Von wegen zu alt für den Scheiss – Kanje Ost Kolumne #2

In der zweiten Kolumne erzählt euch Kanje Ost wieder von einem Erlebnis in der Hip-Hop Kultur. Es gibt Grown Man Rap, aber wie siehts aus mit Grown Man Rapfan? Kanje Ost sinniert wieder mal hoffnungsvoll, genervt, aber auch mit Liebe.

Int. Rap
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Es ist ein Openair-Gefühl, aber auch wenn du noch nie an einem Openair warst: Jeder ab spätestens 20 Jahren aufwärts kennt dieses Gefühl. Es ergreift dich, wenn du die Musik hörst, die heute auf Pausenplätzen gespielt wird. Es packt dich nach spätestens zehn Minuten Gespräch mit Verschwörungs-Hannes und Endzeitstimmungs-Michael. Es sucht dich heim am Morgen nach der ausufernden Party deines jungen neuen Nachbarn, wenn du dich fragst warum dein Mund schmeckt wie ein Aschenbecher, dein Kopf schmerzt und sich dein Wortschatz für die nächsten zwei bis drei Stunden auf das Lieblingswort von Lakmann beschränkt. Ah. Und es erreicht dich auf jeden Fall pünktlich zu jedem Openair wieder, das Gefühl, dass du jetzt wirklich einfach zu alt bist für den Scheiss.
Nicht am ersten Abend, wenn alles so ist wie früher, oder besser, wenn du dich aufs Line-Up freust, alle erst grad angekommen sind und noch Gespräche in ganzen Sätzen führen. Vielleicht auch noch nicht am ersten Morgen danach. Aber spätestens am Zweiten danach, wenn du aus den Fetzen deines Zelts in den Regen kriechst und du dich fühlst, als wäre ein Bus über dich gerollt, dann ja, dann kommt dieses Gefühl recht verlässlich bei jedem Openair zurück. Und besser lass dich nicht täuschen. Es gibt ja diese Openairs, wo alles super zu laufen scheint: Du hast einen grossen Bogen um die Zeltplätze gemacht, damit du dann eben später nicht in den Regen kriechen musst und selbst, als du die Leute aus dem VIP-Camping stolpern siehst, bist du dankbar, dass du schon vor ein paar Jahren am eigenen Leib erfahren hast, dass auch ein VIP-Camping nur ein Zeltplatz ist, gleich umweht wie alle andern vom süss-chemisch-fäkalen Geruch der Toi Tois und immer mit Nachbarn ausgestattet, die leider ihr eigenes Soundsystem und ihren Musikgeschmack dabei haben.
Du freust dich auf das überteuerte, bünzlige Zweierzimmer, das dich in der Innenstadt erwartet und denkst, dass du da schon etwas richtig gemacht hast. Aber du denkst auch: na ja, ist immerhin ein Hip-Hop Openair. Kann immer noch eine Menge schiefgehen. Wahrscheinlich wird gleich jemand fronten.
Aber alle Leute, die du triffst, sind freundlich und lieb, haben Liebe für die Musik und Freude daran, Leute von anderswo zu treffen, die den gleichen Geschmack haben. Du denkst vielleicht, dass das schon etwas seltsam für ein Hip-Hop Openair ist. Aber irgendwie erfreulich. Früher wollte hier jeder so aggressiv seine Hood representen, als wäre er Busta oder ein Führungsmitglied der AfD. Noch als du das letzte Mal hier warst, gehörten Schubsereien irgendwie zum guten Ton und auch Sprüche wie «heb mich, oder ich schlah en ab, Mann». Wobei du immer noch sicher bist, dass viele der Jungs, die das gesagt haben, wirklich einfach gehalten werden wollten. Trotzdem: So wie jetzt is auf jeden Fall entspannter.

Dennoch nimmst du als einigermassen skeptischer Mensch an, dass du dich dann spätestens vor der Bühne doch noch zu alt für den Scheiss fühlen wirst. Muss ja noch sein. Irgendwann holt dich das Gefühl schon ein. Aber dann erwischst du dich später irgendwann irgendwo vorne dabei, wie du Strafvollzug feat. Burj Khalifa oder so feierst und was irgendwer von deinen conscious, politisch korrekten Begleitern davon hält, interessiert dich in dem Moment etwa null Komma neun Prozent.

Was jetzt nicht heisst, dass man gleich alles gut finden muss.
Wenn, rein hypothetisch, zum Beispiel das Set von einem ASAP Rocky sich anhört wie das Produkt von einem desorientierten Doppelgänger, muss man zwar nicht zwingend zu denen gehören, die auf die Bühne rufen, dass er besser wieder zurück in den Knast gehen soll. Aber gut finden muss man es auch nicht unbedingt. Wobei, denkst du, die minutenlangen Kunstpausen in ASAPs Set haben vielleicht ja auch ihren Sinn. Immerhin heisst der Mann ASAP Rocky, so wie in as soon as possible und nicht wie jetzt gleich. Ausserdem spielen, als dir dieser Gedanke kommt auf dem benachbarten Beat-Stage gleichzeitig Smif-N-Wessum. Vielleicht will er einfach lieber ihnen zuhören, als selbst zu rappen. Und Smif-N-Wessum fühlen sich ja offensichtlich auch nicht zu alt für den Scheiss. Du denkst: Vielleicht ist dieses Gefühl in Wahrheit nur eine Phase, die man irgendwann hinter sich lässt. Eine Art Midlife-Crisis für Frühreife oder so. Vielleicht hast du ja tatsächlich jetzt den Punkt hinter «ich bin zu alt für diesen Scheiss» erreicht und von jetzt an wird alles gut. Und schön. Du denkst: Auf jeden Fall geh ich wieder, von wegen zu alt für den Scheiss.
Aber das ist nur deine selektive Wahrnehmung, die dich verarscht. Gerade jetzt, wo der Herbst einfährt, die Blätter fallen, die sonnendurchfluteten Bilder von den letzten Openairs des Sommers noch frisch sind, aber trotzdem schon fast in eine andere Jahreszeit gehören, da blendest du einfach den Moment am zweiten Morgen aus, an dem sich dein Körper anfühlte wie eine Fracking-Baustelle, oder den Moment, in dem du unweit deines spiessigen Zweierzimmers im Garten von jemandem aufgewacht bist, der deinetwegen die Polizei gerufen hat. Nein. Du bist wirklich zu alt für den Scheiss. Sehr wahrscheinlich wirst du auch nächstes Jahr an einem zweiten Morgen mit Gnocci-mässig verquollenen Augen hinter einer Tasse Kaffee an einem Tisch hängen und versuchen, dich mit Lesen von deinen Kopfschmerzen abzulenken. Wenn du dann auf diesen Text stösst, wirst du Aaah sagen und wissen, was ich meine.

 

Titelbild von © Lucie Gertsch.

Die erste Kolumne von Kanje Ost findest du hier.