Persönlicher Rückblick auf 20 Jahre Hip-Hop

In der momentanen Corona-Krise, in der man seine vier Wände nicht verlassen sollte, habe ich mir viel Musik angehört und Gedanken gemacht, wie Musik das Leben beeinflusst.

Int. Rap

Ein etwas anderer Rückblick auf zwanzig Jahre

Aightgenossen.ch feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Jubiläum. Für mich Grund genug, einen Moment zurück zu blicken und mir über die Bedeutung meiner lebenslangen Begleiterin, der Musik, Gedanken zu machen.

 

Als Aightgenossen.ch ins Leben gerufen wurde, war ich knapp sieben Jahre alt. Da kannte ich das Online Hip-Hop Magazin noch nicht. Als ich in den Sommerferien in einem Ferienlager war, spielte mir eine Betreuerin Eminem’s «Stan» vor. Ich hatte meinen Kassettenrekorder dabei und nahm den Song sogleich auf. Danach lief der Song in Dauerschleife – immer mit einem Unterbruch durch ein lautes «klick, klack». Geschuldet war dieser Ton dem ewigen Zurückspulen und Play drücken auf dem Rekorder. Vielleicht ist dieses Geräusch einigen Lesern hier gar nicht mehr so präsent. Eminem war also der erste kleine Berührungspunkt mit Hip-Hop. Ob dies auch die erste Wahl der Eltern gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

 

Entstehung der Passion Hip-Hop

In den nächsten drei Jahren, bis ich zehn war, kam wohl schon noch das eine oder andere dazu aber so richtig daran erinnern, mag ich mich nicht mehr. Meiner Meinung nach ist das zehnte Lebensjahr in etwa das Alter, in welchem ich das erste Mal bewusst mit Musik in Kontakt kam. Klar, auch das Einschlaflied von den Eltern vorgesungen, in der Krippe, im Kindergarten oder in der Unterstufe, nimmt man Musik wahr und singt auch einfache Lieder (kleine Bemerkung am Rande: Mag sich jemand an «Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut…» erinnern?) man macht sich jedoch wohl kaum Gedanken, was im Radio läuft, kennt die Hitparade und die Interpreten noch nicht beim Namen und hört wohl – weil es gar nicht anders geht – die Musik der Eltern. Mit zehn schaut man zu den Geschwistern hoch, will sie nachahmen und so «cool» sein, wie sie. Dies war zumindest bei mir so. Umso spannender war es dann zu sehen, wie mein Bruder damit umging. Er ist ein Stück älter als ich, war zu diesem Zeitpunkt wohl in der frühen Phase der Pubertät und fand es schätzungsweise nicht das tollste, einen kleinen Bruder zu haben, welcher dieselben Schuhe wollte, denselben Webgurt, welcher anstatt der klassischen Löcher eine Schieberschnalle hatte und zu diesem Zeitpunkt «in» war. Ob dies bei den Teenagern heute noch so ist, weiss ich ehrlich gesagt nicht, jedoch habe ich ihn seither nie mehr gesehen. 

 

Doch zurück zur Musik. Auch wenn mein Bruder heutzutage nicht mehr allzu viel (Schweizer) Hip-Hop hört, war er doch zu einem guten Stück daran beteiligt, dass mich ebendieser mein ganzes Leben begleitet. Mein Bruder mochte es nicht so sehr, wenn ich in seinem Zimmer herumlungerte, jedes Ding anschauen und ihm dazu Fragen stellen wollte. Da stand nämlich auch ein kleines Regal mit verschiedensten CDs drin. Ein Grossteil dieser Sammlung war gebrannt, das Kleingeld für eine CD, welche damals gut und gerne bis zu dreissig Franken kostete, hatte man in diesem Alter noch nicht. Er hatte also für jede CD ein handgeschriebenes Cover inklusive Tracklist und genau diese Handschrift faszinierte mich. Es war in einer Art Graffitischrift geschrieben. Ich durfte seine Sammlung nie richtig begutachten und er war auch sehr wortkarg, wenn ich wissen wollte, was er denn so für Musik höre. Meistens wenn ich in sein Zimmer kam, drückte er auch schnell auf die «Pause-Taste», sodass ich nicht mitbekam, was er hörte. Wie das halt bei kleinen Kindern in diesem Alter so ist, weckte dies meine Wissenslust natürlich noch mehr. Als er dann jeweils in der Schule war oder sich einfach gerade nicht bei uns zu Hause aufhielt, ging ich leise in sein Zimmer und nahm mir Zeit, das Regal durchzugehen. An drei dieser Alben kann ich mich noch sehr gut erinnern, es waren dies Wurzel 5 mit «Verdächtig», Curse mit «Feuerwasser» und Brandhärd mit «Noochbrand». Ich war mir zu dieser Zeit noch nicht so richtig im Klaren, dass es Musik auf Schweizerdeutsch gibt beziehungsweise, dass die Titel der Alben auf Schweizerdeutsch angeschrieben werden können. Die Schriftsprache, die man in der Schule lernte und in den Zeitungen verwendet wurde, war schliesslich immer nur Hochdeutsch. Demzufolge sagte mir auch der Titel «Noochbrand» nichts – was aber bei diesem Titel und einem Zehnjährigen sowieso etwas speziell gewesen wäre…

 

 

Zwei prägende Einkäufe

Ein wenig später ging ich dann mit meinem Vater in den Musik Hug, zog mir die viel zu grossen Kopfhörer über die Ohren und die CDs – wie konnte es anders sein, natürlich Brandhärd und Wurzel 5 – wurden vom Detailhändler in den CD-Player gelegt. Ja, damals war es gang und gäbe, dass man sich die Longplayer im Laden anhörte. Heutzutage mit dem Internet und jeglichen Streamingdiensten natürlich schwierig vorzustellen. Ich verliess den Laden also mit einem leichteren Portemonnaie, war aber glücklich über diese zwei Errungenschaften. War es wirklich die Liebe zur Musik, die mich damals zum Kauf bewog oder spielte da nicht zu einem Grossteil auch das Wissen und der Stolz mit, dass ich als kleiner Bruder nun die gleichen CDs besass, wie mein Bruder.

 

Diese zwei CDs waren also der Startschuss zu meiner Liebe zum Hip-Hop. Noch heute höre ich immer wieder gerne die Klänge von «Noochbrand». Das unvergleichliche Klavier-Intro erkenne ich schon nach einer Sekunde. Und bei «Verdächtig» weiss ich noch genau, wie ich damals den Track zwei «Gäbe aus» hochdeutsch aussprach und noch nicht begriff, was dies genau bedeuten sollte. Das zweite Album von den Berner Urgesteinen öffnete mir die Welt der Chlyklass und Ihren Mitgliedern. Meine Schwester besass «Item», die Debut-CD von Baze (welche ich lange verfluchte, weil man sie aufgrund eines Kopierschutzes nicht auf den iPod laden konnte). Als zweite CD eines Klass-Mitglieds feierte ich «Eis» von Greis. So nahmen die Dinge ihren Lauf.

 

Lieblingslieder als Souvenir der Jugend

Bis heute sind diese CDs auf meiner «all time favourite list». Nicht, dass ich sie jeden Monat hören würde aber wenn sie mal wieder in mein Gehör eindringen, dann fühle ich Dinge, die ich wohl bei keiner anderen CD fühle. Man denkt an Momente zurück und hat einige ganz klaren Bilder von Früher vor den Augen. Gibt es heutzutage nicht Rapper, welche mehr Flow haben, die Technik besser sitzt oder «krassere» Reimketten beinhalten? Doch, natürlich, und trotzdem werden diese Alben immer bei mir bleiben – wahrscheinlich nicht, weil sie so unfassbar gut sind, sondern weil daran Erinnerungen haften, die ich nicht missen möchte.

 

Wenn es Alben gibt, die man immer wieder hören kann und die schöne Erinnerungen zum Vorschein bringen, gibt es auch solche, die das Gegenteil bewirken. Genau eine solche Platte ist von Bensch namens «Für wär?». Ich habe sie eine Zeit lang geliebt (vermutlich auch wegen des Namens des Rappers, welcher gleich war wie meiner), jedoch habe ich beim Hören der Platte leider nicht nur die Songs geliebt, sondern – während dem das Album auf und ab lief – auch ein Mädchen meiner Schule. Es war wohl die «erste grosse Liebe», sofern man dies in den jungen Jahren überhaupt so bezeichnen kann. Auf jeden Fall habe ich das Album danach noch ein paar wenige Male angehört, musste es aber immer nach wenigen Minuten sein lassen. Auch wenn das Ganze schon lange vorbei und überwunden ist, löst nun diese CD wohl oder übel immer noch ein mulmiges Gefühl aus. Nun steht es vermutlich seit mehr als zehn Jahren ungehört im Regal.

 

Auch der Fakt, dass man als zehn- oder zwölfjähriger unmöglich schon die ganzen Inhalte der Lieder richtig verstehen kann und diese danach zehn Jahre später wieder hört, dann nimmt man Textzeilen war, die man früher vielleicht zwar mitgerappt hat aber wenn man ehrlich war, gar nicht genau wusste, was sie bedeuten. Das Gefühl, dass man es nun also versteht, ist ein wundervolles.

 

Musik oder Emotionen?

Dies sind nur etwa fünf Alben, die für mich zeitlos bleiben und ich könnte noch einige mehr aufzählen. Was ich eigentlich sagen möchte – zum zwanzigjährigen Jubiläum von Aightgenossen und als kleiner Rückblick auf mein musikalisches Leben – es spielt eigentlich keine grosse Rolle, ob diese eine Platte nun ein Meisterwerk ist oder eine Durchschnittsplatte. Viel wichtiger sind doch die Emotionen, die ein Lied im Inneren von sich selbst auslösen. Trauer, Wut, Freude, Bilder, die wieder vor dem Auge schweben als seien es Dias, und so weiter. Ein Lied kann objektiv betrachtet nicht gerade der Brüller sein, kann aber für eine Person alles bedeuten. Wenn ich dies beschreibe, dann glaube ich, viele von euch können das auch so empfinden und kennen dieses Gefühl vom eigenen Leben und der Musik, mit welcher sie aufgewachsen sind. Bei mir war es Schweizer Hip-Hop und diesem bin ich – trotz grosser Verbreiterung meines Spektrums als fleissiger Musikhörer – treu geblieben. Trotzdem werde ich wohl die Zeiten des Hip-Hops kurz nach den Nullerjahren immer wieder etwas vermissen – liegt dies nun an der Musik oder an den damit verbundenen Emotionen?

 

Bilder: Mid90s (Film)