Straight outta Lockdown – Kanje Ost Kolumne #4

Kanje Ost war kurz nach Ende des Lockdowns mal wieder unterwegs. Wie der alte Raphead die Welt nach Corona sieht.

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Da isser jetzt also. Der Moment nach dem Lockdown. Im Zug sitzen, rausgucken und statt über Neuinfektionen, Abstandsregeln, Händedesinfektion nachzudenken mal nichts Vernünftiges denken. Die fürs Absurde zuständige Hirnregion von der Leine lassen. Denken, dass die gelben, vertrockneten Grasbüschel am Gleisrand aussehen, als hätte sich jemand die Mühe gemacht, die Gleisböschung mit Hunderten von Tina-Turner-Skalps zu dekorieren.

Normale, absurde, unvernünftige Normalität eben und damit eine wahre Befreiung nach Wochen und Wochen Corona-Normalität, in denen Sicherheitsüberlegungen und Vernunftentscheide irgendwie schon zum Lifestyle geworden sind. Und auch wenn es punktuell ja schon ganz easy sein mag, sich zuhause einzubunkern, statt arbeiten zu gehen und sich – natürlich aus rein medizinischen Überlegungen –  wieder mal bisschen Co-Weed-Prophylaxe reinzuziehen, während man am TV mitverfolgt, wie Martullo-Blocher und ihre Homeboys ihr selbst durchgeboxtes Vermummungsverbot über den Haufen werfen: Auch wenn das durchaus nicht unlustig ist, mal ausserhalb von Corona-Kategorien zu denken, oder eben gar nicht wirklich zu denken, hat mir gefehlt.

 

 

Obwohl, denke ich dann doch, obwohl das Haus meiner Mutter, von wo ich gerade komme, keiner von den Lockdown-befreiten Orten ist, kein Platz, an dem von Lockerungen viel zu merken ist. Was jetzt nicht daran liegt, dass sie besonders paranoid wäre oder so, sondern bloss daran, dass sie blöderweise einer anderen Generation angehört. Wenn ich ja selbst schon so oldschool bin, dass bis zur Risikogruppe nicht mehr wahnsinnig viel fehlt, gibt es für sie kein Rütteln an den Tatsachen, kein Tricksen mit gefärbten Haaren oder faltenglättender Tagescreme oder so: Sie ist Risikogruppe, Ende der Diskussion. Wenn sie aus dem Haus geht, denkt jeder, der ihr auf der Strasse begegnet: Achtung, Achtung, Mensch mit Risikohintergrund! Abstand halten! Bleib mir bloss vom Leib, du prä-kranker, alter, risikobehafteter Mensch, du!
Also geht sie eben momentan nicht besonders viel unter Menschen. Und weil es vielen ihrer Freunde und Verwandten gleich geht, ist es in ihrem Haus, in dem sonst immer Trubel geherrscht hat, bisschen still geworden, sagt sie. Selbst von meinen etlichen Geschwistern zeigt sich oft zu lange niemand. Umso mehr freut sie sich über die wenigen Besucher, die den Weg zu ihr finden, so wie ich heute, und überschüttet diese dann mit einem Mass an Aufmerksamkeit und Gastfreundschaft, das unter normalen Umständen irgendwo zwischen erdrückend und besorgniserregend liegen würde.

An dieser Stelle könnte man jetzt gut einen moralischen Zeigefinger einbauen und darauf hinweisen, dass die Corona-Krise erst vorbei ist, wenn sie für alle vorbei ist, auch für die Alten. Dass wir mit ihnen solidarisch sein sollen und so weiter. Obwohl ihre Generation selbst ja jetzt nicht unbedingt für die Rücksichtnahme und Solidarität mit Anderen in die Geschichte eingehen wird. Könnte man. Aber um ganz ehrlich zu sein: Als Kanje geniesse ich momentan einfach erst mal die leeren Züge und vor allem die neue Sonderbehandlung, die mir meine isolierte Mom zuteilwerden lässt.

Yeah, Bitches! Endlich Einzelkind!

Eee-ee-ey. Co-Vid errday!