hat.
Das Buch bricht übrigens nicht auf dem Zenit von Fame und Erfolg ab, sondern zeigt auch, zu was es führen kann, wenn man sich dermassen kompromisslos auf eine Sache versteift, wie Odem. Er hat damit auch hierzulande ganze Generationen von Sprühern nachhaltig inspiriert und mit seiner absoluten Hingabe zu Graffiti und allem, was sonst auf der Strasse so passierte, hat er sich zur Ikone gemacht, aber auch kaputt.
Das Buch bricht an einer Stelle ab, wo man nicht weiss, ob es Odem noch gelingt, sein Leben in den Griff zu kriegen. Danach hat er sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.
Er ist 2017 aus unbekannten Gründen im Alter von nur 43 verstorben. R.I.P.