So war’s am Make The Hood Look Good 2019

DJ Flamin Fingaz war wieder für seinen Artcore Radio Blog unterwegs. Guckst du, so war’s am Make The Hood Look Good 2019

CH RapDE-RapInt. Rap
festivalKonzert ReviewMake the hood look good

In den vergangenen Jahren war es jeweils so, dass mit dem Festival mit dem geilsten Namen wos je häts gihts die Festival Saison startete. Auf dieses Jahr hin haben die Macher, aus welchen Gründen auch immer, sich entschlossen das Festival in den Herbst zu verlegen und so kam dem Make The Hood Look Good in diesem Jahr die Ehre zuteil, für einen würdigen Abschluss der Hip Hop Festival Saison 2019 zu sorgen. Das Wetter machte an diesem sonnigen Samstag Nachmittag vor den Toren Aaraus auf alle Fälle schon mal bestens mit, da war es fast schade, dass man diesen herrlichen Altweibersommertag unter dem Vordach der Pferderennbahn gar nicht richtig geniessen konnte.

Mit der schwierigen Aufgabe, das Festival zu eröffnen und für erste Stimmung zu sorgen wurden Tightoon betraut. Und das war für einmal wirklich ein undankbarer Job. Zu Beginn hatten sich nur an die 20 Nasen, noch grosszügig geschätzt, vor die Bühne verirrt. Doch die beiden Jungs, tatkräftig von ihrem Dj Cuttoo an den Turns unterstützt, welcher sich die Seele aus dem Leib scratchte, liessen sich davon nicht aus dem Konzept bringen und lieferten ein durch und durch stabiles Set ab (Nativ und Buds Penseur würden es suuberi Büetz nennen).

 

Tightoon hätten durchaus mehr Zuschauer verdient gehab

Mit ihrem Soundentwurf werden sie im Jahr 2019 zwar definitiv kein Innovationspreis mehr abräumen, aber das wird weder ihr Anspruch noch vom Grossteil des Publikums am Make The Hood Look Good gewünscht sein. Unter dem Strich hatte sich die Anzahl Zuhörerinnen und Zuhörer zum Ende ihres Sets gut und gerne verzehnfacht und die Stimmung war auch bereits äusserst prächtig. Mission erfüllt kann man da nur sagen.

Im Anschluss an die Eröffnungsshow folgte dann bereits die erste kleine Ernüchterung. Der Stargast der danach angesetzten Truppe, Edo G, konnte nicht aus den Staaten ausreisen und war demnach verhindert. Schon noch interessant wie die Rapper aus Übersee, wenn man sie bucht, jeweils nicht wissen, dass sie nicht ausreisen können/dürfen und dann wenns heisst in den Flieger zu steigen, plötzlich aus allen Wolken fallen. Egal, konnte man eh nicht mehr ändern und der Rest der Truppe war ja vor Ort. So machte sich Edo’s Back Up Rapper, ein gewisser Priest, daran zusammen mit der Band „The Outfits“ die Stage zu rocken. Es begann schon mal nicht schlecht, als er über den live intonierten „Deep Cover“ Beat in bester Big Pun Tribut Hispeed Flow Manier daherrappte. Nebst diesem hatte der gute Priest allerdings keine weiteren Pfeile im Köcher um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

 

Überzeugte vor allem mit seinem Hispeed Flows, Priest

So blieb von diesem Auftritt in erster Line die Performance der Band haften. Wie diese zahlreiche bekannte (Hip Hop) Klassiker Beats instrumental umsetzten war schon grosses Kino. Das diese wie der Verfasser dieser Zeilen ein besonderes Faible für die Klassiker aus der goldenen G Funk Ära anfangs der 90er zu haben schienen, trieb den Spass Level für den in die Tasten Hauenden natürlich noch weiter in die Höhe. Speziell aus dieser eh schon hochstehenden Combo herausgestochen ist der unscheinbare Mann an den Keys. Gesegnet mit einer unglaublichen samtenen und ausdrucksvollen Stimme croonte dieser zum Teil in bester Nate Dogg Manier über den Beats. Zum Abschluss gaben auch die beiden Hosts des Abends, Benji Bonus und Chilli Mari, unterstützt von der Band, ein paar Rhymes und Freestyles zum besten. Dabei ergaben sich so skurrile Situationen, wie z.B. als die Rapper die Hook von „I Got 5 On It“ voller Inbrunst über einen Dre Beat (wenn die Erinnerung den Schreiber nicht vollständig täuscht über den No Diggity) sangen. Herrlich!

 

Jesaya’s Friends (v.l.n.r. Luuk, Sema.ntik, Maurice Polo, Züri Machts)

Kaum war diese Meute von der Stage verschwunden, stürmte schon der nächste Pulk die Bühne. Die Zürcher DJ Legende Jesaya hatte seine Friends mitgebracht und diese entpuppten sich als ein Who is Who der Zürcher Rapszene. Jesaya eröffnete das Set mit einem kurzen Medley der grössten CH Rap Klassiker. Danach gehörte das Scheinwerferlicht zuerst Maurice Polo ganz alleine. Nachdem dieser ohne Backup souverän ein paar seiner neuen Tracks zum Besten gegeben hatte, gesellte sich Semantik zu ihm auf die Bühne. Miteinander stimmten sie einen ihrer gemeinsamen Songs an um dann mit weiteren Songs von Big Sema’s neuer Platte „OG Funk“ fortzufahren. Da es auf dieser auch ein Feature mit Luuk drauf hat, war dieser der Nächste, welcher die Bühne enterte. Selbstverständlich performte er neben dem Featuring auch noch eigene Songs. Und da es auf der Bühne immer noch Platz hatte, stürmten zu guter Letzt auch noch die Jungs von „Züri Machts“ auf die Bühne und hievten das Energielevel nochmals auf eine neue Stufe. Die ZH Rap Avengers überzeugten auf ganzer Linie und unterstrichen eindrucksvoll, dass sie durchaus einen besseren Slot verdient hätten.

 

 

Nach dieser geballten Ladung Züri Släng war die Bühne frei für den ersten Gast aus dem grossen Kanton. Mister AzudemSK erinnerte mit dem Cap und der Sonnenbrille entfernt an Retrogott und auch musikalisch waren da durchaus Berührungspunkte feststellbar, allerdings war AtotheSK alles in allem doch eine Spur smoother und jazziger unterwegs (und sein Stimmorgan nervte den Bleistiftschwinger zum guten Glück erheblich weniger)

 

Hallo, ich bin übrigens auch noch hier, AzudemSK.

Bei der Performance am Mikrofon war die Übereinstimmung wieder grösser, denn auch der Wahlberliner lieferte wenig Anlass zur Kritik an der Handhabung seines Arbeitswerkzeuges. Auch ohne Backup manövrierte er sich souverän durch sein Set und wurde bei Bedarf tatkräftig von seinem DJ unterstützt, welcher sich die Finger wund scratchte.

 

Eine feste Grösse im Festivalsommer 2019, Psycho-n-Odds

Die darauffolgende Show von Psycho’n’Odds war mit Sicherheit schon dessen vierte Show, welche der Berichteschreiber diesen Sommer bereits beiwohnen konnte und trotzdem kann er mit guten Gewissen schreiben, dass ihm auch in Aarau zu keiner Sekunde langweilig wurde. Dies an sich sagt ja eigentlich schon genügend über deren Performance aus. Auch an der Aarauer Pferderennbahn lieferten sie die Blaupause für einen Liveauftritt ab. Von wilden Moshpits über in die Knie gehen und beim einsetzen des Beats aufspringen und abgehen bis hin zu Feuerzeuge in die Luft halten exerzierten sie das gesamte Einmaleins eines gelungenen Liveauftritts durch. Erstaunlich war höchstens, dass Buds Penseur für einmal die grössere Rampensau als Kollege Nativ war. Das Publikum honorierte dieses Engagement seinerseits mit viel Hingabe und feierte jeden Song und jede Interaktion mit den beiden Protagonisten frenetisch. Als diese zum Schluss noch einen bislang unveröffentlichten Song vortrugen, kochte die Stimmung endgültig über und der gesamte Bereich vor der Bühne verwandelte sich in ein Tollhaus. Fragt sich nur, ob nicht bei dem einen oder anderen AKW in der Gegend der Erdbebenalarm ausgelöst wurde.

 

Bruderliebe

Von den Brothers from another mother zu zwei richtigen Brüdern. Die wohl berühmtesten Zwillinge im deutschsprachigen Hiphopraum hatten sich am Make The Hood Look Good für eines ihrer mittlerweile äusserst seltenen Konzerte angekündigt. Von einer allfälligen fehlenden Routine deswegen war allerdings nichts zu spüren. Gut und gerne 30 Jahre Bühnenerfahrung gehen halt nicht spurlos an einem vorbei. „Habt ihr Bock auf Hip Hop?“ fragte einer der beiden Stieber Brüder während ihrem Showcase und genau das bekam das Publikum. Zwei MC’s und ein DJ, das klassische Hip Hop Setup. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es hätten sich am Festival aber auch keine Handvoll Leute gefunden, welche sich von ihnen mehr erwartet hätte. Natürlich konnten sie das Energielevel der vorherigen Performance nicht ganz so hoch halten, angesichts ihres doch schon fortgeschritterenen Alters wäre es jedoch auch vermessen gewesen, dies zu erwarten. Zudem glichen sie diese naturgemäss nicht mehr ganz so hohen Intensität einfach mit viel Schalk und Charisma aus.

Der nächste Protagonist hatte einen nicht ganz so einfachen Stand beim in die Tasten Hauenden, denn erstens hatte sich dieser wirklich auf Jay Electronica gefreut und zweitens hatte er Umse erst grad vor zwei Wochen am Royal Arena Festival hören und sehen können. Bei der Mehrheit der anwesenden Hip Hop Connaisseurs wird die Nachricht, dass der sympathische Westfale Jay Electronica ersetzt jedoch kein Bedauern ausgelöst haben, denn es zeigte sich, dass Umse einer der Publikumslieblinge dieses Jahres war. Getragen von dem warmen Empfang funktionierte sein Set hier im intimeren Rahmen des Make The Hood Look Good auch bedeutend besser als noch in Orpund. So schaffte es die Crowd dieses Mal die Hook von „This Loneliness“ sogar einigermassen wohlklingend mitzusingen (gut, das könnte auch daran liegen, dass der Bleistiftschwinger diesmal wohlweislich darauf verzichtete miteinzustimmen). Da hätte es den Support der Lokalmatadoren HTC und Süde für die Darbietung des gemeinsamen Songs „32 Grad“ gar nicht unbedingt gebraucht. Aber natürlich war dies das Sahnehäubchen auf einem durchs Band durch äusserst ansprechenden Auftritt. Da ist der Autor schon beinahe geneigt zu schreiben, dass Jay Electronica durch sein Nichterscheinen mehr verpasst haben dürfte als umgekehrt.

 

Publikumsliebling 2019

Weniger sympathisch war dafür der folgende Auftakt durch den DJ von Lady Leshurr. Es handelte sich dabei um einen dieser typischen Showeinlagen, welche man als erfahrener (Hip Hop) Konzertgänger vor allem von den DJs aus Übersee kennt, bei denen irgendein profilierungssüchtiger Typ wahllos die grössten Partyhits anspielt und dabei ebenso wahllos Anfeuerungsrufe in sein Mikrofon brüllt. Zum Glück setzte die Queen diesem Spuk schon  nach relativ kurzer Zeit ein Ende. Und wie! Seit der Verfasser dieser Zeilen sie am Royal Arena 2016 das letzte Mal live erleben durfte, hat die junge Dame noch mal einen gewaltigen Sprung gemacht.

Mit der Selbstsicherheit und der Power einer Alphalöwin führte sie durch ihr Set, peitsche das Publikum vorwärts und wirbelte über die Bühne. Sie führte die Crowd mit ähnlich eiserner Faust wie Nativ und Buds Penseur, kitzelte tendenziell sogar noch ein Quäntchen mehr Energie als diese aus dem harten Kern in den vordersten Reihen heraus.

 

 

Einzig ihr kurzer Abstecher hinter den CDJ’s (CD Player) als DJ Lady Leshurr hätte sie sich getrost sparen können und wirkte ähnlich deplaziert wie eine Löwin alleine in den eisigen Weiten der Arktis.

Das konnte man vom Auftritt von Non Phixion am Make The Hood Look Good wahrlich nicht behaupten. Ein Showcase des wiedervereinigten New Yorker Quartetts vor den Toren Aaraus ist quasi ein Selbstläufer. Man wird die Anzahl Bands oder Künstler, auf welche sich mehr Besucher oder Besucherinnen des Make The Hood Look Good einigen können, wohl an einer Hand abzählen können. Uns sie machten es noch mal eine Spur besser als noch beim letzten Konzert, welches der Schreiberling seit ihrem Comeback erlebt hat. Die Spielfreude scheint den Bedarf an Kohle als treibende Kraft hinter ihrer Versöhnung wieder abgelöst zu haben. So bekam die Crowd mit der geballten Ladung an Underground Klassiker, den live jeweils sehr eigenwillig interpretierten Flows von Ill Bill und den kauzigen, irgendwo zwischen White Trash und bizarren Verschwörungstheorien pendelnden Ansagen das ganze Programm, was schon immer einen Non Phixion Auftritt ausmachte, geboten. Der gesamte Auftritt fühlte sich an wie eine Zeitreise zurück ins Jahr 2005 und wie der Autor wird auch die grosse Mehrheit im Publikum in Erinnerungen geschwelgt haben, auf alle Fälle wurde jeder einzelne Song, welchen sie anspielten, frenetisch gefeiert und dazu abgegangen.

 

Underground Heavyweights aka Selbstläufer am Make The Hood Look Good

Für den fliessenden Übergang von den (Untergrund) Helden New York’s um die Jahrtausendwende zu den Helden New Yorks Ende der 80er sorgte Sean Strange, seines Zeichens regelmässiger Featuregast von Non Phixion oder deren Bandmitglieder als auch ein Drittel der Goondox (zusammen mit PMD und den Snowgoons) und momentan gemeinsam mit Erick Sermon auf dessen Vernia Tour. In bester Sticky Fingaz Manier schrie der schlaksige New Yorker ein paar Verses ins Mikrofon und wurde dabei auch noch von seiner Verlobten Salomée unterstützt, welche nicht nur einige der Hooks sang und als sein Back Up fungierte, sondern als Schweizerin auch tatkräftig auf Schweizerdeutsch mithalf, die Crowd auf EPMD einzustimmen. Weiter durften auch S.K.E. The Heistman und Juice Mega die Plattform nutzen und auf der Bühne jeweils einige Songs präsentieren, wobei vor allem Juice Mega beim Artikelschreiber einen mehr als ordentlichen Eindruck hinterliess.

 

Zusammengerechnet über 60 Jahre Hip Hop Geschichte

So war die Stimmung immer noch bestens temperiert als die Stage schon weit nach Mitternacht für die diesjährigen Headliner frei wurde. Zusammengerechnet über 60 Jahre Hip Hop Geschichte standen nun auf der Bühne und unterhielten das Publikum prächtig. Mit einigen wenigen Ausnahmen („React“ und „Ruff, Rugged and Raw“) beschränkten sich E Double und Parrish Smith auf gemeinsames EPMD Material und spielten sich quer durch ihren reichhaltigen Hit Fundus und hakten so ziemlich jeden der absoluten EPMD Must Hears ab. 

 

 

Unterstützt wurden sie dabei von Dj Diamond The Artist hinter den Turns, welcher das Publikum mit einer dieser bei US DJs klassischen Juggling Show inklusive Body Moves zu Begeisterungsstürmen verleitete. Einzig das mittlerweile (leider) auch zum Standart gewordene Intermezzo um die zahlreichen verstorbenen Künstler zu würdigen (interessanterweise wird kaum je einer verstorbener Künstlerin gedenkt) hätten sie sich durchaus sparen können, hätte es doch noch unzählige weitere Crew oder auch Solo Tracks gegeben, welche es wert gewesen wären, angespielt zu werden. Trotzdem, unter dem Strich war der Auftritt der New Yorker Hip Hop Veteranen ein mehr als gelungener Abschluss des diesjährigen Make The Hood Look Good, genauso wie dieses ein würdiger Schlusspunkt der diesjährigen Festivalsaison darstellte.

Text und Videos von DJ Flamin Fingaz. Mehr von ihm findest du hier: Artcore Radio Blog

Bilder: RapNose