Iroas, Migo & Buzz – Nachtblau Album Review

Am 31. Juli releasten Iroas, Migo & Buzz das Album Nachtblau. An das Nr. 1 Album ihrer Chaostruppe konnten sie zwar nicht anschliessen, einen speziellen Platz haben sie sich trotzdem erarbeitet.

CH Rap
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Kein Chaos

Die Social Media Posts sind in Hochdeutsch verfasst, das Album bekomme ich vom Manager eine Woche im voraus. Im Ordner finden sich 11 Songs mit Intro und Outro, alles schön verpackt mit Bilder und Pressetext. «Eine atmosphärische Reise durch soziale und musikalische Zwischenwelten» steht dort. Der Erfolg des Albums «Umverteilig (zu Üs)» auf welchem die drei vertreten sind, wird auch gleich im ersten Satz erwähnt. Das ist kein Chaos, und auch nicht wirklich Untergrund. Aber bis jetzt haben mich die fleissigen Berner noch nie enttäuscht und die Single «Nachtblau» hat sogar den ersten Aightgenossen.ch Clip-Hop Award gewonnen.

 

Kleinkriminellenromantik

Nachdem ich im Regen nach Hause gelaufen bin hole ich den Jägermeister aus dem Wohnzimmer, setze mich ans Pult und bin perfekt eingestimmt für das Album. Das Intro erklärt mir gleich den Albumtitel. Eine Männerstimme mit holländischem Akzent sagt, «…die Sonne ist zwar bereits untergegangen, aber es ist noch nicht ganz dunkel. Diese Farbe, das ist Nachtblau». Samplegame = Strong. Ein schwerer Beat setzt ein, der Zug rollt vorbei und das Battle mit der Gesellschaft kann beginnen. «Sorry niemert het eh Job, under Diebe teilt mer Brot». Wirklich niemand? Egal, Kleinkriminellenromantik. 

 

 

Coming of Age

Das produzieren überlassen sie Buzz. Schade wenn man die Beats von Iroas kennt, aber sinnvoll und richtig wenn man sich die Beats von Buzz genauer anhört. Saubere Akkordfolgen, kitschige high pitched Vocals, akkustische Gitarrenoutros und Pop Arrangements (und jetzt nochmal die Hook), bilden das trojanische Pferd, welches die bissigen, verbitterten und wütenden Zeilen der beiden Rapper in die Ohren der Radiohörer schmuggelt. Auch wenn liebevolle Tracks wie «Ig wünsch es dir» und «Stadt» eine grosse Bandbreite beweisen, sind es die härteren, gesellschaftstkritischen Battlerap Tracks wie «Kollegg» und «3 Hänsel», welche ihre Stärken zum Vorschein bringen. Die ständige Reflektion ihrer selbst ist die unversiegbare Quelle für Bars wie «Mit Fantasie chan ig kes Zahrad si» oder «I bi der Notusgang, mi muss mer guet finde». So ist die Entwicklung auch das übergreifende Hauptthema des Albums. Das Bild vom jungen, wilden, wütenden Rap ist nach wie vor in den Köpfen und so ist das Erwachsenwerden nicht leicht für Rapper, denn «Isch mer erwachse denn rapped mer nid»Auch das einzige Feature, Malek von Ivan Petrowitsch, hinterfragt auf einer Odysse sein Spiegelbild.

 

 

Umgang mit Erfolg

Das Echo der Medien hält sich in Grenzen, ignoriert werden sie aber auch nicht. Teile der Pressemitteilung werden von einigen Online Medien dankend übernommen und mit einem Review ergänzt, andere konzentrieren sich auf die politische Seite. Beim jungen Tize Team kommen die gehaltvollen Texte gut an und bei den Kollegen vom Lyrics Magazin gefällt die Single. Für die Spitze der Charts hat es jedoch nicht gereicht. Nochmal Glück gehabt! Platz 10 ist allerdings auch ein Erfolg und der Umgang damit eher schwierig. In der Welt der Chaostruppe ist Erfolg nämlich nicht mit eingerechnet, sondern nur ein Nebenprodukt der Musik und höchstens Bestätigung für die Probleme welche sie ansprechen. Gehören Iroas, Migo & Buzz jetzt also dazu oder nicht? Im für mich interessantesten Track «Gloria» hört man in der Hook den Satz: «Mir si drin!». Wird der Erfolg gefeiert? Nein, denn gleich danach heisst es: «D’Welt geit tanzend under.». Es gibt keinen ernsthaften Wir-haben-es-geschafft-Track von ihnen. Wann hätte man es denn auch geschafft? Wie ohne sich selbst zu verraten? 

 

Iroas: Masche – Anti. Doch was machsch wenn du chartisch,

Migo: wieder jeder Erwartig?

Oder hesch es heimlich scho gseh cho?

Und was seit das über dis Ego?

Und passt dini inneri Haltig,

zu dem was vo usse drus gmacht wird?

Iroas: Was machsch mit der Iladig?

 

So kann nicht gefeiert werden solange der Konflikt den jeder Schweizer in sich trägt, nicht gelöst ist. Auch wenn die Schweiz politische Stabilität, Aufstiegschancen und Gerechtigkeit hat, so kann das zweite Auge das Leid auf der Welt, von dem wir profitieren, nur ignorieren wenn es geschlossen ist.

 

Wirsch eh Schläfer? Oder wotsch du nume guet schlafe?

 

 

Keine Ordnung

Egal ob Hockey, Ländler, Poetry Slam oder sogar Beat Box, man ist noch immer Anti Einiges. Wenn man Party macht, dann im Blauliecht! Die politische Hauptstadt bleibt es auch im Rap. Denn wenn die Beiden über einen Buzz Beat symbiotisch einen Gedanken spinnen dann ist er immer auch politisch. So bleibt zwar kein Platz 1, aber ein musikalisches Nachbeben, welches den Erfolg untermauert. Damit haben sie eine Treppenstufe erreicht, die nur wenige Schweizer RapperInnen unter ihren Füssen spüren können.