Nickende Köpfe – Weihnachten im November

Konzerte? Wie sollte das gehen – es ist doch momentan nichts möglich, oder? Bin ich froh gibt es genug schlaue Leute in der Hip-Hop Community, welche wissen, was man in dieser Situation tun kann.

CH Rap
E.K.R.Hip HopLil BruzymoodsStyle BakeryZürich

Für mich als Konzertgängerin ist die Zeit momentan schwierig. Nirgends läuft Hip-Hop ausser in meinem Zimmer. Ich kann mit niemandem die neusten Tracks abfeiern und 3 Stunden darüber reden, wie geil ich das neue Tape finde – ausser mit mir selbst. Aber irgendwann fragt man sich trotzdem, ob es nicht doch ein bisschen traurig ist mit seinem Spiegelbild zu debattieren, wer jetzt der beste Produzent in der Schweiz ist. Keine Hyperbel, sondern gnadenlose Realität.

Klar, ich könnte jemanden anrufen, aber sollte ich wirklich das Schweizer Netz belasten nur um über ein neues Album zu schwärmen? Vielleicht, wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, so schlau war ich aber die letzten, bald 12 Monate, nicht. Ich hoffe du schon. 

Ich habe mir also nichts Sehnlicheres gewünscht als endlich wieder einmal mit Menschen die Kultur des Hip-Hops zu zelebrieren, Köpfe nicken und Hände oben zu sehen. Demnach wurde ich überschüttet mit Freude als ich mitbekommen habe, dass in Zürich ein Event organisiert wird. Als wäre Weihnachten – ein Event während Corona (to be honest, es war mein erster seit sehr langer Zeit), mit allen Schutzvorkehrungen, die man in dieser Zeit treffen muss.

 

Style Bakery

Am 13. November fand die Style Bakery im moods in Zürich statt. Eine Rap-Freestyle Session gemischt mit Konzerten von eingeladenen Künstler*innen. Untermalt wird das ganze von der Band Quiddity (Benjamin Külling Keyboard, Toni Schiavano Bass, Flo Reichle Drums), welche den auftretenden Menschen eine einzigartige Chance geben, ihre Tracks mit Livemusik zu performen. Und bevor ich schon wieder anfange komplett zu schwärmen – ich habe noch nie so etwas inspirierendes gesehen wie an diesem Abend. Aber dazu später mehr.

Die Zürcher Rapper Lil Bruzy und E.K.R. wurden neben den Freestyle MCs an diesem Abend eingeladen, 4 Tracks zu performen.

 

 

Lil Bruzy – Easy Going, ohne Stress

Der Stadtzürcher Lil Bruzy – ein Künstler mit dem gewissen Etwas. Sein Flow wirkt schleppend, aber die Art schleppend, bei welcher man unbedingt weiterhören möchte. Lines wie «Weiss öpper wo mis Trottinett isch / Ich has verlore am HB Züri» wirken von manchen Rappern öde – von Bruzy möchte ich aber mehr solche Lines hören. Er ist das, was die Schweiz im Game noch gebraucht hat – der Soundcloud Rapper, der endlich seinen Hype, welchen er verdient hat, bekommt.

 

 

Als ich Lil Bruzy das erste Mal gehört habe dachte ich, dass alles was er in seinen Tracks von sich gibt, seine Kunstfigur ist. Ich wurde aber des Besseren belehrt als ich ihn kennenlernte – genau die gleiche Stimmfarbe und die gleiche Art, welche er in seiner Musik widerspiegelt – noch authentischer ist schwierig. Genauso war auch sein Auftritt. Gelassen wurde vor einem sitzenden Publikum abgefeiert, während er seine Songs zusammen mit der Live-Band performte.

 

 

E.K.R. – Züri wird repräsentiert

Ein König Regiert – so hat es auch auf der Bühne gewirkt. Ohne ihn würde es den Schweizer Rap unter anderem gar nicht geben; der Zürcher zählt zu den Urvätern des Schweizer Hip-Hops. Und dass er Hip-Hop ist und Hip-Hop lebt, hat er an diesem Abend definitiv gezeigt.

 

 

Mit einem heftigen Applaus hat in die Zuschauermenge in Empfang genommen. „Yo, EKI!“, hörte ich aus den hinteren Reihen. 
Es war definitiv zu spüren, dass er kein Unbekannter in diesen Kreisen ist. Mit dem gewohntem Vibe performte er seine 4 Tracks, lässig wie er ist. Köpfe nickten und die Masse tobte – wenn auch im sitzen. Aber die Freude, welche die Musik ihnen machte, war zu spüren und zu sehen.

 

 

Freestyle? Ja, bitte!

Ein Highlight des Abends. Die Live-Band spielte circa eine Stunde – darüber gerappt haben 6 Künstler. Es ist schwierig für mich zu beschreiben, was für ein grandioses Gefühl ich spürte, als dieser Teil des Abends seinen Lauf nahm. Sechs Talentierte MCs rappten unter anderem über Politik, Feminismus, Hip-Hop oder die Vergangenheit. Es wirkte wie eine einstudierte Komposition, sie haben sich immer perfekt abgelöst und es kam nie zu einem Unterbruch. Freestyle finde ich hochkomplex. Die richtigen Wörter zur richtigen Zeit zu finden und dazu noch eine meinungsstarke Äusserung abzugeben – Chapeau an dieser Stelle meinerseits an die Rapper und auch an die Band, so etwas grandioses in der Mischung hinzukriegen ist nicht selbstverständlich; (Im Bild: AMC links, Mytreya rechts).

 

 

Alles in Allem möchte ich mich bedanken bei allen, welche diesen Abend ermöglicht haben. Endlich wieder Hip-Hop – endlich wieder Liebe.

Fotos: RapNose