Knackeboul – «The Bananasplit of Evil» Review

Knackeboul bringt mitten in der Coronakrise ein breitgefächertes Album auf den Markt. Auch Verschwörungstheoretikern wird die Stirn geboten. Es schreit förmlich danach, als wäre das Album inmitten der Krise entstanden – dem ist aber nicht so.

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Album ReviewKnackeboul

Rapper oder doch nur «Cervelat-Promi»?

Als ich zur Vorbereitung zu diesem Review mit einigen Leuten aus meinem grösseren Umfeld über Knackeboul gesprochen habe, gab es viele, deren erste Reaktion nicht sonderlich positiv ausfiel. Er sei zu fest im Rampenlicht, solle sich doch nicht so als «Promi» aufspielen und lieber bei seiner Musik bleiben.

Es stimmt, Knack ist einer der Wenigen, welcher auch ausserhalb der Schweizer Rapszene doch vergleichsweise bekannt ist. Da haben Auftritte zum Beispiel bei «Giacobbo/Müller», der früheren Satiresendung, sein Engagement beim Jugendfernsehsender «Joiz» oder auch die momentan aktuellen Beiträge von «World of Watson» sicher ihren Teil dazu beigetragen. Dass man als Künstler in der Schweiz, der kein Mainstream-Pop kreieren will, auch ein zweites Standbein braucht um über die Runden zu kommen, ist wohl allen klar – dabei auch weniger reizvolle Aufträge annehmen zu müssen, wohl auch.

Neuerdings war er aber auch immer mal wieder in den sozialen Medien anzutreffen, in welchen er sich pointiert über aktuelle politische Krisen oder auch über die Abstimmungen vom letzten September äusserte. Das passt nicht allen und wenn man dies alles nur am Rande mitverfolgt und sich nicht wirklich mit der Thematik auseinandersetzt, kann ich verstehen, dass man genervt reagiert – im Stile von: «Jetzt ist dieser Rapper schon wieder präsent und muss seinen Senf dazugeben».

Dies bringt mit sich, dass Knackeboul bei einigen aneckt und sie sich schon nur darum nicht übermässig mit seiner Musik auseinandersetzen wollen. Dies ist schade, denn es geht nicht darum, dass man mit allem einverstanden sein muss, jedoch ist es wichtig, dass man zuhört und sich seine eigene Meinung bildet. Wer weiss, vielleicht findet man ja doch etwas Positives, was man mitnehmen kann.

 

 

Zweimaliges Erstaunen zu Beginn

Sein siebtes und neuestes Werk, welches es entweder auf Vinyl oder digital zu kaufen gibt, sorgte schon ganz zu Beginn ein erstes Mal für etwas grosse Augen. Das Releasedatum war auf den 10. Oktober 2020 angesetzt. Gewohnheitstier, wie der Mensch halt ist, wollte ich das Album frühmorgens in der S-Bahn anhören. Ich öffnete also die Streamingplattform meines Vertrauens und war verdutzt. Man konnte erst die Single-Auskopplungen hören – gab es da ein technischer Fehler? Nein, denn der 10. Oktober war nicht der Freitag, sondern eben erst der Samstag. Noch nie in meinem Leben habe ich ein Release angetroffen, welches «einen Tag zu spät» erscheint. Auch David Kohler, wie der Berner Rapper mit bürgerlichem Namen heisst, musste das Label zuerst von seinem Vorhaben überzeugen und so erschien «The Bananasplit of Evil» also an einem schönen Datum; dem 10.10.2020.

Nach dem zweiten oder dritten Mal durchhören war mir eigentlich klar, dass das Album zumindest zu gewissen Teilen in der Coronakrise entstanden sein musste. Verschwörungstheorien werden aufgegriffen, Gesellschaftskritik zu egal welchem Lager wird ausgeübt aber auch die eigene Zerrissenheit, die Zweifel, die einen durchs Leben begleiten, werden thematisiert. Und genau jetzt verfiel ich zum zweiten Mal grossem Erstaunen, als ich erfuhr, dass der Arbeitsprozess des Albums schon vor Corona abgeschlossen war.

 

Lyrisch tief, melodisch leicht

Das Album wird mit dem Track «Fonomoua» eröffnet. Schon hier wird ein erstes Mal klar, mit was sich Knackeboul unter anderem auf diesem Album auseinandersetzt. Neustart, Zerrissenheit, Hate gegenüber seiner Person. Dies ist gut herauszuhören aus folgenden Bars «…du mimsch Alpha, i bi scho s’vierte Mol am Ahschlag / bi mr mit niemerem Einig im Dissens vode Nuance», «…du hesch dini Krise überwunde, mini Krise isch e Muse / und i schribere sit Stunge Liebesbriefe» oder auch «…und vor 10 Johr hani dummerwiis no Gottvertroue gha / jetzt haftet mr doch scho sit sehr lang die huere Opferroue ah»

 

 

Zum zweiten Lied auf der Platte möchte ich gar nicht viele Worte verlieren sondern das Video und Knack sprechen lassen. Nur so viel: Die ersten vier Bars sind gewichtig und richtig. Des Weiteren zeigen sich auch hier Gesellschaftskritik, die Abneigung gegen Verschwörungstheoretiker und die Aussage, dass man einfach mal zuhören soll – passend dazu also der Titel: «Hautschnurre».

 

 

Zwischen all diesen eher politischen Themen, die aber leicht transportiert werden, hat es auf dem Album auch Platz für ein, zwei melancholische Lieder. Eines davon ist «Truran», welches das Gefühl von Traurigkeit beschreibt. Dieses Gefühl kann durchaus auch schöne Seiten haben:

 

 

Als ich Track Nummer 8 namens «Bananesplitter» das erste Mal hörte, hatte das Intro vom Musikalischen her etwas im Stile von Mani Matter. Es wirkt so lieb, so brav aber wenn man genauer hinhört, ist es genau das Gegenteil – und dies ist wohl auch der Witz bei der Sache. Knackeboul rechnet ab, mit allem was in der Gesellschaft falsch läuft, mit dem Faschismus und auch mit der schlimmen Situation im Flüchtlingslager auf Samos. Er zeigt, wie Jede und Jeder immer wieder die Augen verschliesst, anstatt zu handeln. So wird sich in Zukunft nicht viel ändern.

Wer sich mit dem Schaffen des Berners auseinandersetzt, wird auch nicht an seinem «Pottcast» vorbeikommen, den er zusammen mit Luuk einmal wöchentlich aufnimmt. Luuk, der Zürcher Rapper, der auch Mitte dieses Jahres ein starkes Album releast hat, ist auf dem Track «Schlangezunge» mit von der Partie. Auf diesem flowen sie sich schön abwechselnd mit je zwei Bars locker über den Beat.

 

 

Einen solchen Bananasplit kann man sich in den Ohren zergehen lassen

Das Album ist also eine Reise auf 15 Liedern – manchmal schwermütig, manchmal tiefgreifend, manchmal angriffig, teilweise aggressiv und immer auch wieder mit einer Prise Humor oder Wortspielen, bei denen nicht unbedingt der Sinn im Vordergrund steht, sondern der Spass am Reim. Das Schöne an diesem Werk ist, dass es trotz sehr viel Tiefgang und Themen, die wohl nicht jede Rapperin oder jeder Rapper abhandeln würde, überhaupt nicht schwer wirkt. Die Beats, welche von Kwest produziert wurden, überzeugen durch Abwechslung und eben auch Fröhlichkeit, was dem Ganzen ein rundes Hörvergnügen verleiht. So präsentieren uns Knackeboul und sein Produzent Kwest das siebte und wohl bis anhin beste Album – ein Bananasplit also; für einmal kein Genuss für den Gaumen, sondern für die Ohren.

Das Album findet Ihr hier und noch mehr von Knackeboul findet Ihr bei den Kollegen von Corner Talk.