On some sick shit – Kanje Ost Kolumne #3

Leben und hip-hoppen in Zeiten von Corona: Warum Kreativsein grade jetzt wichtig und richtig ist.

Int. Rap
Black ThoughtCorona VirusKanje OstKolumneMorlockk Dilemma

Klar, nachdem mein mangels Arbeitsroutine und sozialer Kontakte völlig verschobener Tagesablauf, in dem Grillfeste neuerdings zu zweit stattfinden und trotz herrlichstem Frühlingswetter stay home angesagt ist, also nachdem sich dieser völlig verschobene Tagesablauf heute mehr oder weniger zufällig schon mal in Richtung Normalität bewegt und nachdem mangels Veranstaltungen oder Neuerscheinungen von der Aightgenossen-Redaktion der Wunsch nach einer Kolumne bei mir eingetrudelt ist, könnte ich an dieser Stelle jetzt versuchen, gute Stimmung zu verbreiten, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Schreiben, dass Corona ja auch sein Gutes hat: Endlich Zeit für ein Jogginghosensabbatical, scheiss auf Vida loca, jetzt ist Vida Sofa: Zeit, alle Staffeln von David Simons the Wire nochmals anzuschauen, oder von Rapture oder meinetwegen auch Orange is the new Black, wo sich die Leute ja auch mit einer Art Lockdown-Problematik befassen müssen. Oder für andere, kreativere Projekte, von denen man nie geglaubt hat, dass man je Zeit für sie haben würde. Endlich Zeit, alle Autoren zu lesen, die Black Thought je in seinen Tracks erwähnt hat – oder einen Teil davon, immerhin sind es ja doch ein paar zu viele für ein, zwei Monate wohnhaft in Wohnhaft: Hunter S. Thompson, Richard Wright, Fjodor Dostojewski, um nur ein paar zu nennen. Oder Beatboxen lernen und die daraus resultierende Beziehungskrise meistern, wenn sie oder er nach zwei, drei Tagen dein Gepruste nicht mehr hören kann. Breakdance oder inhouse Skateboarding und dem lauten Nachbarn von unten mal so richtig alles heimzahlen. Endlich die Plattensammlung digitalisieren und die Sache mit dem Beats machen doch mal noch ernsthaft angehen. Ja, Hausarrest hat wirklich nicht nur sein Schlechtes.
Nicht mal mehr von lästigen sozialen Verpflichtungen werde ich heimgesucht. Blender, auf die ich schon vorher gekackt habe, brauche ich jetzt wirklich nicht mehr zu sehen. Sie müssen zuhause bleiben. Herrlich. Die Versuchung liegt wirklich nahe, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen, in etwa so wie Morlockk, der in einer Art dämonischem Prophetentum in seinem Track schon 2011 in etwa vorausgesehen hat, was momentan so auf der Welt abgeht.

 

 

Aber auch wenn es tatsächlich ein paar positive Aspekte gibt und durchaus sinnvolle Dinge, die man während dem Lockdown mit sich anfangen könnte, erwische ich mich ehrlich gesagt die meiste Zeit dabei, wie ich vor einem Bildschirm klebe, hypnotisiert von immer wieder ähnlichen Nachrichtenmeldungen, steigenden Opferzahlen, Pressekonferenzen des Bundesrats. Sick shit, denke ich, völlig krank, weiss dass meine Fixierung auf die News irgendwie ungesund ist, kann mich doch nicht zu etwas anderem motivieren. Vielleicht liegt das daran, dass man es in der Realität eben doch nicht ganz so easy wegsteckt, wie in Liedern und anderen Endzeit-Fantasie-Produkten, wenn bei Freunden und Verwandten Kurzarbeit und zwangsgeschlossene Betriebe plötzlich Existenzängste auslösen und wenn die normalerweise so abstrakten Nachrichten über Tote irgendwo sonst auf der Welt sich plötzlich in sehr konkrete Angst um die eigenen Lieben verwandeln.

Klar, es gibt diejenigen, die immer noch sagen: Corona interessiert mich nicht, mir kann wenig passieren, ich bin jung und gesund. Aber im Grunde genommen sind das die gleichen Leute, die, wären sie etwas älter, auch sagen würden: ich bin alt, mir kann wenig passieren, scheiss auf den Klimawandel.

Dem Rest käme es vielleicht nicht nur zynisch vor, sondern vor allem auch unehrlich, würden wir diesen Platz hier einfach nutzen, um den durch Corona geschaffenen Überschuss an Freizeit abzufeiern und ein paar Wortspiele rauszuhauen. Das Virus tötet Menschen, es ist leider recht weit davon entfernt, ein Witz zu sein. Und die überschüssige Freizeit zuhause ist kein Geschenk, sondern der Versuch, es einzudämmen, so hilflos dieser Versuch auch scheinen mag. Sie macht viele einsam.

Worin wir aber nicht hilflos sind, ist wenn es ums Wählen geht, wie wir diese Zeit nutzen. Ob wir an Bildschirmen kleben und uns immer neue Schreckensmeldungen reinziehen oder Dinge tun, die uns Freude machen und die uns vielleicht sogar weiterbringen. In diesem Sinne: Stay the fuck at home und macht, um was es im (Schweizer) Hip-Hop schon immer ging: express yourself. Be creative.