Sind Streams berechenbar?

Die Vertriebsplattform iGroove gibt Künstler*innen einen Einblick in ihre zukünftigen Streaming-Einnahmen. Die künstliche Intelligenz «Muse» soll den Artists eine gewisse Sicherheit über ihre finanzielle Verdienste verschaffen. Hier eine grobe Analyse und ein kritischer Kommentar dazu. 

Int. Rap
Chartsigroovestreaming

Um was geht’s?

Schweizer Artists und das Geld. Ein leidiges Thema. In unserem Land ist es als Mundartmusiker und Musiker allgemein relativ schwierig anständig Geld zu verdienen. Von einem geregelten Einkommen müssen wir gar nicht erst sprechen. Viele Künstler*innen versuchen sich mit regelmässigen Releases und Auftritten über Wasser zu halten. Die aktuelle Covid-19 Situation hat die Lage nicht wirklich vereinfacht. Die Vertriebsplattform iGroove möchte nun den Kulturschaffenden unter die Arme greifen und die finanzielle Arbeit erleichtern. Die künstliche Intelligenz «Muse» soll die zukünftigen Einnahmen der kommenden Veröffentlichungen berechnen.

 

Quelle: igroovemusic.com

Was haben die Artists davon?

Das Wissen über die finanziellen Einnahmen gibt den Künstler*innen eine gewisse Sicherheit. Man erkennt früh, wie sich das Release auszahlen wird und dies ermöglicht ihnen, ihr Leben neben dem Kulturschaffen zu planen. Die gewonnenen Erkenntnisse helfen den Künstler*innen ebenfalls bei Verhandlungen mit Labels und Vertrieben, da sie nun einen ungefähren Wert ihrer Streams vorlegen können.

Wie wird berechnet?

In einem siebenseitigen Dokument erläutert iGroove die analysierten Einnahmen von drei Releasen des fiktiven Charakters «Remo Demo». Dieser hat bereits 3 Singles und 2 Alben über iGroove veröffentlicht, welche im nächsten halben Jahr nochmals knapp 10 Millionen Streams erzielen sollten und so nochmals ca. 30’000 Euro einspielen.

Die einzelnen Alben und Singles werden noch genauer erklärt. Ein Diagramm zeigt den Einnahmeverlauf über die einzelnen Wochen seit Release an und errechnet ab dem Tag X (heute) die Prognose für den weiteren Verlauf. Diese Genauigkeit schwankt über die Releases zwischen 70 und 90% hinweg.

Anhand von diesen 5 Releases werden die Einnahmen für das nächste grosse Release, ein Album mit 12 Songs, davon 5 Singles, berechnet. Remo Demo verdient damit im nächsten Jahr rund 115 Tausend Euro. Chapeau!

Autorenkommentar

«Liebes iGroove. Ehrlich gesagt, wirft mir eure Mitteilung viele Fragen auf. Meiner Meinung nach wird den Künstler*innen etwas gar einfach vorgerechnet, was sie verdienen könnten. Dass sich der Streamingverlauf, von bereits veröffentlichten Releases, ungefähr berechnen lässt, kann ich noch nachvollziehen. Da die Werke bereits älter sind, hat sich ein feste Fanbase für die einzelnen Songs und Alben eingependelt, die im Idealfall so bestehen bleibt, aber natürlich auch langsam gegen Null wandert. Wir haben alle diese Songs, die wir seit Jahren in den Playlists haben und die wir immer wieder gerne hervor nehmen und geniessen.

Leider kann man in der heutigen schnelllebigen Zeit nicht mehr komplett auf die eigene Community setzen. Es spielen noch diverse andere Einflüsse eine Rolle. Die eigene Promo und die Bereitschaft der Medien für eine Zusammenarbeit, kann der Musik zusätzliche oder angemessene Aufmerksamkeit bescheren. Auch kann ein Musiker nicht nur die Musik machen, die sich die Fans von ihm gewohnt sind, sondern kann sich auch von Projekt zu Projekt neu finden und weiterentwickeln. Dies schreckt manche ab, bringt aber auch neue Hörer*innen hinzu.

Hinzu kommt, dass auch der Musikmarkt ein hartumkämpftes Terrain ist. Was die Konkurrenz zur gleichen Zeit abliefert, hat einen Einfluss auf die eigenen Releases. Sobald andere besser platziert sind, stellst man sich hinten an.  Ein vergleichbares Beispiel sind hier die Chartplatzierungen in den unterschiedlichen Wochen. Eldorado FM hat 2015 mit «Luke mir si di Vater» einen absoluten Klassiker veröffentlicht. Eine über Jahre hinweg gewachsene Fanbase und reichlich Beachtung im Feuilleton hätte, unter normalen Umständen, das Album an die Spitze der Charts katapultiert. Aber was geschah? Megastar Madonna veröffentlichte am gleichen Tag «Rebel Heart» und die Berner mussten sich mit Platz 2 begnügen.  Nicht zu vergessen, aktuelle Hypes, Trends oder Geschehnisse, können der Musik zusätzliche Höhenflüge oder Tiefschläge verschaffen. Leider wird mir nicht klar, wo diese Einflüsse mit eingerechnet werden.

Liebes iGroove. Vielleicht habt ihr es ist etwas unglücklich formuliert oder ich habe euer Produkt nicht ganz verstanden. Aktuell würde ich jedoch eher einem Kai 50’000 Euro geben, als mich von Eurer «Muse» küssen zu lassen.»