Rümlitypen Teil 2 – Kanje Ost Kolumne #6

Kanje Ost - Rümlitypen: Eine (nicht ganz so) kurze Typologie der Schweizer Soundraumbewohner - Teil 2/3

Int. Rap
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2020 entwickelt sich ja langsam echt zum Jahr der richtig mühsamen Übel, die einfach nicht weggehen wollen. Obwohl die Welt wirklich langsam genug von ihnen hat. Egal, ob es sich um abgewählte US-Präsis handelt, oder um das Virus, das grad den fliessenden Übergang von der zweiten in die dritte Welle probt und uns wahrscheinlich Weihnachten versauen wird. Also weiter einbunkern. Am besten in einem Soundraum, in dem sich der Wahnsinn des Jahres zumindest in Musik übersetzen lässt. Und damit du immer noch weisst, wen du wann vor dir hast, bringen wir dir hier den zweiten Teil der Typologie der Rümli-Typen.

Teil 1 findest du übrigens hier.

 

 

Der Drogenfreund

Dieser Mensch hat ein Drogenproblem. Eigentlich gibt es ihn in zwei unterschiedlichen Ausführungen. Beide sind in aightgenössischen Rapkellern etwa ähnlich häufig anzutreffen. Variante 1 ist der sogenannte positive Drogenfreund. Zu sagen, dass ihm sein Drogenkonsum nicht schadet, wäre wahrscheinlich eine fahrlässige Verharmlosung der Situation, in der sich dieser Mensch befindet. Aber zumindest schaden die Drogen seiner Musik nicht direkt. Du weißt, dass du auf einen positiven Drogenfreund gestossen bist, wenn sie direkt unter dem Nichtraucherzeichen im eleganten neuen Kellerstudio deines Kollegen auf der Handfläche einen mikrophonlangen Rips-Joint dreht, ihn ohne mit der Wimper zu zucken an Ort und Stelle anzündet und in drei Zügen zur Hälfte runter raucht. Nur um sich danach völlig mühelos rauf und runter durch fünf, sechs Oktaven zu singen. Oder wenn er dermassen deep rappt, dass dir stundenlang nicht mal auffällt, dass er sich alle zehn Minuten bisschen MDMA in sein Bier kippt. Und das, obwohl er schon seit einer Weile frappante Ähnlichkeit mit einem Koboldmaki bei Dunkelheit aufweist. Variante 2 ist der negative Drogenfreund. Seiner Musik schaden die Drogen. Sehr: Vielleicht findet sie ja nice, was sie nach dem zwölften Cüpli noch ins Mik quietscht. Aber nur sie. Und er verträgt sein Speed so schlecht, dass du schon gar nicht mehr weißt, wo im Raum du dich aufhalten sollst, denn egal wo du stehst oder sitzt, ist er gleich neben dir und brüllt dir mit eindringlichem Starren und übel schwitzend irgendwelche Gangsterscheisse ins Ohr.

Unser Verhaltenstipp: Get the fuck out.

 

 

Der Tiefstapler

Die Chance, dass auch du einen Tiefstapler kennst, ist ehrlich gesagt ziemlich hoch. Wenn du es nicht weißt, liegt das bisschen in der Natur der Sache. Beziehungsweise an der Natur des Tiefstaplers. Denn allzu oft werden Tiefstapler übersehen. Oder für MOTC (siehe Teil 1) gehalten. Aber du tust gut daran, dich nicht täuschen zu lassen – speziell nicht, wenn du ein Battlehead bist. Denn der gemeine Tiefstapler funktioniert nach einem eigentlich ziemlich simplen, aber eben auch ziemlich gemeinen Muster: Er ist unauffällig, freundlich, bescheiden, vielleicht bisschen wortkarg, vielleicht bisschen schüchtern – bis ihn jemand ans Mic lässt. Dann Gnade dir Gott, run for cover, call the police – und woher zaubert der Kerl plötzlich diese Stimme und die Doppelendungen und die Punchlines und den Flow und die deepen Parabeln und ganz allgemein: holy fucking mother of gawd, warum weiss niemand, dass der Typ so rappen kann?

Der Tiefstapler ist nichts anderes als ein Wolf im Schafspelz. Oder genauer: ein King im Toypelz. Er ist normal wirklich bescheiden, aber eben auch ziemlich gut in dem was er macht. Und solltest du den Fehler machen, seine Nettigkeit für Schwäche zu halten, macht er dich mit Freuden platt.

Unser Verhaltenstipp: Don’t fuck with.

 

 

Der Blender

Das Gegenteil des Tiefstaplers. Statt bescheiden zu sein, wäre er – aus zugegeben schwer nachvollziehbaren Gründen – gerne richtig arrogant, kriegt das aber nicht so richtig hin, denn im Grunde hat er in etwa das Ego einer Topfpflanze. Das überspielt er mit einer Riesenfresse von wegen seine Crew hier und sein Konzert da, CD released hier, Freestyle Battle da. Wenn man nachfragt, kommt allerdings raus, dass die Crew er und sein MOTC sind und „sein“ Konzert eigentlich das seines Kollegen war, an dem er als Backup-MC auch noch kurz auf die Bühne durfte. Die releasten CDs schimmeln in ungeöffneten Kartonkisten in einer Ecke des Kellers vor sich hin. Fürs Freestylen haben Blender fast immer einen Vorrat an Punchlines parat. Diese Lines können sie auswendig jederzeit ganz „spontan“ „freestylen“. In der Regel reicht das Arsenal auswendig gelernter „Freestyles“ jedoch für maximal zehn Minuten. Danach wird das Ganze dann erst richtig qualvoll und niemand, auch nicht die Blender selbst, scheinen noch wirklich zu wissen, warum sie sich und der Welt das alles eigentlich antun. Es ist bisschen so, wie bei Donald Trump im Moment grade.

Unser Verhaltenstipp: Fuck ‚em up.

 

Fotos: Dominik Schneiter