Rümlitypen – Kanje Ost Kolumne #5

Kanje Ost - Rümlitypen: Eine (nicht ganz so) kurze Typologie der Schweizer Soundraumbewohner - Teil 1/3

Int. Rap
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Ja, die Pandemie hat das Land immer noch fest im Griff. Noch immer Infektionszahlenupdates, wohin das Auge blickt. Und Masken, als wäre der gesamte Planet on some Fugees shit (endlich!). Der vermutlich klügste Umgang mit der Situation ist es, sich auf die guten Seiten eines Lebens in Zeiten der Pandemie zu konzentrieren. Um es mit einer leicht abgewandelten Line von Big Pun zu sagen: Welcome drama/with open arms and a cold Corona.

 

Und ja, es hat, zumindest aus unserer persönlichen Optik, durchaus sein Positives, dass sich die Leute wieder vermehrt in ihren Löchern verkriechen und mangels Ausgangs- und Kulturangebot lange dort bleiben. Vor allem, wenn es sich bei den Löchern um Kellerstudios, Soundräume, Bandräume handelt – oder wie man diese rauchverhangenen, mässig sauberen, aber sehr kreativen Orte auch immer nennen will. Gefühlt wurden jedenfalls schon lange nicht mehr so viele Alben aufgenommen, Jamsessions abgehalten, Cyphers organisiert, wie im Seuchenjahr 2020. Für den Fall, dass es dich dank Corona neuerdings auch in die Welt der Rap-Kellerstudios (zurück-) verschlagen haben sollte und auch einfach, weil ihre Bewohner als kreative Zulieferer von aightgenossen.ch ohnehin eine Würdigung verdienen, haben wir dir hier eine kurze Typologie jener Menschen zusammengestellt, die dich in den Rapkellern der Schweiz in etwa erwarten werden. So weisst du auch, wenn es dich das erste Mal in einen Rapkeller verschlägt oder im späteren Verlauf einer alktriefenden Jamsession immer noch genau, wen du wann vor dir hast.
Heute mit dem ersten von drei Teilen.

 

 

1. Der Computermensch

In jedem anderen Genre wäre das hier die Toningenieurin, der Studioboss oder etwas in die Richtung. Aber seien wir ehrlich: Wie viele Rapkeller gibt’s in der Schweiz, die so hochtrabende Funktionsbezeichnungen rechtfertigen würden? Meistens gibt’s dort nicht mal ein richtiges Mischpult. Das braucht es auch nicht, wenn selbst Battlekings nicht mehr als einen Four-Tracker brauchen. Also gibt’s eben oft bloss ein kleines Vierspurenmischpi und einen nikotinverfärbten, stotternden alten Compi mit einer gehackten Version von Ableton oder was Vergleichbarem drauf. Trotzdem ist der Mensch, der die meiste Zeit des Abends hinter dem Computer verbringt, statt hinter dem Mik oder den Turns, in der Regel ziemlich wichtig. Allein schon die Tatsache, dass sein Computer hier steht, ist ein klarer Hinweis darauf, dass du dich grade in seinem Habitat befindest. Er ist fast immer der bestorganisierte Mensch im Keller. Was jetzt nicht unbedingt viel heissen will, aber immerhin: Er sorgt dafür, dass die Miete pünktlich bezahlt wird, räumt leere Flaschen weg, putzt das verkotzte/vertaggte/verpisste Treppenhaus, wenn alle anderen längst im Bett sind, stellt unliebsame Gäste vor die Tür, organisiert Proben und Konzerte und fuckt dich sehr gründlich ab, solltest du aus Versehen dein Getränk auf sein Equipment leeren. Nicht unbedingt der Mensch, der auf der Bühne gross zur Geltung kommt, aber ohne ihn kommt kein Rapper je auf die Bühne. Oder sonst wo hin. Ever. Ever, ever.
Unser Verhaltenstipp: Pay homage respect! Und bitte nicht ins Treppenhaus pissen. Wer macht denn sowas? Mal ehrlich. Uhuere grusig.

 

 

2. The man on the couch

The Man on the couch, kurz MOTC, ist in fast jedem Rapkeller der Schweiz anzutreffen, aber in so vielen verschiedenen Variationen, dass eine allgemeine Klassifizierung nicht ganz einfach ist. Was für alle MOTC charakteristisch ist, ist dass sie/er selten bis nie die Couch in der Kellerecke verlässt, nichts Kreatives macht aber irgendwie trotzdem zum Inventar zu gehören scheint. Die Vielfalt, in der MOTC in der Schweiz auftreten, ist beeindruckend. In meinen bald 25 Jahren Rapkeller-Erfahrung habe ich die unterschiedlichsten Exemplare gesichtet, darunter obdachlose MOTC, die mehr oder weniger vorübergehend in dem jeweiligen Rapkeller gewohnt haben, dealende MOTC, die, nun ja, eben gemacht haben, was sie am besten konnten und schlafende MOTC, die trotz 150 db ganze Abende lang nicht ein Mal aufgewacht sind – jetzt, wo ich darüber schreibe, beschleicht mich der Gedanke, dass das vielleicht sogar tote MOTC waren. Ich habe wortkarge MOTC getroffen, dauerredende, malende, begeisterte, verächtliche, apathische, hyperaktive, weibliche, durchgeknallte, bewaffnete, betrunkene, bekiffte, intellektuelle und mindestens einen Hund, der alle Kriterien der Gattung erfüllt. In selteneren Fällen trifft man den MOTC auch in Rudeln an, das sind dann so genannte MOTC-Collectives (geile Bandname, gäll). Sie bilden sich in der Regel, wenn mehrere Dauerkiffer sich entschliessen, eine Band zu gründen nur um dann festzustellen, dass sie eigentlich alle gar nicht rappen mögen. Im Umgang mit allen MOTC gilt: Sie sind Freunde oder gute Kollegen der restlichen Kellerkinder und falls du nur zu Gast da bist, solltest du sie genauso freundlich behandeln wie deine restlichen Gastgeber.

Unser Verhaltenstipp: Setz dich nicht auf seinen/ihren Platz.

 

 

3. Der Toy

Was auch immer er musikalisch macht, er macht es noch nicht lange und auch nicht besonders gut, weiss das, rutscht deshalb den halben Abend lang unsicher auf der Kellercouch rum und entschuldigt sich im Anschluss für jeden Aussetzer beim Freestylen, jeden Part, den er nicht auf Anhieb sauber einsingt, jeden holprigen Übergang beim Auflegen: «Ja, also, äh, a däm mussi no chli fiile…» «Ja, äh, won ichs, äh, vorher gmacht han, wo niemer zueglost hät, äh, häts besser tönt…» «Äh, dä Beat isch, äh, aber nonig fertig…». Falls dir das von dir selbst irgendwie bekannt vorkommt: Rapkeller werden (normalerweise) für zwei Dinge gemietet. Umeprobiere und Duregheie. Also scheiss erst mal drauf wenn du was nicht beim ersten Anlauf so hinkriegst, wie du dir das vorgestellt hast. Selbst wenn der Compimensch nach dem 30igsten Take vielleicht wirklich bisschen pissy guckt, wird er dir ziemlich sicher nicht den Kopf abbeissen, bloss weil du nicht auf Anhieb wie ein Profi klingst. Denn er weiss: Jede und jeder fängt mal unten an. Selbst Lo und Leduc, Bligg, Skor, Nativ und EKR waren angeblich irgendwann mal Toys. Und manche von ihnen brauchen bestimmt auch jetzt noch um die zwanzig Takes für einen guten Part. Und jetz? Schlimm? Oder geht’s am Ende nicht eigentlich vor allem darum, Spass zu haben?

Unser Verhaltenstipp: Sei nett zu Toys. Hättest du dir auch gewünscht, oder?

 

Fotos: Dominik Schneiter