Tinguely dä Chnächt «Zukunft» – Albumreview

Auch auf «Zukunft» beherrscht Tinguely dä Chnächt das Malen von Bildern des Alltags, reflektiert die heutige Gesellschaft und unterlegt das Ganze mit düsteren, langsamen Beats von DJ Reezm.

CH Rap
AlbumreviewTinguely dä ChnächtZukunft

Nach «Calvados» folgt drei Jahre später Tinguely dä Chnächts neuster Streich namens «Zukunft». Wenn der Vorgänger noch sehr musikalisch geprägt war und die Melodien sprechen liess, dann nimmt man bei «Zukunft» wahr, dass sich das Album beattechnisch wieder näher zu Hip-Hop-Elementen bewegt hat und etwas weniger experimentierfreudig wirkt. Der Hip-Hop widerspiegelt sich bereits in der Vertretung der Featuregäste. Keine geringeren Namen als Sulaya, Manillio, Danase und Stereo Luchs befinden sich auf dem Album. Oder aber, es fällt einem auf, dass die Songs deutlich kürzer sind als noch auf dem Album, dessen Namen der Titel einer gleichnamigen Bar im Zürcher Kreis 4 besitzt.

 

 

Das 9-Track-starke Album, welches auch als Vinyl erhältlich ist, erzählt Geschichten, die gesellschaftskritisch sind und die sozialen Medien beziehungsweise die heutige, schnelllebige «Internetberühmtheit» missbilligen. Zeigt Songs, welche versteckte Stories beinhalten, das Leben geschmackvoll als zeitlich begrenzt darstellen und an gewissen Punkten auch autobiografische Züge innewohnen. Es zeigt sich die Kunst vom schönen und witzigen Beschreiben des Alltäglichen.

Im Albumopener namens «Berlin» beschreibt Patric Dal Farra, wie dä Chnächt bürgerlich heisst, die verschiedenen Facetten, die ein Mensch in sich tragen kann. Die allenfalls auch eigentlichen Widersprüche, mit denen man sich herumschlägt und wie man immer ein bisschen auf der Suche ist nach dem «richtigen Pfad» des Lebens. Und irgendwie träumen doch viele (auch Zürcher*innen) davon, einen Ort zu finden, an dem man sich entfalten kann, an dem alles ein bisschen grösser und schneller daherkommt. Berlin steht für viele genau für ebendiesen Ort. Ob Tinguely wirklich nach «Berlin» will, kann bezweifelt werden, jedoch scheint es so, als ob einige Passagen des Songs sein Leben direkt reflektieren, während Anna Luna den Refrain säuselt.

 

 

Auf «Planet» rappt er zusammen mit Sulaya darüber, dass die heutige Welt und deren darauf lebenden Menschen kaputt sind und sie sich nur von Party zu Party feiern. Dass man sich Fragen stellt, wie diejenigen, wo man gestern übernachtet hat, wie viel man denn nun noch trinken soll oder welches Gegenmittel man bei einem Pfefferspray-Angriff am besten einsetzt. Sind das wirklich die Fragen, die man sich auf diesem Planeten stellen soll oder geht da nicht etwas verloren?

 

Track 3 ist seinem Kind gewidmet. Er begibt sich auf eine Reise in die Zukunft der nächsten 50 Jahre und erzählt auf schöne Weise, wie er seinem Nachwuchs beim Aufwachsen zusehen und dabei sein will, wie schnell die Zeit vergeht und wie gerne er die Tage ausdehnen möchte.

 

«Sandy» ist mit Abstand der poppigste Song. Man merkt, dass er von Dabu von Dabu Fantastic, welche in den letzten Jahren immer mal wieder einige Hits im Radio hatten, und Noah Ferrari produziert und eingesungen wurden. Es ist ganz klar – wie es der Titel ja schon verspricht – eine Ode an Sandy. Oder etwa doch nicht? Ist das Licht in der Nacht, die so smarte Begleitung und das erste, was man morgens sieht, nicht Sandy sondern s’Handy? Man kann nur spekulieren. Die Leichtigkeit und die eingängige Melodie passen allerdings nicht so ganz ins Gefüge des Albums. Und siehe da, alle diejenigen, die nun die Platte frisch aus dem Briefkasten gefischt haben und die aufgedruckte Tracklist studieren, dürften anfangs ein wenig verwirrt gewesen sein. «Sandy» …? Von was ist hier in diesem Review die Rede? Es gibt gar keinen Track namens «Sandy».

 

 

Tinguely hat es sich nicht nehmen lassen zwei Versionen seines Albums zu kreieren. Zum einen, die Streamingversion, auf welcher «Sandy» enthalten ist, zum anderen die Vinylversion, welche anstelle von ebendiesem Song mit einem anderen ersetzt wurde. Es ist ein Track mit Danase als Gast und dazu sei gesagt: Er richtet sich an alle, die Wortwitz mögen und nicht alles so ernst nehmen. Darum sagen wir: Unterstützt Tinguely dä Chnächt und kauft euch auch das Vinyl. Es lohnt sich.

 

 
 
 
 
 
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Die weiteren Lieder sind geprägt von der Beschreibung des heutigen Umgangs mit dem Internet, den sozialen Medien und dem damit verbundenen schnellen Ruhm, mit welchem Tinguely dä Chnächt aber sehr wenig anfangen kann («Klickäd eu all»). Es handelt davon, dass doch alle Menschen nur nach einem Schema leben, welches uns in dieser Zeit von klein auf eingebläut wird – und auch auf «Du User» erwähnt er wieder soziale Plattformen, in einer Form, die mir sehr gefällt:

 

«…du lernsch folgä und teilä no vorem erschtä Chindsgi…»

 

Auch «Dä neui Schpiässär» ist eine Kritik an die Gesellschaft und wie man sich im Laufe der Zeit verändert:

 

«…luägt uf sini Liniä / nimmt keini meh, s’wird andersch gwichtät.

Döt het er Grämmli g’rupft, hüt werdäd Kilos g’lupft»

 

«Zukunft» ist musikalisch eher düster und langsam gehalten und bringt, verbunden mit den textlichen Werken von Tinguely dä Chnächt, so seinen ganz eigenen Stil mit. In einem älteren Interview erklärte er, es gäbe Leute, die in einem leeren Raum sitzen und nichts damit anfangen, geschweige denn, eine Geschichte daraus erzählen zu können. Dann wiederum gibt es diese, die im selben Raum – etwas überspitzt gesagt – ganze Romane verfassen könnten. Man müsse halt das Flair dazu, das Gespür haben. Dass dies Tinguely dä Chnächt besitzt, ist wohl klar.

 

Fotos im Titelbild: Michael Calabrò