Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte: Black History

Mit Blick auf die aktuellen Proteste in den USA bringt euch Aightgenossen das Hintergrundwissen, das ihr braucht. Von Strange Fruit, Roots und Bürgerrechtlern.

Int. Rap
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Ehrlich gesagt fällt mir der Einstieg in diesen Artikel nicht ganz leicht. Als Schreiber für ein Schweizer Hip Hop-Portal erhalte ich von der Chefredaktion in der Regel nur zwei wichtige – und gerechtfertigte – Vorgaben für meine Texte: Erstens muss es einen Bezug zu Hip Hop und zweitens einen zur Schweiz geben. Warum also über Black History schreiben? Klar, Black Lives Matter ist in aller Munde, Polizeigewalt empört die meisten von uns, Rassismus wahrscheinlich auch. Was in den USA grade passiert, ist wichtig. Es gäbe ohne Zweifel vieles darüber zu schreiben – aber das zaubert noch keinen direkten Bezug zur Schweiz her und auch keinen zu Hip Hop.

Wobei. Moment mal. Rewind. Vielleicht doch? Ist Hip Hop nicht diese Subkultur, deren Stars bis heute in der grossen Mehrheit junge schwarze Menschen sind? Und feiern wir hier nicht regelmässig die Musik und die Texte, in denen genau diese Menschen ihre Erfahrungen als Schwarze in den USA verarbeiten? Und falls ja, und falls wir uns hier zudem laufend an ihrer Musik, ihren Modetrends, sogar an ihrer Sprache bedienen, um darüber zu schreiben, oder einfach um sie zu kopieren: wäre es dann nicht fake, wenn gerade wir hier auf Aightgenossen uns nicht damit auseinandersetzen würden, aus welcher Motivation und Situation dies alles entstehet? Und nebenbei: Ist nicht auch ein relativ grosser Teil Schweizer Hip Hop Szene schwarz und fühlt sich von Stichworten wie Rassismus und Polizeigewalt unangenehm an eigene Erlebnisse erinnert?

 

Bild: Nikolaj Leu

Kurz: ja, wir haben eine Berechtigung, auf Aightgenossen über das Thema zu schreiben. Vielleicht sogar eine Verpflichtung. Aber wir werden hier keine Wutrede gegen rassistische Cops veröffentlichen (auch wenn es uns beim Ansehen mancher Videos schwerfällt) – das ist nach wie vor der Job der Rapper. Stattdessen versuchen wir, euch etwas Kontext zu liefern, bisschen Hintergrundwissen: Wie kam es zur jetzigen Situation in Amerika? Was haben Künstler früher daraus gemacht? Was machen sie heute? Was hat sich gebessert? Was nicht?

Aber wo anfangen bei einem Thema, das die USA schon seit ihrer Gründung beschäftigt? Im Grunde muss man, um das Problem zu erklären, zurück bis zur Abschaffung der Sklaverei 1860 gehen.

Frei waren die damals rund vier Millionen Afroamerikaner nämlich nach der Abschaffung der Sklaverei bei Weitem noch nicht und in verschiedenen Hinsichten wurden damals die Grundsteine für die heutigen Probleme gelegt. Und das ging so: Der Amerikanische Bürgerkrieg, während dem die Sklaverei überhaupt erst abgeschafft wurde und in dem es unter anderem genau um diese Entscheidung ging, war relativ knapp ausgegangen und hatte eine tiefe politische Spaltung der USA zur Folge – nicht ganz unähnlich wie die heutige Situation. Um eine Verschärfung des Konflikts und einen möglichen zweiten Krieg zu vermeiden, machte Washington den besiegten Südstaaten kurz nach dem Krieg grosse politische Zugeständnisse. Politische Gegner der Gleichberechtigung nutzten die Gelegenheit und erliessen eine Reihe von ganz offen rassistisch begründeten Gesetzen, die die neue Freiheit der Afroamerikaner sofort wieder beschnitten, so dass diese ihr Wahlrecht nicht wahrnehmen und ihren Wohnort nicht frei wählen konnten, genauso wie sie nicht auf weisse Schulen oder weisse Universitäten gehen, in weissen Restaurants essen, in weissen Kinos weisse Filme sehen, in weissen Läden einkaufen, in weissen Nachtclubs feiern, weisse Partner haben durften.

Die Rassentrennung wurde unter dem Slogan „separate but equal“ (getrennt, aber gleichberechtigt) bis weit ins 20. Jahrhundert von Polizeichefs, Bürgermeistern, Gouverneuren, Senatoren und Präsidentschaftskandidaten unterstützt und verteidigt. Viele von ihnen schützten damit ganz einfach ihre Karrieren, denn in den USA werden Sheriffs, Polizeichefs und natürlich Politiker vom Volk gewählt. In vielen Südstaaten stellte die schwarze Bevölkerung die Mehrheit. Für offen auftretende Rassisten und Mitglieder des Ku Klux Klan, von denen es damals in der amerikanischen Politik und in der Polizei etliche gab, wäre es verheerend gewesen, wenn all die Schwarzen plötzlich hätten wählen dürfen.

Und so wurden Übertretungen der Rassentrennungsgesetze von der Polizei brutal verfolgt. Nicht selten kam es, vor allem in den Südstaaten, bei Übertretungen der Rassengrenzen auch zu Lynchmorden an Schwarzen durch weisse Mobs.

Viele der möglichen Opfer flüchteten sich in den Glauben. Im ganzen Land entstanden schwarze Kirchen und Freikirchen (was viel damit zu tun hat, dass manche Plantagenbesitzer ihren Sklaven Religion verboten hatten, aus Angst, sie würden mit der Bibel lesen lernen. Was auch der Fall war.). Die schwarzen Kirchen boten ihren Mitgliedern nebst der Hoffnung auf ein besseres Leben im Jenseits vor allem zwei Dinge: Erstens die Möglichkeit, sich unauffällig politisch zu vernetzen und aus einem Flickenteppich von einzelnen befreiten Sklaven Gemeinden zu formen und zweitens das, was wir heute Ausgang nennen würden. Musikalisches Spektakel. Die schwarzen Kirchen waren bald über die USA hinaus für ihre Gospels bekannt und so ziemlich die einzige legale Abwechslung von einem ansonsten eher tristen Leben.

 

 

Gelegentlich wurde die Musik schon früh verweltlicht und politisch eingesetzt. Die Jazz-Königin Billie Holiday protestierte 1939 mit ihrem Lied «Strange Fruit» gegen die vielen Lynchmorde, die im Süden jedes Jahr begangen wurden – und riskierte dadurch ihre Karriere. Mit den «seltsamen Früchten», die in ihrem Lied an «südlichen Bäumen» hängen, meint sie von weissen Mobs erhängte Schwarze. Code Music, nicht viel mehr als Andeutungen. Trotzdem ein Skandal, weil viel zu explizit für die damalige amerikanische Gesellschaft.

Es war dieses beängstigende und beengende Klima zusammen mit der Hoffnung auf wirtschaftlichen Aufstieg, das viele Afroamerikaner dazu motivierte, die Südstaaten zu verlassen und in den Norden zu ziehen, wo sie sich in Städten und Stadteilen wie Chicago, Harlem, Brooklyn, Detroit, Washington, Philadelphia, Baltimore sammelten und dort nicht selten die weisse Bevölkerung verdrängten, was zu Spannungen führte, die sich auf beiden Seiten auch gewalttätig entluden und die zu einer überdurchschnittlich hohen Polizeipräsenz in schwarzen Vierteln führte. In all diesen Städten ausser New York und Chicago stellen die Afroamerikaner bis heute die Mehrheit der Bevölkerung, die Spannungen bestehen teilweise immer noch.

In den neuen schwarzen Grossstadtvierteln entwickelte sich aber allmählich auch eine eigene, etwas freiere und komplett neue Alltagskultur. Dabei entstand viel von dem, was im Rap bis heute zitiert wird – vor allem der Slang, ya know, baby. Und gewissermassen als Soundtrack der Verstädterung einer ganzen Bevölkerungsgruppe auch das Grundnahrungsmittel aller Cratedigger und Sampleliebhaber: der Jazz.

Politisch änderte sich unterdessen für fast 100 Jahre lang nichts. Die schwarze Bevölkerung hatte nach wie vor keine politischen Mitbestimmungsrechte (dafür Pflichten, so dass junge schwarze Männer zum Beispiel für den Kriegsdienst im Ersten und Zweiten Weltkrieg, im Koreakrieg und in Vietnam ausgehoben wurden). Die Spannungen zwischen dem weissen und dem schwarzen Amerika bestanden mal latent, mal offen weiter. Eine Vermischung der Bevölkerung fand praktisch nicht oder nur über die Musik statt. Und so war es eben die Musik, die langsam Risse in die starren Wände der Gesellschaft sprengte. Aus dem Gospel hatte sich der Rythm & Blues entwickelt, aus diesem der Rock n Roll – und spätestens, nachdem ein junger Weisser namens Elvis Presley diesen für sich entdeckt und weltweit populär gemacht hatte, war die so genannte „Negermusik“ nicht mehr aufzuhalten. Was wiederum einen massiv positiven Einfluss auf das Selbstbewusstsein der ehemaligen Sklaven Amerikas hatte.

Gegen Ende der 1950er Jahre gelang es auch deshalb einigen prominenten Schwarzen (im Süden vor allem einem Pfarrer namens Martin Luther King Jr., im Norden einem zum Islam konvertierten Ex-Dealer, Zuhälter und Profi-Einbrecher namens Malcolm X – heute wäre der Mann mit seiner Vorgeschichte wahrscheinlich Rapper geworden), grosse Demos und politische Aktionen ins Leben zu rufen, mit denen sie hunderttausende Menschen auf die Strasse brachten, die sich früher nicht getraut hatten, zu demonstrieren. Schlussendlich konnten sie nach Jahren der Anstrengung und unzähligen Demonstrationen die Politik dermassen unter Druck setzen, dass schliesslich die Rassentrennung landesweit aufgehoben und die Wahlrechte für Schwarze überall durchgesetzt werden mussten – in Alabama teilweise von der Armee. Stars wie der Boxer Muhammad Ali und der Sänger Harry Belafonte hatten sich früh mit der Bewegung solidarisiert und am Ende sang sogar der eher unpolitische Schnulzensänger Sam Cooke das, was spürbar in der Luft gelegen haben muss: A Change is gonna come. Und ja, Nas hat sich beim Intro von „it was written“ ausgiebig bei Sam Cooke bedient. Vielleicht eine Anspielung auf den in den 1990ern immer noch sehnlich erwarteten Change.

Denn die Hoffnung auf langfristigen und friedlichen Wechsel war kurz. Bald, nachdem sie die vollen Bürgerrechte für Schwarze erkämpft hatten, wurden sowohl Malcolm X als auch Martin Luther King Jr. erschossen – X von schwarzen Mitgliedern der Organisation, zu der er bis kurz zuvor gehört hatte und von der er sich distanziert hatte, weil sie ihm zu radikal geworden war, King (der den gewaltlosen Widerstand gepredigt hatte) den Untersuchungen der Justiz zufolge von einem weissen Einzeltäter. Sein Tod löste enorm gewalttätige Unruhen in rund 110 US-Städten und -Metropolen aus.

Die Veränderungen, für die die beiden Bürgerrechtler gestanden hatten, konnten aber nicht mehr aufgehalten werden. Die Gesellschaft veränderte sich. Und auch die Musik und das Musikpublikum, die Industrie veränderten sich. Stars wie Ray Charles weigerten sich schlichtweg, vor einem rein weissen Publikum zu spielen und zwangen die Clubs damit, die Rassentrennung schon relativ früh aufzugeben. Nina Simone sang nicht bloss andeutungsweise über Lynchmorde, wie Billy Holiday es noch getan hatte, ihr Hit hiess nicht «Strange Fruit» und sie sang nicht undeutlich von «südlichen Bäumen». Sie sang ganz direkt darüber, was passierte und auch darüber, wo es passierte. Ihr Lied zu dem Thema hiess «Mississippi, Goddamn». Es waren Stars wie sie, die in der Musikindustrie eine Strömung etablierten, die keine Kompromisse für den Mainstream machte und durchaus militant wirken wollte, wenn die Situation es nötig machte – diese Haltung kopierte zwanzig Jahre später ein junger Mann namens Eazy E eins zu eins mit seiner Crew. Diese nannte sich dann auch gleich Niggas With an Attitude, was wahlweise mit „Niggas, die sich aufregen“ oder mit „Niggas mit einer Meinung“ übersetzt werden kann.

Und hier kommt nun endlich Rap ins Spiel. Und zwar hiermit:

 

 

Bereits 1988 veröffentlicht, wurde «Fuck the Police» vier Jahre nach dem Release zum Soundtrack der Unruhen in Los Angeles.

Knapp ein Jahr vor den als «LA Riots» bekannt gewordenen Ausschreitungen war der Presse Video zugespielt worden, das zeigt, wie vier Polizisten (drei Weisse und ein Latino) den schwarzen Rodney King wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung zusammenschlagen. Auf dem Video ist zu sehen, wie sie über 50 Mal mit Schlagstöcken auf ihn einschlagen, auch noch, als King bereits am Boden liegt. Diese Art von Polizeigewalt war nichts Neues und wurde (nicht nur von N.W.A.) gerade im Rap auch immer wieder thematisiert – was in den 90ern aber neu war, war dass die Übergriffe auf Video festgehalten worden waren und deshalb nicht abgestritten werden konnten. Als die vier Polizisten 1992 trotz der eindeutigen Beweislage vor Gericht freigesprochen wurden, brachen in Los Angeles einmal mehr extrem gewalttätige Unruhen aus, deren Resultat mehrere Tausend Verletzte, unzählige ausgebrannte Gebäude und mindestens 53 Todesopfer waren. Profitiert haben davon einerseits Befürworter einer aggressiv auftretenden Polizei und andererseits Gangs wie die Crips und die Bloods, die dank der polizeifeindlichen Stimmung in den schwarzen Hoods mehr Zulauf hatten und bessere Geschäfte machten, als je zuvor und massiv expandierten.

Und so blieb es bis auf Weiteres. Polizeiliche Übergriffe waren an der Tagesordnung, ebenso ein tiefes Misstrauen und eine tiefe Verachtung der Polizei gegenüber, kombiniert mit einer wild um sich greifenden (und schiessenden) Gang-Kultur. Der Rap der Golden Era ist, obwohl er stellenweise natürlich von Übertreibung lebt, als Ganzes eine ziemlich detaillierte Dokumentation des alltäglichen Wahnsinns während der 90er und frühen 2000er auf Amerikas Strassen.

Zum Beispiel hier:  

 

 

Oder hier:

 

 

Hausdurchsuchungen ohne Durchsuchungsbefehl, Verhaftungen aus fadenscheinigen Gründen, endlose Knaststrafen ohne Chance auf Bewährung, Kinder, die ohne Väter aufwachsen: Brand Nubian beschreiben sehr anschaulich, was viele schwarze Menschen auch Ende der 90er noch mit dem Auftauchen der Polizei verbanden.

Oder hier:

 

 

Man beachte die Lyrics:

 

Your laws are minimal

(eure Gesetze sind minimal)

Cause you won’t even think about lookin‘ at the real criminal

(denn ihr denkt nicht mal drüber nach, den richtigen Kriminellen zu suchen)

This has got to cease

(das muss aufhören)

Cause we be getting hyped to the sound of da police!

(weil wir drehen durch zum Sound der Polizei)

 

Aber es hörte nicht auf. Und so schossen weiter Polizisten aus Angst oder Vorurteil auf Minderjährige und mitunter schossen diese zurück. Die Polizei tritt in manchen Quartieren bis heute wie eine militärische Besatzungsmacht auf, mit taktischen Einsatzteams, Hubschraubern, Schnellfeuergewehren, Nachtsichtgeräten; auch, weil sie in diesem Teufelskreis für die Sicherheit ihres Personals sorgen muss. 2005, als der Hurrican Kathrina New Orleans verwüstete, schoss die Polizei wiederholt auf angebliche und echte Plünderer, unterliess es aus «Sicherheitsüberlegungen» aber lange, den Bewohnern der schwärzesten und ärmsten Viertel zu Hilfe zu kommen. Viele Menschen resignierten und sahen die Polizei in der Folge so, wie die Geto Boys:

 

 

Als 2009 ein schwarzer Präsident gewählt wurde, waren die Hoffnungen gross. Aber spätestens, nachdem 2012 der 17-jährige unbewaffnete Trayvon Martin von einem Wachmann erschossen wurde, dürfte der afroamerikanischen Community klar geworden sein, dass das alte Gespenst sich mit der Wahl nicht einfach in Luft aufgelöst hatte und dass Barack Obama nicht all ihre Probleme lösen konnte.

Immerhin war er der erste Präsident, der sagte «Trayvon Martin could have been me, 35 years ago» – ein Präsident, der nicht bloss mit «seinen Gedanken und Gebeten bei den Familien des Opfers» war, sondern nachvollziehen konnte, was der Familie der Verlust bedeuten musste und wie bedroht sich ein Teil seiner eigenen Bevölkerung ständig fühlt.

Und noch etwas kam mit Obama: das Bewusstsein, gerade bei jungen Menschen, dass man inzwischen vieles erreichen konnte, aber dass man dafür damit aufhören musste, sich ständig in der Opferrolle zu sehen. Vielleicht war das mit ein Grund dafür, dass sich musikalisch vieles änderte und viele Acts plötzlich weniger kriegerische Töne spuckten, dafür aber ein wesentlich erwachseneres schwarzes Selbstbewusstsein propagierten, als noch einige Jahre zuvor. Zum Beispiel Dead Prez.

 

 

Oder Masta Ace.

 

 

Was nichts daran änderte, dass mit Eric Garner im Juni 2014 von einem weissen Polizisten erwürgt wurde. Seine letzten Worte: „I can’t breathe“. Ich kann nicht atmen. Als dann gleich danach im August 2014 mit Michael Brown Jr. in Ferguson ein schwarzer Jugendlicher von einem weissen Polizisten erschossen wurde, führte das – allmählich wird ein Muster erkennbar – zu gewalttätigen Protesten, während denen zum ersten Mal die Slogans «Hands Up, don’t Shoot» (angeblich Michael Brown Jr.s letzte Worte) und «Black Lives Matter» auftauchten. Der Polizist, der Michael Brown Jr. erschossen hat, wurde nicht angeklagt, weil er im Dienst war, als er getötet hat. Obwohl Brown nachweislich unbewaffnet war. Auch der Polizist, der Eric Garner erwürgt hat, wurde nicht angeklagt, aus dem gleichen Grund. Er wurde zwar aus dem Polizeidienst entlassen, hat aber 2019 angekündigt, beim Staat New York auf Wiedereinstellung zu klagen.

Und heute?

Trotz all den Rückschlägen und auch nach der Wahl von Donald Trump ist es inzwischen immer noch ziemlich sexy, young, black, intelligent zu sein (sagt zumindest meine weisse Frau). Das war nicht immer so. Viele der Polizeichefs und Bürgermeisterinnen der grossen Städte sind heute schwarz. Das war nicht immer so. Einige von ihnen knieten sich während der neuesten Proteste mit Demonstrant*innen nieder und beteten mit ihnen. Statt Hunde auf sie hetzen zu lassen. Das war nicht immer so. Es wird darüber diskutiert, die Polizei zu demilitarisieren, statt darüber, die Polizei stärker zu bewaffnen. Das war nicht immer so. Weltweit solidarisieren sich Menschen mit den Demonstrierenden in den USA, von denen ein beachtlicher Teil weiss ist. Und auch das war nicht immer so.

Inzwischen hat sich vieles verändert. Vieles ist aber auch gleichgeblieben. Die Tötung von Ahmad Arbery durch einen Ex-Polizisten und seinen Sohn im Februar 2020 (die beiden Täter wurden erst im Mai verhaftet, nachdem das Video ihrer Tat aufgetaucht war) und die Tötung von George Floyd durch vier Polizisten im Mai 2020, die schliesslich die aktuellen BLM-Proteste ausgelöst hat, folgen einem viel zu alten Muster (George Floyds letzte Worte: „I can’t breathe“. Ich kann nicht atmen.). In vielen Köpfen – weissen, wie schwarzen – bestehen die gleichen Gräben und Grenzen, wie vor zwanzig, vierzig, hundertfünfzig Jahren. Und die gleiche Gewaltbereitschaft. America: whole lotta Gang shit, eben. Und der Musiker, der den Gang shit auf beiden Seiten überwinden kann, muss wahrscheinlich erst noch geboren werden. Wobei Marlon Craft nach unserer Meinung nah dran ist.

 

 

Übrigens: Anstatt diesen Artikel chronologisch nach Jahreszahlen aufzubauen, wäre es auch möglich gewesen, ihn alphabetisch aufzubauen, so wie im nachfolgenden Track. Papoose listet für jeden Buchstaben des Alphabets den Namen von mindestens einem Opfer von Polizeigewalt auf – und beschränkt sich dabei nur auf tödliche Polizeigewalt. Alltagsübergriffe, die nicht tödlich enden, erwähnt er noch nicht mal. Denn vermutlich müsste er sonst alle paar Tage ein Doppelalbum mit je zwei, drei Dutzend Songs droppen.

 

 

Manchen mag das egal sein. Vielleicht denken sie darüber nach, wenn das nächste Opfer Papoose heisst. Oder Anderson Paak. Oder Masta Ace. Oder Snoop. Oder Alicia Keys. Vielleicht denken sie auch dann nicht weiter darüber nach. Ist ja alles weit weg.

Wir denken: Wir müssen darüber nachdenken. Wir müssen Bescheid wissen. Wir müssen friedliche Lösungen finden.

Aber wir müssen uns auch aufregen. Get a fucking attitude.

Black Lives Matter.

 

Alle Bilder von Nikolaj Leu.